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Gast1928
Gast
Hallo liebe Mitglieder,
ich möchte mich schon mal für den ewig langen, etwas wirren Text entschuldigen. Falls es überhaupt jemanden geben sollte, der ihn komplett liest: meinen Respekt an dich! Falls nicht, tut es trotzdem gut, einfach mal alles niedergeschrieben zu haben. Und für all diejenigen, die trotzdem wissen wollen, worum es geht: Ganz unten gibt's eine Mini-Kurzfassung.
Ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll, ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben ist die komplette Katastrophe und ein einziges Chaos, aus dem ich nicht mehr rauskomme.
Ich sitze hier und schreibe das, obwohl ich eigentlich lernen sollte. Ich bin 23 und Studentin. Und mitten in der Prüfungsphase. Und ich habe mich gerade dazu entschlossen, zur morgigen Klausur nicht anzutreten, weil ich sie sowieso nicht bestehen würde. Mal wieder... Dabei ist dieses Studium meine letzte Chance.
Vielleicht sollte ich doch von vorne anfangen:
Direkt nach dem Abi bin ich zusammen mit meinem damaligen Freund in eine andere Stadt gezogen und habe dort angefangen, Lehramt zu studieren. Das war zwar nie mein Plan A, aber da ich -naiv wie ich damals eben war- bei meinem Freund bleiben wollte und mich nicht getraut habe, allein wo anders hinzuziehen und etwas "untypischeres" zu machen, habe ich mich eben mit dem Lehramtsstudium angefreundet. Es hat mir mit der Zeit auch immer mehr Spaß gemacht und die Schüler in meinen Praktika liebten mich. Ich muss sagen, ich habe mich darauf gefreut, Lehrerin zu werden. Ich mochte mein Leben damals sehr, ich war zufrieden und glücklich. Ich hatte mein Studium, in dem ich gut war, ich hatte meinen Freund, den ich geliebt habe, meine Schwester, die mein Ein und Alles war, und mit dem Umzug in meine Studienstadt bin ich ziemlich genau in die Mitte zwischen meinen beiden Elternteilen gezogen, die sich scheiden ließen, als ich fünf war. Ich konnte also endlich auch meinen Papa wieder öfter sehen, da wir nicht mehr 200km auseinander wohnten. Mir ging es wirklich gut zu der Zeit.
Doch vor zwei Jahren hat sich einfach alles geändert.
Von einem Tag auf den anderen, ganz plötzlich und quasi ohne Vorwarnung ist meine Schwester gestorben. Sie hatte eine Lungenembolie. Mit 15. Als mich meine Mutter angerufen hat, hat mich mein Freund sofort nach Hause gefahren. Sie sollte noch operiert werden, aber als ich im Krankenhaus ankam, meinten die Ärzte nur noch "sie stirbt gerade". Ab da war ich wie in Trance. Ich war bei ihr, als sie starb, habe ihre Hand gehalten, sie angeschaut und gedacht "sie muss doch wieder aufwachen", was sie aber natürlich nicht tat. Von den darauffolgenden Wochen und Monaten weiß ich nicht mehr viel. Ich weiß, dass ich unheimlich viel geschlafen habe und mein Bett eigentlich nur verlassen habe, um zu Essen und aufs Klo zu gehen. Meine Schwester war der wichtigste Mensch für mich, ich habe sie über alles geliebt und es gibt keinen Tag, an dem ich sie nicht vermisse oder mir wünsche, mit ihr reden zu können oder sie ganz fest drücken zu können. Wir waren nicht einfach "nur" Schwestern, das haben wir schon immer festgestellt, als sie noch gelebt hat. Wir waren Seelenverwandte, konnten über alles reden, wussten, was der andere denkt, konnten die verrücktesten Dinge zusammen machen und waren einfach Eins.
Das klingt vielleicht komisch, aber ich fühle mich bis heute so, als wäre vor zwei Jahren die Hälfte von mir mitgestorben. Ich fühle mich nicht mehr komplett, ein Teil von mir fehlt. Und der Gedanke, dass sie und damit dieser Teil von mir nie wieder kommt, macht mich jeden Tag aufs Neue fertig.
Nachdem ich viele Monate fast nur schlafend verbracht habe und sich meine Mutter unheimlich Sorgen um mich gemacht hat, habe ich eine professionelle Trauerbegleitung angefangen bei einer extrem wundervollen Frau, der ich so viel zu verdanken habe und durch die ich es raus aus meinem Bett geschafft habe. Durch sie habe ich herausgefunden und für mich entschieden, dass ich nicht mehr Lehrerin werden kann und will, weil ich nicht mein Leben lang mit Jugendlichen arbeiten will und Tag für Tag mit 15-jährigen Mädels konfrontiert sein will. Also habe ich mein Studium nach 6 Semestern abgebrochen und mich für das beworben, was eigentlich mein Plan A war und wofür ich wie gesagt vorher zu unsicher war. In dieser Zeit ging es auch mit meinem Freund auseinander, weil meine Liebe zu ihm einfach weg war. Ich weiß nicht, inwiefern das auch an ihm lag, aber das spielt eigentlich auch keine besonders große Rolle, jedenfalls haben wir uns getrennt und das war auch definitiv eine gute Entscheidung.
Es schien alles wieder ein wenig aufwärts zu gehen, ich war fast ein Jahr zu Hause bei meiner Mutter und meinem Stiefvater, weil es natürlich auch den beiden sehr schlecht ging, nachdem sie ihr jüngstes Kind verloren hatten und wir waren uns gegenseitig eine Stütze. Ich hatte meine tolle Trauerbegleiterin, verbrachte nicht mehr jeden Tag nur im Bett, habe nach meiner Bewerbung auf einen Studienplatz gehofft und bin ab und zu zu meinem Papa gefahren, um dort abzuschalten und was mit ihm zu unternehmen.
Was soll ich sagen... ein Jahr nach meiner Schwester ist auch mein Papa gestorben. Also mittlerweile fast vor einem Jahr. Mitten im Juli. Fünf Tage lang hat es keiner bemerkt. Er starb in meinem Zimmer, in meinem alten Bett, in dem er immer geschlafen hat, wenn ich nicht da war, weil er die Scheidung und die weite Entfernung zu mir nie verkraftet hat. Erneut war ich vollkommen am Boden, mein Papa war immer der Ruhepol in meinem Leben. Wir waren so gleich und auch wenn wir kein typisches "Vater-Tochter-Verhältnis" hatten, war unsere Verbindung so rein und ehrlich. Seine strahlenden Augen, wenn ich ihn besucht habe und sein lautes, schallendes Lachen haben mir immer das Herz aufgehen lassen.
Und da stand ich dann. Vor der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, mit Möbeln, an denen ich Laufen gelernt hatte. An dem Ort mit meinen frühesten Kindheitserinnerungen, meiner Heimat, die jetzt erfüllt war mit dem Geruch meines verwesenden Vaters. Anders als nach dem Tod meiner Schwester lag nun jede Entscheidung bei mir, denn ich war die einzige nahestehende Verwandte meines Vaters. Mich hat alles verrückt gemacht. Die Entscheidungen, die Trauer um meinen Vater, die Trauer um meine Schwester, die Trauer, wenn ich nicht mal mehr wusste, um wen ich eigentlich gerade trauerte, die Ungewissheit wegen meiner Studienplatzbewerbung und die Mammutaufgabe: Ich wusste, es lag an mir, irgendwie diese Wohnung auszuräumen, sein Auto zu verkaufen und alles weitere zu erledigen, was da eben so auf einen zukommt. Und das aus 200km Entfernung, denn ich wohnte nach dem Tod meiner Schwester ja wieder bei meiner Mutter. Irgendwie habe ich diese notwendigen Erledigungen geschafft. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich das gepackt habe, es kommt mir so vor, als wäre das ein komplett anderes Ich gewesen. Jeden Tag bin ich 400km Auto gefahren, mittendrin ist mir einmal ein Autoreifen geplatzt (zum Glück ist mir nichts passiert, aber im Ernst: Wie viel Pech kann man bitte haben?!). Und am Tag der Beerdigung meines Papas bekam ich die Zusage für meinen neuen Studienplatz. Freude? Trauer? Erleichterung? Alles gleichzeitig?
Wie auch immer, nur einen Monat nach dem Tod meines Vaters habe ich mein neues Studium begonnen. Wieder Erstsemester sein mit 22 Jahren. Nichts geschafft im Leben und ein neues Studium anfangen. Ich fühlte mich furchtbar und jetzt gerade fühle ich mich noch furchtbarer. Ich habe mir damals vorgenommen, mich richtig reinzuhängen, weil ich das unbedingt schaffen will. Das ist mein Plan A - Studium! Das ist das, was mich wirklich interessiert! Das, was ich immer machen wollte!
Und jetzt? ...kriege ich einfach nichts auf die Reihe. Ich bin in meine neue Studienstadt gezogen und fühle mich unendlich allein. Ich habe eine 18m²-"Wohnung" und habe das Gefühl, die Wände erdrücken mich jeden Tag. Ich wohne in der Innenstadt und das Lachen und die Feiern der Menschen auf der Straße gehen mir tierisch auf die Nerven. Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Sobald ich lernen will, schweifen meine Gedanken ab und ich denke daran, dass ich außer meiner Mutter niemanden mehr habe. Ich habe auch unfassbare Angst, dass ihr irgendetwas zustößt. Solange ich in der Uni bin, geht es mir einigermaßen gut und ich kann den Vorlesungen auch eigentlich folgen, aber das reicht nicht, um den Stoff zu beherrschen und die Klausuren zu bestehen. Ich müsste abends, wenn ich nach hause komme, alles vom jeweiligen Tag wiederholen, zusammenfassen, mir Formelsammlungen schreiben. Aber ich kriege nichts davon hin. Wenn ich nach hause komme, falle ich ins Bett und bin komplett fertig. Nicht mal meine mini-Wohnung kann ich ordentlich und sauber halten, weil mich der Tag an der Uni so schafft. Das ist auch so, wenn ich nicht an der Uni bin. Sobald ich eine Sache mache, bin ich zu schwach, am gleichen Tag noch etwas anderes zu machen. Ich komme mir vor wie kurz nach dem Tod meiner Schwester, als ich nur im Bett lag.
Wie anfangs schon erwähnt, gerade ist Prüfungszeit und ich sollte morgen eine wichtige Klausur schreiben. Aber ich kann den Stoff nicht. Ich hatte jetzt zwei Tage frei und hätte lernen können und wollen, aber ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Ich weiß nicht mal, wie die Zeit in den letzten zwei Tagen vergangen ist und womit ich sie gefüllt habe. Mit gar nichts schätze ich...
Ich bin eigentlich kein dummer Mensch und war auch nie besonders faul. Ich weiß, dass ich das eigentlich hinkriegen könnte und sogar ganz gute Noten haben könnte, aber stattdessen falle ich in fast allen Klausuren durch, weil mich irgendwas blockiert. Ich habe unheimliche Angst vor der Zukunft, mittlerweile bin ich 23 und habe nichts erreicht. Ich habe Angst, dass ich mein neues Studium nicht schaffe, ich bin allein und will mit meinen Mitstudenten oder Dozenten darüber auch nicht reden... Alles was ich will, ist, endlich richtig lernen zu können. Mich konzentrieren zu können, wieder eine gute Chance auf einen Beruf zu haben aber ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Warum ist das so? Was kann ich tun? Soll ich zu einem Arzt gehen? Bin ich krank? Hat jemand etwas Ähnliches erlebt? Wer oder was kann mir nur helfen? Ich bin wirklich verzweifelt...
Kurzzusammenfassung dieses Monster-Texts:
Ich habe in den letzten Jahren außer meiner Mama jeden Menschen verloren, der mir je wichtig war. Deshalb habe ich ein Studium abgebrochen und ein neues begonnen. Ich bin nun mit 23 Jahren im 2. Semester, liebe dieses Studium, kriege aber absolut nichts auf die Reihe. Ich kann mich nicht konzentrieren, fühle mich unendlich allein, meine Gedanken schweifen immer ab, hin zu Dingen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht haben kann. Ich werde traurig und kann mich noch weniger konzentrieren. Das geht jeden Tag so, dabei müsste ich eigentlich wirklich viel für dieses neue Studium lernen. Ich falle in fast allen Klausuren durch, weil ich nicht ordentlich lernen kann, wie ich es früher konnte.
Ich habe Angst. Vor der Zukunft, ich bin so schon fast die älteste in meinem Studiengang und dazu auch noch die schlechteste. Angst davor, dass meiner Mama, die einzige, die mir geblieben ist und die ich wahnsinnig liebe, etwas zustößt.
Wie kriege ich mein Leben auf die Reihe?
ich möchte mich schon mal für den ewig langen, etwas wirren Text entschuldigen. Falls es überhaupt jemanden geben sollte, der ihn komplett liest: meinen Respekt an dich! Falls nicht, tut es trotzdem gut, einfach mal alles niedergeschrieben zu haben. Und für all diejenigen, die trotzdem wissen wollen, worum es geht: Ganz unten gibt's eine Mini-Kurzfassung.
Ich weiß nicht, wo und wie ich anfangen soll, ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben ist die komplette Katastrophe und ein einziges Chaos, aus dem ich nicht mehr rauskomme.
Ich sitze hier und schreibe das, obwohl ich eigentlich lernen sollte. Ich bin 23 und Studentin. Und mitten in der Prüfungsphase. Und ich habe mich gerade dazu entschlossen, zur morgigen Klausur nicht anzutreten, weil ich sie sowieso nicht bestehen würde. Mal wieder... Dabei ist dieses Studium meine letzte Chance.
Vielleicht sollte ich doch von vorne anfangen:
Direkt nach dem Abi bin ich zusammen mit meinem damaligen Freund in eine andere Stadt gezogen und habe dort angefangen, Lehramt zu studieren. Das war zwar nie mein Plan A, aber da ich -naiv wie ich damals eben war- bei meinem Freund bleiben wollte und mich nicht getraut habe, allein wo anders hinzuziehen und etwas "untypischeres" zu machen, habe ich mich eben mit dem Lehramtsstudium angefreundet. Es hat mir mit der Zeit auch immer mehr Spaß gemacht und die Schüler in meinen Praktika liebten mich. Ich muss sagen, ich habe mich darauf gefreut, Lehrerin zu werden. Ich mochte mein Leben damals sehr, ich war zufrieden und glücklich. Ich hatte mein Studium, in dem ich gut war, ich hatte meinen Freund, den ich geliebt habe, meine Schwester, die mein Ein und Alles war, und mit dem Umzug in meine Studienstadt bin ich ziemlich genau in die Mitte zwischen meinen beiden Elternteilen gezogen, die sich scheiden ließen, als ich fünf war. Ich konnte also endlich auch meinen Papa wieder öfter sehen, da wir nicht mehr 200km auseinander wohnten. Mir ging es wirklich gut zu der Zeit.
Doch vor zwei Jahren hat sich einfach alles geändert.
Von einem Tag auf den anderen, ganz plötzlich und quasi ohne Vorwarnung ist meine Schwester gestorben. Sie hatte eine Lungenembolie. Mit 15. Als mich meine Mutter angerufen hat, hat mich mein Freund sofort nach Hause gefahren. Sie sollte noch operiert werden, aber als ich im Krankenhaus ankam, meinten die Ärzte nur noch "sie stirbt gerade". Ab da war ich wie in Trance. Ich war bei ihr, als sie starb, habe ihre Hand gehalten, sie angeschaut und gedacht "sie muss doch wieder aufwachen", was sie aber natürlich nicht tat. Von den darauffolgenden Wochen und Monaten weiß ich nicht mehr viel. Ich weiß, dass ich unheimlich viel geschlafen habe und mein Bett eigentlich nur verlassen habe, um zu Essen und aufs Klo zu gehen. Meine Schwester war der wichtigste Mensch für mich, ich habe sie über alles geliebt und es gibt keinen Tag, an dem ich sie nicht vermisse oder mir wünsche, mit ihr reden zu können oder sie ganz fest drücken zu können. Wir waren nicht einfach "nur" Schwestern, das haben wir schon immer festgestellt, als sie noch gelebt hat. Wir waren Seelenverwandte, konnten über alles reden, wussten, was der andere denkt, konnten die verrücktesten Dinge zusammen machen und waren einfach Eins.
Das klingt vielleicht komisch, aber ich fühle mich bis heute so, als wäre vor zwei Jahren die Hälfte von mir mitgestorben. Ich fühle mich nicht mehr komplett, ein Teil von mir fehlt. Und der Gedanke, dass sie und damit dieser Teil von mir nie wieder kommt, macht mich jeden Tag aufs Neue fertig.
Nachdem ich viele Monate fast nur schlafend verbracht habe und sich meine Mutter unheimlich Sorgen um mich gemacht hat, habe ich eine professionelle Trauerbegleitung angefangen bei einer extrem wundervollen Frau, der ich so viel zu verdanken habe und durch die ich es raus aus meinem Bett geschafft habe. Durch sie habe ich herausgefunden und für mich entschieden, dass ich nicht mehr Lehrerin werden kann und will, weil ich nicht mein Leben lang mit Jugendlichen arbeiten will und Tag für Tag mit 15-jährigen Mädels konfrontiert sein will. Also habe ich mein Studium nach 6 Semestern abgebrochen und mich für das beworben, was eigentlich mein Plan A war und wofür ich wie gesagt vorher zu unsicher war. In dieser Zeit ging es auch mit meinem Freund auseinander, weil meine Liebe zu ihm einfach weg war. Ich weiß nicht, inwiefern das auch an ihm lag, aber das spielt eigentlich auch keine besonders große Rolle, jedenfalls haben wir uns getrennt und das war auch definitiv eine gute Entscheidung.
Es schien alles wieder ein wenig aufwärts zu gehen, ich war fast ein Jahr zu Hause bei meiner Mutter und meinem Stiefvater, weil es natürlich auch den beiden sehr schlecht ging, nachdem sie ihr jüngstes Kind verloren hatten und wir waren uns gegenseitig eine Stütze. Ich hatte meine tolle Trauerbegleiterin, verbrachte nicht mehr jeden Tag nur im Bett, habe nach meiner Bewerbung auf einen Studienplatz gehofft und bin ab und zu zu meinem Papa gefahren, um dort abzuschalten und was mit ihm zu unternehmen.
Was soll ich sagen... ein Jahr nach meiner Schwester ist auch mein Papa gestorben. Also mittlerweile fast vor einem Jahr. Mitten im Juli. Fünf Tage lang hat es keiner bemerkt. Er starb in meinem Zimmer, in meinem alten Bett, in dem er immer geschlafen hat, wenn ich nicht da war, weil er die Scheidung und die weite Entfernung zu mir nie verkraftet hat. Erneut war ich vollkommen am Boden, mein Papa war immer der Ruhepol in meinem Leben. Wir waren so gleich und auch wenn wir kein typisches "Vater-Tochter-Verhältnis" hatten, war unsere Verbindung so rein und ehrlich. Seine strahlenden Augen, wenn ich ihn besucht habe und sein lautes, schallendes Lachen haben mir immer das Herz aufgehen lassen.
Und da stand ich dann. Vor der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin, mit Möbeln, an denen ich Laufen gelernt hatte. An dem Ort mit meinen frühesten Kindheitserinnerungen, meiner Heimat, die jetzt erfüllt war mit dem Geruch meines verwesenden Vaters. Anders als nach dem Tod meiner Schwester lag nun jede Entscheidung bei mir, denn ich war die einzige nahestehende Verwandte meines Vaters. Mich hat alles verrückt gemacht. Die Entscheidungen, die Trauer um meinen Vater, die Trauer um meine Schwester, die Trauer, wenn ich nicht mal mehr wusste, um wen ich eigentlich gerade trauerte, die Ungewissheit wegen meiner Studienplatzbewerbung und die Mammutaufgabe: Ich wusste, es lag an mir, irgendwie diese Wohnung auszuräumen, sein Auto zu verkaufen und alles weitere zu erledigen, was da eben so auf einen zukommt. Und das aus 200km Entfernung, denn ich wohnte nach dem Tod meiner Schwester ja wieder bei meiner Mutter. Irgendwie habe ich diese notwendigen Erledigungen geschafft. Im Nachhinein weiß ich nicht mehr, wie ich das gepackt habe, es kommt mir so vor, als wäre das ein komplett anderes Ich gewesen. Jeden Tag bin ich 400km Auto gefahren, mittendrin ist mir einmal ein Autoreifen geplatzt (zum Glück ist mir nichts passiert, aber im Ernst: Wie viel Pech kann man bitte haben?!). Und am Tag der Beerdigung meines Papas bekam ich die Zusage für meinen neuen Studienplatz. Freude? Trauer? Erleichterung? Alles gleichzeitig?
Wie auch immer, nur einen Monat nach dem Tod meines Vaters habe ich mein neues Studium begonnen. Wieder Erstsemester sein mit 22 Jahren. Nichts geschafft im Leben und ein neues Studium anfangen. Ich fühlte mich furchtbar und jetzt gerade fühle ich mich noch furchtbarer. Ich habe mir damals vorgenommen, mich richtig reinzuhängen, weil ich das unbedingt schaffen will. Das ist mein Plan A - Studium! Das ist das, was mich wirklich interessiert! Das, was ich immer machen wollte!
Und jetzt? ...kriege ich einfach nichts auf die Reihe. Ich bin in meine neue Studienstadt gezogen und fühle mich unendlich allein. Ich habe eine 18m²-"Wohnung" und habe das Gefühl, die Wände erdrücken mich jeden Tag. Ich wohne in der Innenstadt und das Lachen und die Feiern der Menschen auf der Straße gehen mir tierisch auf die Nerven. Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Sobald ich lernen will, schweifen meine Gedanken ab und ich denke daran, dass ich außer meiner Mutter niemanden mehr habe. Ich habe auch unfassbare Angst, dass ihr irgendetwas zustößt. Solange ich in der Uni bin, geht es mir einigermaßen gut und ich kann den Vorlesungen auch eigentlich folgen, aber das reicht nicht, um den Stoff zu beherrschen und die Klausuren zu bestehen. Ich müsste abends, wenn ich nach hause komme, alles vom jeweiligen Tag wiederholen, zusammenfassen, mir Formelsammlungen schreiben. Aber ich kriege nichts davon hin. Wenn ich nach hause komme, falle ich ins Bett und bin komplett fertig. Nicht mal meine mini-Wohnung kann ich ordentlich und sauber halten, weil mich der Tag an der Uni so schafft. Das ist auch so, wenn ich nicht an der Uni bin. Sobald ich eine Sache mache, bin ich zu schwach, am gleichen Tag noch etwas anderes zu machen. Ich komme mir vor wie kurz nach dem Tod meiner Schwester, als ich nur im Bett lag.
Wie anfangs schon erwähnt, gerade ist Prüfungszeit und ich sollte morgen eine wichtige Klausur schreiben. Aber ich kann den Stoff nicht. Ich hatte jetzt zwei Tage frei und hätte lernen können und wollen, aber ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Ich weiß nicht mal, wie die Zeit in den letzten zwei Tagen vergangen ist und womit ich sie gefüllt habe. Mit gar nichts schätze ich...
Ich bin eigentlich kein dummer Mensch und war auch nie besonders faul. Ich weiß, dass ich das eigentlich hinkriegen könnte und sogar ganz gute Noten haben könnte, aber stattdessen falle ich in fast allen Klausuren durch, weil mich irgendwas blockiert. Ich habe unheimliche Angst vor der Zukunft, mittlerweile bin ich 23 und habe nichts erreicht. Ich habe Angst, dass ich mein neues Studium nicht schaffe, ich bin allein und will mit meinen Mitstudenten oder Dozenten darüber auch nicht reden... Alles was ich will, ist, endlich richtig lernen zu können. Mich konzentrieren zu können, wieder eine gute Chance auf einen Beruf zu haben aber ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Warum ist das so? Was kann ich tun? Soll ich zu einem Arzt gehen? Bin ich krank? Hat jemand etwas Ähnliches erlebt? Wer oder was kann mir nur helfen? Ich bin wirklich verzweifelt...
Kurzzusammenfassung dieses Monster-Texts:
Ich habe in den letzten Jahren außer meiner Mama jeden Menschen verloren, der mir je wichtig war. Deshalb habe ich ein Studium abgebrochen und ein neues begonnen. Ich bin nun mit 23 Jahren im 2. Semester, liebe dieses Studium, kriege aber absolut nichts auf die Reihe. Ich kann mich nicht konzentrieren, fühle mich unendlich allein, meine Gedanken schweifen immer ab, hin zu Dingen, von denen ich weiß, dass ich sie nicht haben kann. Ich werde traurig und kann mich noch weniger konzentrieren. Das geht jeden Tag so, dabei müsste ich eigentlich wirklich viel für dieses neue Studium lernen. Ich falle in fast allen Klausuren durch, weil ich nicht ordentlich lernen kann, wie ich es früher konnte.
Ich habe Angst. Vor der Zukunft, ich bin so schon fast die älteste in meinem Studiengang und dazu auch noch die schlechteste. Angst davor, dass meiner Mama, die einzige, die mir geblieben ist und die ich wahnsinnig liebe, etwas zustößt.
Wie kriege ich mein Leben auf die Reihe?