Hallo,
wie alt bist du?
Ich hatte auch so eine Phase, als ich zwischen 14 und 16 war.
Hab Metal gehört, so Rhapsody, und Fantasybücher gelesen, so viel und so oft es nur ging, und ich hätte heulen können bei Filmen, in denen man Ritter sah und Fantasywesen (heute ergreift mich manches immer noch sehr, weil ich es nie erleben kann) und mich nächtelang in Spielen und Filmen ergangen. Im Unterricht gelesen, im Bus, überall. Gezeichnet. Eine Bildersammlung angelegt.
War auch depressiv, wollte sterben, ein besseres Leben. Einfach einschlafen und da aufwachen, wo es schöner ist.
Kennst du diese Zeilen aus einem Lied:
Soon the dew of morning filled all the silent wood
And when the sunbeams kissed his face
He opened his so lucky eyes in front of him the oak
The whispers of the river the freshness of the dawn
Oh, my god, where was I...
A land where my my dreams rule
Where hopes of victory become reality for every man
Ich hab darin geschwelgt und gebadet und den, um den es dort geht, SO beneidet. Wieso konnte ich nicht in so einem Land aufwachen? Wieso musste ich hier leben, in der grauen Realität?
Mittlerweile gehe ich stark auf die 25 zu und muss gestehen, heute noch manchmal so empfinden. Allerdings ist weit weniger Weltschmerz dabei als damals.
Im Laufe der Zeit hab ich auch andere Dinge kennengelernt, die bei mir in der Pubertät zu kurz gekommen sind. Und manche Sachen hab ich einfach verwirklicht.
Z.B. hab ich irgendwann einfach meine Freundin geschnappt und bin mit ihr auf Mittelaltermärkte gefahren. Oder auf Festivals. Auch eine Möglichkeit wären LARPs, da kannst du dich so richtig ausleben.
Aber ich muss dazu sagen: Ich hab die Schule in den Sand gesetzt und mein Abi auf Umwegen nachgeholt. Und ich hab die Erfahrung machen müssen, schmerzlich und langwierig war sie, dass ich mich vor dieser Welt nicht drücken kann und an meinen Defiziten arbeiten MUSS, um erfolgreich zu bestehen.
Dass ich lernen muss, auf Menschen zuzugehen, meinen Frust in was Positives umzuwandeln (Musik, Zeichnungen, Schreiben (Geschichten z.B.) Fantasyklamotten, da gibts viele Möglichkeiten) und vor dem Leben hier nicht davonlaufen darf und WILL.
Letzteres ist sehr wichtig. Klar sind deine Träume und Fantasien schön. Sie ersetzen aber NIEMALS die Realität, in der du mit ALLEN deinen Sinnen und deinem Körper fühlst. Schau mal, ich hab mir damals ausgemalt, wie es wäre, die perfekte Liebe zu finden mit dem tollsten Mann, den ich mir vorstellen konnte. Ich hatte vielleicht dabei ein kleines Kribbeln im Bauch und das Gefühl von Sehnsucht und das kam mir vor wie große Gefühle.
Und dann, in der Realität, saß ich auf einer Parkbank, mit 16. Neben mir ein schlaksiger, unbeholfener Junge. Wir schwitzten, wir waren verlegen, kamen grade aus dem Kino, ich fand ihn süß, war nicht verliebt, fühlte mich aber von ihm angezogen. Als wir uns küssten...meine Hände haben so gezittert, ich war nervös, meine Eingeweide fuhren Achterbahn...
Es war, obwohl es "nur" so ein schlaksiger, gleichaltriger Junge war und kein Held in strahlender Rüstung, tausendmal intensiver, interessanter und spannender als jede Fantasie. Weil es das Leben war.
Also versuche, dich in der Realität mehr auszuleben. Was mich schon viel zufriedener macht sind banale Dinge - Karussell fahren z.B...wenn ich von irgendeiner Maschine wild herumgewirbelt werde, das Gefühl habe, zu fallen oder zu schweben, gehts mir hinterher viel besser, ich bin lebendiger, aufgekratzter. Oder Sport. Ich hab nie Lust drauf, aber man spürt seinen Körper, und wenn man erst Fortschritte macht, es fühlt sich sehr gut an, besser als erwartet, mit Körper und Geist eins zu sein. Gut eignen würde sich da z.B. Kickboxen oder irgendwas mit Körperspannung, wo man sich steigern kann. Aber selbst etwas simples wie Laufen.
Irgendwann kam dann ja auch das Autofahren dazu. Auch etwas, bei dem ich mich spüren konnte. Es sind lauter so Kleinigkeiten, für die es sich zu leben lohnt. Die Fantasygeschichte seh ich heute als angenehme Entspannung, als kleinen Rückzugsort, wenn das Leben mal wieder zu stressig an mir vorbeirauscht.
Mein Leben erfuhr damals aber erst Aufwind, als ich die Dinge eben in die Hand nahm. Ganz toll auch: Nachts am Lagerfeuer sitzen, im Heerlager, mit den gewandeten Leuten, einer hatte eine Gitarre, wir sangen und tranken Met. Das sind Momente, für die es sich zu leben lohnt.
Oder ein paar Schritte auf dem Pferderücken von irgendeinem Pferd, das einem vom Rittertournier gehörte.
Freundschaften, Konzerte, irre Unternehmungen, verrücktes Zeug halt, spontan sein, aber auch an sich arbeiten, die Schüchternheit ablegen, sich weiterentwickeln, Ziele stecken, diese Sehnsucht, die in einem steckt, konstruktiv ausbauen und umwandeln, dass etwas dabei herauskommt. Es ist so eine große Inspiration für Bilder und Geschichten z.B...ich kann sehr gut Momente, die ich im Kopf sehe, in Worte umwandeln. Fällt mir leicht, weil so ein gutes Vorstellunsvermögen.
Aber du kannst nicht nur im Kopf leben. Die Welt hat mehr zu bieten.
Werde doch mal konkreter: Hast du Freunde? Wie alt bist du? Bist du schüchtern? Fühlst du dich hässlich? Wie ist die Beziehung zu deinen Eltern? Gehst du zur Schule? Machst du eine Ausbildung? Wie bist du zur Fantasy gekommen? Was hast du für Ziele? Hast du welche?
Puh, viel Text. Vielleicht kannst du mit dem ein oder anderen etwas anfangen.
Machs gut!
-Gast