Mein Opa (mütterlicherseits) war ein sehr stolzer Mann, er hatte Ausstrahlung, und eine enorme Lebensfreude. Er hat, in meinen Augen, das Leben regelrecht gefeiert.
Aufgewachsen ist er in der ehemaligen Sowjetunion, war sehr früh vollwaise. Er musste als Kind betteln gehen, weil sie so wenig zum Leben hatten.
Sein ganzes Leben lang hat er körperlich gearbeitet, weniger mit dem Kopf. Das war früher nicht so üblich.
Er war ein sehr starker Mensch, ich vermisse ihn sehr.
Mein Vater, der ebenfalls verstorben ist, hat ihn sehr geliebt, das weiß ich. Er kam mit seinen eigenen Eltern nicht so klar, fühlte sich dort nicht angenommen. Die Familie meiner Mutter ist sehr offen, liebenswert. Dort hat er sein Zuhause gefunden, die Familie, die er sich selbst immer so sehr gewünscht hat. Dort wurde er angenommen, er wurde geliebt. Geschätzt und anerkannt.
Als mein Vater tot war, kümmerte sich seine eigene Familie nicht mal mehr um sein Grab. Manchmal glaube ich, es war ihnen egal. Als im Krankenhaus die Entscheidung über Leben und Tod getroffen werden musste, waren sie nicht anwesend. Meine Mutter war da. Sie musste, als junge Frau mit einem kleinen Kind, diese schwierige Entscheidung treffen, allein und auf einem Krankenhausflur. Seine eigenen Eltern waren nicht da. Unter Tränen schreibe ich diese Zeilen. Denn ich fühle den Schmerz. Aber es ist ok so. Den Schmerz zu fühlen und ihn zu ertragen, das ist schon der halbe Weg.
Mein Vater hatte leider nicht so viel Glück im Leben. Er ist jung gestorben, doch er hat mich hinterlassen. Ich bin stolz darauf. Es ist sehr traurig, aber sonst ist nichts von ihm geblieben. Außer einiger persönlicher Gegenstände, ein paar Büchern, und geschriebenen Zeilen. Sonst nichts.
Ich bin sehr traurig darüber, aber auch froh über diese Erkenntnis. Mein Vater hat mich hinterlassen. Ich bin das, was die Welt von ihm noch hat. Und ich möchte ihn stolz machen, ihn in Ehren halten, und in guter Erinnerung. Das Leben geht so schnell vorbei.
Zu beineiden, was ein anderer hat, bringt überhaupt nichts ein. Auch wenn es manchmal schwer fällt, das zu glauben, und ich selbst manchmal neidisch bin. Doch ich kann niemand anderes sein, als der, der ich bin. Und das ist gut so. Es reicht aus. Es ist genug. Und daraus kann sehr viel entstehen. Doch für den Moment ist es genug.
Zu sehen, zu anerkennen, was ein anderer hat, das ist eine gute Sache. Damit würdigst du ihn. Und du ehrst dich selbst, wenn du dich nicht um das beneidest, was du selbst nicht hast. Da fängt das Leben an. Genau da.
Wenn du einen anderen beneidest, machst du dich selbst klein, hilflos und schwach.
Und du baust eine Grenze auf zwischen deinen Mitmenschen und dir. Eine Grenze, die du dann nicht mehr überwinden kannst.
Ehre den anderen, und ehre auch das, was er hat. Nichts kommt von allein, alles wurde erarbeitet und verdient, wenn nicht von dir selbst, dann von deinen Vorfahren. Ehre auch das.
Lebe gut.
In Liebe und Dankbarkeit,
AE