Ich versuche es mal etwas analytischer anzugehen.
Wir kommen aus einer Zeit, in der Frauen sehr benachteiligt wurden. Schrecklichen Zeiten, in denen Frauen nicht mal ein demokratisches Wahlrecht hatten. Das hat unsere heutiges Bewusstsein geschärft und wir tun vieles um Rechte von Frauen zu stärken und dort entgegen zu wirken, wo sie teils immer noch benachteiligt werden.
Das weibliche Rollenbild ist heute modern. Die Frau, die in der Werbung alles schafft, Beruf und Familie unter einen Hut kriegt und nebenbei noch fantastisch aussieht.
Das Bild des Mannes hat sich in den letzten 100 Jahren wenig verändert. Der Mann, der arbeiten geht und Geld für seine Familie nach Hause bringt. Der Mann, der Beschützer, der Ernährer, der Starke. Das ist ein Männerbild, das es immer noch gibt.
43 Prozent der Befragten für den Gender Equality Report 2017 sehen das Geldverdienen als Männeraufgabe. Für zehn Prozent der Befragten ist es inakzeptabel, wenn Männer weinen.
Die Studie zeigt aber auch, dass die lange verinnerlichten Rollenbilder bei der jüngeren Generation aufgebrochen werden und sich verschieben. Damit einher geht die Frage: Was macht eigentlich einen modernen Mann aus?
Der Sexualtherapeut Wolfgang Kostenwein beschreibt:
"Junge Männer sind in der Sexualität ganz stark mit der Frage beschäftigt, wie muss ich sein, um den Erwartungen der Gesellschaft und des Gegenübers zu entsprechen." Er erlebe in Therapien und Beratungen
"eine ganz starke Außenorientierung und Verunsicherung, die jedenfalls nicht geeignet erscheint, die Beziehungsebene gut gestalten zu können".
Ich habe die Erfahrung bereits im Kindesalter persönlich gemacht als ich mal in meiner Klasse geweint habe. Haben Mädchen geweint wurden sie in den Arm genommen. Bei mir als Junge herrschte Schweigen bis mich der Lehrer beiseite nahm und mir wenig einfühlsam sagte, ich solle aufhören zu weinen oder sonst mal (alleine) nach draußen gehen um mich zu beruhigen.
Dazu passend kommen Studien auch zu dem Ergebnis:
"dass in vielen zentralen Bereichen (z.B. in der Schule) überkommene traditionelle Geschlechterstereotype dominieren und zu einer ungleichen, stereotypen und damit ungerechten Behandlung von Jungen und Mädchen, Frauen und Männern führen"
Weiter führt die Studie auf:
Ein erheblicher Teil der Männer will heute deutlich mehr zeitliche Präsenz und praktische Partizipation innerhalb ihrer Familie. Aber aufgrund bestehender Konditionen am Arbeitsplatz, sozial- und steuerrechtlicher Rahmenbedingungen sowie kultureller Geschlechterrollenbilder zeigen sie Verhaltensmuster, die nicht ihren eigenen Bedürfnissen und langfristigen Interessen entsprechen.
Auch dies entspricht meiner persönlichen Erfahrungen. Es gibt kaum Männer, die aufgrund von Familie, Teilzeit arbeiten. Klar, kann hier auch wieder einfach sagen "die Männer sind Schuld", aber stimmt das wenn Männer auch noch heute in der Schule mit stereoptypen Männerbildern bombadiert werden?
Ausdrücklich: Ich spreche hier
nicht von einer Benachteiligung der Männer, sondern von gesellschaftlichen Konventionen.
Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer ist neben der Gleichstellungspolitik für Mädchen und Frauen die in gleichem Maße notwendige und tragende Säule für Geschlechtergerechtigkeit. Sie wird aber nicht gelebt, weil davon ausgegangen wird, dass es keine Benachteiligungen für den Mann gibt.
Letztlich wird er ja zu nichts gezwungen. Natürlich kann er, wenn er will, Teilzeit arbeiten und sich um seine Familie kümmern! Er hat nur eben Pech wenn seine Partnerin ein traditionelles Rollenbild vom Mann als Ernährer hat oder sein Vorgesetzter zwar kein Problem mit 5 Frauen in Teilzeit wohl aber mit dem Mann in Teilzeit hat.
Männer wird immer noch mehrheitlich anerzogen, dass sie Leistungen bringen und die Erwartungen anderer (auch Frauen) erfüllen sollen. Dieser Druck führt zu vermehrten Selbsttötungen. Generell kann man ableiten: Je traditioneller das Männerbild, desto häufiger begehen die Männer Suizid. In Russland sind es es auf 100.000 Einwohner 48,3 Männer! (nur 7,5 Frauen).
Dieser Thread hier macht mir dabei einmal mehr deutlich: Von vielen wird ein "weinender Mann" nicht ernst genommen. Ich als Mann habe auch mein Leben lang gelernt, lieber keine Gefühle zuzugeben oder gar zu weinen. So haben sie es eben gelernt.
Was für viele Männer auch bei der Partnersuche ein Problem ist. Ja, es liegt auch an ihnen selber. Sie bauen einen großen Selbstdruck auf, versuchen die Erwartungen der potenziellen Partnerin zu erfüllen. Viele Männer zerbrechen an diesem Selbstdruck bis hin zum Suizid.
Ich glaube nicht, dass es per se überall einen Frauenmangel gibt. Ich glaube es gibt ein Problem mit dem gesellschaftlichen Bild und der Erwartungshaltung an Männer und der Erwartung von Männer an sich selber.