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Wie schaffe ich es, meine Gefühle für einen alten Mann abzustellen?

S

SchwesterS.

Gast
Liebe Aljona,
ich möchte Dir kurz meine Gedanken zum Thema schreiben. Nicht zu allem, aber beim Lesen des Threads ging mir das ein und andere durch den Kopf.

Ich bin seit 20 Jahren Pflegefachkraft auf einer "beschützenden Station". Das heißt, hier leben 20 demente Bewohner. Nach all den Jahren hier, kann ich sagen, dass ich meinen Beruf liebe. Sonst macht man das nicht so viele Jahre.

Ich finde, es ist eine Mischung aus Empathie, Verständnis, Mitgefühl, Liebe zu Menschen (hier kann man sicher noch vieles erweitern) aber auch dringend Distanz nötig, um in diesem Beruf (sei es nun in der Pflege oder in der Betreuung) glücklich zu werden. man muss dringend "abschalten können".

Was ich jetzt schreibe, klingt sicher "hart", aber:

Ich bin 8 Stunden am Tag Pflegekraft, was davor / danach passiert muss mich interessieren, aber darf mich nicht verfolgen. Auch ich überlege hin und wieder nach einem Dienst ein "was wäre, wenn". Aber glaub mir, Distanz ist wichtig. Die Arbeit darf Dich nicht nach Hause verfolgen.

Du schreibst "the Show must go on". Ja, es ist so. Ein Heim / ein Krankenhaus muss funktionieren. Ich weiß selbst, es ist schwer. Aber es ist nun mal so. Bewohner sterben, neue ziehen ein...
Haltet mich für, hmmm - ich weiß kein Wort dafür? Kalt? Ja, nennen wirs mal so. Aber genau so ist es...
Auch ich bin oft traurig, wenn Bewohner versterben, die manchmal über Jahre bei mir waren. Aber das ist der Lauf des Lebens.

Und ja, Diskussionen mit Dementen führen zu nichts. Validation ist hier das Richtige. Aber darauf wurde ja schon mal hingewiesen.

Ich würde sagen, ich bin eine gute Pflegekraft. Wir lachen hier, machen Spässe, ich halte Hände, ich nehme Abschied, ich rede, ich gebe Acht... Aber es ist mein Job - nicht mein ganzes Leben.

Viele Grüße!
 

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Enjoy97

Mitglied
Liebe Aljona,

Ich habe mir mal alles durchgelesen und mir fällt auf, dass du sehr sehr viel deinen Gedanken und Emotionen, was deine Patienten betrifft, nachhängst. Sowohl auf der Arbeit und danach.
Es ist nicht verwunderlich, dass dir dann auch einige Patzer unterlaufen.

Ein Beruf wie dieser erfordert eine gewisse emotionale Kühle und Distanz. Manche können das einfach, manche müssen es lernen und manche sind dafür einfach ungeeignet.

Ich würde an deiner Stelle mal zu einer Beratungsstelle gehen un herausfinden, welche Berufe dir liegen würden. Ich bin sicher, dieser wird nicht dabei sein.
Ich denke, dieser Beruf passt nicht zu dir.
Dir wird es woanders sicherlich besser gehen.

Alles Gute
 
L

Lohntsich

Gast
Ging mir auch so in der Arbeit mit Menschen.
War im Kopf 24 Stunden in der Firma, das hat bis zum Zusammenbruch geführt.
Konnte auch niemand leiden sehen, das war kein Mitleid, ich habe das Mitgefühlt und mit nach Hause genommen.
Verantwortlich gefühlt, wollte die Welt und Menschen retten.
Nur vor was?
Nach der Reha nun umgeschult , zum Haustechniker, arbeite nur 4 Stunden mit anerkannter Erwerbsminderung Rente zum Ausgleich.
Ging hierüber:
DRV - Reha - Berufliche Rehabilitation (deutsche-rentenversicherung.de)
 
A

Aljona

Gast
Vielen Dank für die weiteren Antworten.
Ich bin wirklich dankbar, dass sich User hier noch immer mit meiner Problematik auseinandersetzen!
Als ich den Thread reingesetzt habe, hatte ich anfangs echt Angst, dass mich einige von euch für verrückt erklären könnten.

Ich danke auch SchwesterS. und Enjoy97 für die hilfreichen Beiträge.
Dabei hat mich eine Sache sehr zum Nachdenken angeregt. Wenn meine Grübeleien sich ständig um meine Konzentrationsschwächen und mein teilweise unpraktisches Handeln kreisten, habe ich etwas Wichtiges außer acht gelassen.
Vielleicht bin ich tatsächlich ungeeignet für diesen Job, weil ich zuhause nicht abschalten kann und mich die Probleme am Arbeitsplatz eigentlich rund um die Uhr beschäftigen und belasten. Ich versuche mich mit Lesen oder Fernsehen abzulenken, doch das gelingt mir schlecht. Abends im Bett kann ich erst spät einschlafen, weil ich die Gedankenspirale nicht abstellen kann. So bin ich oft wie gerädert, was möglicherweise auch zu meinen zahlreichen Patzern beiträgt.

Ich habe versucht, im Laufe der Zeit emotionale Distanz zu den hilfsbedürftigen Menschen aufzubauen und nicht zu sehr mitzuleiden. Ich hatte Phasen, wo mir das besser gelang. Doch mein Eindruck ist, dass seit mir eine Kollegin gesagt hat, dass die Entfristung bei einer weiteren Mitarbeiterin auf der Kippe steht, sich das wieder verschlechtert hat. Vielleicht, weil meine ganze Energie für den Druck, den ich mir seit August selbst gemacht habe, draufging.
Ich bemerke ja auch, dass meine Kolleginnen in der Hinsicht viel weiter sind als ich.

@ Lohntsich

Ich kann mir gut vorstellen, dass es irgendwann zu einem Zusammenbruch führen kann, wenn man rund um die Uhr gedanklich mit dem Job beschäftigt ist.
Wie zermürbend das sein kann, erfahre ich selbst gerade am eigenen Leib. Ich habe es oft verdrängt, aber Kolleginnen haben mich schon desöfteren darauf angesprochen, dass ich angeschlagen aussehe. Ich habe dann immer geantwortet, dass das nicht so schlimm sei und ich nur gerade ein paar gesundheitliche Probleme habe.

Es freut mich, dass du für dich einen Weg gefunden hast, der hoffentlich zufriedenstellend für dich ist.

@ Berdine

Was die Sterbebegleitung betrifft, so empfinde ich das als schwierig.
Man bekommt etwas Allgemeines an die Hand, wie man vorgehen sollte. Doch kann das stark variieren. Der Eine möchte vielleicht Körperkontakt, beruhigende Musik, etc. in der Finalphase, der Andere möchte lieber seine Ruhe haben.
Es wäre gut gewesen, wenn mich eine Mitarbeiterin begleitet und mir ein paar Informationen über die betreffende Bewohnerin gegeben hätte. Doch niemand hatte Zeit.
Man ist dort eigentlich immer komplett auf sich allein gestellt.

Einmal wurde ich in einen Wohnbereich geschickt, um eine Bewohnerin zu trösten, deren Sohn am Vortag verstorben war. Damit war ich auch ein wenig überfordert, weil ich die alte Dame überhaupt nicht kannte und nicht so recht wusste, wie ich ihr gegenübertreten sollte, ob sie Körperkontakt als tröstlich empfinden würde, etc. Ich hatte da auch leider sehr den Eindruck, dass sie sich vor einer fremden Person nicht "gehen lassen" wollte und sehr gefasst wirkte, was sie aber laut einer Kollegin gar nicht war.

Was mich eben auch sehr mitnimmt, ist der extreme geistige Verfall des alten Herrn innerhalb so kurzer Zeit!
Ja, ich gebe zu, ich habe mich immer darauf gefreut, mich mit ihm zu unterhalten, mit ihm zusammenzusein. Doch jetzt finde ich es schlimm und er tut mir nur noch leid.

Heute erzählte er jedem, er sei am Morgen auf dem Friedhof gewesen. Ich dachte, er bringt etwas durcheinander. Er war aber wirklich mit meiner Kollegin auf dem Friedhof. Was ich seltsam fand, denn ich bin für seine Betreuung zuständig und am Wochenende sollte ich wegen seines verwirrten Zustands nicht mit ihm gehen.

Denn er ist noch genauso verwirrt. Er war total orientierungslos und wollte von mir wissen, auf welcher Etage er seine Frau finden könne. Er habe sie nach dem Mittagessen gesehen und sie sei jetzt schon wieder verschwunden.
Ich dachte, vielleicht kann ich ihm helfen, sich doch noch mal zu erinnern. Ich sagte ihm, dass er heute Morgen mit der Kollegin auf dem Friedhof war, aber er hatte er schon wieder vergessen, dass er am Grab seiner Frau war.
Er überlegte nun, wie er sich an seiner Frau rächen könne und bestand darauf, mich nach Hause zu begleiten. Ich antwortete ihm, dass das nicht gehe, dass es kalt sei und er es sich lieber im Zimmer gemütlich machen solle. Er meinte, ich könne doch noch bleiben und mit ihm zusammen fernsehen. Er würde mir auch ein Taxi bezahlen. Als ich ging, war er sehr enttäuscht.

Mittlerweile mache ich mir auch Sorgen um den Mitbewohner in seinem Zimmer. Der Mann ist provokant wegen seiner leichten geistigen Behinderung, aber im Grunde harmlos.
Heute schrie der alte Herr ihn an, und als wir aus dem Zimmer raus waren, äußerte er, er würde ihm mal so richtig in die Fre..e hauen.
Ich habe das an die Pflegekraft weitergegeben.

Auch wurde ich komischerweise zum dritten Mal von einer Kollegin gefragt, ob ich mir auch die App für Fortbildungen auf mein Handy laden soll. Sie fand es eigenartig, als ich sagte, dass ich keine Benachrichtigung darüber bekommen habe. Ich stellte dann die Vermutung an, dass die App nur Fachkräfte betrifft (ich laufe immer noch unter "Nichtfachkraft"), doch die Kollegin sagte, dass auch eine andere Nichtfachkraft die Benachrichtigung von der Chefin in ihrem Fach hatte.

Klar, könnte ich deswegen schon wieder weinen, aber vielleicht sollte ich mich jetzt mehr auf einen Jobwechsel einstellen.
 

Berdine

Aktives Mitglied
Du bist da nur stundenweise, aber du kannst absolut nicht abschalten und dir geht das Schicksal der Bewohner und jeder kleine Fehler extrem nach.

Wenn du Probleme hast, dann gib das an die Pflegekräfte. Du kannst die nur so weit entlassen, bis wirklich Probleme auftreten, die nur eine Fachkraft lösen kann. Ab da solltest du Rücksprache halten. Das mit dem dementen Mann ist auch vollkommen tagesabhängig. Ist er klar, ist er nicht klar. Ich würde davon ausgehen, dass das eher schlimmer wird mit seinem Zustand.

Warum lädst du die App nicht einfach auf dein Handy? Das ist für mich absolut kein Grund, dich benachteiligt oder nicht wahrgenommen zu fühlen. Die App ist bekannt, dann kannst du dir auch draufladen ohne Rätselraten, ob das so gedacht ist. Und wenn es dich nicht betreffen sollte, dann löschst du sie eben wieder.

Und bitte: Frag nächste Woche gleich die Chefin, wie das mit dem Vertrag ist.
 
L

Lohntsich

Gast
Ja, danke, hab meinen Weg und etwas gefunden , mit dem mich zufrieden bin.
War aber erst möglich als ich in der Reha sagte, das geht so nicht mehr, das kann ich nicht machen diese Arbeit.
Das wollten die hören, da konnten die was für mich tun, denn die entscheiden nicht über deinen Kopf hinweg.
Willst du weiter machen im alten Beruf, stellen die einen wieder auf die Beine, nur, für wie lange.
Du solltest also für dich eine Entscheidung treffen, sei ehrlich mit dir selbst.
Möglichst bald, damit es nicht so endet wie bei mir.
Hätte ich das eher gewusst, was für Möglichkeiten, Unterstützung es noch gab für mich, wäre mir viel Leid erspart geblieben.
Arbeite nun Halbtags in einem andern Bereich und Beruf mit Teilrente.
 
A

Aljona

Gast
Hallo ihr,

ich muss mir noch mal etwas von der Seele schreiben.

Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil mir erst jetzt so richtig bewusst geworden ist, dass ich zu dem alten Herrn viel mehr Distanz hätte einhalten müssen. Die einzige Rechtfertigung, die ich habe, ist, dass ich längere Zeit nicht wusste, dass seine Demenz schon so fortgeschritten ist.

Ich bin nicht einmal sicher, ob ich wirklich Gefühle für ihn entwickelt habe oder nur empfänglich war für seine lieben Worte, weil ich in dem Job inzwischen so unglücklich bin.
Denn diesen Thread habe ich an dem Tag eröffnet, als mich meine Chefin mit dem Spruch, ob ich in den letzten Monaten überhaupt da gewesen sei, verunsichert hat. Das war der Moment, wo ich zum ersten Mal ganz deutlich den Eindruck hatte, dass sie an einer weiteren Zusammenarbeit sicherlich nicht interessiert ist.

Gestern habe ich im Computer eine Dokumentation zu dem alten Herrn gelesen, nachdem ein Neurologe mit ihm gesprochen hatte. Laut Neurologe hat er den Tod seiner Frau nicht verkraftet und bildet sich deswegen ein, dass sie noch lebt. Das sei auch auf den christlichen Glauben zurückzuführen. So etwas würde sich in den meisten Fällen wieder geben.
Kein Wort von Demenz!

Ich kann das nicht verstehen, denn heute habe ich ihn genauso verwirrt angetroffen.

Heute Morgen erwartete er mich schon ganz unruhig wegen eines Schreibens von seiner Bank. Er habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil er die Bankkarte von seiner Frau suche. Er befürchtete, dass eine unbefugte Person die Karte missbrauchen könnte.
Auf dem Schreiben war vermerkt, dass sich seine Betreuerin darum gekümmert hat. Ich habe es ihm erklärt, aber er wollte mir nicht glauben. Er telefonierte daraufhin mit der Bank, wo man ihn beruhigte. Kurz danach rief seine Tochter an und er sagte ihr, dass ich gerade bei ihm sei. Dann wollte er, dass ich mit ihr spreche. Seine Tochter wirkte sehr reserviert und wollte wissen, welche Funktion ich habe. Sie meinte, dass ihr Vater sich in dem Doppelzimmer nicht wohl fühle und ich habe geantwortet, dass ich wisse, wie sehr ihn die Siuation belaste. Doch ich kann nun mal den Umzug in ein Einzelzimmer nicht beschleunigen. Sie fragte mich, ob ich ihren Vater oft besuche. Ich habe ihr gesagt, dass ich ihn fast täglich besuche, was untertrieben ist.

Ich hoffe, seine Tochter ist nicht misstrauisch, weil ich mich so viel um ihn kümmere.

Jedenfalls war der alte Herr heute total verwirrt.
Nach dem Telefonat sagte er, dass er sich keine Vorwürfe machen müsse wegen dem, was zwischen uns passiert sei. Er sei nicht betrunken gewesen und seine Frau könne ihm ja nun auch nichts mehr vorwerfen. Ich war irritiert und antwortete ihm, dass wir uns doch die ganze Zeit nur unterhalten haben. Er aber "erinnert" sich an mehr. Er meinte, er könne auch verstehen, wenn die Anderen nicht mitbekommen sollen, was zwischen uns ist.

Dann war er aber in Gedanken wieder bei seiner Frau und erzählte, wie sie sich kennengelernt haben. Er fing an zu weinen, weil ihm in dem Moment bewusst war, dass sie nicht wiederkommt. Im nächsten Augenblick gestand er, sich zu schämen, wenn er seine Gefühle zeigt.

Ich weiß schon nicht mehr, wie ich ihn trösten kann. Gestern habe ich hilflos gesagt, dass er auch dankbar sein müsse für die vielen glücklichen Jahre, die sie gehabt haben.

Es ist spät, aber ich muss es spätestens jetzt schaffen, mehr auf Distanz zu gehen.

@ Berdine

Es fällt mir schwer, Probleme mit Bewohnern an die Pflegekräfte abzugeben. Man hat mir schon desöfteren das Gefühl vermittelt, dass ich zu unselbständig bin. Ich möchte damit nicht allzu oft negativ auffallen.

Was die App betrifft, klar, ich könnte eine Kollegin fragen, wie ich die runterladen kann. Es scheint sich nämlich um eine firmeninterne App zu handeln und nicht um irgendeine allgemeine, die man sich aus dem Internet runterladen kann.

Ich bin froh, wenn ich nächste Woche das Gespräch mit meiner Chefin suchen kann.

@ Lohntsich

Danke für deinen Rat.

Ja, es ist an der Zeit, ehrlich mit mir zu sein und eine Entscheidung zu treffen.
So schwer es auch ist, muss ich beruflich wohl eine andere Richtung einschlagen.

Ich glaube, ich wollte mir nie eingestehen, was für Andere offensichtlich war.
Wie ich schon geschrieben habe, hat eine Dozentin in meiner Weiterbildung zur Betreuungskraft mich als ungeeignet für den Job angesehen.

Als ich vor vielen Jahren mit einem Bekannten darüber gesprochen habe, in den sozialen Bereich wechseln zu wollen, um Menschen zu helfen, hat er mir sofort davon abgeraten. Seiner Meinung nach sei ich zu sensibel und würde die Schicksale der hilfsbedürftigen Menschen mit nach Hause nehmen.
Wie man sieht, hat er recht behalten!
 

Enjoy97

Mitglied
Gestern habe ich im Computer eine Dokumentation zu dem alten Herrn gelesen, nachdem ein Neurologe mit ihm gesprochen hatte. Laut Neurologe hat er den Tod seiner Frau nicht verkraftet und bildet sich deswegen ein, dass sie noch lebt. Das sei auch auf den christlichen Glauben zurückzuführen. So etwas würde sich in den meisten Fällen wieder geben.
Kein Wort von Demenz!
Die Gründe für seine Verwirrung sind doch egal. Wichtig ist, dass korrekt damit umgegangen wird. Und das lässt du am besten die zuständigen Fachpersonen entscheiden und beurteilen. Aber dir wurde hier ja schon vorgeschlagen dich schlau zu machen in diesen Themen, damit du besser mit ihm umgehen kannst.
 

Hexenluder

Neues Mitglied
Hallo Aljona,

ich lese schon ein Weilchen hier mit und hab mich jetzt angemeldet, um dir direkt antworten zu können. Denn es tut weh, wie du dich quälst. Du siehst einen netten umgänglichen Herrn und verstehst nicht, dass seine Demenz im Vordergrund steht, nicht eine freie Entscheidung eines lieben alten galanten Herrn, mit dir Kontakt zu suchen. Laut deinen Berichten klammert er sich doch an jeden, der ihm gut zuredet und ihn bestätigt. Ja, die Frau war beim Essen dabei etc. Das will er verzweifelt hören, obwohl er selbst weiß, dass es nicht stimmt, glaub mir. Denn dann wäre die Frau ja da, wo sie die letzten Jahre des Ehelebens eben war, an seiner Seite, und nicht plötzlich praktisch unsichtbar und auf der Flucht. Und das verwirrt ihn wiederum noch mehr, wenn A das sagt, B das und C von gar nichts weiß und schnell davonhuscht.

Was ich sagen will ist, dass ein Demenzkranker auch ein Stückweit nur versucht, sein Leben wieder zusammenzukriegen und fragt und fragt und fragt. Ich finde es nicht hilfreich, jede Diskussion und Erklärung zu vermeiden und zu sagen, was er hören will und jeder erzählt was anders, damit Ruhe herrscht.

Meine Mutter zum Beispiel hat mir während ihres Heimaufenthalts bei jedem verdammten Treffen Löcher in den Bauch gefragt, was ihre verstorbenen Verwandten machen. Sie fragte ausnahmslos nur nach den Verstorbenen, nicht nach den Lebenden. Die waren keines Gesprächs wert. Ich habe es ihr gesagt, während mein Bruder meist nur sagte, denen geht es allen gut, die lassen grüßen usw. Denn dann lautet die logische nächste Frage: Wann kommen die mich denn mal besuchen? Muss der Papa (seit 55 Jahren tot) immer noch so schwer arbeiten? Und das kam, so verwirrt war sie nie bis zu ihrem Tod. Für mich war das auch ein Stückweit Ernstnehmen der Person. Nicht Validation, wie mir auch geraten wurde = "Heiii, da geht es dir bestimmt ganz schlecht damit, dass du das nicht weißt, da bist du bestimmt ganz traurig und es verwirrt dich, komm wir machen einen schönen Spaziergang..." Das macht mich nur wütend. Wenn gefragt wird, sollten Antworten kommen, auch wenn dieselben Fragen nach 10 Minuten wieder kommen. Dass meine Mutter mich immer wieder fragte und meinen Bruder irgendwann nicht mehr, bestätigt mich eigentlich nur darin. Denn ich habe ihr dann davon erzählt.

Ich bin kein Demenzprofi, sondern ich habe nur bis zu ihrem Tod versucht, meine demente Mutter zu versorgen, die letzten anderthalb Jahre lebte sie im Heim, denn es war schlicht zuhause nicht mehr möglich. Aber glaub mir, sehr viele Menschen waren arg erstaunt, als ich ihnen sagte, sie ist wegen Demenz im Heim. Sogar Hilfskräfte dort haben das abgetan und behauptet, doch ganz normal mit ihr kommunizieren zu können. Ja,soweit ich das mit meiner Mutter erlebt habe, halten sich Demenzkranke sehr lange an eingefahrenen Verhaltensweisen und Strukturen fest und bauen eine regelrechte Fassade auf. Ich hab es bei meiner Mutter immer ihr Pokerface genannt. Es fielen gewohnte Sätze in gewohnten Situationen, sie konnte Witzchen machen und es klang alles ganz normal und stimmig. Aber die Inhalte wurden geschüttelt und gerührt und passten vorne und hinten nicht zur wirklichen Situation. Das merkt man wirklich nur, wenn man denjenigen und seine Geschichte eben kennt. Draußen auf der Straße war sie gut gekleidet und plauderte locker mit den Nachbarn - drinnen stand das Essen auf Rädern in der Küche, das sie regelmäßig vergaß zu essen und immer dünner wurde. "Aber ja, ich koche mir immer noch selbst, ein paar Kartöffelchen..." Eingekauft hat sie seit einem Jahr nicht mehr, sondern nur noch kaltes Essen aus dem Kühlschrank genommen und jeden Tag kam die Essenslieferung.


Aber ich schweife ab. Ich möchte dir eigentlich nur sagen, dass du unbedingt jetzt, nachdem du alles realisierst, sehr klar professionelle Distanz zu dem alten Herrn einhalten musst. Es fällt den Kollegen auf, dass du sehr oft zu ihm Kontakt hast, ihn leicht bevorzugst, ihm gefällig bist, weil du ihn magst. Und du stellst eine Beziehung her, die der alte Herr in seiner Einsamkeit natürlich genießt und forciert. Nun telefonierst du mit dem alten Herrn gemeinsam mit seiner Bank wegen einer EC-Karte. Vermutlich wird - wenn Demenz und daraufhin auch ein entsprechender Pflegegrad vorliegt und er nicht von selbst mit einem Köfferchen ins Heim umgezogen ist - doch die Tochter eine Bankvollmacht und vermutlich auch die gesetzliche Betreuung oder zumindest eine umfangreiche Vollmacht haben und von Merkwürdigkeiten dieser Art durch die Bank informiert (die wissen, wenn ein Betreuer da ist und reagieren zum Glück meist sehr aufmerksam). Rat mal, auf welche Gedanken die Tochter da kommt und dich hinterfragt, welche Funktion du eigentlich ausübst. So mancher ältere Mensch kommt nämlich auch auf die Idee, mit Geld ein wenig nachzuhelfen, damit die Leute etwas mehr Zeit opfern.


Aljona, auch wenn du noch nicht weißt, ob deine Stelle verlängert wirst, solltest du die Zeit jetzt aktiv nutzen, um dir Gedanken über deine berufliche Zukunft zu machen. Dasselbe in einem anderen Heim? Oder du siehst dich um, was dir mehr liegt und bewirbst dich aus deiner jetzigen Position aktiv raus. Auch wenn du die Verlängerung bekommst, sieht es nicht so aus, als wärst du da wirklich gut aufgehoben. Ich weiß nicht, wie alt du bist, aber womöglich sind es noch sehr viele Jahre bis zur Rente, wo du gucken musst, was DIR mehr liegt.

Ich wünsch dir viel Glück!
 

Berdine

Aktives Mitglied
Ich bin nicht einmal sicher, ob ich wirklich Gefühle für ihn entwickelt habe oder nur empfänglich war für seine lieben Worte, weil ich in dem Job inzwischen so unglücklich bin.
Denn diesen Thread habe ich an dem Tag eröffnet, als mich meine Chefin mit dem Spruch, ob ich in den letzten Monaten überhaupt da gewesen sei, verunsichert hat. Das war der Moment, wo ich zum ersten Mal ganz deutlich den Eindruck hatte, dass sie an einer weiteren Zusammenarbeit sicherlich nicht interessiert ist.

Heute Morgen erwartete er mich schon ganz unruhig wegen eines Schreibens von seiner Bank. Er habe die ganze Nacht nicht geschlafen, weil er die Bankkarte von seiner Frau suche. Er befürchtete, dass eine unbefugte Person die Karte missbrauchen könnte.
Auf dem Schreiben war vermerkt, dass sich seine Betreuerin darum gekümmert hat. Ich habe es ihm erklärt, aber er wollte mir nicht glauben. Er telefonierte daraufhin mit der Bank, wo man ihn beruhigte. Kurz danach rief seine Tochter an und er sagte ihr, dass ich gerade bei ihm sei. Dann wollte er, dass ich mit ihr spreche. Seine Tochter wirkte sehr reserviert und wollte wissen, welche Funktion ich habe. Sie meinte, dass ihr Vater sich in dem Doppelzimmer nicht wohl fühle und ich habe geantwortet, dass ich wisse, wie sehr ihn die Siuation belaste. Doch ich kann nun mal den Umzug in ein Einzelzimmer nicht beschleunigen. Sie fragte mich, ob ich ihren Vater oft besuche. Ich habe ihr gesagt, dass ich ihn fast täglich besuche, was untertrieben ist.

Ich hoffe, seine Tochter ist nicht misstrauisch, weil ich mich so viel um ihn kümmere.
Eine normale, professionelle Distanz hättest du von Anfang an aufbauen müssen. Bevorzugen eines Patienten geht einfach nicht!

Du lässt dich ausserdem viel zu sehr verunsichern.

Zu deiner Chefin noch mal. Ich sehe in ihren Ansagen dir gegenüber nichts Schlimmes. Sie ist genervt von dir, weil eben schon so viel vorgefallen ist. Die Frage, ob du überhaupt da warst, ist verständlich, wenn du etwas komplett Banalaes und Bekanntes fragst. Übersetzt heißt die Frage doch eigentlich "Das müssen Sie aber wissen!"

Du nimmst dir das viel zu sehr zu Herzen und alles als persönlichen Angriff. Du musst unbedingt das Gespräch mit der Chefin suchen. Du kannst auch von dir aus kündigen oder das signalisieren.

Du hast weiterhin keine Ahnung, wie du mit dem demenzkranken alten Mann umgehen sollst, in den du verknallt warst.

Ich finde weiterhin, dass du für eine Arbeit in dem Heim nicht geeignet bist. Botengänge, Dinge besorgen, ja, aber keine Betreuung der schwerkranken. Du machst so viel "intuitiv" falsch, hast dir was angelesen und machst das dann nach Schema F (Anfassen der Sterbenden).

Fakt ist doch: der alte Herr ist dement. Er bekommt die Dinge nicht mehr richtig mit, erinnert sich nicht. Trauert um seine Frau. Ich denke mal, du solltest die Betreuung abgeben. Du bist keine Fachkraft, du musst nicht verstehen, wie die Diagnosen zustande kommen.

Du kannst zu dem Umzug des alten Herren in ein Einzelzimmer überhaupt keine Aussage machen! Du kannst der Tochter nur sagen, dass bekannt ist, dass sich ihr Vater dort nicht wohlfühlt und du das an die Stationsleitung weitergegeben hast.

Und jetzt machst du dir wieder Gedanken, was wohl seine Tochter denkt? Du verschwendest viel zu viel Energie an einen Halbtagsjob, der dir nicht liegt.
 
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