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Ich stehe vor den Scherben meines Lebens

Koios

Neues Mitglied
Ich habe lange überlegt, ob es etwas bringt, mein Problem in ein Forum zuschreiben, aber ich muss ganz einfach mal all meine Melancholie herauslassen, da ich nun, mit 46 Jahren, endgültig vor den Trümmern meines Lebens stehe.
Aber der Reihe nach,um zu verstehen, wie sinnlos mir im Moment alles erscheint, muss ichvorne anfangen.
Als ich geboren wurde war meine Mutter noch sehr jung (19). Mein biologischer Erzeuger hatte zu diesem Zeitpunkt meine Mutter schon längst verlassen und hatte auch keinerlei Interesse an mir. Ich habe ihn nie gesehen, obwohl ich in jüngeren Jahren mehrfach versucht habe, mit ihm Kontakt aufzunehmen, was er allerdings immer strikt abgeblockt hat. Vor einigen Jahren ist er verstorben.
Meine ersten 10 Lebensjahre waren nicht die glücklichsten. Meine Mutter hatte ebenfalls kein großes Interesse an mir, zum Teil, weil sie wohl überfordert war, zum Teil weil ich wohl als Störfaktor wahrgenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt waren Partys, Reisen und wechselnde Männerbekanntschaften, von denen sie sich oft aushalten ließ viel wichtiger. Meine Mutter schlug oder schimpfte mich eigentlich nie.Ich war ihr einfach nur egal. Satt und sauber war ihr Motto.


Ich versuchte die Liebe meiner Mutter zu dieser Zeit dadurch zu erkaufen, dass ich ein folgsamer Sohn wurde. Ich war bereits in der Grundschule ein guter Schüler, war artig und sehr selbständig für mein Alter. Allein es nutzte nichts. Als ich knapp 10 war, kurz vor dem Übertritt in die weiterführende Schule, sagte meine Mutter ich sei nun alt genug, für einige Tage allein in der Wohnung zu bleiben, da sie ein wenig mit ihrem neuen Lover verreisen möchte. Sie legte mir 100DM auf den Dielenschrank und war weg. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch große Angst vor dem Alleinsein und der Dunkelheit, In meiner Angst habe ich damals meine Tante (die ältere Schwester meiner Mutter), zu der meine Mutter schon lange keinen Kontakt hatte, angerufen. Sie war die einzige andere Verwandte, die ich noch kannte.


Meine Tante war schockiert, holte mich ab und informierte das Jugendamt. Meine Mutter war nicht traurig darüber, denn nun hatte sie ja ihre „Ruhe“ vor mir. Meine Tante bemühte sich um das Sorgerecht und bekam es auch recht zügig, so dass ich nur kurze Zeit im Heim zubringen musste.


Was folgte war die glücklichste Zeit meines Lebens. Meine Tante war so viel anders als meine Mutter. Sie war fürsorglich, fragte nach meinem Befinden und war interessiert. Meine Tante selbst war alleinstehend und hatte auch keine anderen Kinder.


Ich selbst blühte zu der Zeit richtig auf. Ich war sehr gut in der Schule, auch wenn ich es dort nicht immer einfach hatte. (Ich galt als „Streber“,was ich aber wohl nicht war, Lernen fiel mir aber leicht).
Ich hatte große Pläne mit meinem Leben. Das Abitur schloss ich als Jahrgangsbester meiner Schule ab, ich war sehr stolz auf mich. Ich bewarb mich um ein Stipendium und hatte große Hoffnung auf eine Zusage. Ca. 2 Monate nach dem Abitur starb meine Tante an einer Aneurysma Ruptur. Das kam wie aus heiterem Himmel. Ich fiel in ein großes Loch. Plötzlich war ich wieder ganz allein. Ich ließ das Bewerbungsgespräch für das Stipendium, zu dem ich eingeladen worden war, sausen und machte die nächsten Monate nichts außer in der Wohnung herumzuhocken. Doch da das wenige Geld, das mir meine Tante hinterlassen hatte (und um das es noch Streit mit meiner Mutter als einziger anderen Anverwandten gab) bald alle war, musst ich mich aufraffen etwas zu tun.


Ich beschloss, ein Jura-Studium aufzunehmen, Bafög zu beantragen und nebenbei zu jobben. Warum ich mich damals entschieden habe, Jura zu studieren,weiß ich bis heute nicht. Eigentlich interessierte es mich so gar nicht. Nach zwei Semestern brach ich es ab. Da ich kein BaFög mehr erhielt und ich ein neues Studium nur mit Nebenjob finanziell allein nicht stemmen konnte, entschloss ich mich, eine kaufmännische Ausbildung in dem Betrieb, in dem ich bislang nur gejobbt hatte, zumachen. Die Ausbildung langweilte mich, eigentlich wollte ich viel lieber in die IT einsteigen. Dennoch schloss ich die Ausbildung mitsehr guten Noten ab und wurde übernommen. Während der Ausbildung lernte ich auch meine spätere Frau kennen.
Mehrere Jahre war ich dann in besagter Firma, übernahm schrittweise auf eigene Initiative immer mehr Aufgabenbereiche aus dem IT Bereich und eignete mir da umfangreiches Wissen an. Die Bezahlung war mies, doch ich war eigentlich recht zufrieden, zumal ich gewohnt war, mit wenig auszukommen.
Außerdem hatte ichinzwischen geheiratet. Meine Frau hatte gleich zu Beginn ihrerBeziehung klargestellt, dass sie keine Kinder wolle, da diese nur einlebenslanger Klotz am Bein seien. Dies hätte mir zu Denken gebensollen, zumal ich früher von meiner Mutter ganz Ähnliches gehörthatte.
Wie dem auch sei,nachdem der Betrieb, für den ich gearbeitet ging irgendwann pleite ging, stand ich vor der Frage, was ich tun sollte. Da ich mittlerweile viel Erfahrung im IT Bereich gesammelt hatte, fragte ich bei der IHK an, ob ich eine Externenprüfung zum Fachinformatiker machen könne, da ich keinesfalls im kaufmännischen Bereich mehr arbeiten wollte. Nach Einreichung der Unterlagen wurde dies genehmigt und ich schloss die Prüfung als einer der besten ab. Dabei war ich der einzige externe Prüfling, während die anderen alle viel jünger waren und eine duale 3-jährige Ausbildung hinter sich hatten.
Ich fand dann auch recht schnell eine neue Anstellung in einem mittelständischen Betrieb als Anwendungsbetreuer, wo ich (leider) immer noch bin. Dies war auch die Zeit, als meine Frau begann, sich mit „alten Freunden“wie sie es nannte zu treffen. Anfangs fand ich nicht viel dabei, da es sich aber häufte und sie immer wieder auch über Nacht weg war ohne Bescheid zu geben, wurde ich misstrauisch. Ich fragte sie, ob sie mich betrüge. Sie lachte mir ins Gesicht, sie habe sich schon gefragt, wann ich es denn endlich merke. Kurz und gut sie betrog mich seit geraumer Zeit abwechselnd mit verschiedenen „alten Freunden“,da ihr das Leben mit mir zu langweilig sei. Letzteres konnte ich ja noch verstehen. Langweilig war ich wohl in der Tat.
Es folgten Trennung und Scheidung, über die es noch Einiges zu berichten gäbe, das würde den Rahmen aber sprengen.
Seitdem bin ich allein. Ganz allein. Keine Familie, keine Freunde, nur Arbeitskollegen die mich nicht für voll nehmen. Einen Job den ich hasse, und trotz unzähliger Bewerbungen keine Chance auf Veränderung, da niemand einen 46-jährigen einstellen will.Bestenfalls für Führungspositionen wurde mir gesagt. Und dafür fehle mir ein Studienabschluss. Deprimierend.
Vor einigen Wochen habe ich mich aufgerafft und bin zu einem Klassentreffen gegangen.Und war frustriert. Jeder scheint etwas aus seinem Leben gemacht zuhaben. Familie, Kinder, ein toller Job, etliche ehemalige Mitschüler mit Doktortitel, 2 sogar mittlerweile Professoren mit eigenem Lehrstuhl. Als ich gesagt habe, was ich mache, wurde nur mitleidig gelächelt. Bestenfalls gesagt: „Aber du warst Jahrgangssbester“.
Da steh ich nun vor den Scherben meines Lebens. Wenn es mich morgen nicht mehr geben würde, würde es niemanden auffallen. Bestenfalls meinen Kollegen,die sich kurz wundern würden, warum der der Stuhl neben ihnen leer bleibt.
Sorry für den langen Post, aber das musste raus.
 
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Hallo Koios,

verständlich, dass das raus musste. Und zunächst auch meinen Respekt, dass du offen deine Situation schilderst. Was mir beim ersten Lesen durch den Kopf gegangen ist: Du hast wahrscheinlich mehr geleistet und erreicht, als viele deiner ehemaligen KlassenkameradInnen zusammen. Und zwar auch ganz ohne akademisches Titelchen. Denn mit diesem familiären Hintergrund und den Schicksalsschlägen, hätten die meisten nicht einmal das Abitur geschafft. Das muss man sich als leidgeprüfter Mensch einfach immer wieder bewusst werden, denn natürlich ist es mit liebenden, unterstützenden Eltern im Hintergrund ungefähr 2.000 Mal einfacher, einen "erfolgreichen" Lebensweg zu gehen.

Dein Ex-Frau hat sich offenbar als Ego-Tante entpuppt. Solche Menschen gibt es, leider. Da ist also die Scheidung, heutzutage wird jede zweite Ehe geschieden. Und selbst hinter den heilen Fassaden sieht es oft düster aus - Stichwort Selbstdarstellung auf dem Klassentreffen. Gerade auf solchen Terminen präsentieren sich viele natürlich im besten Licht. Ob das dann alles immer so stimmt, ist eine andere Geschichte.

Du hast als Fachinformatiker einen Job, um den dich viele wohl beneiden würden. Was bringt mir der Uniabschluss XY, wenn ich mich danach von Befristung zu Befristung hangeln darf? Nichts. Aber wenn du deinen Beruf gar nicht mehr ausüben kannst oder willst, gibt es durchaus Optionen. Klar, in der deutschen asozialen Arbeitswelt zählen vor allem formale Abschlüsse und dass man in deinem Alter zum "alten Eisen" gezählt wird - trotz angeblichem Fachkräftemangel - ist ein anderes Thema. Aber vielleicht gibt es ja auch ähnliche Stellen in anderen Regionen oder sogar im deutschsprachigen Ausland, falls du das mal in Erwägung gezogen hast. Wenn dich das Ganze zu sehr belastet, natürlich auch noch ärztliche Begutachtungen etc.

Oder die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung, damit du vielleicht Zeit für einen Verein, ein Hobby, für etwas hast, was dich wirklich interessiert. Mit dem Chaos Computer Club etwa könntest du dein Fachwissen auch mit einem Verein mit meist durchaus auch geselligen Menschen verbinden. Den gibt es häufig allerdings nur in größeren Städten. Das sind spontan Dinge, die mir dazu einfallen. Auf solchen Wegen könntest du vielleicht auch neue Menschen kennenlernen, auch wenn das natürlich in der Theorie immer einfacher gesagt als getan ist. Oder vielleicht nebenher ein Fernstudium der Informatik aufnehmen? Ich glaube, du hast durchaus Optionen, auch wenn das Fehlen von Familie und Freunden natürlich enorm schmerzt. Das ist völlig normal bzw. menschlich. Sieh dir nur dieses Forum an - die Threads sind voll davon. Manchmal kann es übrigens auch tröstlich sein, gewisse Dinge zu akzeptieren, um einen klaren Kopf zu bekommen. Das wäre dann auch die Überleitung zu einer Therapie oder Selbsthilfegruppen, falls es das bei dir in der Nähe gibt. Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft.
 
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Finde ich toll, dass Du Deine Erfahrungen hier mitteilst.

Du kannst stolz auf Dich sein, trotz widriger Bedingungen hast Du Dich respektabel geschlagen. Du bist jetzt wieder Single, das ist doof, geht aber vielen Menschen so. Man kann nur sein eigenes Verhalten steuern, aber nicht das des Partners. Das ist immer etwas Lotto. Ich habe soviele Frauen kennengelernt, die werden mit Mitte-Ende 30 auf einmal verlassen und stehen ohne Mann und ohne Kind da (und wollten mit diesem Mann eigentlich Kinder) und bei diesen Frauen tickt die biologische Uhr und das ist so brutal hart, wenn man eigentlich nichts falsch gemacht hat, außer dass man kein Glück hatte. Vielleicht kannst Du für Dich aus der Ehe eine Erkenntnis fürs nächste Mal mitnehmen?

Ich persönlich kenne zwei Leute, die erst mit über 50 das erste Mal Vater geworden sind. Das kann bei Dir doch auch noch klappen?

Ich mag meinen Job auch nicht, der einzige Grund weshalb ich das tue ist Geld. Ich denke das ist bei sehr vielen Menschen so. Ich gehe davon aus, dass Du einigermaßen vernünftig davon leben kannst?! Wenn ja, dann Glückwunsch, das ist sehr viel wert. Der Job ist sicher nicht das Wichtigste im Leben. Schau dass Du Dich wieder berappelst und dann nochmal Vollgas im Privatleben.
 
Hallo!

Ich kann deine Frustration sehr gut nachvollziehen, der Verlust deiner Freundin in Kombination mit der unbefriedigenden Arbeitssituation ist sicher sehr frustrierend.

Nichtsdestoweniger bist du noch nicht einmal 50 und hast noch einige Jahre im Beruf vor dir. Da du nun absolut keinerlei Verpflichtungen mehr hast, hast du andererseits die Möglichkeit, dich weiterzubilden.
Nachdem dir das Lernen in der Vergangenheit nicht schwerfiel und du dich auf professioneller Ebene offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten in ein Arbeitsgebeit einarbeiten konntest, das dir mehr Freude bereitet, als dein ursprüngliches sehe ich persönlich in dir großes Potential für Veränderung.

Wenn du dir eine berufliche Zukunft ausmalen würdest, die völlig deinen Wünschen entspricht, wo würdest du dann landen?

Über ein Fernstudium kannst du dich z.B. an der Fernuni Hagen in Informatik weiterbilden, die Kosten dafür sind imho marginal.

Zu weiteren Möglichkeiten, die dir diesbezüglich offenstehen, könnten wir dir erst mehr sagen, wenn wir wissen, was dich genau interessiert.

Abgesehen davon hast du auf der anderen Seite nun viel mehr Zeit, um dich mit aufbauenderem zu beschäftigen: hast du Hobbies, denen du gerne nachgehst?


Viel Glück,
Nagelring
 
Vielen Dank für die aufmunternden Worte. Es ist eben so, dass es im Moment ziemlich düster für mich aussieht.
Der Job ist eine Sache. Ich bin der älteste in unserer Abteilung. Und gleichzeitig der einzige ohne Hochschulabschluss. Ich stehe also trotz all meiner Erfahrung am Ende der Nahrungskette und bekomme nur die Aufgaben zugeteilt, die sonst keiner machen will. Zudem ist der Job nicht im Geringsten geistig herausfordernd. Was ich mache könnte jeder nach kurzer Anlernphase auch machen. Die prestigeträchtigen Dinge, mit denen man auch mal vor dem Chef glänzen kann, bleiben den anderen vorbehalten. Es ist nicht so, dass ich in eine andere Branche einsteigen möchte. IT ist schon ok. Nur stellt, trotz des allzeit beschworenen Fachkräftemangels, keiner einen fast 47-jährigen mehr ein. Da muss man jung und hipp sein. Oder eben Akademiker für leitende Positionen.

Das Privatleben ist die andere Sache. Eigentlich habe ich kein Privatleben. Ich gehe zur Arbeit, wenn ich zuhause bin liege ich auf dem Bett oder Sofa. Ich schaue nicht einmal fern. Lesen vielleicht noch.
An Wochenenden geh ich, soweit es sich vermeiden lässt, gar nicht aus der Wohnung. Wozu auch ? Ich wüsste nicht was ich machen sollte und mit wem. Denn da ist niemand.
 
Zuletzt bearbeitet:
Dann hast Du eben einen 08/15-Job, der Dich geistig nicht fordert und bei dem Du wahrscheinlich nicht mehr weiterkommst, aber Dich doch immer gut ernährt? Als intelligenter Mensch ist es meistens so, dass einen der Job intellektuell nicht fordert. Ist bei mir auch so. Werde mich bemühen meine Posten zu wechseln, der fordert mich dann sogar noch weniger, aber wird eben besser bezahlt.

Du kannst Dir doch intellektuelle Anregung in Deiner Freizeit holen?
Offensichtlich ist es so, dass Dein Job gegenwärtig Dein einziger Lebensinhalt ist und der ist unbefriedigend. Ich würde mir Gedanken machen wie es dazu gekommen ist, denn ich denke es war nicht immer so?! Wo sind alle die Hobbies und Interessen hin, oder hattest Du noch nie welche? Wenn nein, dann wirds aber Zeit.

Und ich würde versuchen mir Säulen neben dem Job zu suchen. Es kann sein, dass beim Job keine große Verbesserung mehr zu erzielen ist. Aber ist doch egal. Hauptsache bringt Geld. Aber die Säulen neben dran, Hobbies, Interessen, Freunde, Frauen, die kannst Du verbessern.

Wenn Du in einer größeren Stadt wohnst, gibt es immer wieder Single-Events. Face-to-Face ist z.B. so ein Anbieter. Probiere das mal aus. Melde Dich bei den Partnerbörsen im Internet an. Probiere das aus. Werde locker. Versuche ein paar Chicks klarzumachen. Mach einfach worauf Du Lust hast. Überlege was Dir mal Freude bereitet hat und wo diese Freude hin ist. Versuche diese Freude wieder zu aktivieren.
 

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