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Alles vermasselt? (Lang, wie immer)

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E

earlywinter

Gast
Nachdem ich einige Wochen nicht mehr hier aktiv war, schreibe ich nun mal wieder. Es sind ein paar Dinge passiert. Teilweise so schnell und spontan, dass ich sie nicht einmal richtig realisiert habe.

Ich bin gerade im 7. Semester und befinde mich zurzeit im Praxissemester. Besser gesagt „Endlich im Praxissemester“. Das war auch so eine schwere Geburt. Eigentlich sollte ich mit dem Studium jetzt fertig sein. Bin ich aber nicht. War wohl eine Nummer zu groß für mich. Das Praxissemester sollte eigentlich auch schon längst abgesessen sein, und zwar im 5. Semester. Ist es ebenfalls nicht, da ich zu der Zeit in tiefe Depressionen gefallen bin. Das waren die stärksten Depressionen, die ich jemals hatte. Es war einfach der große Leistungsdruck, Angst, Angst vor der Zukunft Angst vor der Berufswelt, einfach alles. Ein kaputter Typ mit einer kaputten Seele, Anfang 20. Im darauffolgenden Semester habe ich keine Zusagen, nicht mal Bewerbungsgespräche bekommen. Dann habe ich alles umgemodelt, habe ein paar Stationen in den Lebenslauf gepackt, um ihn aufzuwerten und habe mich ohne große Hoffnungen wieder auf Stellen beworben, wo ich von vornerein wusste, dass die mich eh nicht nehmen werden. Es kam aber ein bisschen anders. Ausgerechnet Weltunternehmen haben mich zu Gesprächen eingeladen. Erstmal nur eines, dann kamen noch ein paar dazu. Aus den Gesprächen wurde nichts. Entweder lag es daran, dass ich Murks geredet habe oder dass die tatsächlich jemand Besseren gefunden haben. Letztendlich kam es durch einen Zufall zu der aktuellen Stelle. Meine Kommilitonin sollte eigentlich dort genommen werden, sie hat das Angebot aber dann doch abgelehnt und mich dafür vorgeschlagen. Dann ging alles ganz schnell: Bewerbung, Gespräch, Zusage, Vertrag – und nun sitze ich seit 4 Tagen an meinem Arbeitsplatz eines weltweit bekannten Konzerns. 6 Monate soll es gehen. Jeder normale Mensch würde das jetzt feiern. Ich tu’s aber nicht. Ich befinde mich seit ein paar Tagen in so einer Halb-Ok-Halb-Depri-Phase. So, zwischen Regenwetter und Bewölkt.

Grund ist folgender: ich bin mit mir einfach nicht zufrieden. Ich war niemals zufrieden und da ich dieses Verhalten die letzten 20 Jahre nicht abgelegt habe, werde ich es wohl auch für immer sein. Ich habe kaum Selbstwertgefühl, kaum Selbstsicherheit. Mir merkt man es schon nach 5 Minuten an, dass ich nicht viel Selbstbewusstsein habe. Das weiß ich daher, weil mich fremde Menschen schon nach kurzer Zeit so seltsam behandeln, vorsichtig mit mir reden, mich unbewusst ausgrenzen, mit mir anders reden wie mit anderen, mich in eine Extraschublade stecken.
Ich fühle mich energielos, erschöpft, habe zugegeben keine wirkliche Lust mehr auf alles. Am liebsten würde ich mich irgendwo in einem kleinen Raum einsperren und nie mehr rauskommen. Ich fühle mich alleine. Die letzten zwei Jahre war ich abgesehen von meinem Freund überwiegend alleine, teilweise einsam. Ich frage mich oft wieso ich das alles tue, dann merke ich dass ich das alles tun muss für .. Irgendjemanden scheinbar, denn für mich selber will ich das gar nicht. Es ist die Pflicht die mich künstlich antreibt. Ich habe keine Lust mehr auf Menschen, gefaktes Interesse, "Spannende Aufgaben", Pseudo Freundschaften, etc. Ich weiß, ich bin damit nicht alleine. Dennoch habe ich ein Sättigungsgefuhl vom Leben erreicht.

Kommunikativ bin ich – sagen wir mal – ausbaufähig. Ich habe irgendwie keine richtige Stimme mehr. Die klingt entweder durch den Kehlkopf gedrückt oder extrem flach und leise. Richtig sprechen kann ich auch nicht mehr, scheint so. Aufgrund dessen, dass mir manche meine Aufgabenbereiche total bescheuert und unverständlich erklären, komme ich selbst in so Situationen rein, wo ich den Eindruck erwecke, ich habe kaum Auffassungsgabe.

Was mich noch nervt ist, dass ich oft das Talent habe, gute Situationen richtig zu vermasseln, indem ich Dinge sage oder tue, die einfach unpassend sind. Oft sind Dinge gar nicht unpassend, aber ich tue dann so, als seien sie das und entwerte mich selbst damit.
Die letzten 4 Arbeitstage waren wieder so ein Beweis für mich, dass ich wohl einfach nicht so für das „normale Leben“ gemacht bin. Abgesehen von meiner anfänglichen (hoffentlich anfänglichen) Zurückhaltung, falle ich mir selbst immer wieder mit so peinlichen Dingen auf. Montagmorgen komme ich mit 2 Ausweisen rein, die ich für die Pforte brauche und lege eines davon kurz auf einen Tisch. Als ich spontan in ein Meeting gerufen werde, vergesse ich, wo der Ausweis ist, den ich gerade brauche. Ich laufe wie ein Trottel herum und erwecke den Eindruck, ich könne auf wichtige Dinge nicht aufpassen. Das habe ich dann versucht mit einem „Mensch, Montagmorgen gleich so verpeilt…“ abzuwürgen. Hoffentlich war es nicht allzu unangenehm.

Bei der nächsten Gelegenheit trat ich in wieder in dieses typische Dumme-Fragen-Näpfchen rein. Ich suche an meinem Arbeitsplatz flüchtig nach Steckdosen, finde keine. Ich frage meinen Kollegen hinter mir, wo die denn seien und er verweist mich auf meinen Arbeitsplatz, an der Stirnseite. Hmm, peinlich. Zeigt, dass ich nicht sehr aufmerksam bin. Egal, einfach ignorieren und versuchen zu vergessen.

In den Mittagspausen, die das Büro immer zusammen verbringt, merke ich, dass ich unbewusst ausgegrenzt werde. Es gibt manche, die tun so, als würde ich überhaupt nicht existieren. Wie ein Trottel laufe ich eben zwanghaft hinterher, um „sozial kompetent“ zu wirken, was aber gar nicht so einfach ist. Einfach sich irgendwo dazusetzen und so tun, als würde man dazugehören – das funktioniert nicht so, wie man sich das vorstellt. Hier muss man sich wirklich integrieren können, Gelegenheiten gibt es nicht wirklich. Es gibt sogar Menschen, die schauen einen beim Sprechen gar nicht an.
Schon am 2. Arbeitstag habe ich mir beim Heimfahren überlegt, wie ich aus diesem Wir-gehen-jeden-Tag-essen-Dilemma schnellstmöglich rauskomme. Na, ja. Gar nicht.

Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommen manchmal so Situationen, wo ich mir denke: Zurückspulen und nochmal. Leider geht das halt in der Realität nicht so. Ich habe ein Meeting mit einem Kollegen. Sehr nett, sehr sympathisch. Man wird taktisch mit „Hey, gute Frage“ gelobt und es wird einem noch der Stammbaum erklärt. Er macht eine komische Bewegung, die aussieht, als würde er mir die Hand geben und ich natürlich auch in die Position… die Hand geht ins Leere. Schnell zurückziehen und so tun, als wäre nichts passiert. Die restliche Minute kam dann so rüber wie „Wann hört der endlich auf zu labern“. Ein anderer Kollege kommt auch dazu, will sich verabschieden. Er gibt ihm die Hand… und weil ich halt zufällig daneben stehe, mir auch, mit einem nichtssagenden Ähm-Ja-Blick.

Alle sind furchtbar nett. So nett, dass man sich direkt fragt, wer von denen am meisten lästert. Alle sind auch jung. So jung, dass der Du-nimmst-mir-meine-Freunde-nicht-weg-Kampf irgendwie stattfindet. Was neu und komisch aussieht, wird einfach verdrängt. Soll der Neue doch sehen, wo er bleibt. Er kann sich ja einfach irgendwo dazuhängen - aber jetzt nicht bei mir.

Heute war wieder so ein toller Tag. Beim Aufwachen dachte ich mir kurz: soll ich aufstehen oder einfach hier für immer im Bett bleiben? Mich einsperren? Schlüssel wegwerfen und auf den Tod warten? Ich bekomme für mein Pflichtpraktikum ein ordentliches Entgelt – das ist aber gerade sowas von unwichtig.
Der überaus nette Abteilungsleiter bat mich heute zu sich herein, um mich kennenzulernen. Allgemein scheint der Laden gut organisiert zu sein. Selbst Menschen aus fremden Abteilungen kommen extra zu mir hoch, um mich zu sehen. Jedes Mal, wenn jemand kommt, denke ich mir so: so toll bin ich jetzt auch nicht, aber danke.
Der Abteilungsleiter bietet mir gleich ein „Du“ an und fragt mich, ob ich mich vorstellen könne. Irgendwie habe ich immer die komische Angewohnheit, beim Vorstellen auf meinen ausländischen Namen einzugehen. Ich habe ihm gesagt, dass ich so und so heiße, so und so Jahre alt wäre und ursprünglich von …Land komme. Ja, ja. Wichtig, wichtig. So als wolle ich jemanden mit meiner Herkunft beeindrucken. Dann folgt das übliche „Aber Sie sehen gar nicht so aus“-Ding und das nicht vorhandene Eis ist gebrochen. Oft sagt man „Denk nicht zu viel nach“. Bei mir müsste es manchmal heißen „Denk lieber drüber nach, bevor du was sagst“. Auf die Frage, ob ich nach dem Bachelor den Master machen wollen würde, dachte ich mir kurz im Stillen: welchen Master denn? Ich weiß nicht einmal ob ich den Bachelor schaffe. So unsicher war dann auch meine Antwort, irgendwas von wegen „Ja, vermutlich“ oder „Vielleicht, ja“. Prompt kam als Antwort „Der Bachelor ist ja schon überholt. Master ist mittlerweile Standard“. Gekünsteltes Gelächter. Dann kam die Frage „…wieso haben Sie nach der Ausbildung studiert?“. Ja, wieso eigentlich? Auf diese Frage hätte man so viel antworten können. Aus meinem Munde kam nur raus „Ja, das war mir etwas wenig, auch finanziell hätte sich nur eine Ausbildung nicht gelohnt“ und dann noch „Wenn sich ein Studium anbieten, wieso nicht?!“. Das klingt wie „Na, ja. Ich hab’s halt einfach gemacht, damit es gemacht ist. Weiß ich selbst nicht so genau“. Daraufhin meinte er „Sie sagen das Richtige.“ Er bestätigte das dann auch, dass es eigentlich auch so der Grund sei, und das lebenslanges Lernen wichtig sei. Ich habe mir noch nichts anmerken lassen, dann kam die letzte Frage „Wie stellen Sie sich ihre Zukunft so vor? Abteilungsleitung, Vorstand…?“ Meine Zukunft? Ich hoffe erstmal, dass ich den Bachelor schaffe, ansonsten war’s das mit Zukunft. Für eine Führungsposition bin ich nicht qualifiziert. Ich habe fast 2 Semester gebraucht für eine Praktikumszusage. Was für Zukunft? Da mir nichts Besseres eingefallen ist und ich es satt hatte, immer die 0815-Standard-Aussagen zu verwenden habe ich ganz ehrlich gesagt „Das kann ich Ihnen so gar nicht sagen. Mein Studium geht nicht nur in eine Richtung, sondern in mehrere. Ich lasse mir das noch offen.“ Sowas in der Richtung. Also im Endeffekt heißt das „Sorry, ich habe keine Ahnung, ich habe keine Ziele“. Diesmal war seine Reaktion darauf etwas seriöser, er meinte „Ok, also, es ist erstmal sehr wichtig, Ziele zu haben und diese zu verfolgen…aber das ist in dem Praktikum jetzt ja auch nicht ausschlaggebend“ Und so weiter. Meine Entgleisungen wurden noch etwas glattgebügelt und ich hatte am Ende das Gefühl, ich hätte gerade ein Vorstellungsgespräch vermasselt.
Jemand, der mit 25 ein Praktikum in einem Konzern macht, sagt alles aber nicht „Hm, ich weiß gar nicht, was aus mir werden soll, dazu kann ich leider kaum was sagen“. Na, Prima. Solche Zukunftsträger möchte man gerne haben. Den letzten Satz von ihm könnte man so interpretieren „Es ist für ihr Praktikum nicht ausschlaggebend, weil wir Sie danach auch nicht mehr sehen werden.“
Dann hat er mich auch gefragt, ob ich eine Freundin hätte, einfach so. Die Frage fand ich deshalb so komisch, weil sie erstens sehr privat ist und zweitens selbst als Smalltalk Thema etwas unprofessionell. Ich habe mich gefragt, ob das vielleicht absichtlich so gefragt wurde oder er was Bestimmtes wissen wollte. Beispielsweise die Sexualität.
Komischerweise gab es sowas vor kurzem auch schon bei meiner Betreuerin, dass sie so subtil das Thema Beziehung angesprochen hat. Von wegen, dass ein Single ja weniger Geld ausgebe als ein Vergebener.

Schon wieder kurz vor 23:00 Uhr und ich habe das Gefühl, ich hatte 30 Min Freizeit. Morgen früh wieder aufstehen, kämpfen, nach Hause und auf den Freitag warten.
Wenn man arbeitet, vor allem wenn man irgendwo arbeitet, wo man nicht unbedingt sein möchte oder sich doof vorkommt, können solche Momente echt frustrierend sein.

Vor was ich am meisten Angst habe, ist ein eventuelles schlechtes/durchschnittliches Zeugnis.
Das würde wirklich mein Ende bedeuten. Denn mein Ausbildungszeugnis war schon unterirdisch. Das war vor 7 Jahren. Mein Praktikumszeugnis – auch, wenn es nur ein Praktikum ist – könnte das Ruder rumreißen. Klar, ich muss mich schon anstrengend, aber ich habe das Gefühl, ich habe es schon am Anfang vermasselt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Hi, du solltest lernen, deine Unsicherheit zu überwinden.

Einige Sachen, die du vom Praktikum erzählst, sind ja total normal und alltäglich, da verstehe ich ehrlich gesagt nicht, warum dich das so beschäftigt (Steckdosen). Und es gibt im zwischenmenschlichen Bereich schon mal Missverständnisse und manchmal etwas peinliche Momente. Das ist nun mal so. Da mache ich mir im Nachhinein doch nicht so viele Gedanken.

Du bist schon bei der persönlichen Vorstellung unsicher und das verstehe ich überhaupt nicht. Stell dich doch normal vor, du bist der soundso und kommst aus soundso und bist jetzt bis zum Datum soundson Praktikant. Dann können ja Fragen kommen bezüglich deiner Herkunft, aber warum du das selbst ansprichst, verstehe ich ehrlich gesagt nicht.

Und vielleicht solltest du dir Gedanken machen, wie du als Smalltalk deinen Lebenslauf präsentierst. Da ist doch nichts dabei, wenn man eine Ausbildung macht und danach noch mal studiert. Dann war eben die Ausbildung nicht deins und dich haben eben die Studieninhalte interessiert.

Vielleicht sind die Leute in dem Team einfach nett? Warum bist du so misstrauisch?

Versuche das alles ein bisschen lockerer zu sehen. Du hast einen Praktikumsplatz bekommen. Von mir Glückwunsch, denn ganz einfach war es ja nicht. Mach da deine Arbeit und versuche nicht, den Leuten was vorzuspielen. Bleib du selbst. Es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten. Willst du was wissen, dann musst du halt fragen. Natürlich hättest du selbst auch stundenlang nach den Steckdosen suchen können, aber es war sinnvoller zu fragen.
 
Sehr unterhaltsamer Text, du kannst wirklich gut schreiben.
Versuch dich eher auf die Aufgaben zu konzentrieren, als auf Smalltalk usw ...
Und nimm nicht jedes Gespräch so ernst, als ob deine Antwort deine Zukunft entscheidet.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich lese im Internet wirklich viel, aber das ist definitiv der Text der mich seit langer Zeit am besten unterhalten hat.
Ich erkenne mich in so vielen Situationen wieder. Dieses oberflächliche Getue von Kollegen, Heuchelei bis zum abwinken. Hat nur noch gefehlt dass dich deine Chefs was fragen aber dich dann nichtmal ausreden lassen weil sie die Antwort nicht interessiert.

Ich hatte beim Lesen übrigens eine junge Frau vor meinem geistigen Auge. Am Ende erst kapiert dass du m bist. Ich glaube bei Frauen ist so eine Verpeilt- und Schüchternheit ja noch sympathisch, bei Männern geht es gar nicht. Damit kommst nicht weit.

Aber bitte schreib noch mehr aus deinem (Arbeits-) Alltag. Und wenn nix mehr geht, werd doch Schriftsteller. So wie Tommy Jaud, nur statt Beziehungsthemen schreibst aus der Arbeitswelt..

Ja, viel Drumherumschreiben, das kann ich gut 🙄

Ich habe mir sowieso überlegt, mehr zu schreiben. Auch über das Praktikum (etwas Anderes gibt es ja momentan auch nicht).
 

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