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Angst vor der beruflichen Zukunft

Tom_Vienna

Mitglied
Liebe Community,

ich bin gerade so verzweifelt, was meine berufliche Zukunft angeht, dass es mir sogar sehr schwer fällt, mein Problem hier in diesem Forum zu schildern, aber ich probiere es mal.
Nun ja, wie soll ich anfangen? Also... ich hatte bereits im Sommer 2017 eine Krise und habe mir damals viele wertvolle Tipps von der Community geholt, für die ich sehr dankbar bin. Nun bin ich zwar in einer etwas anderen Situation als damals, aber das Grundproblem ist immer noch das gleiche.
Das ist übrigens der Thread von damals: https://www.hilferuf.de/forum/beruf/241993-bald-30-und-nichts-im-leben-erreicht.html

Damit ihr euch nicht alles durchlesen müsst, fasse ich meine Problematik kurz zusammen: Ich bin 30 Jahre alt, habe ein abgeschlossenes Bachelorstudium und bin derzeit Masterstudent, wobei ich für den Abschluss noch ungefähr ein Jahr benötigen werde. Leider liefen in den Jahren nach der Matura einige Dinge in meinem Leben schief, da ich zwei Studien abbrach und danach für zwei Jahre im Verkauf jobbte. Mit 23 machte ich einen Neuanfang und begann ein drittes Studium, welches ich aber erst mit 28 abschloss, da mir aufgrund der beiden abgebrochenen Studien sämtliche Beihilfen gestrichen wurden und ich neben dem Studium einen 30-Stunden-Job in einem Callcenter ausüben musste. Unmittelbar danach fand ich auch meinen ersten studiumbezogenen Job, den ich von Juni 2016 bis Oktober 2017 ausübte. Leider war dieser Job von Anfang an die reinste Hölle, doch aus Angst, aufgrund meines schlechten Lebenslaufs keinen anderen Job zu finden und danach für längere in der Arbeitslosigkeit zu landen, übte ich diesen Job so lange aus bis ich psychisch komplett am Ende war und irgendwann einfach nicht mehr konnte. Nachdem ich damals im Sommer 2017 von vielen FreundInnen, von meinen Eltern und auch von vielen Usern dieser Community den Tipp bekam, so schnell wie möglich zu kündigen, wagte ich Ende August diesen Schritt und arbeitete dort bis Mitte Oktober.
Zwar bereue ich meine Entscheidung nicht, doch leider haben sich meine Befürchtungen bewahrheitet: Nun bin ich seit vier Monaten auf Jobsuche, bekomme nur Absagen und werde nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Mein Bewerbungsschreiben und mein CV wurden schon mehrfach durchgecheckt, doch daran liegt das Problem nicht, sondern wahrscheinlich an meiner langen Studiendauer.

Aus Verzweiflung bewerbe ich mich seit Anfang Februar auch für Jobs, die weit unter meinen Qualifikationen liegen. Inzwischen habe auch schon eine Jobzusage für ein Callcenter erhalten, in dem ich voraussichtlich Anfang März 2018 beginnen werde. Doch ich weiß wirklich nicht, ob ich diesen Job annehmen soll (der Arbeitsvertrag wurde noch nicht unterschrieben), da ich mich bereits nach einem halben Schnuppertag dort überhaupt nicht wohlfühlte. Die MitarbeiterInnen lästerten ständig über andere KollegInnen, kommunizierten untereinander auf tiefstem Niveau und man merkte den meisten einfach sofort an, dass sie schlecht gebildet waren. Und auch die Bezahlung ist miserabel und entspricht dem gesetzlichen Mindestlohn. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich unter diesen Umständen dort glücklich werden soll. Doch das AMS (das ist das österreichische Arbeitsamt bzw. Jobcenter) hat mir schon mit einem Weiterbildungskurs gedroht, wenn ich nicht bald einen Job finde, jedoch wird dabei keine Rücksicht auf mein laufendes Studium genommen. Noch dazu soll demnächst ein Hartz-IV-ähnliches Modell in Österreich eingeführt werden, von dem auch ich betroffen wäre.

Verdammt, so gut wie jeder in meinem Freundeskreis hat einen anständigen Job, verdient gut, führt eine glückliche Beziehung und einige sind sogar in der Familiengründungsphase. Nur bei mir läuft alles verkehrt und ich habe ständig das Gefühl, dass ich ein Versager bin, der nichts im Leben erreicht hat. Ich weiß, man soll sich nicht mit anderen Leuten vergleichen, doch ich bin von all dem, was viele meiner FreundInnen schon längst erreicht haben, noch weit entfernt und muss mich als 30-Jähriger noch immer mit irgendwelchen schlecht bezahlten Callcenter-Jobs herumschlagen. Habe ich wirklich dafür studiert? Lohnt es sich überhaupt noch, den Master fertigzumachen, wenn ich dann wieder nur in einem Callcenter lande? Das Problem ist, dass die Motivation, das Masterstudium fortzusetzen einfach nicht mehr da ist, nachdem ich aufgrund der vielen Jobabsagen in den letzten Monaten immer mehr das Gefühl habe, dass mir der Master sowieso nichts bringt. Mal ehrlich, was habe ich noch für Chancen, wenn ich mich mit 31 oder 32 als Einsteiger für einen Akademikerjob bewerbe und gerade mal ein bisschen mehr als ein Jahr Berufserfahrung in meinem Fachgebiet vorzuweisen habe?

Ein paar FreundInnen meinten übrigens, dass ich alles viel zu negativ sehe, mir damit nur selber Steine in den Weg lege und vielleicht mal mit einem Psychologen sprechen sollte. Aber ganz ehrlich, niemand könnte alles positiv sehen, wenn es jobmäßig schon seit zwei Jahren so schlecht läuft wie bei mir. Glaubt mir, ich brauche keinen Psychologen, sondern nur einen anständigen Job, der meinen Qualifikationen entspricht. Aber habe ich eurer Meinung nach überhaupt noch realistische Chancen auf einen Akademikerjob oder soll ich mich damit abfinden, dass beruflich gesehen der Zug für mich schon abgefahren ist und nie etwas Besseres als einen Callcenter-Job finden werde?

Ich bin für jeden Tipp dankbar!
 
Hallo!

Deine Bedenken zu deiner beruflichen Laufbahn kann ich sehr gut nachvollziehen, ich habe in dieser Hinsicht selber eher suboptimale Erfahrungen gemacht.
Gerade deswegen möchte ich aber gerne versuchen, dir hier ein bisschen zu helfen 🙂

Dein Lebenslauf hat über viele Umwege zu deiner jetzigen Lage geführt und das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. In jedem Fall solltest du aber vermeiden, deine Situation mit der anderer Menschen zu vergleichen, wenn du daraus letztendlich keinen Nutzen ziehen kannst.
Und bis jetzt sieht es eher danach aus, dass du, anstatt dich von dem Erfolg deiner Mitmenschen inspirieren zu lassen, diesen Erfolg als Beweis heranziehst, dass du nicht dazu in der Lage bist, es ihnen gleichzutun.

Letztendlich wird dich dieser Gedankengang aber nirgendwohin bringen und deine Frustration nur noch vergrößern, dadurch, das du noch mehr "auf der Stelle trittst".

Bedenken, ob du die richtige Entscheidung mit deinem Master getroffen hast, solltest du nicht vor Beendigung deines Studiums anstellen. Je nachdem, welche Qualifikation du dadurch erwirbst (ich habe deinen anderen Thread nicht komplett gelesen, kann aber auf den ersten Blick auch nichts darüber finden), kann es dann mit der Jobsuche auch sehr schnell gehen.
Wichtig ist, dass du ein klares Fernziel definierst, auf das du dich zubewegen kannst, in diesem Fall der Abschluss deines Studiums. Allein der Gedanke, dass dein Stuidum nichts wert sein könnte, wird deine Motivation weiter senken und deine Arbeit unbefriedigender und anstrengender machen.
Sich diesem gedanklichen Teufelskreis (andere machen es besser -> ich mache es schlecht -> ich bin schlecht -> ich werde es nie schaffen, besser zu werden -> etc.) zu entziehen muss daher oberste Priorität haben.
Hier könnte dir sicher ein Therapeut helfen.


Viel Glück!
Nagelring
 
Hallo Nagelring,

vielen Dank für deine Antwort und deine Hilfe! 🙂

Es ist vollkommen richtig, dass ich all die falschen Entscheidungen, die ich zwischen 18 und 21 getroffen habe, nicht mehr rückgängig machen kann. Aber es kann doch nicht sein, dass ich jetzt ein Leben lang dafür "bestraft" werde...

Das Masterstudium (es handelt sich um ein technisches Studium) interessiert mich wirklich sehr und ich bin mir absolut sicher, dass es das Richtige für mich ist. Ich kann mir wirklich kein anderes Studium vorstellen, welches meinen Interessen besser entspricht.
Ich habe ein konkretes Ziel und weiß auch ganz genau, was ich will bzw. in welchem Bereich ich eines Tages arbeiten möchte. Doch aufgrund der vielen Absagen in den letzten Monaten zweifle ich immer mehr daran, dass ich mein Ziel jemals erreichen werde. Ich zweifle aber nicht an meinen Fähigkeiten, sondern viel mehr daran, dass ich aufgrund meines Alters und meines schlechten Lebenslaufs jemals einen anständigen Job finde.

Mir ist völlig klar, dass ich mit einem abgeschlossenen Bachelorstudium jobtechnisch nicht weiß Gott was erreichen kann, aber es kann doch nicht sein, dass ich jetzt schon wieder für einen Hungerlohn in einem Callcenter sitzen muss.
Mein größter Wunsch wäre, bereits jetzt neben dem Studium (so wie es auch viele andere Masterstudenten machen) einen fachnahen Teilzeitjob auszuüben (selbst wenn ich für den Abschluss des Masters etwas länger brauchen sollte), der mir Spaß macht, mich erfüllt und bei dem ich mich weiterentwickeln kann.
Aber wie soll ich das schaffen, wenn mich zwischen Oktober und Februar keine einzige Firma zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen hat und ich ständig nur Absagen kriege? Für mich ist jede Absage eine Bestätigung, dass ich nichts wert bin und mich sowieso keine Firma will.

Was das Vergleichen meiner Situation mit der anderer Menschen betrifft, ist es nicht so, dass ich mich mit meinen FreundInnen "messe" oder eine vergleichende Gegenüberstellung durchführe. Aber es macht mich komplett fertig, ständig von anderen Leuten in meinem Alter zu hören, was sie alles erreicht haben, wie gut sie verdienen, wie glücklich sie in der Beziehung sind usw. Deshalb habe ich vor einigen Wochen/Monaten versucht, den Kontakt zu meinen FreundInnen zu reduzieren, aber irgendwie gelingt mir das nicht, denn ich halte es nicht lange aus, einsam zu sein. Außerdem sehe ich auf Facebook oder Instagram ständig Statusmeldungen und Fotos von meinen FreundInnen - ständig sind sie auf irgendwelchen Dienstreisen in ganz Europa, in den USA, in Australien, in Dubai, in Japan oder sonst irgendwo auf der Welt, führen glückliche Beziehungen, verdienen gut, bauen teilweise schon Häuser usw. Und ja, ich weiß, dass das nichts anderes als ein Hochglanzmagazin ist und jeder Mensch so seine Probleme hat (die aber nichts im Vergleich zu meinen sind), aber trotzdem kann man sagen, dass so gut wie alle im Großen und Ganzen glücklich sind.
Früher hat mich das ehrlich gesagt gar nicht so gestört bzw. habe ich mich für meine FreundInnen sogar gefreut. Aber jetzt mit 30 sehe ich das eher als Bestätigung an, dass in meinem Leben alles schief läuft.
Mir ist klar, dass ich all das, was meine FreundInnen schon erreicht haben, nicht innerhalb weniger Monate "nachholen" kann und vermutlich auch nie schaffen werde. Ich würde mich sogar über jeden kleinen Erfolg freuen, doch seit Mitte 2016 habe ich nicht einmal irgendeinen kleinen Erfolg vorzuweisen.

Noch dazu nervt mich meine Familie ständig mit dem Thema, wann ich endlich mein Studium abschließe und mit einen Vollzeitjob beginne und endlich eine Freundin bzw. eine Frau für's Leben finde. Tja, wie soll ich eine Frau glücklich machen, wenn ich mit mir selbst unglücklich bin?
Und ständig vergleichen mich meine Eltern mit anderen Leuten: "Person X ist genau in deinem Alter und hat schon einen doppelten Doktor, ist verheiratet, bekommt demnächst ein Kind usw."

Um noch einmal auf den Job im Callcenter zurückzukommen: Ich weiß schon, dass mir diese Entscheidung niemand abnehmen kann, aber soll ich eurer Meinung nach den Job im Callcenter annehmen oder eher nicht?
 
Update: Obwohl ich vorige Woche mehr oder wenige eine fixe Zusage für das Callcenter erhalten habe und wir bereits über die Einschulungsphase, die Dienstzeiten und viele andere Details gesprochen haben, habe ich gestern überraschenderweise die Mitteilung erhalten, dass sie sich für einen anderen Bewerber entschieden haben.

Ich bin so verzweifelt, dass ich letzte Nacht kaum geschlafen habe. Aber nicht, weil ich diesen Job um jeden Preis haben wollte, sondern weil meine Selbstzweifel immer größer werden. Wie soll ich jemals einen Akademikerjob bekommen, wenn ich anscheinend nicht einmal gut genug für ein Callcenter bin?
 
Hallo Tom!

Das ist natürlich sehr ärgerlich. Allerdings solltest du dabei bedenken, dass die nichtssagende Phrase "wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden" einem komplexen Verwaltungsprozess nachfolgt.
Das heißt konkret, dass es mindestens 1001 Gründe gibt, warum du abgelehnt wurdest, von denen nicht einmal alle einschließen müssen, dass es tatsächlich einen anderen Bewerber gibt, der auf deine potentielle Stelle besetzt wurde. Mir selbst ist es z.B. einmal passiert, dass ich in einem Vorstellungsgespräch war und mit einem relativ guten Gefühl rausgekommen bin, nur um dann doch abgelehnt zu werden.
Durch einen persönlichen Kontakt in der Firma habe ich allerdings erfahren, dass das daran lag, dass die Stelle, die zunächst genehmigt war, doch einfach wieder gestrichen wurde. Als Bewerber ohne diesen Kontakt hätte ich davon niemals erfahren.

Gedanken, wie
"es kann nicht sein, dass..."
"wenn schon X, dann sicher Y"
Sind imho klassische Fragen/Ansprüche, die man sich nur genau zu dem Zweck stellt, sich noch schlechter zu fühlen, als man es bereits tut, weil man der Meinung ist, dass man als Mensch nichts taugt, weil Umstände als Verursacher der eigenen Situation nicht mehr infrage kommen. Schließlich erzeugen diese Fragen keinerlei Antwort, die nicht letztlich dazu führt, dass man annimmt, man "sei halt nichts wert/zu nichts nutze, deswegen ist es dann wohl doch so".

Es ist genau diese Art von Fragen/Ansprüchen, die es einem unnötig schwer machen, das eigentliche Problem zu finden und zu lösen, dass für die eigenen Fehlschläge verantwortlich ist, weil sie einen in der Meinung bestärken, dass dieses Problem in der eigenen Persönlichkeit verankert und damit unveränderlich und unlösbar ist.

Diese Gedanken sind es, die ich meinte, als ich sagte "Letztendlich wird dich dieser Gedankengang aber nirgendwohin bringen".
Du kannst nur versuchen, zu analysieren, was es genau ist, was dich bis jetzt dazu gebracht hat, ein im Vergleich zu anderen Menschen eher ungewöhnlichen Weg gegangen zu sein. Diese Überlegung ist natürlich nur dann angebracht, wenn du der Meinung bist, dass dein Weg bis jetzt der falsche war.

Nachdem das bei dir der Fall zu sein scheint, sehe ich prinzipiell zwei Möglichkeiten:
1) "Reframing" deiner bisherigen Erfahrungen. Ein klassischer Weg, um negative Gedanken zurückzudrängen und mehr Platz für konstruktives Arbeiten zu schaffen. Das bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als zu versuchen, deine bisherigen Erfahrungen in einem anderen Licht zu sehen: aus "ich habe im ersten Studium versagt", wird dann "ich habe die falsche Entscheidung für mein Studium getroffen, weil... und daraus habe ich gelernt, dass..., weswegen ich bestärkt bin, .... zu tun."
Das ist kein Schonreden von Situationen, sondern lediglich das Verschieben deiner Aufmerksamkeit von deinen negativen Erfahrungen auf neue Perspektiven. Hierzu kann dir ein Therapeut helfen.
2) Deine Stärken und Schwächen genauestens analysieren. Listen mit bisherigen Erfahrungen machen und deine Handlungen bewerten, um herauszufinden, in welcher Hinsicht du willensstark gehandelt hast, was dich zur Arbeit motiviert und wie du diese Willensstärke reproduzieren und auf deine momentanen Probleme anwenden kannst.

Das klingt natürlich relativ abstrakt, aber ein Forum ist für diese Art von Hilfe imho auch nicht der richtige Ort. Konkretere Hinweise kann dir vor allem ein Therapeut geben, oder (in deutlich größeren zeitlichen Abständen) Forumsteilnehmer, wenn du konkretere Fragen zur Umsetzung stellst und einfach einmal ausprobierst.

Zu deiner Jobsuche möchte ich noch hinzufügen, dass ich mal ins Blaue geraten die Vermutung habe, dass du aufgrund deiner eigenen Einschätzung deiner Arbeitsfähigkeit dich auf Stellen bewirbst, die entweder zu weit über, oder zu weit unter deinem Qulaifikationsniveau liegen.
Hast du bei deinen Bewerbungen überprüft, wie stark dein Profil mit den Anforderungen der FIrma übereinstimmen? Wenn ca. 60% Übereinstimmung vorliegen, ist eine Bewerbung sinnvoll.


Viel Glück!
Nagelring
 
Liebe/r Nagelring,

vielen Dank für deinen sehr konstruktiven Beitrag!

Nachdem das bei dir der Fall zu sein scheint, sehe ich prinzipiell zwei Möglichkeiten:
1) "Reframing" deiner bisherigen Erfahrungen. Ein klassischer Weg, um negative Gedanken zurückzudrängen und mehr Platz für konstruktives Arbeiten zu schaffen. Das bedeutet im Endeffekt nichts anderes, als zu versuchen, deine bisherigen Erfahrungen in einem anderen Licht zu sehen: aus "ich habe im ersten Studium versagt", wird dann "ich habe die falsche Entscheidung für mein Studium getroffen, weil... und daraus habe ich gelernt, dass..., weswegen ich bestärkt bin, .... zu tun."
Das ist kein Schonreden von Situationen, sondern lediglich das Verschieben deiner Aufmerksamkeit von deinen negativen Erfahrungen auf neue Perspektiven. Hierzu kann dir ein Therapeut helfen.
2) Deine Stärken und Schwächen genauestens analysieren. Listen mit bisherigen Erfahrungen machen und deine Handlungen bewerten, um herauszufinden, in welcher Hinsicht du willensstark gehandelt hast, was dich zur Arbeit motiviert und wie du diese Willensstärke reproduzieren und auf deine momentanen Probleme anwenden kannst.

Ich denke, ich weiß sehr gut, wo meine Stärken und Schwächen liegen, und dazu habe ich bereits eine persönliche SWOT-Analyse erstellt bzw. auch Selbst- und Fremdeinschätzungen miteinander verglichen und die Ergebnisse genauer analysiert. Es gab viele Übereinstimmungen, aber das was mich am meisten überrascht hat, war, dass fast alle meinten, dass ich viele Dinge im Leben oft negativ sehe und mir damit selbst Steine in den Weg lege. Ich sehe das aber anders - ich finde nicht, dass ich alles viel zu negativ, sondern eher realistisch sehe. Und dass die Realität bei mir sehr trist aussieht, ist halt ein anderes Thema.
Als Beispiel möchte ich anführen, dass ich damals im Sommer 2017, als ich beschlossen habe meinen Job aufzugeben, große Angst hatte, aufgrund meines unvorteilhaften Lebenslaufs nicht so schnell eine andere Beschäftigung zu finden. Fast alle FreundInnen waren der Meinung, dass ich nicht alles so negativ sehen soll und ich aufgrund meiner Qualifikationen und Fähigkeiten bestimmt sehr schnell einen anderen Job finde. Und die Realität sieht so aus, dass ich seit Oktober 2017 arbeitslos bin und mir von den gleichen FreundInnen jetzt sogar anhören kann, dass sie so viel Steuern zahlen müssen um Leute wie mich durchzufüttern.

Obwohl ich mich hin und wieder sehr darüber ärgere, dass ich nicht bereits früher, sondern erst mit 23 die richtige Studienwahl getroffen habe, versuche ich, mir keine Vorwürfe deswegen zu machen. Und ich weiß genau, dass ich in den ersten beiden Studien nicht versagt, sondern schnell ekrannt habe, dass diese Studien nicht die richtige Wahl waren. Ich ärgere mich viel eher, dass ich aufgrund der falschen Entscheidungen, die ich damals getroffen habe, mir meinen ganzen Lebenslauf und damit meine berufliche Zukunft "versaut" habe, was ich mit jeder Absage mehr oder weniger bestätigt kriege.
Ich denke, dass (fast) jeder Personaler meine Bewerbung sofort aussortiert sobald er sieht, dass ich von der Matura (2006) bis zum ersten Universitätsabschluss (2016) insgesamt 10 Jahre gebraucht habe. Auch wenn ich das jetzt nicht mehr rückgängig machen kann, aber ich habe das Gefühl, dass ich genau deswegen am Arbeitsmarkt nichts wert bin. Und ich glaube, dass in meinem Fall eben genau das das (unlösbare) Hauptproblem ist, weshalb ich nicht ganz verstehe, inwiefern mir ein Therapeut helfen kann, dieses Problem aus der Welt zu schaffen.

Und natürlich bewerbe ich mich nicht auf Stellen, für die beispielsweise bestimmte Software-Kenntnisse unbedingt erforderlich sind, über die ich nicht verfüge. Anders sieht es aus, wenn bestimmte Kenntnisse nicht unbedingt notwendig, sondern lediglich von Vorteil sind.
Ich denke, dass ich aufgrund meines unvorteilhaften Lebenslaufs einfach keine Chancen auf Jobs habe, die meinen Qualifikationen und Fähigkeiten entsprechen, da es eben immer bessere BewerberInnen gab, gibt und geben wird. Ganz ehrlich, würdet ihr lieber einen 25-jährigen Master-Absolventen, der schon mehrere Jahre Berufserfahrung in seinem Fachgebiet hat oder einen 30-Jährigen, der noch immer auf der Uni hockt und lediglich 1,5 Jahre facheinschlägige Berufserfahrung anzubieten hat, anstellen?
Aus diesem Grund bewerbe ich mich seit Anfang Februar auch auf Stellen, für die ich (deutlich) überqualifiziert bin, bisher jedoch ohne Erfolg...

Mir ist klar, dass dieses Forum keinen Therapeuten ersetzen kann, sondern lediglich zum Erfahrungsaustausch dient. Ich bin trotzdem über jeden Rat dankbar und auch ich versuche, mit meiner Erfahrung anderen UserInnen dieses Forums zu helfen. 🙂
 
Werden in Österreich Werkstudentenstellen angeboten, auf die du dich bewerben könntest? Zumindest in Deutschland bekommt man als Student eher erst mit fortgeschrittenem Masterstudium eine Teilzeit/Vollzeitstelle.

Ansonsten könntest du einfach mal probieren abseits vom "üblichen" Anschreiben eines zu verfassen, in dem du betonst, dass du eine fachnahe Tätigkeit suchst, da du dir nach den abgebrochen Studien nun sicher bis (auch wenn der Lebenslauf nicht so erscheint etc, sozusagen "Werbung" für dich machen, warum gerade ich usw).

Probieren würd ichs, was hast du schon zu verlieren?
 
Werden in Österreich Werkstudentenstellen angeboten, auf die du dich bewerben könntest? Zumindest in Deutschland bekommt man als Student eher erst mit fortgeschrittenem Masterstudium eine Teilzeit/Vollzeitstelle.
Der Begriff "Werkstudent" ist bei uns eher nicht so gebräuchlich, aber es gibt natürlich auch hier in Wien Studentenjobs. Während StudienanfängerInnen eher einfachere Tätigkeiten (wie Flyer verteilen, kellnern, Callcenter, Verkauf usw.) ausüben, arbeiten viele fortgeschrittene StudentInnen (insbesondere MasterstudentInnen) in Firmen, in denen sie facheinschlägige Berufserfahrung sammeln.
Ich weiß von vielen StudienkollegInnen aus meinem Masterstudiengang, dass sie neben dem Masterstudium eine fachnahe Tätigkeit ausüben (meistens zwischen 20 und 30 Stunden pro Woche) und oft gar nicht mal so schlecht verdienen. Nachdem es sich um einen technischen Studiengang handelt und es sehr wichtig ist, neben dem Studium auch Praxiserfahrung zu sammeln, strebe auch ich einen fachnahen Teilzeitjob an. Ein Vollzeitjob wäre mit dem Studium schwer zu vereinbaren und kommt derzeit sowieso nicht in Frage, aber üblicherweise bieten die Firmen nach Abschluss des Studiums eine Vollzeitanstellung an.

Ich hatte zwar von Juni 2016 bis Oktober 2017 einen "fachnahen" 30-Stunden-Job, der aber die reinste Hölle war. Ich kann zwar nicht behaupten, dass ich dort gar keine Praxiserfahrung sammeln konnte, doch das Elernte wurde sehr schnell zur Routine und meistens durfte ich nur irgendwelche einfachen, langweiligen und äußerst mühsamen Aufgaben erledigen, die von den Vollzeitbeschäftigten niemand machen wollte. Außerdem war die Bezahlung sehr schlecht (sogar unter dem gesetzlichen Mindestlohn, aber als Student mit wenig facheinschlägiger Berufserfahrung nimmt man alles in Kauf), die KollegInnen waren mir gegenüber äußerst distanziert und konnten mich einfach nicht ausstehen, und noch dazu befand sich die Firma in einem Industriegebiet am Rande der Stadt, das ohne Auto nur sehr umständlich zu erreichen war, sodass ich einen Anfahrtsweg von mehr als einer Stunde pro Richtung hatte.

Es war definitiv die richtige Entscheidung, diesen Job aufzugeben, da ich jeden Tag nach der Arbeit total erledigt nach Hause kam, keinen Spaß mehr an meinen Hobbys hatte und auch auf der Uni nicht viel weiterbrachte. Ganz zum Schluss war es schon so schlimm, dass ich mich fast jeden Morgen nach dem Frühstück übergeben musste, unter Depressionen litt und sogar Selbstmordgedanken hatte.

Aufgrund dieser Erfahrungen und meiner Arbeitslosigkeit seit Oktober 2017, frage ich mich, ob ich am Arbeitsmarkt wirklich so wenig wert bin.

Das hört sich so nach "quer durch den Garten bewerben" an.
ggf. kann man die Software-Kenntnisse auch nachholen, sofern eine Affinität dazu besteht.
Nun ja, nachdem meine finanziellen Reserven zwar noch vorhanden sind, aber langsam immer knapper werden und ich offensichtlich sowieso keine Chancen auf einen besser bezahlten fachnahen Job habe, bewerbe ich mich seit Anfang Februar auch für Studentenjobs, die eher für StudienanfängerInnen typisch sind. Bisher leider auch ohne Erfolg, obwohl ich schon für einen Job in einem Callcenter in der engeren Auswahl war.

Ansonsten könntest du einfach mal probieren abseits vom "üblichen" Anschreiben eines zu verfassen, in dem du betonst, dass du eine fachnahe Tätigkeit suchst, da du dir nach den abgebrochen Studien nun sicher bis (auch wenn der Lebenslauf nicht so erscheint etc, sozusagen "Werbung" für dich machen, warum gerade ich usw).
Ich meine, es kommt in erster Line auf die Kernkompetenzen an, die muss man im Anschreiben sozusagen vermarkten.

Das mache ich natürlich auch, aber ich glaube, dass sich sich viele Personaler meinen Lebenslauf gar nicht mehr genauer durchlesen, sobald sie sehen, wie lange ich studiert habe, sondern meine Bewerbung sofort aussortieren.

Wenn die Qualifikation so top ist, was ist mit "sich Selbständig machen" ?. Da fragt keiner nach dem Lebenslauf. (Kann ja erst mal im kleinen Rahmen sein)
Ich sage ja nicht, dass meine Qualifikationen "top" sind - es wird sicher genug Leute geben, die besser qualfiziert sind als ich, keine Frage. Aber ich würde mal sagen, dass ich auch nicht soooo schlecht qualifiziert bin, dass für mich nur "einfache", schlecht bezahlte Tätigkeiten in Frage kommen.
Und in die Selbstständigkeit zu gehen, wäre natürlich auch eine Option, aber ich denke, dass ich dafür zum jetzigen Zeitpunkt noch viel zu unerfahren bin.
 
Ja, das mit den Werkstudenten ist vom Prinzip auch nur ein Teilzeitjob, der so bei 11-15,- Stundenlohn liegt und vor allem wegen der Praxiserfahrung interessant ist.

Wg. der Bewerbung: Verfasse ein Deckblatt (auch wenn im deutschsprachigen Bereich eher unüblich) und mach da "Werbung" für dich, versuch Interesse zu wecken,erkläre deinen krummen Lebenslauf usw., damit eben nicht alle Personalberater deine Bewerbung gleich in den Müll befördern (aber nicht übertreiben)

Ich würds wenigstens ausprobieren, was hast du schon zu verlieren? Und probier es auch bei kleineren/mittelgroßen Firmen, bei Großen wirds wahrscheinlich tatsächlich schwieriger sein.
 
Wg. der Bewerbung: Verfasse ein Deckblatt (auch wenn im deutschsprachigen Bereich eher unüblich) und mach da "Werbung" für dich, versuch Interesse zu wecken,erkläre deinen krummen Lebenslauf usw., damit eben nicht alle Personalberater deine Bewerbung gleich in den Müll befördern (aber nicht übertreiben)

Danke für den Tipp mit dem Deckblatt! Aber eigentlich ist das mit dem Deckblatt bei uns in Östereich mittlerweile gar nicht mehr so unüblich, denn Vieles wurde bei uns leider amerikanisiert (wird in Deutschland vermutlich ähnlich sein).

Während man sich früher nur mit einem Bewerbungsschreiben und einem Lebenslauf beworben hat (und so haben wir es auch in der Schule gelernt) und die Zeugnisse zum Vorstellungsgespräch mitgenommen und nur auf Verlangen des Personalchefs vorgezeigt hat, ist es mittlerweile auch bei uns nicht unüblich, eine Bewerbungsmappe mit Deckblatt, Inhaltsverzeichnis, Bewerbungsschreiben, Lebenslauf und sämtlichen Zeugnissen zu verschicken.

Ich verschicke eigentlich nur ein Bewerbungsschreiben, meinen Lebenslauf und eine Auswahl an Zeugnissen, wobei ich das Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf mit dem Programm Adobe InDesign grafisch sehr schön aufbereitet habe, um aus der Masse der BewerberInnen herauszustechen.

Und mittlerweile heißt es, dass man nicht nur eine Auswahl an Zeugnissen, sondern sämtliche Zeugnisse (also auch die einzelnen Schuljahreszeugnisse) mitschicken soll, was ich aber ehrlich gesagt sehr übertrieben finde, denn was sagt z. B. ein Schulzeugnis aus dem Jahre Schnee über meine heutigen Fähigkeiten aus?
Deshalb schicke ich (nach der Empfehlung des Career Centers meiner Universität) immer nur das Zeugnis vom höchsten Abschluss (das ist in meinem Fall das Bachelorzeugnis) und die Arbeitszeugnisse der letzten beiden Dienstgeber mit, biete aber den Firmen an, bei Bedarf weitere Zeugnisse nachzureichen.
Eigentlich hat sich bisher noch nie jemand für meine Noten interessiert, aber vielleicht ist das in Deutschland anders als in Österreich. Während in Deutschland z. B. der Abi-Schnitt sehr wichtig ist, wurde ich hier in Österreich kein einziges Mal auf meine Matura-Noten angesprochen.

Aber gut, das mit dem Deckblatt werde ich vielleicht mal ausprobieren. 🙂
 

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