Noch ungerechter erscheint es mir, weil zwischen dem Trauma und der Gegenwart offensichtlich viele Jahre liegen, in denen wir uns super verstanden haben.
Das ist so, als würde man ein Kind heute dafür bestrafen, dass es vor 5 Jahren beim Nachbarn Kirschen geklaut hat, obwohl der Nachbar diesen Vorfall schon längst vergessen hat.
Wobei das durchaus normal wäre, auch dann, wenn die Kinder nachgewiesenermaßen traumatisierend aufwachsen mussten. Kinder lieben ihre Eltern, egal, was passiert ist.
Ich bin sehr unchön aufgewachsen und habe viele schlimme Dinge erleben müssen, an denen meine Mutter maßgeblichen Anteil hatte. Trotzdem hatten wir sehr innige Phasen, in denen wir uns unglaublich gut verstanden haben und uns gegenseitig eine große Stütze waren.
Und nun habe ich schon seit sehr vielen Jahren keinen Kontakt zu meiner Mutter mehr. Das ist kein Widerspruch, ich brauchte eben so lange, um zu erkennen, dass sie mir nicht gut tut, dass sich so viele Verletzungen fortsetzen und ich unfrei bin. In Gedanken sitzt sie immer noch auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr, wenn auch lange nicht mehr so penetrant wie früher.
Der Vergleich hinkt, denn erwachsene Menschen sind keine Kinder oder junge Hunde, die sich gar nicht mehr erinnern können, was geschehen ist und deren Verfehlungen sich (in diesem Kontext) mit "Kirschen klauen" vergleichen lassen.
Es liest sich aus meinem Blickwinkel (den einer Tochter, deren Mutter sehr schwere Vergehen nicht richtig zugeben kann) naiv und fast höhnisch.
Nun gab es sowas nicht bei Euch, schreibst Du. Trotzdem, auch wenn Deine Tochter möglicherweise gerade völlig gaga ist oder etwas grundsätzlich missverstanden hat, sind es für sie keine geklauten Kirschen, sondern gravierende Dinge. Sie geht damit nicht angemessen um und das musst Du Dir auch nicht gefallen lassen, aber Ernst nehmen solltest Du sie schon.