Hallo Selinna,
danke für Deine aufrichtigen und offenen Worte. Es ist nicht leicht, sich so etwas einzugestehen, vor allem, wenn man selbst nicht so gut dabei "weg kommt".
Offenbar trägst Du einen großen Groll in Dir und hast einige falsche Entscheidungen getroffen. Für Kompromisse scheint mir die Zeit, nach Deinen eigenen Worten, abgelaufen zu sein. Du möchtest am liebsten das Rad der Geschichte zurückdrehen und so manches ungeschehen machen und weist selbst, dass das nicht geht. Ein "gutes Zureden" scheint angesichts Deines Zorns zu wenig zu sein.
Zwei Themenkreise gilt es ganz sachlich und nüchtern zu klären, um einer Lösung näher zu kommen:
1. Wäre Dein Ex-Mann bereit und in der Lage, seinen Sohn zu sich zu nehmen und geht es ihm dort gut?
2. Wie viel Kontakt willst Du noch zu Deinem Sohn?
Wenn Du Deinen Zorn und Deine Ablehnung gegen Deinen Ex-Mann auf Deinen Sohn überträgst, und das tust Du bereits, dann musst Du entweder ganz schnell lernen, zwischen Deinem Sohn und Deinem Ex-Mann zu unterscheiden (=Therapie), oder Du musst zwischen Dir und Deinem Sohn Abstand schaffen. Ich formuliere das bewusst so "kühl" wie möglich, weil mir Kinder sehr am Herzen liegen. Ich wiederhole mich, aber es ist furchtbar für ein Kind, wenn es von den Eltern für deren Fehler und falsche Entscheidungen auf die Dauer verantwortlich gemacht wird. Du scheinst mir noch nicht genug Selbstreflektion zu besitzen, als dass Du diese Unterscheidung wirklich treffen und leben könntest. Das an sich selbst zu erkennen, ist schon einmal ein großer und wichtiger Schritt, aber nur der Anfang.
Ich kann verstehen, dass Du auf Deinen Ex-Mann wütend bist. Es ist schon erschreckend, dass manche Paare die gegenseitige Fähigkeit, einander seelisch zu verletzen doch nicht von einer Beziehung abhält. Aber zumindest sollte einen die Vernunft eines Erwachsenen dazu veranlassen, vernünftige und liebevolle Regelungen für das gemeinsame Kind zu finden und sich so lange "zusammenzureißen".
Wenn Du also wirklich von Herzen Mutter bist, dann redest Du mit Deinem Ex-Mann und stehst zu dem, was nun einmal Deine Situation ist. Und Du entscheidest VOR DIESEM GESPRÄCH, was DU bereit bist zu tun. Machst Du eine Therapie, die Dir hilft, DEINEN MIST DEINER Ex-Beziehung von Deinem Sohn und seinem Leben fernzuhalten? Wenn Nein, dann wird es Zeit, Deiner Illusion von der "Über-Mutter" Lebewohl zu sagen.
Ich verstehe auch, dass Deine Eltern den Kontakt zu ihrem Enkel nicht verlieren möchten. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, dass Dein Ex-Mann diesen Kontakt weiterhin unterstützt? Auch für ihn ist eine weitere "Anlaufstelle" sicher immer wieder von Vorteil, wenn es mit Terminen mal wieder knapp wird.
Es scheint mir, dass Dich falscher Stolz dazu bringt, keine Entscheidungen zu fällen und das ist in Deiner Situation sehr verantwortungslos, denn Dein Sohn muss das alles ebenfalls ertragen. Wenn Du schon solche Worte findest, glaubst Du wirklich, Dein Sohn könnte das nicht sein ganzes Leben lang spüren?
Es wird höchste Zeit, dass Du Dein Wunschdenken durch verantwortungsvolle Entscheidungen ersetzt und wirklich in Dein Herz siehst, wie viel Liebe für Deinen Sohn darin zu finden ist. Du musst ja den Kontakt zu Deinem Sohn nicht komplett abbrechen und aus seinem Leben verschwinden, aber vor Deinem Hass solltest Du ihn schützen, ob in seiner Nähe oder aus der Entfernung.
Es stehen einige schwerwiegende Entscheidungen an, um die ich Dich nicht beneide. Hier ist Dein Herz als Mutter gefragt, und erst in zweiter Linie Dein Verstand. Du kannst Lösungen finden, die gute Kompromisse sind oder zumindest das kleinere Übel. Leicht ist es in keinem Leben.
Alles Gute