Hier ein kleiner Auszug über eine Abhandlung für die Kranken:
Oh du Kranker ohne Ausdauer! Der Mensch ist nicht in die Welt gekommen, um nach seiner Lust und Laune zu leben. Zeugnis dafür gibt das ständige Kommen und Gehen der Menschen. Die jungen werden alt, und sie alle werden zwischen Tod und Trennung ständig umhergetrieben. Und obwohl der Mensch unter den Lebewesen das vollkommenste, höchste, hinsichtlich seiner Anlagen reichste, ja, sogar der König aller Lebewesen ist, verbringt er dennoch, verglichen mit den Tieren, nur ein trauriges und kummervolles Leben auf der untersten Stufe, weil er ständig über vergangenes Glück und kommendes Unheil nachdenkt. Das heißt, dass der Mensch nicht in diese Welt gekommen ist, nur um sich ein schönes Leben zu machen und ruhig und unbeschwert seine Zeit zu verbringen.
Er ist vielmehr hierher gekommen als ein Mensch, in dessen Händen sich ein gewaltiges Kapital befindet, um Handel zu treiben und zu arbeiten für ein immer und ewig glückseliges Leben. Das Kapital, das ihm an die Hand gegeben wurde, ist die Spanne seines Lebens. Gäbe es keine Krankheit, würden ihn Gesundheit und Wohlbehagen zur Gottvergessenheit verleiten...
Die Welt erschiene ihm als ein Freudental. Das Jenseits geriete in Vergessenheit. Man möchte nicht an Grab und Tod erinnert werden, möchte das Kapital seines Lebens wie im Leerlauf für hohle Vergnügungen ausgeben, doch die Krankheit öffnet ihm plötzlich die Augen und spricht zu ihm, zu seinem Körper: »Du bist nicht unsterblich, nicht ungebunden, du hast eine Aufgabe. Lass deinen Stolz! Denke an den, der dich geschaffen! Wisse, dass du ins Grab steigen wirst! Bereite dich also darauf vor!« So ist also die Krankheit von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ein Mahner, der niemals betrügt und ein warnender Lehrer. In dieser Hinsicht sollte man sie nicht anklagen, vielmehr ihr dankbar sein und – wenn es einem zu schwer wird – um Geduld bitten...
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Alle Namen Gottes, der vollkommen ist in Seiner Schönheit, sind, wie der Titel »Die schönsten Namen« Gottes, des Einzigartigen, anzeigt, vollendet und schön. Innerhalb des Seins aber ist das Leben der feinste, schönste, umfassendste Spiegel der Einzigartigkeit (Gottes). Der Spiegel der Schönheit ist schön. Der Spiegel, welcher den Wert der Schönheit aufzeigt, verschönert sich, denn was an Schönheit in diesen Spiegel hineinfällt, ist schön. So ist auch das, was ins Leben hineinkommt, vom Standpunkt der Wahrhaftigkeit betrachtet, schön. Denn es zeigt die schönen Ornamente der schönen Namen (Gottes), die schön sind.
Das Leben, verliefe es in Gesundheit und stetem Wohlergehen, wäre eintönig, die Spiegelung unvollständig. Ja, es wäre in dieser Hinsicht wie nichtig, gleichsam eine Negation, ließe Hohlheit empfinden und Langeweile aufkommen. Der Wert des Lebens würde gemindert. Der Sinn des Lebens würde in Langeweile verkehrt. Der Mensch in seiner Langeweile wirft sich entweder in Ausschweifungen oder in Vergnügungen, damit die Zeit rascher vergehe. Wie eine Zeitspanne, die er im Gefängnis verbringen muss, betrachtet er die Zeitspanne seines Lebens mit feindseligen Augen, möchte die Zeit totschlagen, damit sie ihm rascher vergehe. Doch ein Leben, das ständig sich wandelt und niemals sich gleicht, das wie eine Reise ständig in Aufbruch und Bewegung abrollt, lässt seinen Wert verspüren, lässt Sinn und Bedeutung der (Lebens)zeit erkennen...
Wäre es auch in Mühen und Plagen, man wollte nicht, dass das Leben vergeht. Er sagt nicht in seiner Langeweile: »Ach Gott, die Sonne ist noch immer nicht untergegangen! Die Nacht ist noch immer nicht vorüber! Oh Gott, mein Gott!« Ja, frage einmal einen sehr reichen Herrn, der in einem luxuriös eingerichteten Hause müßig auf seinem Sofa liegt: »Wie ist Ihr geschätztes Befinden?« Sicherlich wird er dir mit betrübter Miene antworten: »Ach Gott, die Zeit will nicht vergehen! Komm, lass uns was spielen oder lass uns irgendeinen anderen Zeitvertreib finden!«... Oder du bekommst Anklagen zu hören, die aus Gier und Geiz erwachsen sind, wie: »Dieses oder jenes fehlt mir noch« oder: »Ach, hätte ich doch noch diese Sache erledigt!«
Frage dagegen einmal einen armen, geplagten Menschen, einen, der sich schwer mühen und anstrengen muss: »Wie geht es Dir?« Wenn er seine fünf Sinne beieinander hat, wird er dir antworten: »Gott sei Dank! Mir geht es gut. Ich habe Arbeit. Vergingen die Tage nicht so schnell, könnte ich diese Arbeit noch zu Ende bringen! Die Zeit vergeht schnell, steht nicht still. Das Leben vergeht. Ich habe ja wirklich meine Mühe, aber das vergeht auch.
Es vergeht alles so rasch.« Damit wird er dir zu verstehen geben, wie wertvoll das Leben für ihn ist, mit dem Ausdruck des Bedauerns über seine Vergänglichkeit! Das heißt, er vermag unter Mühen und Plagen sein Leben zu genießen und dessen Wert zu verstehen. Gesundheit und Wohlbefinden dagegen machen das Leben bitter, sodass man sein Ende herbeisehnt.
Ach mein kranker Bruder! Wisse, dass – wie wir bereits in anderen Abhandlungen ausführlich und auf unwiderlegbare Weise bewiesen haben – die Wurzel und Hefe des Übels, des Bösen, ja, sogar der Sünde das Nichtsein ist. Das Nichtsein aber ist das Böse, die Finsternis. Zustände wie gelangweilte Ruhe, Schweigen, Stille, Stillstand führen zur Langeweile, weil sie nahe am Nichtsein, dem Nihilismus liegen, weil sie die Finsternis des Nichtseins spürbar werden lassen. Was aber Bewegung und Veränderung betrifft, so sind sie das Sein, lassen sie »Sein« empfinden. Sein aber ist reine Güte, Licht.
Nun ist aber die Wahrheit folgende: Die Krankheit, die du hast, dient dazu, dein kostbares Leben zu reinigen, zu festigen, zu erhöhen und zu entfalten und alle Funktionen des menschlichen Körpers anzuregen, das erkrankte Organ helfend und heilend zu unterstützen sowie die Ornamente aller der verschiedenen Gottesnamen des Meisters und Arztes aufzuzeigen. Für alle diese und noch viele andere Aufgaben wurde diese Krankheit – gleichsam wie ein Gast – in deinen Körper gesendet.
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