S
StadtundLandneurotiker
Gast
Hallo zusammen!
ich muss mir jetzt einfach mal den Frust von der Seele schreiben. Ich möchte gerne, so weit wie möglich, anonym bleiben, daher hab ich mich auch nicht angenmeldet.
Ich bin 29m und Jurist und Politikwissenschaftler, arbeitslos, verheiratet. Dennoch gibt es da einige "Baustellen", die mir schon seit längerer Zeit zu schaffen machen. Vielleicht bin ich unreif, neurotisch, zu verwöhnt oder ängstlich, ich weiß es nicht.
1. Baustelle: Beruf:
Im Juli sind es fast 2 Jahre nach meinem 2. Universitätsabschluss 2010, ein Bachelor in Rechtswissenschaften. Zum diesem Abschluss (2er Schnitt) gesellt sich noch ein gestandenes Diplom in Politikwissenschaften (1er Schnitt). Ja, ich weiß, anderen geht es auch so, aber ich glaube langsam durchzudrehen: Ich schaffe einfach den Berufseinstieg nicht, d.h. ich bin seit ca. 2 Jahren (September 2010) auf Jobsuche bzw. arbeitslos und halte mich mit Praktika oder Nebenjobs über Wasser. Am Anfang war mir nicht genau klar, wohin die Reise geht, seit einem Praktikum, das ich von Sept '11 bis diesen März in Berlin bei einer NGO absolvierte, ist aber klar: PR/Marketing/Kommunikation. Das ist ein Bereich, den kann ich einfach. Reden, gestalten, konzipieren, schreiben, Kontakte pflegen, Kunden betreuen, Ideen ausarbeiten.
Seit September 2010 habe ich sicher an die 800-1000 Bewerbungen mit zirka 20 Bewerbungsgesprächen gehabt. Allein diese Woche hatte ich zwei Interviews (beide in PR-Agenturen), auf deren Ergebnis ich wieder mal voller Hoffnung warte.
Mein Tagesablauf sieht so aus, dass ich um ca. 8 Uhr aufstehe, dann Joggen gehe, Jobbörsen durchsuche. nachmittags bis abends dann Bewerbungen schreiben, Blindbewerbungen, Anfragen, Emails an Unternehmen etc., d.h. ich schöpfe jede Möglichkeit aus und bin sehr gut organisiert.
Wie gesagt, bin ich September 2011 für ein Volontariat bei einer internationalen Organisation von Süddeutschland nach Berlin gezogen. Natürlich in der Erwartung, ich würde übernommen werden. Unter wirklich extrem hoher Einsatzbereitschaft bei gleichzeitiger Zurückstellung privater Bedürfnisse (habe mich im August 2011 verlobt; an dieser Stelle: Danke an Air Berlin, Ihr seid ein tolles Fernbeziehungstaxi! 😉), habe ich alles gegeben. Mein Abteilungsleiter sowie meine Kollegin waren das Beste was mir passieren konnte. Auch das internationale Team - menschlich wie professionell einsame Spitze. Meine (damals) Verlobte und ich hatten schon Pläne ausgemalt: nach Berlin ziehen – sie studiert an der FU weiter usw.
Um es kurz zu machen: Mir wurde keine Festanstellung in Aussicht gestellt. Ich hätte meinen Vertrag verlängern können, aber wegen meiner Verlobten (gemeinsmer Lebensmittelpunkt), habe ich dann abgelehnt.
Interessantes Detail: Heute habe ich von meiner ehemaligen Kollegin, die in einer anderen Abteilung gleichzeitig mit mir als Volontärin eingestellt wurde, dass die Organisation, meine ehemalige Stelle und meine Nachfolgerin in eine Festanstellung umgewandelt haben.
Habe ich das "Falsche" studiert? Bin ich inkompetent? Ich habe langsam kein Selbstbewusstsein mehr, fühle mich wertlos. Ich war mein ganzes Leben zielstrebig. Abi, Bundeswehr, zwei Studien gleichzeitig, neben Abi und dem Studium immer wieder arbeiten. Klar, andere junge Leute haben mit 29 schon Auslandssemester, Weltreisen...Parties und alles gemacht. Wirklich richtig "gelebt" habe ich bis jetzt noch nicht. "Ohne Moos nix lo(o)s" 😉
2. Baustelle: Keine Freunde/soziale Isolation:
Ich weiß genau über dieses Problem Bescheid und weiß wie ich das ändern kann, aber...siehe Punkt 3. Seitdem die Beziehung mit meiner 1. großen Liebe (7 Jahre Beziehung), mit der ich einen großen gemeinsamen Freundeskreis hatte, beendet habe (sie ist fremdgegangen, ich habe sie aus der gemeinsamen Wohnung geworfen), habe ich - de facto - keine Freunde mehr. Klingt blöd, ist aber so. Meine beste Freundin ist wieder nach Bosnien gezogen und mein Bruder ist mit Beruf und Familie sehr eingespannt. Erst vor 2 Monaten hat mein bester Freund mir per Mail mitgeteilt, er wolle mit so einer schlimmen Person wie mir nichts mehr zu tun haben. Die Tatsache, dass die einzige männliche Freundschaft, die mir je etwas bedeutet hat, beendet wurde, hat mich schwer getroffen. Insgesamt fühle ich so eine große Enttäuschung!
Den einzigen Kontakt zu anderen Leute, außerhalb der Familie, habe ich zum Freundeskreis meiner jetzigen Frau. Die sind ganz lieb und kennen meinen Hintergrund und stehen voll zu mir. Sie haben für mich extra sogar einen Polterabend organisiert. Leider stimmt eben die Chemie, was Hobbies usw. betrifft, mit ihrem Freundeskreis nicht so. Einen neuen besten Freund kann ich mir ja nicht im Supermarkt aussuchen. Mein alter Freund war einzigartig. Eine Band habe ich auch nicht mehr. Da ich wegen der Trennung von meiner Ex bei einem Auftritt einen Wutanfall hatte, haben sie mich gnz zurecht rausgeworfen. Den Fehler gestehe ich heute absolut ein. Sie konnten ja nix für den psychischen Vollschaden meiner Ex (manisch/depressiv). Das heutige Verhältnis mit meinen Musikerfreunden ist sehr schwierig, da mit meinem Ableben als Schlagzeuger die Band einige Monate später auseinandergebrochen ist. Wer Musiker ist, kennt solche Situationen vielleicht.
Ich hatte immer Leute um mich und war permanente Anrufe, Besuche, gemeinames PS3 spielen, usw. gewöhnt. Wenn ich nicht bei meiner Frau bin, sitze ich zu Hause in meinem alten Kinderzimmer und mein Handy bleibt still (außer ich telefoniere mit meinem Bruder). In Berlin habe ich neue Kontakte geknüpft und das Gefühl endlich wieder coole Leute um mich herum zu haben. Da ich aber wieder weggezogen bin, sehe ich da wegen der Entfernung keine Zukunft.
Meine Diplomarbeit sollte ich auf anraten meines Professors als Buch veröffentlichen, jedoch war der potenzielle Co-Autor die Schwester meines besten Freundes und gleichzeitig die beste Freundin meiner Ex. Das Projekt habe ich aufgegeben.
3. Baustelle - Keine eigene Wohnung mehr:
Leider kommt hier öfter meine Ex-Freundin vor, sie war leider 😉 während des kompletten Studiums, in meiner Band/Freizeit/Freundeskreis wesentlicher Bestandteil meines Lebens (7 Jahre Beziehung). Als mein Politikstudium in den letzten Zügen war, bekam ich nach meinem Pflichtpraktikum in der Stadt in der ich studierte, eine Stelle als wissenschaftlicher/freier Mitarbeiter angeboten. Ich hab dann neben dem Studium fast Vollzeit gearbeitet und recht gut verdient. Ich bin dann endlich von einem bayrischen Kaff in meine erste Wohnung gezogen. Es war die geilste Zeit meines Lebens bisher: Eigene Wohnung, viele Freunde, Unabhängigkeit. Meine Ex hat zu dieser Zeit in derselben Stadt bei ihren Eltern gewohnt - und ihr ging es mit ihnen immer schlechter mit ihrer Wohnsituation. Zumal meine Ex-Schwiegereltern mich hassten.
Ich hab dann schweren Herzens meine alte Wohnung aufgegeben und bin mit einer Ex in eine neue Wohnung gezogen. Die für Studentenverhältnisse sehr teure Miete haben wir uns geteilt. Meine Eltern haben trotz ihrer mickrigen Renten SEHR viel in uns investiert, weil sie dachten, wir würden irgendwann heiraten usw. Naja, es kam dann der größte Schock meines Lebens. Wir haben genau 10 Tage zusammen gewohnt, bis mir die Schwester meines Bruders mitgeteilt hat, dass meine Ex Sex mit einem anderen hatte. Naja jedenfalls habe ich dann meine Wohnung verloren, den Job bei der Stadt (hatte GENAU in dieser Woche das wichtigste Projekt total versaut) und meine Freunde – alles! Bin dann mit einem Burnout psychotherapeutisch behandelt worden und zu meinen Eltern gezogen. Bis heute stehen meine ganzen Möbel im Keller.
Natürlich habe ich versucht, eine neue Wohnung oder WG zu bekommen, aber es hat einfach nicht geklappt. Ich wäre ohnehin in 6 Monaten mit meinem Jurastudium fertig geworden und in DIESER Stadt wollte ich nicht mehr bleiben (meine Frau wohnt in einer anderen Stadt). Ich konnte mich nirgendwo mehr blicken lassen: In meiner Stammbar wurde ich rausgeworfen, auf der Uni hat man mich angeschaut als wäre ich ein V***. Ja, es ist eine kleine Stadt. Jeder kennt jeden. Ihr müsst wissen: Meine Ex hatte einen (Universitäts-)politisch hohen Job und überall ihre einflussreichen Freunde sitzen. Heute würde man sagen: Sie hat mich "Ge-Kachel-Mannt". 😉
Hier im Kaff meiner Eltern komme ich ohne Auto nirgendwo hin, kenne niemanden, es gibt keine Möglichkeiten für junge Leute bzw. nicht für Akademiker. Klingt ein bisschen arrogant und herablassend...sorry.
Durch den abrupten Kontaktabbruch mit allen Freunden/Bekannten usw., die ich in dieser Stadt hatte, besitze ich jetzt natürlich auch kaum Kontakte für die Berufswelt. Meine Familie hat mir mal vorgeworfen, ich hätte mein Leben zu sehr auf meine Ex und meine Freunde dort ausgerichtet. Ja. Und ich bereue es nicht. Ich meine, sie wollte mich heiraten und mein bester Freund mit mir eine Firma gründen.
4. Kein Geld:
Natürlich habe ich in den 2 Jahren immer wieder gearbeitet. Ich bin mir wirklich für nichts zu schade, aber als Akademiker mit 2 Abschlüssen in einem Callcenter zu arbeiten. Bei den „sehr kompetenten“ Mitarbeitern vom Arbeitsamt war ich schon. Da ich die meiste Zeit in Österreich studiert/gearbeitet habe, dazu meist geringfügig oder auf Werkstudentenbasis, habe ich keinerlei Ansprüche auf Arbeitslosengeld, weder in Österreich noch in Deutschland. Der Typ in Österreich hat gemeint, ich hätte noch nie in meinem Leben gearbeitet, und "solle was gescheites lernen, wie Elektriker oder Maurer". In Berlin habe nur 1/2 Jahr einbezahlt. Auf Hartz IV habe ich laut Sozialgesetzbuch keinen Anspruch. Da ich bei meinen Eltern Unterkunft und Essen habe, gibt es nichts vom Staat. Sie unterstützen mich zwar wo es geht, aber insbesondere die Bahnfahrten und Aufenthalte zu den Bewerbungsgesprächen kosten sehr viel Geld. Die meisten potenziellen Arbeitgeber erstatten gar nichts. Die Beratungen auf der Arbeitsagentur sind ein Witz. Immer wieder höre ich, ich hätte doch "was technisches oder mit IT" studieren sollen. Und ich sei "zu überqualifiziert" für einfachere Berufe und durch meine fehlende Berufspraxis zu "unterqualifiziert", z.B. als Consultant oder PR-Berater.
5. Beziehung leidet und Punkten 1-4:
Ich und meine Frau sind es langsam leid "arm" zu sein. Sie ist Spanierin und seit ca. 5 Jahren in Deutschland. Sie studiert in einer Stadt - ca. 200km von hier entfernt. Hab ich schon erwähnt, dass sie der hübscheste, liebste und intelligenteste Mensch ist, den ich kenne? So wie ich, hat sie ihr ganzes Leben nur gearbeitet und gelernt und will endlich mal "Ergebnisse" sehen. Meine Arbeitslosigkeit und die Ungewissheit machen auch unserer Beziehung zu schaffen. Sie studiert und hat 2 Jobs damit sie sich die WG, in der sie wohnt, leisten kann. Ich meine sie zieht ihr BWL-Studium in 4 Jahen mit Teilzeitarbeit durch, und das in einer fremden Sprache! Nach Spanien will sie natürlich nicht. Ihr kennt ja die Situation dort. Ihre Eltern sind auch - arm.
Wir haben uns trotz aller Probleme entschieden zu heiraten, weil wir uns lieben. Die Hochzeit war klein, aber schön. Wir haben das einfach als Erfolgserlebnis gebraucht…
6. Meine Oma:
Von ihr könnten meine Frau und ich finanzielle Unterstützung erhalten. Auch würde ich meiner Frau mal gerne einen Urlaub gönnen. Aber meine Oma ist im Gegensatz zu meinen Eltern voll gegen die Ehe mit meiner Frau und meinte immer noch, dass meine Ex "ein gutes Mädchen" (womit sie, deutsch und blond meinte) sei. Ich habe also jetzt keinen Kontakt mehr zu meiner Oma. Sie kann ja meine Ex heiraten 😉
Ich tu meinen Eltern leid. Vor allem meinem Vater, der immer zu mir gehalten hat und stolz auf mich ist. Er sagt, ich würde länger warten müssen, aber dafür den besten Job bekommen. Ich will ja arbeiten und zeige viel Engagement - so wie in Berlin. Meine Beziehung ist fast an dem 1/2 Jahr Fernbeziehung zerbrochen. Ich will nicht mehr, dass meine Frau arbeitet, sondern sie soll sich auf ihr Studium konzentrieren. Wir führen auch jetzt eine Fernbeziehung. Glaubt mir, ich habe schon versucht, Jobs in ihrer Stadt zur "Überbrückung" zu bekommen. Als PR-Assistent, als Rechtsgehilfe, Veranstaltungsorganisator, Telefonkundenbetreuer, Kellner - kann ich alles. Es ist wie verhext. Ich bilde mich ständig weiter. Indesign, Photoshop. Ich spreche Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und habe jetzt noch gemeinsam mit meiner Frau Russisch angefangen.
Nächstes Jahr werde ich 30, meine Frau 31. Wir wollen auch bald Kinder und eine Familie gründen. Seit wir uns vor ca. 2 Jahren kennen lernten meinte sie noch, ich würde sofort einen Job bekommen.
Sorry, dass alles so lang geworden ist. Heute fühle ich mich einfach nur depressiv. Während andere mit ihren Autos wegfahren und Essen gehen, sitze ich zu Hause bei meinen Eltern während meine Frau kellnert. Wir haben auch öfter Streit als früher, alles nur wegen dem Thema Studienstress (bei ihr) und Arbeitslosigkeit (bei mir). Dazu noch die Fernbeziehung.
Meint ihr, ich habe im Leben was falsch gemacht? Es hieß immer: Lerne fleißig in der Schule (jaja) und mach z.B. ein Studium (jajaja), dann bekommst du später einen tollen Job.
Inzwischen bin ich gegenüber allem gleichgültig. So wie der Protagonist meines Lieblingsbuches von Albert Camus „Der Fremde“.
Klar, ich wollte eigentlich Medizin oder Architektur studieren. Aber ich hatte auf einem bayrischen Gymnasium nur einen 3er Schnitt erzielt. Da hätte ich 2-3 Jahre auf einen Medizin-Platz warten müssen. Wieso nur 3er Schnitt? Meine 1. Freundin ist als ich 18 war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da bin ich im Abi etwas abgestürzt… Klingt als hätte ich für alles, was ich im Leben nicht erreicht habe, eine Ausrede parat: 1. Freundin tot, Eltern arm, Ex hat mich fertig gemacht usw.. Das habe ich mir von einer Psychologin, die meine Burnout-Depression behandelte, anhören müssen. Ich habe die Psychologin damals gefragt, ob sie ihr Diplom im Lotto gewonnen hätte. Also der Tot eines geliebten Menschen könnte schon Ursache für eine postraumatische Belastungsstörung gewesen sein...
Ich will keine Lebensweisheiten oder Tipps hören. Meine Frau und ich haben schon alles probiert und ausgeschöpft. Ich gebe mir immer wieder die Schuld für meine Situation: Hättest du doch die lange Zeit auf einen Studienplatz gewartet, hätte ich doch meine Freundin damals abgeholt…hätte…hätte…
Ich habe alles, so wie es passiert ist, akzeptiert. Vergangenheit ist Vergangenheit. Meine Frau meint, wir sollen in die USA auswandern, weil ihrer Ansicht nach dort Leistung und Einsatzbereitschaft im Gegensatz zu hier wirklich zählen. Nachdem was mir bisher passiert ist, fällt es mir aber schwer Entscheidungen zu treffen…
ich muss mir jetzt einfach mal den Frust von der Seele schreiben. Ich möchte gerne, so weit wie möglich, anonym bleiben, daher hab ich mich auch nicht angenmeldet.
Ich bin 29m und Jurist und Politikwissenschaftler, arbeitslos, verheiratet. Dennoch gibt es da einige "Baustellen", die mir schon seit längerer Zeit zu schaffen machen. Vielleicht bin ich unreif, neurotisch, zu verwöhnt oder ängstlich, ich weiß es nicht.
1. Baustelle: Beruf:
Im Juli sind es fast 2 Jahre nach meinem 2. Universitätsabschluss 2010, ein Bachelor in Rechtswissenschaften. Zum diesem Abschluss (2er Schnitt) gesellt sich noch ein gestandenes Diplom in Politikwissenschaften (1er Schnitt). Ja, ich weiß, anderen geht es auch so, aber ich glaube langsam durchzudrehen: Ich schaffe einfach den Berufseinstieg nicht, d.h. ich bin seit ca. 2 Jahren (September 2010) auf Jobsuche bzw. arbeitslos und halte mich mit Praktika oder Nebenjobs über Wasser. Am Anfang war mir nicht genau klar, wohin die Reise geht, seit einem Praktikum, das ich von Sept '11 bis diesen März in Berlin bei einer NGO absolvierte, ist aber klar: PR/Marketing/Kommunikation. Das ist ein Bereich, den kann ich einfach. Reden, gestalten, konzipieren, schreiben, Kontakte pflegen, Kunden betreuen, Ideen ausarbeiten.
Seit September 2010 habe ich sicher an die 800-1000 Bewerbungen mit zirka 20 Bewerbungsgesprächen gehabt. Allein diese Woche hatte ich zwei Interviews (beide in PR-Agenturen), auf deren Ergebnis ich wieder mal voller Hoffnung warte.
Mein Tagesablauf sieht so aus, dass ich um ca. 8 Uhr aufstehe, dann Joggen gehe, Jobbörsen durchsuche. nachmittags bis abends dann Bewerbungen schreiben, Blindbewerbungen, Anfragen, Emails an Unternehmen etc., d.h. ich schöpfe jede Möglichkeit aus und bin sehr gut organisiert.
Wie gesagt, bin ich September 2011 für ein Volontariat bei einer internationalen Organisation von Süddeutschland nach Berlin gezogen. Natürlich in der Erwartung, ich würde übernommen werden. Unter wirklich extrem hoher Einsatzbereitschaft bei gleichzeitiger Zurückstellung privater Bedürfnisse (habe mich im August 2011 verlobt; an dieser Stelle: Danke an Air Berlin, Ihr seid ein tolles Fernbeziehungstaxi! 😉), habe ich alles gegeben. Mein Abteilungsleiter sowie meine Kollegin waren das Beste was mir passieren konnte. Auch das internationale Team - menschlich wie professionell einsame Spitze. Meine (damals) Verlobte und ich hatten schon Pläne ausgemalt: nach Berlin ziehen – sie studiert an der FU weiter usw.
Um es kurz zu machen: Mir wurde keine Festanstellung in Aussicht gestellt. Ich hätte meinen Vertrag verlängern können, aber wegen meiner Verlobten (gemeinsmer Lebensmittelpunkt), habe ich dann abgelehnt.
Interessantes Detail: Heute habe ich von meiner ehemaligen Kollegin, die in einer anderen Abteilung gleichzeitig mit mir als Volontärin eingestellt wurde, dass die Organisation, meine ehemalige Stelle und meine Nachfolgerin in eine Festanstellung umgewandelt haben.
Habe ich das "Falsche" studiert? Bin ich inkompetent? Ich habe langsam kein Selbstbewusstsein mehr, fühle mich wertlos. Ich war mein ganzes Leben zielstrebig. Abi, Bundeswehr, zwei Studien gleichzeitig, neben Abi und dem Studium immer wieder arbeiten. Klar, andere junge Leute haben mit 29 schon Auslandssemester, Weltreisen...Parties und alles gemacht. Wirklich richtig "gelebt" habe ich bis jetzt noch nicht. "Ohne Moos nix lo(o)s" 😉
2. Baustelle: Keine Freunde/soziale Isolation:
Ich weiß genau über dieses Problem Bescheid und weiß wie ich das ändern kann, aber...siehe Punkt 3. Seitdem die Beziehung mit meiner 1. großen Liebe (7 Jahre Beziehung), mit der ich einen großen gemeinsamen Freundeskreis hatte, beendet habe (sie ist fremdgegangen, ich habe sie aus der gemeinsamen Wohnung geworfen), habe ich - de facto - keine Freunde mehr. Klingt blöd, ist aber so. Meine beste Freundin ist wieder nach Bosnien gezogen und mein Bruder ist mit Beruf und Familie sehr eingespannt. Erst vor 2 Monaten hat mein bester Freund mir per Mail mitgeteilt, er wolle mit so einer schlimmen Person wie mir nichts mehr zu tun haben. Die Tatsache, dass die einzige männliche Freundschaft, die mir je etwas bedeutet hat, beendet wurde, hat mich schwer getroffen. Insgesamt fühle ich so eine große Enttäuschung!
Den einzigen Kontakt zu anderen Leute, außerhalb der Familie, habe ich zum Freundeskreis meiner jetzigen Frau. Die sind ganz lieb und kennen meinen Hintergrund und stehen voll zu mir. Sie haben für mich extra sogar einen Polterabend organisiert. Leider stimmt eben die Chemie, was Hobbies usw. betrifft, mit ihrem Freundeskreis nicht so. Einen neuen besten Freund kann ich mir ja nicht im Supermarkt aussuchen. Mein alter Freund war einzigartig. Eine Band habe ich auch nicht mehr. Da ich wegen der Trennung von meiner Ex bei einem Auftritt einen Wutanfall hatte, haben sie mich gnz zurecht rausgeworfen. Den Fehler gestehe ich heute absolut ein. Sie konnten ja nix für den psychischen Vollschaden meiner Ex (manisch/depressiv). Das heutige Verhältnis mit meinen Musikerfreunden ist sehr schwierig, da mit meinem Ableben als Schlagzeuger die Band einige Monate später auseinandergebrochen ist. Wer Musiker ist, kennt solche Situationen vielleicht.
Ich hatte immer Leute um mich und war permanente Anrufe, Besuche, gemeinames PS3 spielen, usw. gewöhnt. Wenn ich nicht bei meiner Frau bin, sitze ich zu Hause in meinem alten Kinderzimmer und mein Handy bleibt still (außer ich telefoniere mit meinem Bruder). In Berlin habe ich neue Kontakte geknüpft und das Gefühl endlich wieder coole Leute um mich herum zu haben. Da ich aber wieder weggezogen bin, sehe ich da wegen der Entfernung keine Zukunft.
Meine Diplomarbeit sollte ich auf anraten meines Professors als Buch veröffentlichen, jedoch war der potenzielle Co-Autor die Schwester meines besten Freundes und gleichzeitig die beste Freundin meiner Ex. Das Projekt habe ich aufgegeben.
3. Baustelle - Keine eigene Wohnung mehr:
Leider kommt hier öfter meine Ex-Freundin vor, sie war leider 😉 während des kompletten Studiums, in meiner Band/Freizeit/Freundeskreis wesentlicher Bestandteil meines Lebens (7 Jahre Beziehung). Als mein Politikstudium in den letzten Zügen war, bekam ich nach meinem Pflichtpraktikum in der Stadt in der ich studierte, eine Stelle als wissenschaftlicher/freier Mitarbeiter angeboten. Ich hab dann neben dem Studium fast Vollzeit gearbeitet und recht gut verdient. Ich bin dann endlich von einem bayrischen Kaff in meine erste Wohnung gezogen. Es war die geilste Zeit meines Lebens bisher: Eigene Wohnung, viele Freunde, Unabhängigkeit. Meine Ex hat zu dieser Zeit in derselben Stadt bei ihren Eltern gewohnt - und ihr ging es mit ihnen immer schlechter mit ihrer Wohnsituation. Zumal meine Ex-Schwiegereltern mich hassten.
Ich hab dann schweren Herzens meine alte Wohnung aufgegeben und bin mit einer Ex in eine neue Wohnung gezogen. Die für Studentenverhältnisse sehr teure Miete haben wir uns geteilt. Meine Eltern haben trotz ihrer mickrigen Renten SEHR viel in uns investiert, weil sie dachten, wir würden irgendwann heiraten usw. Naja, es kam dann der größte Schock meines Lebens. Wir haben genau 10 Tage zusammen gewohnt, bis mir die Schwester meines Bruders mitgeteilt hat, dass meine Ex Sex mit einem anderen hatte. Naja jedenfalls habe ich dann meine Wohnung verloren, den Job bei der Stadt (hatte GENAU in dieser Woche das wichtigste Projekt total versaut) und meine Freunde – alles! Bin dann mit einem Burnout psychotherapeutisch behandelt worden und zu meinen Eltern gezogen. Bis heute stehen meine ganzen Möbel im Keller.
Natürlich habe ich versucht, eine neue Wohnung oder WG zu bekommen, aber es hat einfach nicht geklappt. Ich wäre ohnehin in 6 Monaten mit meinem Jurastudium fertig geworden und in DIESER Stadt wollte ich nicht mehr bleiben (meine Frau wohnt in einer anderen Stadt). Ich konnte mich nirgendwo mehr blicken lassen: In meiner Stammbar wurde ich rausgeworfen, auf der Uni hat man mich angeschaut als wäre ich ein V***. Ja, es ist eine kleine Stadt. Jeder kennt jeden. Ihr müsst wissen: Meine Ex hatte einen (Universitäts-)politisch hohen Job und überall ihre einflussreichen Freunde sitzen. Heute würde man sagen: Sie hat mich "Ge-Kachel-Mannt". 😉
Hier im Kaff meiner Eltern komme ich ohne Auto nirgendwo hin, kenne niemanden, es gibt keine Möglichkeiten für junge Leute bzw. nicht für Akademiker. Klingt ein bisschen arrogant und herablassend...sorry.
Durch den abrupten Kontaktabbruch mit allen Freunden/Bekannten usw., die ich in dieser Stadt hatte, besitze ich jetzt natürlich auch kaum Kontakte für die Berufswelt. Meine Familie hat mir mal vorgeworfen, ich hätte mein Leben zu sehr auf meine Ex und meine Freunde dort ausgerichtet. Ja. Und ich bereue es nicht. Ich meine, sie wollte mich heiraten und mein bester Freund mit mir eine Firma gründen.
4. Kein Geld:
Natürlich habe ich in den 2 Jahren immer wieder gearbeitet. Ich bin mir wirklich für nichts zu schade, aber als Akademiker mit 2 Abschlüssen in einem Callcenter zu arbeiten. Bei den „sehr kompetenten“ Mitarbeitern vom Arbeitsamt war ich schon. Da ich die meiste Zeit in Österreich studiert/gearbeitet habe, dazu meist geringfügig oder auf Werkstudentenbasis, habe ich keinerlei Ansprüche auf Arbeitslosengeld, weder in Österreich noch in Deutschland. Der Typ in Österreich hat gemeint, ich hätte noch nie in meinem Leben gearbeitet, und "solle was gescheites lernen, wie Elektriker oder Maurer". In Berlin habe nur 1/2 Jahr einbezahlt. Auf Hartz IV habe ich laut Sozialgesetzbuch keinen Anspruch. Da ich bei meinen Eltern Unterkunft und Essen habe, gibt es nichts vom Staat. Sie unterstützen mich zwar wo es geht, aber insbesondere die Bahnfahrten und Aufenthalte zu den Bewerbungsgesprächen kosten sehr viel Geld. Die meisten potenziellen Arbeitgeber erstatten gar nichts. Die Beratungen auf der Arbeitsagentur sind ein Witz. Immer wieder höre ich, ich hätte doch "was technisches oder mit IT" studieren sollen. Und ich sei "zu überqualifiziert" für einfachere Berufe und durch meine fehlende Berufspraxis zu "unterqualifiziert", z.B. als Consultant oder PR-Berater.
5. Beziehung leidet und Punkten 1-4:
Ich und meine Frau sind es langsam leid "arm" zu sein. Sie ist Spanierin und seit ca. 5 Jahren in Deutschland. Sie studiert in einer Stadt - ca. 200km von hier entfernt. Hab ich schon erwähnt, dass sie der hübscheste, liebste und intelligenteste Mensch ist, den ich kenne? So wie ich, hat sie ihr ganzes Leben nur gearbeitet und gelernt und will endlich mal "Ergebnisse" sehen. Meine Arbeitslosigkeit und die Ungewissheit machen auch unserer Beziehung zu schaffen. Sie studiert und hat 2 Jobs damit sie sich die WG, in der sie wohnt, leisten kann. Ich meine sie zieht ihr BWL-Studium in 4 Jahen mit Teilzeitarbeit durch, und das in einer fremden Sprache! Nach Spanien will sie natürlich nicht. Ihr kennt ja die Situation dort. Ihre Eltern sind auch - arm.
Wir haben uns trotz aller Probleme entschieden zu heiraten, weil wir uns lieben. Die Hochzeit war klein, aber schön. Wir haben das einfach als Erfolgserlebnis gebraucht…
6. Meine Oma:
Von ihr könnten meine Frau und ich finanzielle Unterstützung erhalten. Auch würde ich meiner Frau mal gerne einen Urlaub gönnen. Aber meine Oma ist im Gegensatz zu meinen Eltern voll gegen die Ehe mit meiner Frau und meinte immer noch, dass meine Ex "ein gutes Mädchen" (womit sie, deutsch und blond meinte) sei. Ich habe also jetzt keinen Kontakt mehr zu meiner Oma. Sie kann ja meine Ex heiraten 😉
Ich tu meinen Eltern leid. Vor allem meinem Vater, der immer zu mir gehalten hat und stolz auf mich ist. Er sagt, ich würde länger warten müssen, aber dafür den besten Job bekommen. Ich will ja arbeiten und zeige viel Engagement - so wie in Berlin. Meine Beziehung ist fast an dem 1/2 Jahr Fernbeziehung zerbrochen. Ich will nicht mehr, dass meine Frau arbeitet, sondern sie soll sich auf ihr Studium konzentrieren. Wir führen auch jetzt eine Fernbeziehung. Glaubt mir, ich habe schon versucht, Jobs in ihrer Stadt zur "Überbrückung" zu bekommen. Als PR-Assistent, als Rechtsgehilfe, Veranstaltungsorganisator, Telefonkundenbetreuer, Kellner - kann ich alles. Es ist wie verhext. Ich bilde mich ständig weiter. Indesign, Photoshop. Ich spreche Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und habe jetzt noch gemeinsam mit meiner Frau Russisch angefangen.
Nächstes Jahr werde ich 30, meine Frau 31. Wir wollen auch bald Kinder und eine Familie gründen. Seit wir uns vor ca. 2 Jahren kennen lernten meinte sie noch, ich würde sofort einen Job bekommen.
Sorry, dass alles so lang geworden ist. Heute fühle ich mich einfach nur depressiv. Während andere mit ihren Autos wegfahren und Essen gehen, sitze ich zu Hause bei meinen Eltern während meine Frau kellnert. Wir haben auch öfter Streit als früher, alles nur wegen dem Thema Studienstress (bei ihr) und Arbeitslosigkeit (bei mir). Dazu noch die Fernbeziehung.
Meint ihr, ich habe im Leben was falsch gemacht? Es hieß immer: Lerne fleißig in der Schule (jaja) und mach z.B. ein Studium (jajaja), dann bekommst du später einen tollen Job.
Inzwischen bin ich gegenüber allem gleichgültig. So wie der Protagonist meines Lieblingsbuches von Albert Camus „Der Fremde“.
Klar, ich wollte eigentlich Medizin oder Architektur studieren. Aber ich hatte auf einem bayrischen Gymnasium nur einen 3er Schnitt erzielt. Da hätte ich 2-3 Jahre auf einen Medizin-Platz warten müssen. Wieso nur 3er Schnitt? Meine 1. Freundin ist als ich 18 war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da bin ich im Abi etwas abgestürzt… Klingt als hätte ich für alles, was ich im Leben nicht erreicht habe, eine Ausrede parat: 1. Freundin tot, Eltern arm, Ex hat mich fertig gemacht usw.. Das habe ich mir von einer Psychologin, die meine Burnout-Depression behandelte, anhören müssen. Ich habe die Psychologin damals gefragt, ob sie ihr Diplom im Lotto gewonnen hätte. Also der Tot eines geliebten Menschen könnte schon Ursache für eine postraumatische Belastungsstörung gewesen sein...
Ich will keine Lebensweisheiten oder Tipps hören. Meine Frau und ich haben schon alles probiert und ausgeschöpft. Ich gebe mir immer wieder die Schuld für meine Situation: Hättest du doch die lange Zeit auf einen Studienplatz gewartet, hätte ich doch meine Freundin damals abgeholt…hätte…hätte…
Ich habe alles, so wie es passiert ist, akzeptiert. Vergangenheit ist Vergangenheit. Meine Frau meint, wir sollen in die USA auswandern, weil ihrer Ansicht nach dort Leistung und Einsatzbereitschaft im Gegensatz zu hier wirklich zählen. Nachdem was mir bisher passiert ist, fällt es mir aber schwer Entscheidungen zu treffen…