M
Mike92
Gast
… während sie damit beschäftigt sind, grandiose Pläne zu schmieden.“ Dies ist ein Zitat aus meinem absoluten Lieblingsfilm (Blow).
Ich bin nun 19 Jahre alt und mein Leben ist bisher auch an mir vorbeigezogen, jedoch leider nicht im positiven Sinne.
Bis ich 15 war, hatte ich ein wirklich tolles Leben, was ich zu jeder Zeit genossen und geliebt habe. Ich war ein aufgeschlossener und lebensfroher Typ und hatte einen stabilen Freundeskreis, welcher zwar nicht unendlich groß war, aber die Freunde, die ich hatte, waren sehr gute Freunde – dachte ich zumindest. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen und hatten immer viel Spaß. Zudem war ich immer ein sehr guter Schüler. Ich hatte also alles, was ich brauchte und war rundum glücklich.
Ein paar Monate nach meinem 15. Geburtstag kam dann der Schlag ins Gesicht: Ein paar von meinen Freunden fingen von einen auf den anderen Tag an, mich aufs übelste zu mobben und fertig zu machen und das ohne – für mich ersichtlichen – Grund. Mir ging es zu dieser Zeit richtig schlecht und ich fragte mich, was der Grund für ihr Verhalten sein könnte. Ich fand keinen. Aber ich unternahm dann öfter etwas mit meinen anderen verbliebenen Freunden, bis sich meine schlimmste Befürchtung bewahrheitete: Da in meinem Freundeskreis auch alle anderen untereinander befreundet waren, fingen die anderen Freunde ziemlich schnell an, mich auch zu mobben und psychisch fertig zu machen. Sie wurden von den anderen mit Erfolg gegen mich aufgehetzt. Waren alles wohl doch nicht so tolle Freunde, wie ich gedacht hatte, oder? Hatte ich mich denn so in ihnen getäuscht? Mit der Zeit wurden es immer mehr Mobber – sogar Leute, mit denen ich überhaupt nichts zu tun hatte. Fast alles, was ich zuvor an meinem Leben geschätzt hatte, habe ich zu der Zeit mit einem Schlag verloren. Ich war am Tiefpunkt meines Lebens angelangt. An jedem einzelnen Tag hatte ich Angst, in die Schule zu gehen und zählte nachmittags die Stunden, bis der Terror erneut anfangen würde. Ich suchte verzweifelt nach dem Grund meiner Situation – ohne Erfolg.
Da ich nun keinen einzigen Freund mehr hatte, musste ich irgendwie die Langeweile in meiner Freizeit überwinden. Also fing ich mit einem Online-Spiel an, welches bei vielen als „Sucht-Spiel“ bekannt ist. Richtig Spaß machte mir dieses Spiel nie, aber es half mir dem Alltag zu entfliehen und zumindest für die Zeit meine Probleme zu vergessen. Aber was fast genauso wichtig war: Ich wurde wieder von Menschen, die zwar auch alle hinter ihren Bildschirmen saßen und die ich nie persönlich zu Gesicht bekommen habe, akzeptiert. So waren die Nachmittage zumindest einigermaßen erträglich. Nunja, irgendwann bekamen auch meine ehemaligen „Freunde“ mit, dass ich dieses Spiel spiele und fingen auch damit an. Sie schrieben zunächst Nachrichten, in denen sie mich beschimpften und beleidigten. Aber zum Glück gab es die „Ignorieren“-Funktion. Also alles halb so schlimm. Die Versuche, andere Mitspieler gegen mich aufzuhetzen, scheiterten wohl daran, dass ich mich in dem Spiel zu einem recht angesehenen Spieler hochgearbeitet hatte. Das Mobbing breitete sich aber im Internet immer mehr aus. Die Menschen, die ich früher mal als Freunde bezeichnet hätte, gründeten in sozialen Netzwerken Hassgruppen gegen mich, in deren Titel schon diverse Beschimpfungen gegen mich zu finden waren. Sie luden andere in diese Gruppen ein und einige traten auch bei.
Diese Zeit war die Hölle für mich. Das Internet-Mobbing war eine Sache und das Mobbing während der Schulzeit eine andere. Das Mobbing im Internet konnte ich leicht ignorieren, was ich vom Mobbing in der Schule nicht behaupten kann. Jeden Tag wurde ich psychisch von ihnen fertig gemacht. Wer hat in dieser Zeit zu mir gehalten? Leider nicht all zu viele. Meine Eltern haben versucht, mich in dieser Zeit so gut es geht zu unterstützen. Eine Vertrauenslehrerin hat mir – außerhalb der Unterrichtszeit – seelischen Beistand gegeben. So wirklich geholfen hat mir dies zwar nicht, aber alleine dafür, dass sie sich außerhalb der Unterrichtszeit Zeit für mich genommen hat, bewundere ich sie noch heute. Die meisten anderen Mitschüler haben einfach so wie immer weiter gemacht und zusammen etwas mit den Mobbern unternommen, ohne sie auch nur ein einziges Mal darauf hinzuweisen, was sie mir da antun. Der Kontakt zwischen mir und den anderen Klassenkameraden brach mehr und mehr ab und das, obwohl ich vorher bei allen recht beliebt war. Zum Schluss sagten mir die meisten nicht viel mehr, außer wieso ich so still geworden sei. Penner. Was würden die denn in meiner Situation machen? Weiterhin fröhlich sein und sich nichts anmerken lassen? Wie sollte das denn bitte funktionieren.? Nur mit ein paar wenigen meiner Klassenkameraden konnte ich mich normal unterhalten. Die Mobber konnten also – trotz Mitwissen der Lehrer, die mit der Situation völlig überfordert waren und deswegen lieber gar nichts unternahmen – fröhlich weitermachen. Immer mal wieder traten bei mir auch Selbstmordgedanken auf. Doch ich und Selbstmord? Niemals. Ich würde mich doch nicht von meinem eigenen Leben unterkriegen lassen. Ich würde kämpfen, bis mir die letzte Kraft entweicht, so viel war klar.
So quälte ich mich 1,5 Jahre durch psychische Folter und 2 Krankenhausaufenthalte, die durch physische Gewalt verursacht wurden, bis ich endlich meinen Realschulabschluss in der Tasche hatte, der trotz dieser grauenvollen Zeit sehr gut ausgefallen war. Vorher spielte ich auch mit dem Gedanken, die Schule zu wechseln, was aber durch den Schulleiter direkt abgelehnt wurde. Wahrscheinlich aus Angst vor einem Imageschaden, oder so etwas. Lächerlich. Aber nun konnte ich endlich die Zeit einigermaßen hinter mir lassen.
Ich wusste jedoch noch nicht, was für einen Beruf ich erlernen wollte und hatte ehrlich gesagt auch gar keine Kraft dafür übrig gehabt, mich darum zu kümmern. Ich musste erstmal mit den Problemen der Gegenwart fertig werden, anstatt über die Zukunft nachzudenken und damit hatte ich mehr als genug zu tun. Also ging ich nach den Sommerferien auf eine berufsvorbereitende Schule in der Hoffnung, ein paar neue Bekanntschaften kennen zu lernen. Nachdem ich mich eingelebt hatte, verstand ich mich auch gut mit meinen Mitschülern und die Schulzeit hat mir insgesamt viel Spaß gemacht. Es gab zwar zwischendurch hin und wieder kleinere Neckereien, aber die wahren wohl eher aus Spaß gemeint, auch wenn ich dies nicht so empfunden habe. Aber meine Mitschüler kannten meine Situation ja nicht. Auf Fragen, was ich denn am Wochenende gemacht habe oder vor habe, gelang es mir glücklicherweise schnell, plausible Geschichten zu erfinden, um meine Situation geheim zu halten. Was sollte ich schon sagen? Dass ich keinen einzigen Freund habe und die Nachmittage nur mit Videospielen verbringe? Das wäre doch sofort das Aus für mich gewesen. Das war auch meine „Stärke“, mir nichts über meine Situation anmerken zu lassen. Mittlerweile hatte ich mit dem Online-Spiel aufgehört und mir eine Xbox360 gekauft, mit der ich nun die Nachmittage verbrachte. Ca. 1 Jahr versuchten die Mobber noch, mich über diverse Chatplattformen fertig zu machen und zu beschimpfen, was ihnen aber nicht gelang. Ich konnte dies einfach ignorieren. Es sind zwar nie neue Freundschaften oder private Unternehmungen mit den anderen Mitschülern entstanden, was wohl vor allem an der zu weiten Entfernung untereinander gelegen hat. Ich wohne nämlich recht abseits in einem Dorf mit 2000 Einwohnern.
Langsam wusste ich auch, was ich nach der Schule machen wollte: Ich wollte eine Ausbildung zum Industriekaufmann machen. Also fing ich an Bewerbungen zu schreiben und nach ein paar Absagen erhielt ich eine Zusage von einem großen Industrieunternehmen, was in seinem Bereich den Weltmarkt anführt. Ich konnte es kaum glauben und war überglücklich. Nach all der Qual, die ich in der zurückliegenden Zeit erlebt hatte, wusste ich endlich wieder, was es heißt glücklich zu sein und wie es sich anfühlt zu lachen. Das hätte ich beinahe schon fast verlernt.
Die Ausbildung in diesem Unternehmen macht mir sehr viel Spaß. Ich leiste gute Arbeit und bekomme dafür viel Lob und auch gute Bewertungen. Mit den anderen 6 Azubis habe ich zu Anfang jedoch kaum geredet, weil ich aufgrund meiner zurückliegenden Erlebnisse sehr verschlossen geworden bin und leider lange brauche, bis ich mich gegenüber anderen Menschen öffnen und Vertrauen zu ihnen aufbauen kann. Erschwerend war dazu auch, dass wir alle in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt waren und wir uns alle nicht so oft persönlich begegneten. Da die anderen wahrscheinlich nicht so eine schwere Zeit durchgemacht haben, ist ihnen der Kontakt untereinander deutlich leichter gefallen als mir. Ich war zwar nicht der Außenseiter, aber eher der „stille Zuhörer“. Mit meinen Mitschülern in der Berufsschule verstehe ich mich gut. Ich bin zwar auch in der Berufsschule recht still, aber ich merke, dass sich dies langsam bessert – auch gegenüber den anderen Auszubildenden. Dies wird wohl daran liegen, dass wir uns während der Berufsschulzeit regelmäßig sehen und ich mich deshalb besser an die anderen „gewöhnen“ kann. Das, was ich besonders schätze: Jeder wird von jedem akzeptiert und es gibt auch keine Sprüche oder Witze auf Kosten anderer, zumindest nicht, ohne dass man die Ironie deutlich heraushören könnte. ;-)
Meine Nachmittage bestehen leider immer noch daraus, Videospiele zu spielen und Filme zu gucken. Im Moment habe ich aber eine Phase, in der ich auf beides keine wirkliche Lust habe. Dies hält schon seit ca. 2,5 Wochen an. Vor ziemlich genau 2 Wochen habe ich dann aus Langeweile Chatroulette besucht (für alle, die nicht wissen, was Chatroulette ist: es handelt sich dabei um eine Videochatplattform, bei der man per Zufall mit Menschen auf der ganzen Welt chatten kann.). Zwischen einigen Leuten, die meinten, unbedingt ihren Penis vor die Kamera halten zu müssen und vielen Leuten, die direkt weiter klickten, habe ich dann mit ein paar echt coolen Menschen gequatscht. Einige Zeit später hatte ich dann ein Mädchen (17) aus Frankfurt (ca 400 km von mir entfernt) vor der Kamera. Wir haben noch am selben Abend stundenlang gechattet und später auch Skype-IDs ausgetauscht. Seitdem chatte ich alle 1-2 Tage (bzw. immer, wenn sie online ist) mit ihr. Auch wenn ich sie noch nicht so lange kenne, habe ich sie mittlerweile schon in mein Herz geschlossen. Ich hatte noch nie eine Freundin oder irgendwelchen tiefer gehenden Kontakt mit Mädchen und nun interessiert sich jemand für mich, die gleich alle meine Vorstellungen von einer Freundin übertrifft? Das gibt mir ein gutes Gefühl. Sie ist wirklich super nett, intelligent und einfach wunderhübsch, kurz gesagt: sie wäre meine absolute Traumfrau. Nach ein paar Tagen haben wir sogar schon unsere Handynummern ausgetauscht. Wir flirten oft und sie sagt auch, dass ich sie doch mal besuchen solle. Jetzt habe ich mir überlegt, dass ich das in meinem nächsten Urlaub gerne mal tun würde. Ich weiß natürlich nicht, was daraus wird, aber falls ich die Chance, sie mal persönlich kennen zu lernen nicht nutzen würde, würde ich mir das wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht verzeihen.
Kann mir einer von euch sagen was das ist? Immer nachdem ich mit ihr per Videochat geredet habe, werde ich zunächst ziemlich traurig und freue mich dann schon auf den nächsten Chat mit ihr. Sie ist über die Feiertage im Urlaub. Ich hoffe schon, dass die Zeit bis Sonntag schnell vorüber geht und freue mich schon darauf wieder mit ihr zu chatten.
Was haltet ihr außerdem von meiner Idee, nach Frankfurt zu fahren, um das Mädchen mal privat kennen zu lernen? Kann so etwas überhaupt Zukunft haben?
Beim Schreiben dieses Textes stehen mir die Tränen in den Augen, da ich nun merke, dass ich viel eher hätte anfangen sollen, etwas zu ändern. Wenn ich mal mit anderen Menschen, mit denen ich mich gut verstehe (z.B. mein gleichaltriger Cousin, der leider auch sehr weit weg wohnt), zusammen bin und mit ihnen lachen kann, merke ich immer mehr, wie sehr mir das alles fehlt.
Ich möchte in meinem Leben wieder eine 180°-Wende machen und es wieder in positive Bahnen lenken. Was kann ich dafür tun? Als kleiner Anfang möchte ich demnächst ins Fitnessstudio gehen und habe mich auch schon nach einem Probetraining erkundigt. Aber was kann ich noch tun? Allein ins Kino? Allein in die Disko? Oder würde ich da nicht gleich als „der Einsame“ rüber kommen? Ich möchte einfach raus und neue Leute kennen lernen, was allein leider nicht so leicht ist. Erschwerend kommt noch hinzu, dass natürlich viele in meinem Umkreis über meine Situation mehr oder weniger Bescheid wissen und dementsprechend teilweise gewisse Vorurteile gegen mich haben. Aber ich möchte nicht in 10 Jahren dar stehen und auf einen Scherbenhaufen zurückblicken, den ich immer noch nicht beseitigt habe.
Könnt ihr mir einfach Tipps geben, die mir dabei helfen, diesem Kreislauf zu entfliehen und mein Leben wieder in die richtige Richtung zu lenken?
Bitte sagt mir aber nicht, dass ich doch mal zum Psychologen gehen sollte, oder so ähnlich. Das ist zwar nett gemeint, aber das möchte ich eigentlich nicht und zudem glaube ich auch nicht, dass mir das wirklich helfen würde.
Zum Schluss möchte ich mich für das Lesen dieses unendlich langen Textes und natürlich auch für (hoffentlich zahlreiche) Antworten bedanken und mit einem Zitat abschließen, dass meine emotionale Situation meiner Meinung nach ziemlich gut beschreibt.
„Es ist immer der letzte Tag des Sommers und ich steh' draußen in der Kälte und keiner öffnet mir die Tür.“ (Blow).
Ich bin nun 19 Jahre alt und mein Leben ist bisher auch an mir vorbeigezogen, jedoch leider nicht im positiven Sinne.
Bis ich 15 war, hatte ich ein wirklich tolles Leben, was ich zu jeder Zeit genossen und geliebt habe. Ich war ein aufgeschlossener und lebensfroher Typ und hatte einen stabilen Freundeskreis, welcher zwar nicht unendlich groß war, aber die Freunde, die ich hatte, waren sehr gute Freunde – dachte ich zumindest. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen und hatten immer viel Spaß. Zudem war ich immer ein sehr guter Schüler. Ich hatte also alles, was ich brauchte und war rundum glücklich.
Ein paar Monate nach meinem 15. Geburtstag kam dann der Schlag ins Gesicht: Ein paar von meinen Freunden fingen von einen auf den anderen Tag an, mich aufs übelste zu mobben und fertig zu machen und das ohne – für mich ersichtlichen – Grund. Mir ging es zu dieser Zeit richtig schlecht und ich fragte mich, was der Grund für ihr Verhalten sein könnte. Ich fand keinen. Aber ich unternahm dann öfter etwas mit meinen anderen verbliebenen Freunden, bis sich meine schlimmste Befürchtung bewahrheitete: Da in meinem Freundeskreis auch alle anderen untereinander befreundet waren, fingen die anderen Freunde ziemlich schnell an, mich auch zu mobben und psychisch fertig zu machen. Sie wurden von den anderen mit Erfolg gegen mich aufgehetzt. Waren alles wohl doch nicht so tolle Freunde, wie ich gedacht hatte, oder? Hatte ich mich denn so in ihnen getäuscht? Mit der Zeit wurden es immer mehr Mobber – sogar Leute, mit denen ich überhaupt nichts zu tun hatte. Fast alles, was ich zuvor an meinem Leben geschätzt hatte, habe ich zu der Zeit mit einem Schlag verloren. Ich war am Tiefpunkt meines Lebens angelangt. An jedem einzelnen Tag hatte ich Angst, in die Schule zu gehen und zählte nachmittags die Stunden, bis der Terror erneut anfangen würde. Ich suchte verzweifelt nach dem Grund meiner Situation – ohne Erfolg.
Da ich nun keinen einzigen Freund mehr hatte, musste ich irgendwie die Langeweile in meiner Freizeit überwinden. Also fing ich mit einem Online-Spiel an, welches bei vielen als „Sucht-Spiel“ bekannt ist. Richtig Spaß machte mir dieses Spiel nie, aber es half mir dem Alltag zu entfliehen und zumindest für die Zeit meine Probleme zu vergessen. Aber was fast genauso wichtig war: Ich wurde wieder von Menschen, die zwar auch alle hinter ihren Bildschirmen saßen und die ich nie persönlich zu Gesicht bekommen habe, akzeptiert. So waren die Nachmittage zumindest einigermaßen erträglich. Nunja, irgendwann bekamen auch meine ehemaligen „Freunde“ mit, dass ich dieses Spiel spiele und fingen auch damit an. Sie schrieben zunächst Nachrichten, in denen sie mich beschimpften und beleidigten. Aber zum Glück gab es die „Ignorieren“-Funktion. Also alles halb so schlimm. Die Versuche, andere Mitspieler gegen mich aufzuhetzen, scheiterten wohl daran, dass ich mich in dem Spiel zu einem recht angesehenen Spieler hochgearbeitet hatte. Das Mobbing breitete sich aber im Internet immer mehr aus. Die Menschen, die ich früher mal als Freunde bezeichnet hätte, gründeten in sozialen Netzwerken Hassgruppen gegen mich, in deren Titel schon diverse Beschimpfungen gegen mich zu finden waren. Sie luden andere in diese Gruppen ein und einige traten auch bei.
Diese Zeit war die Hölle für mich. Das Internet-Mobbing war eine Sache und das Mobbing während der Schulzeit eine andere. Das Mobbing im Internet konnte ich leicht ignorieren, was ich vom Mobbing in der Schule nicht behaupten kann. Jeden Tag wurde ich psychisch von ihnen fertig gemacht. Wer hat in dieser Zeit zu mir gehalten? Leider nicht all zu viele. Meine Eltern haben versucht, mich in dieser Zeit so gut es geht zu unterstützen. Eine Vertrauenslehrerin hat mir – außerhalb der Unterrichtszeit – seelischen Beistand gegeben. So wirklich geholfen hat mir dies zwar nicht, aber alleine dafür, dass sie sich außerhalb der Unterrichtszeit Zeit für mich genommen hat, bewundere ich sie noch heute. Die meisten anderen Mitschüler haben einfach so wie immer weiter gemacht und zusammen etwas mit den Mobbern unternommen, ohne sie auch nur ein einziges Mal darauf hinzuweisen, was sie mir da antun. Der Kontakt zwischen mir und den anderen Klassenkameraden brach mehr und mehr ab und das, obwohl ich vorher bei allen recht beliebt war. Zum Schluss sagten mir die meisten nicht viel mehr, außer wieso ich so still geworden sei. Penner. Was würden die denn in meiner Situation machen? Weiterhin fröhlich sein und sich nichts anmerken lassen? Wie sollte das denn bitte funktionieren.? Nur mit ein paar wenigen meiner Klassenkameraden konnte ich mich normal unterhalten. Die Mobber konnten also – trotz Mitwissen der Lehrer, die mit der Situation völlig überfordert waren und deswegen lieber gar nichts unternahmen – fröhlich weitermachen. Immer mal wieder traten bei mir auch Selbstmordgedanken auf. Doch ich und Selbstmord? Niemals. Ich würde mich doch nicht von meinem eigenen Leben unterkriegen lassen. Ich würde kämpfen, bis mir die letzte Kraft entweicht, so viel war klar.
So quälte ich mich 1,5 Jahre durch psychische Folter und 2 Krankenhausaufenthalte, die durch physische Gewalt verursacht wurden, bis ich endlich meinen Realschulabschluss in der Tasche hatte, der trotz dieser grauenvollen Zeit sehr gut ausgefallen war. Vorher spielte ich auch mit dem Gedanken, die Schule zu wechseln, was aber durch den Schulleiter direkt abgelehnt wurde. Wahrscheinlich aus Angst vor einem Imageschaden, oder so etwas. Lächerlich. Aber nun konnte ich endlich die Zeit einigermaßen hinter mir lassen.
Ich wusste jedoch noch nicht, was für einen Beruf ich erlernen wollte und hatte ehrlich gesagt auch gar keine Kraft dafür übrig gehabt, mich darum zu kümmern. Ich musste erstmal mit den Problemen der Gegenwart fertig werden, anstatt über die Zukunft nachzudenken und damit hatte ich mehr als genug zu tun. Also ging ich nach den Sommerferien auf eine berufsvorbereitende Schule in der Hoffnung, ein paar neue Bekanntschaften kennen zu lernen. Nachdem ich mich eingelebt hatte, verstand ich mich auch gut mit meinen Mitschülern und die Schulzeit hat mir insgesamt viel Spaß gemacht. Es gab zwar zwischendurch hin und wieder kleinere Neckereien, aber die wahren wohl eher aus Spaß gemeint, auch wenn ich dies nicht so empfunden habe. Aber meine Mitschüler kannten meine Situation ja nicht. Auf Fragen, was ich denn am Wochenende gemacht habe oder vor habe, gelang es mir glücklicherweise schnell, plausible Geschichten zu erfinden, um meine Situation geheim zu halten. Was sollte ich schon sagen? Dass ich keinen einzigen Freund habe und die Nachmittage nur mit Videospielen verbringe? Das wäre doch sofort das Aus für mich gewesen. Das war auch meine „Stärke“, mir nichts über meine Situation anmerken zu lassen. Mittlerweile hatte ich mit dem Online-Spiel aufgehört und mir eine Xbox360 gekauft, mit der ich nun die Nachmittage verbrachte. Ca. 1 Jahr versuchten die Mobber noch, mich über diverse Chatplattformen fertig zu machen und zu beschimpfen, was ihnen aber nicht gelang. Ich konnte dies einfach ignorieren. Es sind zwar nie neue Freundschaften oder private Unternehmungen mit den anderen Mitschülern entstanden, was wohl vor allem an der zu weiten Entfernung untereinander gelegen hat. Ich wohne nämlich recht abseits in einem Dorf mit 2000 Einwohnern.
Langsam wusste ich auch, was ich nach der Schule machen wollte: Ich wollte eine Ausbildung zum Industriekaufmann machen. Also fing ich an Bewerbungen zu schreiben und nach ein paar Absagen erhielt ich eine Zusage von einem großen Industrieunternehmen, was in seinem Bereich den Weltmarkt anführt. Ich konnte es kaum glauben und war überglücklich. Nach all der Qual, die ich in der zurückliegenden Zeit erlebt hatte, wusste ich endlich wieder, was es heißt glücklich zu sein und wie es sich anfühlt zu lachen. Das hätte ich beinahe schon fast verlernt.
Die Ausbildung in diesem Unternehmen macht mir sehr viel Spaß. Ich leiste gute Arbeit und bekomme dafür viel Lob und auch gute Bewertungen. Mit den anderen 6 Azubis habe ich zu Anfang jedoch kaum geredet, weil ich aufgrund meiner zurückliegenden Erlebnisse sehr verschlossen geworden bin und leider lange brauche, bis ich mich gegenüber anderen Menschen öffnen und Vertrauen zu ihnen aufbauen kann. Erschwerend war dazu auch, dass wir alle in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt waren und wir uns alle nicht so oft persönlich begegneten. Da die anderen wahrscheinlich nicht so eine schwere Zeit durchgemacht haben, ist ihnen der Kontakt untereinander deutlich leichter gefallen als mir. Ich war zwar nicht der Außenseiter, aber eher der „stille Zuhörer“. Mit meinen Mitschülern in der Berufsschule verstehe ich mich gut. Ich bin zwar auch in der Berufsschule recht still, aber ich merke, dass sich dies langsam bessert – auch gegenüber den anderen Auszubildenden. Dies wird wohl daran liegen, dass wir uns während der Berufsschulzeit regelmäßig sehen und ich mich deshalb besser an die anderen „gewöhnen“ kann. Das, was ich besonders schätze: Jeder wird von jedem akzeptiert und es gibt auch keine Sprüche oder Witze auf Kosten anderer, zumindest nicht, ohne dass man die Ironie deutlich heraushören könnte. ;-)
Meine Nachmittage bestehen leider immer noch daraus, Videospiele zu spielen und Filme zu gucken. Im Moment habe ich aber eine Phase, in der ich auf beides keine wirkliche Lust habe. Dies hält schon seit ca. 2,5 Wochen an. Vor ziemlich genau 2 Wochen habe ich dann aus Langeweile Chatroulette besucht (für alle, die nicht wissen, was Chatroulette ist: es handelt sich dabei um eine Videochatplattform, bei der man per Zufall mit Menschen auf der ganzen Welt chatten kann.). Zwischen einigen Leuten, die meinten, unbedingt ihren Penis vor die Kamera halten zu müssen und vielen Leuten, die direkt weiter klickten, habe ich dann mit ein paar echt coolen Menschen gequatscht. Einige Zeit später hatte ich dann ein Mädchen (17) aus Frankfurt (ca 400 km von mir entfernt) vor der Kamera. Wir haben noch am selben Abend stundenlang gechattet und später auch Skype-IDs ausgetauscht. Seitdem chatte ich alle 1-2 Tage (bzw. immer, wenn sie online ist) mit ihr. Auch wenn ich sie noch nicht so lange kenne, habe ich sie mittlerweile schon in mein Herz geschlossen. Ich hatte noch nie eine Freundin oder irgendwelchen tiefer gehenden Kontakt mit Mädchen und nun interessiert sich jemand für mich, die gleich alle meine Vorstellungen von einer Freundin übertrifft? Das gibt mir ein gutes Gefühl. Sie ist wirklich super nett, intelligent und einfach wunderhübsch, kurz gesagt: sie wäre meine absolute Traumfrau. Nach ein paar Tagen haben wir sogar schon unsere Handynummern ausgetauscht. Wir flirten oft und sie sagt auch, dass ich sie doch mal besuchen solle. Jetzt habe ich mir überlegt, dass ich das in meinem nächsten Urlaub gerne mal tun würde. Ich weiß natürlich nicht, was daraus wird, aber falls ich die Chance, sie mal persönlich kennen zu lernen nicht nutzen würde, würde ich mir das wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht verzeihen.
Kann mir einer von euch sagen was das ist? Immer nachdem ich mit ihr per Videochat geredet habe, werde ich zunächst ziemlich traurig und freue mich dann schon auf den nächsten Chat mit ihr. Sie ist über die Feiertage im Urlaub. Ich hoffe schon, dass die Zeit bis Sonntag schnell vorüber geht und freue mich schon darauf wieder mit ihr zu chatten.
Was haltet ihr außerdem von meiner Idee, nach Frankfurt zu fahren, um das Mädchen mal privat kennen zu lernen? Kann so etwas überhaupt Zukunft haben?
Beim Schreiben dieses Textes stehen mir die Tränen in den Augen, da ich nun merke, dass ich viel eher hätte anfangen sollen, etwas zu ändern. Wenn ich mal mit anderen Menschen, mit denen ich mich gut verstehe (z.B. mein gleichaltriger Cousin, der leider auch sehr weit weg wohnt), zusammen bin und mit ihnen lachen kann, merke ich immer mehr, wie sehr mir das alles fehlt.
Ich möchte in meinem Leben wieder eine 180°-Wende machen und es wieder in positive Bahnen lenken. Was kann ich dafür tun? Als kleiner Anfang möchte ich demnächst ins Fitnessstudio gehen und habe mich auch schon nach einem Probetraining erkundigt. Aber was kann ich noch tun? Allein ins Kino? Allein in die Disko? Oder würde ich da nicht gleich als „der Einsame“ rüber kommen? Ich möchte einfach raus und neue Leute kennen lernen, was allein leider nicht so leicht ist. Erschwerend kommt noch hinzu, dass natürlich viele in meinem Umkreis über meine Situation mehr oder weniger Bescheid wissen und dementsprechend teilweise gewisse Vorurteile gegen mich haben. Aber ich möchte nicht in 10 Jahren dar stehen und auf einen Scherbenhaufen zurückblicken, den ich immer noch nicht beseitigt habe.
Könnt ihr mir einfach Tipps geben, die mir dabei helfen, diesem Kreislauf zu entfliehen und mein Leben wieder in die richtige Richtung zu lenken?
Bitte sagt mir aber nicht, dass ich doch mal zum Psychologen gehen sollte, oder so ähnlich. Das ist zwar nett gemeint, aber das möchte ich eigentlich nicht und zudem glaube ich auch nicht, dass mir das wirklich helfen würde.
Zum Schluss möchte ich mich für das Lesen dieses unendlich langen Textes und natürlich auch für (hoffentlich zahlreiche) Antworten bedanken und mit einem Zitat abschließen, dass meine emotionale Situation meiner Meinung nach ziemlich gut beschreibt.
„Es ist immer der letzte Tag des Sommers und ich steh' draußen in der Kälte und keiner öffnet mir die Tür.“ (Blow).