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Geliebte Mutter, verhasster Schmerz

Soluna

Neues Mitglied
Guten Abend,

zu erst, um die Höflichkeit zu wahren, möchte ich mich vorstellen, ist ja schließlich mein erster Beitrag hier. Ich heiße Jasmin und wohne in Nordhrein-Westfalen... Ich bin 20 Jahre alt und mache ein Praktikum als Krankenschwester auf einer Station, wo das Durchschnittsalter 60+ beträgt ... Der Tod geht also auch gerne an meinem Arbeitsplatz rum ...

Ich weiß gar nicht wie ich anfangen soll, ich hatte gerade einen sehr schlimmen Streit mit meinem Partner... Ich war heute sehr merkwürdig, meint er ... Ich habe viel geweint, konnte die Nacht nicht schlafen und habe heute auch nicht die Arbeit besucht. Gerade, als er einen Freund nach Hause bringen wollte, hat er mich sporadisch verabschiedet und ich schloss die Tür, er sah aber wohl die Tränen in meinen Augen und machte mir Vorwürfe, ich würde ihm eine Szene machen und so weiter. Er denkt, ich weine, weil er den Abend ohne mich verbringen will. Aber das stört mich gar nicht. Nur, fällt es mir schwer, ihm zu sagen, dass heute der Todestag meiner Mutter ist. Ich bringe es nicht übers Herz, ich habe Angst, er denkt, es sei eine Ausrede weil ich wirklich sehr große Verlustängste habe. Aber das ist eine anderere Geschichte.

Meine Mutter war damals schon 39, als sie mich bekam, ich war ungewollt und ihr 3. Kind. Kurz nach meiner Geburt wurden Metastasen in ihrer Brust entdeckt, erstmal positiver Natur, später, wegen der Streitsucht meines Vaters, wurden sie bösartig. So weit so gut, es hieß, sie würde Glück haben, nach 7 Jahren schafften wir es auch von zu Hause weg, meine Mutter und ich. Sie hielt, merkwürdigerweise, durch, bis wir alleine wohnten. Dann ging es richtig los, eine Chemotherapie nach der anderen, ich war immer öfter alleine daheim und machte "Unfug". Später lernte sie jemanden kennen und wir zogen mit ihm zusammen... Zu dem Zeitpunkt war der Krebs schon ein Teil von ihr, man hatte ihr beide Brüste abgenommen und sich etwas in plastischer Chirurgie versucht, um es so aussehen zu lassen, als ob meine Mama noch ganz normal wäre. Später wurden ihr die Lymphdrüsen aus den Achseln entnommen, und ihre Arme schwollen an ... Überall Metastasen ... Ich habs echt nicht ausgehalten, habe sie gemieden, ihre Wunde war später immer offen und sie war bettlegrig, musste ich ins Badezimmer, musste ich durch das Schlafzimmer gehen und ich habe den Anblick meiner Mama nie ertragen können. Mit 9, glaube ich, fing ich an, mich daran zu gewöhnen und versorgte sie auch mit neuen Mullkompressen etc, ich schlief gerne neben ihr im Bett, wenn ihr Säuferkerl wieder auf der Schwoper war, ... Das hielt ich 2 Jahre durch, hatte mich schon beinahe daran gewöhnt. 2001 kam meine Mama dann, wie schon oft zwischendurch, wieder ins Krankenhaus, ich dachte natürlich, sie kommt zurück ... Ich war so dumm...
Meine gesamte Verwandschaft aus allen Teilen Deutschlands kam angereist, ich bin von meinem "Stiefvater" zum Zelten an den Dorfsee geschickt worden... Irgendwann, ich weiß nicht mehr wann, sagte ein Kind dort zu mir: "Haha, Deine Mutter ist tot!" ... Es klingt grausam, aber ich kann mich daran noch erinnern als wäre es gestern passiert... Ich meinte zu ihm (er hieß Ole und wohnte in der selben Straße wie ich) dass er spinne und meine Mutter nur noch einmal operiert wird und dass extra meine Familie gekommen ist, um den Geburtstag meiner Mama zu feiern und obendrein zu feiern, dass der Krebs besiegt ist. Ich habe das wirklich geglaubt, ich lief nach Hause und hakte erst einmal nach, beschwerte mich über Ole und ließ gut sein, ich "wusste es ja besser".

Als ich vom Zelten nach Hause kam, saß meine Familie (Oma, Schwester, Tante, Onkel, Cousin) in der Stube, meine Patentante war in der Küche und kochte ihre supergeniale Pasta.... Es roch wirklich fantastisch, meine Stimmung war sowieso gut weit oben, weil mir weiß gemacht wurde, meine Mama werde gesund, ist doch prima! Meine Oma unterhielt sich angeregt mit meiner Schwester, sie stritten fast, als ich hereinkam... Ich setzte mich neben meinen Cousin, und plapperte über das Zelten ... Bis meine Oma fragte: "Wann beerdigen wir sie eigentlich?" .... Ich war völlig geschockt, traute meinen Augen kaum, bis meine Oma gemerkt hatte, was sie angestellt hatte, war es schon zu spät und ich rannte brüllend in mein Zimmer ... Solche Schmerzen hatte ich noch nie, das ist schwer zu beschreiben ... Mein Cousin versuchte durch die Tür auf mich einzureden, aber ich verbarrikadierte mich bis tief in den Nachmittag ... Irgendwann bin ich einfach zum Sportplatz gerannt, abgehauen, einfach weg ... Nach mehreren Stunden hatte mein Cousin mich gefunden und redete auf mich ein. Ich wollte es immer noch nicht glauben.

Auf der Beerdigung, die war erst ziemlich spät, meine Mutter ist im Februar 2001 verstorben und im Sommer war erst die Beerdigung. Meine Mama war ein sehr interessanter Fall für die Ärzte und so zog sich alles ziemlich hin, bis wir schließlich nur noch die Urne zur Beerdigung vor uns stehen hatten ... Meine Schwester und der Rest meiner Familie, sogar mein Bruder, weinten, als hätten sie einen Seefassung Wasser in ihren Augen. Nur ich konnte nicht... Ich war irgendwie verbittert, verstört und traurig zu gleich, sauer auf meine Familie, wütend über meine eigene Blödheit und absolut UNFÄHIG zu weinen. Ich hatte so einen großen Klos im Hals, Druck im Gesicht, ich fühlte mich leer, aber ich konnte nicht weinen. Partout nicht.

Ein paar Monate nach der Beerdigung hat meine Schwester die Pflegschaft über mich bekommen. Ab diesem Zeitpunkt lebte ich mit ihr zusammen, 9 Jahre lang.

Ich denke, ich weiß, wo mein Problem liegt... Ich konnte all die Jahre meiner Trauer keinen Ausdruck verleihen, weil meine Schwester stets die Verdrängungstaktik anwandte und jegliche Gespräche über Mama oder Trauer meinerseits entweder ignorierte, oder vollkommen ablehnte. Also fraß ich es in mich hinein, jetzt kommt es raus und ich weiß nicht, wie ich damit klar kommen soll. Ich mache das Praktikum im Krankenhaus, weil ich in bald anfangen möchte, zu studieren... Ich möchte gerne Ärztin werden und damit so vielen Menschen wie möglich das Leid ersparen, was meine Mutter durchgemacht hatte. Meine Angst ist, dass ich auch später, sei es nach dem Studium oder schon in ein paar Monaten, wieder mit dem Tod in Berührung komme werde und ihn aus medizinischer Sicht sehen muss. Ich fühle mich dem nicht gewachsen ...

Es tut mir leid, dass ich so superviel dazu geschrieben hab. Es musste einfach mal raus, ich halte diese Gedanken nicht länger aus, ich habe das Gefühl, bald keine Tränen mehr weinen zu können, weil ich leergepumpt bin ... Und was nach der Trauer kommt, wenn ich sie nicht überwinden kann, ist der Suizid oder die Flucht, und das möchte ich verhindern...

Vorweg: Mit einer Therapie habe ich es schon probiert, Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung mit anschließender Depression ... Aber Diagnosen und Medikamente helfen mir nicht. Nach 2 Jahren Therapie ist mir das klar geworden.

Falls das jemand lesen sollte, dankeschön ... Es hat gut getan, sein Herz auszuschütten...

Jasmin
 
jasmin
danke das du dieses geschrieben hast
ich finde es toll das du als kind so zu deiner mutter gehalten hast,
nein den jungen der das damals gesagt hat auch wenns weh tat vergiss es er war doch noch dumm und würde das heute auch nicht mehr so sagen.

nein gehe einfach zum grab deiner mutter und wenn es auch blöd anhört rede mit ihr erzähl ihr all deine probleme und wenn du weinst dann wein laut.
glaub mir nur du und der glaube an deine kraft wille wieder zu leben wird dich wieder stärken.
sprech bitte mit deinen freund offen und ehrlich über dein problem

ach und wenn du magst schreib mir einfach
weil....
 
Hallo Jasmin - oder sollte ich lieber Soluna sagen?

Zuerst druckst du diesen Thread mal aus und hältst ihn deinem Freund unter die Nase.

Und ich will stark hoffen, daß er dich dann ganz fest umarmt und dich nie mehr losläßt ...

Was und vor allem WIE du den Tod deiner Mutter in Erinnerung hast, ist wirklich furchtbar.

Höchste Zeit, daß das Ganze mal aus deinem Kopf herauskommt.
Man kann in ein volles Glas Wasser nicht noch mehr hineinkippen ...

Ich bin sicher, daß du mit deinem Schreiben einen Riesenschritt gemacht hast, um deine Vergangenheit aufzuarbeiten und in ein ordentliches Maß umzuwandeln.

Vergessen solltest du nichts. Allerdings gibt es auch niemanden, dem irgendeine Schuld aufzubürden wäre ...
Aber ich glaube, das weißt du ...

Nun ...
Bin überzeugt, daß ich gerade im Augenblick einer jungen Frau schreibe, die eine ganz fabelhafte Zukunft als Ärztin vor sich hat.
Bewahre dir bitte deine Träume und verschließe niemals die Augen.
Der Weg, den du suchst, ist steinig und hart.

Aber das Bild, das ich dir gerne einpflanzen möchte, sind Augen mit Freudentränen. Der Lohn für deine Mühe ...
Und solltest du mal wanken, so halte einem Moment inne.
Öffne deine Augen ...

Kannst du sie sehen - die Kerzen, die in den Fenstern stehen?
Kerzen der Hoffnung und des Wartens ...

Auf dich!
 
Weißt Du....... Ich denke, es ist normal, am Todestag traurig zu sein.

Bei mir geht es nicht um Trauer, es geht um eigene Gewalterfahrung - und ich habe das genaue Datum verdrängt. Also ist es nicht mal so, dass ich mir denke: oh, heute ist der X.X., heute ist der Jahrestag. Und trotzdem geht es mir in dieser Zeit schlecht - da kommen Erinnerungen hoch, da kommen Gefühle hoch. Und ich wundere mich, warum es mir schlecht geht und merke, dass da wieder der Jahrestag da ist.

Es ist jedes Jahr so. In den restlichen Zeiten geht es mir immer besser, aber am Jahrestag kommt alles wieder hoch.

Vielleicht kannst Du das einfach akzeptieren, dass es Dir an dem Todestag schlecht geht. Den Tag frei nehmen oder so......

Und wenn der Tod für Dich der Trigger ist, und Du trotzdem Ärztin werden willst, dann müßtest Du vielleicht nach dem Studium ein Fach wählen, wo Du nicht häufig mit Tod konfrontiert wirst, z.B. Präventivmedizin, Diabetologie oder so..... Auch so kannst Du vielen Menschen helfen.....
 
Danke euch allen ... Ich hab meinen Freund den Text lesen lassen und seitdem versteht er mich besser ... Meine Arbeit im Krankenhaus geht auch besser von der Hand, ich versuche mich etwas zu distanzieren, aber trotzdem einen Draht zu den Patienten aufzubauen. Es sind in der Zwischenzeit 2 Patienten gestorben, bei einer habe ich mich nach 5 Wochen Praktikum an die Sterbebegleitung rangetraut. Ich dachte zu erst, dass ich es nicht aushalten werde und habe mich eigentlich darauf eingestellt, dass es schief geht und ich wieder aus dem Zimmer muss. Aber ich bin bis zum Ende dageblieben und habe mit einer anderen Kollegin zusammen noch die Wäsche gemacht. Ich denke, es ist Zeit, nach so vielen Jahren, die Thematik Tod aufzuarbeiten und ihn nicht zu vergessen, sondern ihn zu verstehen und damit klarzukommen .. Ich hab das Gefühl, das war ein Riesenschritt. Danke für die vielen Ratschläge... Ich werde sie mir zu Herzen nehmen

Jasmin
 

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