Du wirkst ziemlich patzig mir gegenüber. So, als hätte ich kein Recht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen.
Ich sehe in meinem Beruf viele Menschen sterben. Schon allein, um diese Menschen und die Angehörigen so gut wie möglich begleiten zu können und um das selbst zu verarbeiten, setzt man sich mit dem Tod auseinander.
Für mich ist das -ausgehend von einem Todesfall in der Familie- schon immer ein schwieriges Thema gewesen, das ich jetzt auch in einer Gesprächstherapie thematisiere um damit besser zurecht zu kommen...
Wie auch immer, ich muss mich vor dir ja nicht rechtfertigen.
Natürlich interessiert es mich, warum du so feindseelig reagierst. Ich vermute mal, du bist mit dem Thema konfrontiert, kannst mit Geschichten/Sichtweisen wie dieser nichts anfangen und findest es unpassend, wenn jemand, der nicht direkt mit dem Tod konfrontiert ist, "nicht mitreden kann", eine solch verharmlosende Story postet.
Dazu kann ich dir sagen, dass das zitierte Buch auf realen Gesprächen mit einem schwerst kranken, sterbenden Menschen beruht, dessen Einstellung zum Tod ich sehr bewundernswert finde. Ob es mir in der konkreten Situation helfen würde, wenn ich oder einer meiner Angehörigen betroffen wäre, weiß ich auch nicht und sicher ist es auch generell nicht jedermanns Sache, aber das finde ich keinen Grund, hier so pampig zu reagieren.
Hallo Antoinette,
bitte entschuldige, dass ich diesen schlechten Eindruck erweckt habe.
Was mir an der Geschichte nicht gefällt, ist das Wahrnehmen der Sicherheit der Gemeinschaft (Ozean)
mit dem dadurch bedingten Abgeben meiner Verantwortung für mich (zerschellen als Teil des Ozeans).
Das Blatt ist eine andere Richtung, da die Erkenntnis einer scheinbaren Fähigkeit und die Realität oft zu einem Absturz führen.
Das Ergebnis ist zwar dasselbe, aber im ersten Fall dadurch, dass ich meine Verantwortung in die mich umgebende soziale Struktur gelegt habe.
Im Zweiten Fall schlicht durch Fehleinschätzung meiner Situation.
Bitte versteh dies nicht als Angriff oder Kritik oder wie auch immer.
Ich versteh ja, dass der Umgang mit dem Tod für Dich eine Belastung ist und dass die Geschichte ein kleines Floß im Strudel der Gefühle darstellt.
Aber dadurch, dass ich Gevatter Tod schon die Hand geschüttelt habe, habe ich eine sehr viel entspanntere Einstellung zu ihm.
Ich erzähl Dir meine Geschichte, die erklärt viel:
1979 hatte ich eine Totalamnesie durch eine Hirnblutung auf Grund eines Unfalls .
Nach ca. 18 Tagen wusste ich wieder wer ich war und ging nach Hause.
Durch einen kleinen Zufall gewann ich meine mentale Kraft wieder und versuchte in die vorher angestrebte Ausbildung einzusteigen, was mir auch einigermaßen gelang.
Dann kam das Leben.
2000 kam der zweite Zwischenfall. Dass ich mich davon körperlich erholt habe war medizinisch nicht vorhersehbar.
Dann kam wieder das Leben .
Im Großen und Ganzen hatte es die Form einer Sinuskurve:
Die Fläche über dem jeweiligen Zeitabschnitt (für x =t) stieg und sank, im Positiven wie im Negativen.
Und jetzt nähert sie sich gerade von unten der x-Achse und dieser Schnittpunkt wird dann der Endpunkt sein.
Ich habe meinen Frieden gefunden, mit dem Leben und dem Tod.
Diese symbolische Erklärung muss reichen. Ich will hier mein Leben, meine Gefühle u.s.w. nicht vollständig ausbreiten.
Es gibt nur einen Menschen, der ich alles anvertraut habe: meiner Bestatterin.
Wir hatten eine schöne Zeit zusammen und sie ist die einzige Frau, die ich zu meiner Bestattung eingeladen habe, nicht nur berufswegen.
Ansonsten lebe ich den Tag, gelegentlich in Erinnerungen und hie und da braucht auch jemand Hilfe mit seinem Computer und bringt mir seinen Patienten.
Das ist dann mein gutes Werk im jeweiligen Monat.
Wie Du siehst, ein ruhiges Leben, das ich i.a. völlig entspannt genießen kann.
Der einzig unangenehme Punkt sind die Schmerzen.
Mein Körper hat sich gegen dieses Leben gewehrt und mir öfter zu erkennen gegeben, dass ihm soviel Stress nicht gefällt.
Dabei ist immer der schwächste Punkt in der Kette zerbrochen.
Zuerst die Atmung ( Morbus Boeck, rezidiv!), dann die Verdauung ( Colitis ulcerosa) und weil ja auch das Gehirn (MDE30%) geschädigt wurde, hat auch die Steuerung Probleme.
Die mechanischen Schäden (Knie - MDE20%) und der nicht behandelte Leistenbruch schränken auch die Belastbarkeit ein wenig ein.
Um nun nicht der Sklave von Medikamenten ( Cortison u.s.w.) zu werden, habe ich schon 1989 damit Schluss gemacht.
Anfänglich hat sich der Körper dafür bedankt! Aber jetzt ist er nicht mehr Herr seiner selbst.
Und da Anfang Mai alle Termine, die ich aus Rücksicht auf andere noch überleben musste, vorbei sind, freue ich mich geradezu darauf, sterben zu dürfen.
Es wäre zwar schön gewesen, diese Zeit nicht allein verbringen zu müssen.
Aber es ist ja auch zu verstehen, dass es nicht angenehm ist, den, den man liebt, so zu verlieren.
Dazu gehört noch mehr Kraft, als zum Streben.
Und warum soll ich das einfordern? Wäre ganz schön herzlos, oder nicht?
Deshalb bin ich allein. Und zu wissen, dass es meinem Schatz gut geht, ist schön.
Also liebe Antoinette, wie Du richtig vermutet hast, bin ich mit dem Thema konfrontiert.
Und ich bitte Dich noch mal um Verzeihung, dass ich den Eindruck erweckt habe, feindselig zu reagieren.
Es gibt verschieden Wege dem Tod zu begegnen.
Ich freu mich drauf.
Dir, liebe Antoinette wünsche ich, dass Du die Kraft findest, mit Leben und Tod zurecht zu kommen.
Ganz liebe Grüße.