Hallo Leandra Norderney,
dein Text hat irgendetwas in mir sehr dolle berührt. Es tut mir leid, dass du Selbsthass empfindest und ich hoffe sehr, dass das nicht so bleibt.
Meinst du, es würde dir gut tun, mehr über deine Beziehung zu diesem Familienmitglied und deinen Wunsch nach einem Kontaktabbruch zu erzählen oder kannst du dir das nicht vorstellen?
Ich finde es nicht schwach, wenn man spürt und weiß, dass der Kontakt zu jemandem nicht gut ist, aber man ihn trotzdem weiter aufrecht erhält. Manchmal hat das Gründe, die man selbst nicht verstehen kann, manchmal braucht man einfach mehr Zeit, manchmal fehlt der letzte, kleine Schritt für diese Entscheidung.
Mir geht es mit meiner Mutter so. Kontakt zu ihr tut mir ganz schlecht und phasenweise habe ich kaum oder monatelang, einmal sogar jahrelang, auch gar keinen zu ihr, aber dann gibt es Zeiten, in denen ich wieder regelmäßiger mit ihr zu tun habe, obwohl es mich belastet. Die Dynamik ist immer gleich, eine Weile funktioniert es relativ gut, dann wird es wieder schwieriger und schwieriger und schwieriger, bis es schließlich zur Eskalation kommt und erstmal wieder Funkstille herrscht.
Einen klaren, endgültigen Cut habe ich bislang noch nie gemacht. Manchmal verstehe ich mich in dem Punkt besser, manchmal schlechter. Oft ärgere ich mich auch über mich selbst, aber dann sage ich mir, dass es offenbar Gründe hat, warum ich die Beziehung bisher nicht beenden konnte und mich immer wieder den selben Gefühlen und Situationen aussetze. Hätte ich es gekonnt, hätte ich es auch getan.
Deswegen glaube ich nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt, sondern dass Menschen einfach verschieden sind. Vielleicht brauchst du mehr Zeit, vielleicht bist du auch eine Person, der ein harter und vollkommener Kontaktabbruch zu viel ist, vielleicht geht es für dich besser, wenn du ihn Schritt für Schritt reduzierst und dich der Person kontinuierlich mehr und mehr emotional entziehst, damit sie weniger Möglichkeiten hat, dich zu verletzen. Das funktioniert für mich ganz gut, meine Mutter hat nur noch ganz wenige Möglichkeiten, ihren Fuß in meine Tür zu stellen und wann immer ich das brauche, verschließe ich sie zeitweise ganz.
Beispielsweise blockiere ich ihre Nummer immer wieder mal solange ich das möchte, weil ich manchmal einfach keine Anrufe und Nachrichten von ihr bekommen will, sie sich aber nicht daran hält, wenn ich sie darum bitte mich für eine Weile in Ruhe zu lassen. Sie war noch nie bei uns zu Hause und hat keinen Kontakt zu ihren Enkelkindern. Über eins meiner Geschwister bin ich dann, wenn ich es möchte, trotzdem ganz gut im Bilde, was bei ihr so läuft. Aber auch da entscheide ich selbst, ob ich nachfrage, was sie so treibt und wie es ihr geht. Nur so als Ideen, wie man sich in Schritten und Teilen distanzieren und zurückziehen kann.
Kannst du für dich denn benennen, was dich von einem totalen Kontaktabbruch abhält? Was dir Angst macht oder du befürchtest, wenn du den Schritt machst? Wie real sind diese Befürchtungen?
Wie stellst du es dir vor, keinen Kontakt zu haben? Inwiefern würde sich das positiv (und negativ) auf dein Leben auswirken? Welche Art von Verbesserungen wünscht du dir?
(Du musst das nicht hier aufschreiben, aber vielleicht ist es hilfreich, dich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen)
Ich wünsche dir alles Gute!