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Wie ich versuche mein Leben aufzuräumen

Pechvögelchen

Mitglied
Jetzt ist es schon fast 3 Wochen her, das meine Mama verstorben ist. Es ist noch nicht bei mir angekommen. Noch denke ich häufig, dass sie wieder zurückkommen wird.

Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich komplett zusammenbreche. Aber ich versuche das Chaos zu ordnen. Schreibe Bewerbungen, mache mir Gedanken um die Zukunft. Früher war mir immer alles egal, dachte immer, wenn die Mama nicht mehr da ist, gehe ich auch.
Das Haus ist zu groß für mich. Aber dieses Haus haben meine Eltern erschaffen und wir alle hängen an ihm. Auch wenn mein Bruder zeitweise hier wohnt, es ist groß und leer. Gestern saß ich eine Weile im Wohnzimmer meiner Mutter, dann im Wintergarten. Hat sich komisch angefühlt. Ich putze ständig, damit die Mama auch zufrieden ist. Sie war immer so ordentlich. Noch ist sie so präsent, so gegenwärtig.

Ich hätte so gerne ein eigenes Leben, einen Job und einen Partner. Manchmal komme ich mir einfach zu alt dafür vor. Werde ich das auch alles schaffen? Kann das überhaupt gut gehen? Manchmal bin ich so voller Zweifel, dann wieder voller Hoffnung. Gibt es immer ein Ziel, das erreicht werden kann oder ist es manchmal einfach hoffnungslos?
 

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Jusehr

Aktives Mitglied
Hallo Pechvögelchen,

ich denke, es besteht immer Grund zur Hoffnung.

Du bist im Augenblick traurig. Das ist normal. Komm erst mal zur Ruhe! Lass ein paar Monate ins Land ziehen! Überlege Dir in Ruhe, wie es weitergehen soll!

Ich denke, dass Du langfristig ohne den Maßstab Deiner Mutter weiter leben solltest. Du mußt Deinen eigenen Maßstab finden.

Vielleicht verkaufst Du das Haus. Vielleicht vermietest Du es (teilweise) ...
 
T

tuny

Gast
Hallo Pechvögelchen,

so wie ich dich verstehe, mobilisierst du grade ungeheure Energien und tust Dinge, die du voher nie zu tun im Stande warst. Fast klingt es so, als hätte deine Mutter bisher eine sehr wichtige und beinahe unersetzliche Rolle gespielt und nun erwachen in dir genau die Energien zum Leben, die deine Mutter ausmachten. Gleichzeitig lese ich aber auch Zweifel darüber, ob du den Anforderungen denn auch gewachsen bist.

Beides kann man in dieser Phase als Versuche deuten, die gegangene Mutter zurückzuholen. Einer dieser Wege muss sich auflösen, während der andere bereits den reifen Zustand andeutet, in den du gelangen wirst, wenn die Trauer verarbeitet ist.
Denn wenn du an dir selbst zweifelst und weiterhin viele Dinge nicht kannst, dann bleibt da eine Lücke übrig, die bisher nicht gefüllt ist. Kam deine Mutter vielleicht immer dann zu dir, wenn sie dir helfen konnte? Dann könnten sich deine Zweifel als Versuch deuten lassen, deine Mutter nach altem (kindlichen) Muster wieder zurückzuholen, einfach weil sie dich in deiner Hilfsbedürftigkeit doch garnich allein lassen kann.
Gleichzeitig bist du nun aber erwachsen geworden und so versteht ein anderer Teil von dir, dass sie auf diese Art als äußere Gestalt nicht wieder zurück kommen kann. Und so musst du nun selber damit beginnen, all die vermissten Funktionen zu erfüllen. Du putzt, schreibst Bewerbungen und ordnest dein Leben. So wie deine Mutter immer alles ordnete. Dieser Weg, der deine eigenen Energien mobilisiert, wird später einmal am Ende deines Verarbeitungsprozesses stehen: Du wirst deine Mutter in ihrer Form als konkretes menschliches Wesen vollständig ersetzt haben und all ihre emotionalen und praktischen Funktionen für dich übernommen haben.

Nun klingt eine solche Aussicht und die darin anklingende Überflüssigkeit der Verstorbenen natürlich erstmal schrecklich kalt und herzlos. So als wäre man nun ganz auf sich allein gestellt, als wären die Einsamkeit und das totale auf-sich-allein-gestellt-Sein das einzige Ziel und zurecht meldet sich sicher die Frage, wie man in dieser Idee denn bitte den Trost finden soll, den man doch so dringend braucht.
Aber es genügt, die Perspektive ein kleines bisschen zu drehen und schon zeichnet sich ganz besonders in der Überflüssigkeit und des auf-sich-allein-gestellt-Seins grade die Art Erfüllung des Wunsches nach Widervereinigung ab, die am tiefsten gehen kann - denn jetzt in einem erwachseneren Sinne: In dem Moment, wo du alles alleine Vollbringen kannst, seien es die praktischen Dinge oder die emotionale Stabilität, also genau der Moment, wo deine Mutter dir überflüssig wird, hast du sie ganz und gar verinnerlicht. Ihr Wesen ist zu deinem Wesen geworden, ihre Fähigkeiten und ihre Art zu sein drücken sich ab diesem Zeitpunkt durch dich aus. Sie kommt in diesem Sinne tatsächlich zurück, weil du ihr durch dich selbst wieder Gestalt verleihst. Grade, wenn du von ihr am meisten getrennt zu sein scheinst, bist du in Wirklichkeit mit ihr am meisten vereint! Zu Lebzeiten war euch diese Art der Vereinigung niemals möglich. Denn sie war tatsächlich eine andere Person, sie war absolut getrennt von dir. Sie spielte eine andere Rolle im Leben und in der Familie als du, wo sie war konntest du nicht sein. Der Ursprung ihres Seins war damit blockiert für eine neue Ausformung. Nun ist er geöffnet und kann sich in dir eine neue Gestalt verschaffen, denn ihr entstammt der selben Quelle.
 
Zuletzt bearbeitet:

Pechvögelchen

Mitglied
@tuny
Danke für deinen tollen Beitrag:) Ich verstehe total was du meinst und denke darüber nach. :)

Heute habe ich mich überwunden und bin zum Arbeitsamt, war gar nicht so schlimm und die Dame war sehr nett.
Allerdings finde ich alles sehr anstrengend für meine Psyche, weil ich seit 2 Wochen auf Hochtouren laufe und enorm unter Stress stehe. Soll ich mir eine kleine Auszeit nehmen? Ich habe immer das Gefühl, ich würde dann nichts weiterbringen. Aber zwei oder drei Tage mal an nichts denken und einfach nur Seele baumeln lassen kann doch nur gut sein, oder?

Lustigerweise hat sich eine alte Flamme von mir gemeldet. Hatte gleich Schmetterlinge im Bauch. Und obwohl ich sonst enorm verschlossen bin, habe ich es meiner Schwester erzählt und wir hatten ein gutes Gespräch. Irgendwie habe ich das Gefühl meine Mama lenkt da von oben meine Wege.

Danke euch für die lieben Worte!
 

Katrin1964

Aktives Mitglied
Ja das ist doch toll das du es zum Amt geschafft hast.. Ist denn deine Mama schon beerdigt ?
Wenn du nicht ganz so starken finanziellen Druck hast, gehe es ruhig an. Vergesse deine Trauer nicht. Die ist wichtig..
 
T

tuny

Gast
Hey Pechvögelchen,

ja das tut sie. Sie spricht zu dir durch all die Menschen, die dir in diesen Tagen beistehen. Sie spricht in dem guten Gespräch mit deiner Schwester und in der Flamme, die sich bei dir zum richtigen Zeitpunkt meldet. Sie spricht zu dir durch alles, was dich an sie erinnert. Sie spricht durch dein Gedächtnis, deine Gedanken und deine Gefühle. Sie spricht durch deine Taten, zu denen du nun im Stande bist und ebenso durch dein Bedürfnis nach Ruhe.

Denn was sich wohl vorrangig in ihrer Person ausdrückte war die Bezogenheit auf dich. Ich bin sicher, sie hat dich in einer Weise gesehen, in der du dich möglicherweise selbst nicht zu sehen im Stande warst. Sie hat in dir einen wundervollen Menschen gesehen, den es zu schützen gibt und hat dich in all deinen Bedürfnissen anerkannt und wahrgenommen. Sie wollte ganz bestimmt stets dein Bestes und war darum bemüht herauszufinden, wer du bis, was du brauchst und was in dir vorgeht.

Nun bist du hier im Forum und stellst an uns genau diese Fragen: Du fragst, was nun das beste für dich wäre. Solltest du weitermachen oder darfst du dich ein paar Tage ausruhen? Offenbar hast du instinktiv verstanden, dass du hier in den Ratschlägen und guten Zusprüchen ein kleines Bisschen von der Art Bezogenheit finden kannst, die du so schmerzlich vermisst. Denn die Essenz deiner Mutter, die Bezogenheit in Liebe, welche sich durch sie ausdrückte, magst du hier in all den von Herzen geschriebenen Beiträgen tatsächlich in Ansätzen wiederfinden. Es ist also nichts falsch daran zu sagen, dass deine Mutter in ihrer Liebe zu dir durch jede der Antworten hier zu dir spricht! Die Frage ist nur, wie gut das Kommunikationsmedium ist und in welcher Klarheit die Botschaft dich erreichen kann.

Wenn wir dir hier also Antworten auf die Fragen zu geben versuchen, was für dich das Beste wäre, dann drückt sich daraus ein sehr großes Wohlwollen dir gegenüber aus. Allerdings lässt sich in einem solchen Forum nur sehr schwer erahnen, was wirklich in dir vorgeht, in welcher inneren Sitation du steckst und welche Optionen für dich die stimmigsten sind. Ich kann dir beispielsweise nur sagen, dass eine Auszeit durchaus in Ordnung ist. Ob sie in deinem Sinne das Beste sein wird, vermag ich aus meiner fernen Position heraus nicht zu beurteilen.

Eine wesentlich klarere Antwort auf deine Fragen wirst du hingegen erhalten, wenn du in dich selbst hinein horchst: Denn wenn deine Mutter vor allem durch das Prinzip der Bezogenheit in Liebe zu dir spricht, dann tut sie das auch durch die liebevolle Bezogenheit, die du dir selbst gegenüber zum Ausdruck bringst. Wenn du dich selbst mit ihren Augen siehst, wie sie das beste für dich will, dann bekommst du alle Erlaubnis deiner inneren Stimme zu folgen. Das was sich für dich in jedem einzelnen Augenblick am besten anfühlt, das möchte sie dich tun sehen. Im ersten Augenblick mag die Aktivität das richtige sein und eine halbe Stunde später schon möchtest du dich vielleicht lieber ausruhen und die Seele baumeln lassen. Folge dem Gefühl.

Du kannst dich selbst am besten kennenlernen. Niemand anders kann besser für dich herausfinden, was in Bezug auf dich das beste ist. Keine Bezogenheit könnte stärker und tiefer sein als die, die du dir selbst gegenüber hast. Damit ist doch die Liebe und Güte dir selbst gegenüber das stärkste Kommunikationsmittel, welchem sich deine Mutter da oben bedienen kann. Genau das scheinst du ja schon zu spüren wenn du sagst, dass sie dich lenkt und dadurch plötzlich viele schöne Dinge passieren.

Ich wünsche dir alles alles Gute :)
tuny
 

Pechvögelchen

Mitglied
Ja das ist doch toll das du es zum Amt geschafft hast.. Ist denn deine Mama schon beerdigt ?
Wenn du nicht ganz so starken finanziellen Druck hast, gehe es ruhig an. Vergesse deine Trauer nicht. Die ist wichtig..
Danke dir, liebe Katrin:)
Die Beerdigung haben wir schon hinter uns gebracht, war ein extrem schwerer Gang mit vielen Tränen. Wir haben die Lieblingsmusik meiner Mama gespielt und alles was mit Hortensien und Gladionen geschmückt. Ihre Lieblingsblumen in hellen, zarten Farben. Es hätte ihr gefallen. War ein schöner Abschied.
Du hast ja vollkommen recht, ich muß trauern. Sonst kommen wieder irgendwelche Panikattacken. Die paar Tage nicht allzuviel an die Zukunft denken und einfach an Mama denken, mit ihr reden, ihre Sachen anzuschauen und zu streicheln hilft beim Abschied nehmen. Manchmal weine ich, aber das ist auch gut.
Ich denke immer "Mama, du sollst stolz auf mich sein, du sollst dir keine Sorgen machen, ich schaffe das! Auch wenn ich dich unendlich vermisse!"
 

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