Hallo nochmal,
ich hoffe es ist okay, wenn ich aus deinen verschiedenen Rückmeldungen etwas zusammenbastle...
Und du beantwortest sie mit einem Blick zurück. Du erklärst, mit einem Blick auf deine Geschichte, warum es für dich so schwer ist, wenn jemand böse auf dich sein könnte. Es ist gut, dass du dir dessen bewusst bist, woher das alles kommt. Was mir aber bei deiner Erklärung fehlt, ist der Blick in die Zukunft. (Ich denke, dass die Frage "Was wäre so schlimm daran?" auch so gemeint war. Dass du mal drüber nachdenkst, was denn Schlimmes passieren würde, wenn jemand mal böse auf dich ist. (Gut, bei deiner Nachbarin besteht wahrscheinlich tatsächlich die Gefahr, dass sie dir schaden möchte, aber in den allermeisten Fällen, wird nichts Schlimmes passiert
Wahrscheinlich ist es die Angst vor dem isoliert/allein sein... bzw. dass das nie besser oder gar noch schlimmer werden könnte.
Umso wichtiger wäre es jetzt, dass du jetzt selber auf deine Bedürfnisse achtest (wenn es schon sonst niemand tut).
Ja, du hast Recht. Das ist ein Teufelskreis. Als Kind musstest du deine Bedürfnisse immer zurückstellen. Damals wäre es wichtig gewesen, dir die Sicherheit zu vermitteln, dass du sein darfst, dass du Bedürfnisse haben und äußern darfst, dass du genauso wertvoll bist, selbst dann, wenn du mal nicht das tust, was von dir erwartet wird.
Aber heute bist du erwachsen und man geht davon aus, dass du das selber kannst, auf deine Bedürfnisse zu achten. Aber das hast du nicht gelernt und deshalb wirst du immer wieder enttäuscht und verletzt. (Das meinen sicher die wenigsten Menschen wirklich böse.)
Mir scheint, dass du dir hier nur eine neue Argumentation für das zurechtlegst, was du schon immer gemacht hast: Ja niemanden zurückweisen. Du hast in der Therapie gelernt, dass es gut für dich wäre, neue Kontakte zu knüpfen. Das ist nun eine willkommene Begründung dafür, genau in diesem alten Muster stecken zu bleiben. Natürlich wäre es auch falsch, dich komplett zurückzuziehen und mit niemandem mehr zu reden. Aber Kontakte halten auf Teufel komm raus, den anderen um jeden Preis (um den Preis deines SELBST!) an sich zu binden, ist immer noch der allergleiche "Fehler", den du schon immer machst. Kontakte knüpfen ist nur dann hilfreich, wenn du alles was du kannst dafür tust, deine Bedürfnisse in diesen Beziehungen zu wahren
Ich verstehe was Du meinst und Du hast auch zu einem ganzen Teil recht damit. Nur ist dieses Verhalten bei mir eher nicht rational, also ich lege mir ja nicht erst eine Argumentation zurecht und handle dann danach... sondern die Angst davor es anderen nicht recht zu machen, jemandem weh zu tun, zu enttäuschen etc steckt ja ganz tief in mir selbst drin und bestimmt automatisch wie ich anderen gegenüber handle und fühle. Ich versuche schon gegenzusteuern, aber fühle mich dann leider schlecht damit, wie eine miese Person, ein schlechter Mensch... jetzt gerade z.B.....
Das scheint mir ein sehr deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass du langsam lernst, deine Bedürfnisse wahrzunehmen. Früher hat dein extremer Wunsch, um jeden Preis dazuzugehören, nur ja nicht ausgegrenzt oder abgelehnt zu werden, dazu geführt, dass du dein Bedürfnis nach Autonomie komplett unterdrückt hast. (Zumindest die meiste Zeit) Das Dazugehörenwollen hat alles andere verdrängt und überlagert. Ich werte das als sehr großen Fortschritt, dass du dieses Bedürfnis nun endlich deutlich wahrnimmst. Ich glaube es ist auch normal, dass dieses Bedürfnis nach Rückzug im Moment recht stark ausgeprägt ist. Ich bin sicher, das pendelt sich nach einer Weile von selber wieder auf ein "normales Maß" ein. Im Moment ist es wichtig, dass du auf dieses starke Bedürfnis hörst. Aber benutze es nicht als Ausrede um dich mit jemandem nicht treffen zu müssen, den du eigentlich gerne näher kennenlernen würdest. Versuche zu lernen, zu unterscheiden, ob du grade ein echtes Bedürfnis danach hast, für dich allein zu sein, oder ob du einfach nur Angst hast, auf jemand neues zuzugehen.
Ich glaube die Angst vor neuen Menschen ist es eher nicht. Zum Beispiel gehe ich mit meinem Hund fast jeden Tag gezielt zu Hundetreffpunkten wo ich schon viele andere Hundebesitzer kenne, neue kennenlerne und immer Gespräche habe. So lerne ich jene Menschen nach und nach und erstmal ganz unverbindlich besser kennen, freue mich über die Kontakte und fühle mich nicht unter irgendeinem Druck. Im Moment habe ich das Gefühl, dass mir diese Art Kontakt viel besser tut und auch reicht. Ich gehe dahin, unterhalte mich nett und nach 1-2 Stunden bin ich wieder für mich (mit meinem Hund).... Ist es verkehrt, dass mir das momentan genügt? So sehr ich Menschen auch mag, ich habe das Gefühl, dass ich durch sie schnell überfordert bin und momentan einfach keine Kraft für mehr habe. Aus der Klinikzeit habe ich eine inzwischen gute Freundin - wir schreiben alle paar Tage ein bisschen und treffen uns etwa 2x monatlich. Dieser Kontakt tut mir gut, überfordert mich aber nicht. Ich fühle mich mit dieser Freundin nie unter Zwang oder Druck. Eine weitere neue Bekannte habe ich mit der es bislang ebenso läuft. Auch das finde ich gut. Meine Nachbarin hingegen setzt mich wahnsinnig unter Druck, so dass ich auch ihre netten Seiten immer weniger zu schätzen weiß, weil der Preis dafür eben leider dieses enorm Fordernde ist... siehe unten.
Ich glaube, das musst du nicht. Fang an, dich selber und deine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Gib dir selber das, was dir früher (von den Eltern) verwehrt wurde, das Ernstnehmen deiner eigenen Bedürfnisse. Ich glaube nicht, dass du zur Eigenbrötlerin wirst. Das pendelt sich bestimmt wieder ein. Im Moment brauchst du eben mehr Zeit für dich, weil du dir das so lange nicht gegönnt hast. Ist doch klar, dass du da jetzt einfach nicht mehr so viel Kraft hast. Mach dir deswegen keinen Kopf. Es stimmt zwar, dass das theoretisch auch ins Gegenteil umschlagen könnte, aber ich bin sicher, dass das bei dir nicht passiert. Dafür bist du nicht der Typ. Du wünschst dir den Kontakt zu anderen und das ist gut so.
Eine wichtige Erkenntnis! Du musst es jetzt "nur" noch schaffen, diese Erkenntnis so zu verinnerlichen, dass sie sich auch in deinem Tun wiederspiegelt. Und je häufiger du es schaffst, das tatsächlich auch umzusetzen, desto mehr wirst du es verinnerlichen und desto leichter wird es fallen, es wieder umzusetzen. Teufelskreis geht aus andersrum. Nennt man das dann Engelskreis? 🙂
Auch das ist gut so. Du musst jetzt auch nicht plötzlich hart und kalt werden. (Viele versuchen auf diesem Weg sich zu schützen, aber ich glaube, das hast du nicht nötig.) Wenn du lernst, dich selber und deine Bedürfnisse wertzuschätzen, wirst du anderen auch deine Grenzen zeigen können, ohne sie zu verletzen. Das ist noch ein weiter und schwieriger Weg und auf diesem Weg wirst du vermutlich schon andere auch mal verletzen (z. B. um dich selber zu schützen). Das ist auch gut so und gehört zu diesem Lernprozess dazu. Vermutlich wird es dir auch selber wehtun, andere verletzen zu müssen. Da musst du durch. Aber wenn du das auf dich nimmst, kommst du da raus. Ich bin sicher!
Liebe Grüße
M.