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Ich vertrage den Verlust meines Opas nicht

  • Starter*in Starter*in Psycho-Psychologe
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P

Psycho-Psychologe

Gast
Hallo,
ohne zu wissen, womit ich anfangen soll, schreibe ich einfach los.
Bisher habe ich immer geglaubt, die Dinge, die mir bevorstehen, bewältigen zu können. Den Übergang aufs Gymnasium, das Abitur, das Diplom in Psychologie und schließlich die Zusage zum Arbeitsplatz.
Nun stehe ich aber vor einer Situation, in der ich einfach nur ratlos bin. Noch nie zuvor in meinem 26-jährigen Leben habe ich mich so hilflos und leer gefühlt. Im Sommer ist das passiert, wovor ich mich schon lange Zeit am meisten gefürchtet hatte, ich habe meinen Opa verloren. In ein paar Tagen wird ein halbes Jahr seitdem vergangen sein, und trotzdem fühle ich mich nicht wirklich besser. Zwar weine ich nicht mehr so oft, aber die Leere und Sinnlosgkeit breitet sich immer mehr aus.
Ich habe meinen Arbeitsplatz gekündigt und will niemanden sehen, kann lachende Menschen nicht ausstehen und empfinde es als Messerstich im Herz, wenn ich jemanden sehe, der sich freut. Mein Wissen aus dem Studium kann mir hier auch nicht weiterhelfen. Niemand will mich anhören, weil jeder der mich kennt glaubt, ich müsse alleine Lösungen finden, weil ich ja Psychologe bin. Ich brauche ja keine Hilfe, weil ich dieses Fach studiert habe. Wenn ich mich mal selbst bei nahen Verwandten versuche auszuweinen heißt es, ich müsste mir selber helfen können, weil ich ja "Psychologe" bin. Als solcher kann ich gar nicht hilflos sann, so die Argumentation. Niemand kann verstehen, dass mir in der Situation einfach nicht helfen kann und den Verlust über meinen Opa nicht ertragen kann. Auch wenn ich manchmal glaube, es sei besser geworden, kommt es doch immer wieder hoch. Er war (mit großer Sicherheit) der Mensch, der mich am meisten geliebt hat und der einzige, der je um mich geweint hat. Ich konnte ihm nicht mal zu seinem letzten Geburtstag gratulieren, obwohl er mich gehört hätte. Man hat mir sozusagen nicht "erlaubt", mit ihm zu reden.
Ich weiß nicht warum ich das überhaupt schreibe, ob mich überhaupt jemand verstehen würde. Meine Mutter sagt, dass es nicht normal sei, so lange zu trauern. Es holt mich immer wieder ein und ich kann mit diesem Gedanken nicht ruhig leben. Wenn ich mal aus irgendeinem Grund lächle fühle ich mich unmittelbar danach wie von einem Speer durchbohrt. Manchmal denke ich, es wäre vielleicht besser wenn ich nicht so anhänglich wäre, dann wäre es doch leichter für mich. Durch so starke Bindungen ist das Leid beim Zerreissen des Bandes nur noch schmerzhafter.
 
Ich hab selbst meinen Opa vor fast genau einem Jahr verloren, er war für mich eine wichtige Bezugsperson und so bin ich auch noch oft traurig. Das was mir trotzdem geholfen hat ist ein Kinderbuch vom Tod (gibt's sogar als Film Leb wohl lieber Dachs - Geschichten - Lachgeschichten - Die Seite mit der Maus - WDR Fernsehen) und weil mein Sohn immer sagt wenn ich wegen ihm traurig war er gesagt hat das wir uns ja immer an den Opapa erinnern und er immer in unseren Herzen bleibt. Hab auch ein Bild von ihm auf dem Handy und es wird langsam besser das ich es anschauen kann ohne zu weinen.

Wenn du schreiben magst dann meld dich.
 
Dein Beitrag lässt die Trauer und den Verlust durchblicken, mit jedem Wort, mit jeder Zeile.
Die Beziehung zwischen dir und deinem Großvater muss sehr stark gewesen sein und wertvoll.
Und genau da möchte ich mit meiner Antwort ansetzen.

Hätte dir dein Großvater nicht so viel bedeutet, wäre eure Beziehung nicht so intensiv gewesen, Du würdest nicht oder deutlich weniger an seinem Tod leiden.

Ihr hattet eine besondere Nähe, wie sich aus deinen Zeilen lesen lässt. Ich hatte viele Jahre, vor allem in den späteren, eine solche Beziehung zu meinem Vater. Davon und wie ich mit seinem Verlust umgegangen bin, möchte ich dir etwas berichten in der Hoffnung, dass es für dich hilfreich sein könnte.

Wir wohnten knapp zwei Autostunden auseinander, und wir sahen uns in der Regel zu Familienfesten und ein-zweimal im Jahr zusätzlich. Jeden Sonntag telefonierten wir miteinander. Mal riefen die Eltern an, dann ich.

Unser letztes Telefonat werde ich nicht vergessen. Erst beschwerte sich Mutter, dass Vater sie tags zuvor nicht zu ihrer Schwester habe fahren lassen. Sie könne doch jetzt nicht immer zu Hause bleiben, nur weil mein alter Herr nicht alleine bleiben wolle.

Ich ließ mir meinen Vater geben. Unser Gespräch war locker. Ich wisse doch, wie die jungen Mädchen so seien, erklärte er mir. Wenn sie erst mal in der Stadt seien, fänden sie kein Ende. A propos "Junge Mädchen": Vater war 81, Mutter 74. Ich sprach mit Vater, redete ihm freundlich ins Gewissen.

Ja, ich habe Recht, und dann könne Mutter ja nächste Woche fahren.

Ich mach`s kurz: Zwei Tage später, ich war gerade vom Dienst nach Hause gekommen, rief meine Mutter wieder an, um mir mitzuteilen, dass Vater am Morgen gestorben war.
Er war lächelnd gegangen und hatte noch mit seiner alten Hausärztin gescherzt, die ihn ins Krankenhaus schicken wollte. Als die Männer vom Rettungsdienst eintrafen, war Vater schon tot.

Bei der Trauerfeier verabschiedete ich mich von ihm, in dem ich das Fürbitten-Gebet für ihn sprach. Für mich war das ein ganz persönlicher Abschied von Vater, ein- ich möchte es so sagen - ganz intimer Abschied.

Als ich vom Friedhof zum Beerdigungs-Kaffee mit den Trauergästen ging, hatte ich das Gefühl, dass er in guten Händen sei.

Ja, sein Tod bewegt mich irgendwie immer noch, aber die Erinnerung ist leichter geworden, viel leichter. In Gedanken scherze ich mit ihm, so wie wir zu seinen Lebzeiten miteinander gescherzt und gewitzelt haben.
Verloren habe ich ihn bis heute nicht, und ich fühle mich auf eine ganz persönliche und geheimnisvolle Weise mit ihm verbunden.

Wenn ich heute an ihn denke, und das geschieht oft, dann muss ich lächeln.
Und ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge lächeln, so wie früher.

Eine solche Erinnerung wünsche ich dir, und dein Opa wird dir dann auf eine ähnliche Art und Weise nahe sein und Du ihm.

Liebe Grüße

Burbacher
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo lieber Gast!
Mein herzliches Beileid! Als ich deinen Beitrag gelesen habe kamen mir die Tränen, denn ich verstehe Dich sehr gut. Ich habe sozusagen das gleiche erlebt. Auch meine Großeltern habe ich so sehr geliebt. Als sie starben ist ein teil von mir gegangen- ich habe es nie überwunden. Ich weiß genau, wie Du dich fühlst. Du bist nicht allein!
Als mein Opa starb war ich 24- es ist inzwischen 7 Jahre her- ich kann nicht sagen, dass ich es verkraftet habe. Auch ich durfte nicht recht trauern. Seine widerliche Lebensgefährtin hat es nicht zugelassen- sie ist bis heute der einzige Mensch, den ich wahrhaft hasse.
Ich kann Dir leider nicht sagen, wie man diese Gefühle von Leere überwindet. Diesen stechenden Schmerz wenn einem plötzlich wieder aus heiterem Himmel klar wird: "Ja- es ist passiert es ist nicht nur ein Traum"
Dieses Gefühl, zu wissen, dass es nie wieder einen Menschen gibt, der einen auf die gleiche Art liebt wie ein Opa es tut. Ich weiß nicht, aber ich denke nur ein Opa liebt einen mit dieser Mischung aus grenzenlosem Stolz und bedingungsloser Liebe. Wenn ich meinen Opa ansah, dann war es, als würde er mir sagen: "Mein Leben war lang und bewegt und es hatte einen Sinn: Dich/Euch!"
Offenbar hast Du das auch erlebt- dafür solltest Du dankbar sein. Leider ist es so, dass uns die Natur unsere Großeltern viel zu bald nimmt.
Der Schmerz wird weniger werden, aber er wird nicht weg gehen. Eines Tages wird es für Dich möglich sein, bei einem Gedanken an ihn auch zu lächeln. Dann kommen die schönen Erinnerungen hervor und überdecken die Trauer.

Also leider kann ich Dir keinen Rat geben, aber Du bist nicht allein!
 
Vielen Dank für die lieben Antworten. Es ist schön zu sehen, dass es auch nette Menschen gibt, die Mitgefühl zeigen.
Erst in letzter Zeit ist es mir möglich geworden, überhaupt darüber zu sprechen. Der erste Monat war der reinste Alptraum, da war die Verleugnung noch zu groß. In der Nacht, nachdem ich es erfahren hatte, dachte ich sogar noch "warte mal, hast du das jetzt nur geträumt?". Dann kommt plötzlich die entsetzliche, das Herz durchstechende Feststellung "Ja- es ist passiert es ist nicht nur ein Traum", genau wie Violetta es beschrieben hat.

@ Burbacher: die Idee ist gut, hab sie auch versucht anzuwenden, aber es scheint doch noch zu früh dafür zu sein.
Seit meiner Geburt bin ich die Person gewesen, die am längsten bei meinen Großeltern gelebt hat. 3-4 Jahre als Kind, danach immer wieder. Später haben wir uns leider nur 3x im Jahr gesehen, was aber auch an der Entfernung liegt.
Ich hab immer viel körperlichen Kontakt gehabt, wodurch diese physische Abwesenheit noch grausamer wird. Wenn ich nur daran denke, wie ich ihm immer geholfen hab, aufzustehen, die Hände gewaschen hab, umarmt habe, über den Kopf gestreichelt hab, die Fingernägel geschnitten hab, ihn zur Terasse begleitet hab etc. All die kleinen Sachen, die ich jetzt nie wieder machen kann.
Die Zeit heilt die Wunden zum Glück etwas aus, aber es dauert. Selbst wenn der Schock ausgeklungen ist, weiß ich nicht, wie lange es noch dauern wird, bis ich tatsächlich wieder herzlich lachen kann.
Fotos von meinem Opa kann ich mir mittlerweile anschauen. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass er immerhin 88 Jahre alt war, und dass er mit seinen Krankheiten viel früher hätte gehen können. Manchmal rede ich mit meiner als einzig übrig gebliebenen Oma darüber (wobei ich aus Angst, dass es für sie emotional zu viel wird, es vermeide, oft darüber zu reden).
Schon seltsam, als Kind ist mir meine Urgroßmutter damals mit 85 unendlich alt vorgekommen. Jetzt dagegen kommen mir 88 Jahre keineswegs so viel vor. Bestimmt hätte ich auch getrauert, wenn er erst mit 100 Jahren gegangen wäre.
 

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