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Wie ich meine Jugend boykottiert habe und es mich bis heute verfolgt

G

Garfield

Gast
Hallo zusammen,
warum ich das hier schreibe, kann ich nicht wirklich sagen. Vielleicht will ich mein Problem nur mal in Gänze irgendwo erzählen. Ich erwarte nicht wirklich, dass man mir hilft, vielleicht will ich das nichtmal. Möglicherweise bin ich sogar froh, wenn der Post hier irgendwann mal im Orkus dieses Forums verschwunden ist und ihn keiner mehr findet. Dennoch wäre ich wohl für die ein oder andere Einschätzung dankbar, denn etwas derartiges habe ich hier noch nirgendwo gelesen.

Mehr oder weniger beschreibe ich weite Teile meines gesamten Lebens, es könnte also ein langer Text werden. Von daher jetzt schonmal Respekt an jeden, der sich das ganz durchliest.

Im Voraus schonmal: Es gibt keine "dramanischen Elemente" in meinem Leben, wie es sie wohl bei den meisten Leute hier im Forum gibt: Kein Mobbing, keine Vernachlässigung durch die Eltern, keine Krankheit oder ähnliches.

Ich war bereits ein komisches Kind. Ich war zwar recht pflegeleicht, da ich ein eher ruhiges und intelligentes Kind war, allerdings auch sehr ich-fixiert: Ich war sehr stur und konnte auch genauso trotzig sein: Wenn ich etwas nicht tun wollte, dann hab ichs auch ums Verrecken nicht getan. Ich war damals auch gern eine Art Anführer, habe also z.B. die Initiative ergriffen, wenn ich Mittags mit Freunden spielen wollte. Ich war allerdings auch der Meinung, jeder (von dem ich es wollte) müsse mein Freund sein, und konnte gar nicht verstehen, warum man das nicht hätte wollen sollen; so stand schließlich sogar in einem Zeugnis der dritten Klasse, ich habe hin und wieder versucht, Freundschaft zu erzwingen. Ich habe mich z.B. auch mal zur Klassensprecherwahl aufstellen lassen und wurde nicht gewählt. Dazu sei allerdings gesagt: Freunde hatte ich tatsächlich immer, auch wenn ich aus heutiger Sicht manches Mal nicht verstehe, warum.
Auch, was meine Hobbys angeht, war ich eher sonderbar. Ich liebte in erster Linie die Spielekonsole und den Fernseher, während ich Sport gehasst habe. Ich war entsprechend wahnsinnig unsportlich und mein erstes Zeugnis ohne Sport-4 war das Abi. Dadurch hat sich aber nur noch mehr verstärkt, dass ich hier nicht mit anderen in meinem Alter mithalten konnte. Ich war immer der Schwächste, bin nichtmal mit dem Fahrrad den Berg hochgekommen.

Schließlich kam ichs auf Gymnasium und habe auch gleich Freunde gefunden; Über die Frage "Magst du Pokémon und Digimon?" ging das damals noch sehr leicht. Die ersten Jahre verliefen weitestgehend unkompliziert und ähnlich wie die Grundschule. Hervorzuheben wäre hier höchstens, dass sich da eine besondere Abneigung gegen Fußball entwickelt hat. Jeder hat es geliebt, nur ich nicht, und ich regaiere sehr schnell mit Trotz, wenn ich das Gefühl habe, jemand will mir etwas aufdrängen. So kam es dann schließlich, dass ich mich irgendwann einfach geweigert habe, beim Fußball mitzuspielen, dabei sowohl Sportlehrer als auch Mitschüler in den Wahnsinn getrieben habe und lieber 6en in Kauf genommen habe. Dass ich mich derart in diesen Hass hineingesteigert habe, hat Folgen bis heute, denn ich kann immer noch keinen Ball kicken (wobei ich glücklicherweise auch kein Bedürfnis danach habe).

Man kann das vielleicht so als Grundstock sehen, auf dem meine Probleme aufbauen, denn so richtig los geht es dann in der 7./8. Klasse.

Wie man vielleicht erahnen kann, war ich sehr gefestigt in meinen Meinungen und es war schier unmöglich, mich von Gegenteil zu überzeugen. Schließlich begann so die Jugendzeit und Leute um mich herum begannen, mit dem Leben zu experimentieren. Meine Freunde betraf das zunächst noch nicht, da wir nicht sonderlich frühreif waren. Für mich stand jedoch fest: Wer auf sein Äußeres achtete, war eingebildet und arrogant, wer sich (ernstzunehmend) für Mädchen interessierte, hat nur versucht, künstlich erwachsen zu sein, und Alkohol, Zigaretten und alle anderen Drogen waren das absolute Böse. Ich selbst habe mich selbstredend von all diesen Dingen ferngehalten und andere verurteilt, die so waren. Das ging sogar soweit, dass ich sie als Feinde bezeichnet habe (natürlich nicht in deren Gesicht, sondern höchstens im Freundeskreis), ohne je die Dimension dieses Begriffes richtig erfasst zu haben.
Aber die Zeit wartet bekanntlich auf niemanden und mehr und mehr wurden solche Dinge immer normaler. Ich war davon unbeeindruckt, war ich doch der festen Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen. Allerdings war es für mich jedes Mal ein Schock, wenn ich z.B. hörte, dass jemand aus meiner Klasse geraucht oder getrunken hatte. Dazu kamen hin und wieder Versuche anderer, mir z.B. eine andere Frisur anzutragen. Ich habe mich strikt dagegen ausgesprochen, wollte ich mir selbst doch um jeden Preis treu bleiben. Aber irgendwann kommt man halt mit so einer Haltung nicht mehr weiter und mehr und mehr wirkte ich auf andere ziemlich komisch, man machte sich über mich lustig und über meine kindischen Haltungen, Hobbies und Verhaltensweisen, die ich stets wie eine Monstranz vor mir hertrug, denn schließlich habe ich mich ja für ein Vorbild gehalten. Ich war nicht mehr glücklich in meiner Haut, konnte aber nicht verstehen, warum.

Schließlich kam für mich mit dann mit 16 Jahren ein Tag, an dem schließlich alles zusammenbrach. Ich kann ihn sogar noch datieren.
Nach der Schule hat mir mein bester Freund erzählt, dass er mit seiner Freundin geschlafen hat. Das war für mich ein absoluter Schock. Es war aber etwas anderes als sonst, denn Sex war für mich im Kopf nie etwas schlimmes gewesen, viel mehr glaubte ich, das käme irgendwann im Leben eh automatisch auf jeden zu und sei normal. Dieser Schock ließ sich nicht in meine gewöhlichen Argumentationsmuster pressen, denn meine sonst übliche Geringschätzung gegenüber Altersgenossen, die Sex hatten, habe ich immer damit begründet, dass die ja sonst eh asoziales Verhalten gezeigt haben (also rauchten, tranken, auf Parties gingen...). Das ging hier aber nicht, schließlich war es mein bester Freund, den ich mochte und von dem ich wusste, dass er ein toller Typ war.
Für mich blieb also nur eine Möglichkeit übrig, die dann schließlich mein komplettes, engstirniges Weltbild zum Einsturz brachte: Das Problem sind nicht die anderen, sondern das Problem bin ich.

Aber nur weil ich das erkannt hatte, war kein einziges Problem weg. Mir ging es in der Folgephase unglaublich schlecht, ich denke, ich kann das recht sicher auch als Depression bezeichnen. Mir sind nach und nach all die Dinge wie Schuppen von den Augen gefallen, die mit meinem Leben nicht stimmten, insbesondere die Differenz in der Lebenserfahrung zwischen Gleichaltrigen und mir. Gleichzeitig hatte ich mich immer auf ein so hohes Ross begeben, dass ich da jetzt nicht mehr runterkam. Ich konnte nicht sagen: "Gestern hab ich mich zwar noch mit Händen und Füßen gewehrt, in den Tanzkurs zu gehen, aber heut' komm ich mal mit." Allerdings muss ich hier auch sagen, dass mein Bild von der Realität in dieser Zeit sehr diffus war und ich gar nicht wirklich sagen konnte, was richtig war und was falsch. Ich wollte z.B. nach wie vor nicht in den Tanzkurs. Emotional war da immer noch diese Blockade von vorher, aber mein Kopf sagte jetzt nicht mehr das gleiche. Mein Verhalten änderte sich also mit der Zeit in einer eher zwiegespaltenen Weise. Ich habe aufgehört, andere für ihr Leben zu verurteilen und meine Sichtweisen anderen aufzudrängen, auch wenn meine Positionen inhaltlich die gleichen blieben wie vorher. Dafür habe ich häufig meine Gefühle versteckt und bin seitdem wesentlich introvertierter. Ich habe also verstanden, was ich falsch gemacht habe, und habe das entsprechend behoben. Wie man es jedoch richtig macht, wusste ich immer noch nicht.
Positiver in der Folgezeit war dann durchaus, dass ich wieder besser mit meiner Umwelt klarkam, obwohl wir nach wie vor nicht wirklich kompatibel waren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Klassenkameraden von der "coolen Fraktion" unterhielten sich und ich habe von ihnen unbeabsichtigt mitgehört, dass sie mich für cooler hielten als meine Freunde. Das hat mich damals wahnsinnig stolz gemacht. Ich bin sehr gut mit meinen Klassenkameraden klargekommen, sogar mit einigen, die ich 4 Jahre vorher noch "Feinde" genannt hätte, viel miteinander zu tun hatten wir trotzdem nicht.
Was von mir unbemerkt stattfand, war jedoch die Auflösung meines Freundeskreises. Es hat sich dabei allerdings keine meiner Freundschaften aufgelöst, vielmehr waren meine Freunde allesamt jeder für sich Teil einer jeweils anderen Gruppe. Wir haben nachwie vor ab und zu Dinge nach der Schule oder in den Ferien unternommen und verstanden uns gut, aber z.B. abends weg war ich nie mit jemandem. Die Abende meiner Jugend sahen grundsätzlich so aus, dass ich alleine vorm PC saß. Es lief weiter so, dass ich keinerlei neue Erfahrung zuließ. So hätte man das vielleicht noch irgendwie nachvollziehen können, wenn ich es einfach nur abgelehnt hätte, mit Leuten saufen zu gehen. Aber ich war auch nie mit jemandem im Kino, beim Bowlen oder sonst irgendwas in der Richtung.

(Fortsetzung folgt...)
 

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Garfield

Gast
Dazu sei vielleicht noch erwähnt, dass ich zu dieser Zeit glaubte, ich leide an einer Sozialen Phobie (Danke, Dr. Google :)). Das war meine Erklärung dafür, dass ich keine neuen Leute kennenlernen wollte und mich unwohl gefühlt habe in den klassischen sozialen Situationen, in die man als Jugendlicher halt so hineingerät. Heute weiß ich, dass das falsch war.

So ging meine Schulzeit schließlich zuende. Auf meinem eigenen Abi-Ball war ich nicht, auf einem derartigen Ereingnis konnte ich mich mir einfach nicht vorstellen. Heute bereue ich es auf der einen Seite, allerdings fehlt mir auch jede Fantasie dafür, wie es hätte anders sein können. Es erscheint mir weiterhin wie zwangsläufig.
Nun ging es jedoch rapide mit meinem Leben bergab. Ich habe ein Studium begonnen, habe mich aber sofort unwohl gefühlt. Ich kann das aber bis heute nicht logisch begründen. Ich wollte dort einfach nicht sein: Ich habe mit niemandem dort Kontakt gesucht, konnte mich nicht an wissenschaftliche Arbeitsweisen gewöhnen, wollte nicht mal in der Mensa essen, Wohnen dort schon gar nicht. Dieser diffuse Hass sorgte auch dafür, dass ich prokrastiniert habe, was das Zeug hält, dabei haben mich meine Fächer sogar interessiert. Zugegeben fand ich es aber schon zu Schulzeiten furchtbar, meine Nase zum Lernen stundenlang in Bücher zu stecken. Nur ging das da halt gut, wenn ich einen Abend vorher mit dem Lernen für Klausuren begonnen habe, meine Noten waren trotzdem gut. Bei Hausarbeiten wird das hingegen schwierig. So habe ich mein Studium schließlich abgebrochen. Das ist nun 6 Jahre her, seitdem hänge ich weiterhin bei meinen Eltern. Bei Bewerbungen auf duale Studiengänge scheitert es immer im Bewerbungsgespräch, zu Ausbildungsplätzen werde ich nichtmal eingeladen.

Was allerdings mein Glück war, war, dass ich so seit ich 18 war, verstärkt in Leitungsfunktionen in der kirchlichen Jugendarbeit reingezogen wurde, wo ich allerdings schon vorher dabei war. Es war kein anderer da, der diese Aufgaben hätte übernehmen können. Ich habe dort einige nette Bekannte kennengelernt, später sogar Leute, die ich als Freunde bezeichnen würde. Viele Dinge, die ich vorher nie mitgemacht hätte (z.B. Freizeiten im Sommer), waren hier nun "Arbeit", sodass ich mehr oder weniger gezwungen war, da mitzugehen. Und anfangs hat es mir auch tatsächlich nicht gefallen. Ich ließ mich dann aber nochmal breitschlagen und bin dann schließlich in den Dunstkreis dieser Leute geraten, die allerdings auch 7 bis 8 Jahre jünger waren als ich. Sie waren mir wahnsinnig sympathisch, ich bin gut mit ihnen klargekommen, habe auf den Freizeiten oder anderen Aktivitäten durch die Jugendgruppe sehr gerne Sachen mit ihnen unternommen. Es war für mich wie eine Art Chance, meine Jugend zumindest ein bisschen nachzuholen. Nun ging aber auch deren Leben weiter und irgendwann haben sie eben aufgehört, was da aber auch der Normalität entspricht. Ungewöhnlich ist es eher, dass man wie ich mit fast 30 immer noch dabei ist. Für mich war das damals sehr schmerzlich, aber ich bin trotzdem dankbar für die Zeit, weil ich auch vieles von diesen Leuten gelernt habe.


Wie ist es nun heute? Mein Grundproblem liegt wohl darin, dass ich Angst habe vor neuen Situationen. Ich habe seit Beginn meiner Jugend alles manchmal unbewusst gemieden und manchmal regelrecht boykottiert, was eine Veränderung im Leben bedeutet hätte. Hier eine kleine Auswahl:
- Alkohol, Zigaretten, andere Drogen (einer der wenigen Punkte, die ich nach wie vor richtig finde)
- Parties, abends weggehen
- Beziehung und Sex
- angefangen, mich zu rasieren hab ich mit 20, weil die Angst größer war, dass auf einer Freizeit jemand bemerkt, dass ich das bisher heimlich mit einer gelben Kinderschere gemacht habe, mit der das erstaunlich gut funktioniert hat...
- Deo nehme ich bis heute keins.
- seit ca. 6 Jahren achte ich mehr auf mein Äußeres, kaufe mir Klamotten, die "cool sind" und mir gefallen, anstatt bloß zweckdienlich zu sein und den Eindruck zu erwecken, mir sei mein Aussehen egal. Hemden zu tragen, ist mir weiterhin unangenehm, Anzüge gehen gar nicht.
- vor ca. 4 Jahren habe ich das erste Mal Haargel benutzt. Zeit zwischen dem Zeitpunkt, dass ich mir das das erste Mal wirklich gewünscht habe, und ich mich schließlich zum Kauf überwunden hatte: 2 Jahre.
- das Kennenlernen von neuen Leuten
- Sport

Dieser Mangel an Lebenserfahrung ist es, was mich heute extrem einschränkt und auch Ursache meiner unbefriedigenden sozialen Situation ist. Eine Sozialphobie (s.o.) ist das nicht, denn ich bin nicht auf den Mund gefallen, rede gern mit Leuten, die ich kenne, und bin da auch absolut nicht zurückhaltend. Das Kennenlernen neuer Leute ist hingegen kaum möglich, da mir deren Erfahrungshorizonte fehlen, um da eine gemeinsame Basis zu finden. Ich weiß ja nicht mal, WIE man überhaupt neue Leute kennenlernt. Das geht sogar soweit, dass der Gedanke von mir auf einer Party für mich derart abwegig ist, dass mir bereits der Gedanke daran regelrecht peinlich ist. Es geht dabei übrigens auch nicht darum, dass ich gern auf Parties ginge. Ich glaube sogar, dass mir das gar nicht gefiele. Aber ich weiß mittlerweile, dass man für sein Leben Erfahrungen machen und sich auch mit anderen messen und vergleichen muss, um zu erkennen, was man will.

So stehe ich nun da mit fast 30 und habe quasi nichts an Lebenserfahung. Ich habe nur mit 2 Freunden noch wirklich Kontakt, ansonsten verbringe ich meine Zeit mit der Arbeit für die Kirchengemeinde oder mit Gaming und Anime.
Die Dinge, die ich tue, machen mir Spaß und sie sollen Teil meines Lebens bleiben. Aber reichen tut mir das schon lange nicht mehr.

Auch sei angemerkt, dass ich nicht in einer Depression lebe. Die meiste Zeit geht es mir gut, was aber, glaube ich, auch daran liegt, dass ich sehr gut darin bin, Dinge zu verdrängen.
Vor ein paar Tagen habe ich jedoch einen Freund zufällig wiedergetroffen, der vor ein paar Jahren in der Jugendarbeit aufgehört hatte. Wir haben uns ein Weilchen unterhalten, ich hatte dabei viel Spaß und hab mich gefühlt wie damals. Und dann war es vorbei und ich habe wieder gesehen, wie mein Leben eigentlich aussieht...
 

Schroti

Namhaftes Mitglied
Was machst du nach Abbruch des Studiums beruflich?
Es wäre wichtig, Erfolge zu haben, um das Scheitern auszugleichen.
Mit gewachsenem Selbstvertrauen wirst du auch Sozialkontakte knüpfen und dich vor allem auch auf Liebe und Sexualität einlassen können.
Du bist noch nicht alt, aber du solltest jetzt nicht untätig sein.
Setze dir realistische Ziele.
 

Santino

Namhaftes Mitglied
Hallo

Dennoch wäre ich wohl für die ein oder andere Einschätzung dankbar, denn etwas derartiges habe ich hier noch nirgendwo gelesen.
Gut - hier meine Gesamteinschätzung: du hast offenbar noch nicht sonderlich viel gelesen, gehört und erlebt. Denn:

Ich war bereits ein komisches Kind. Ich war zwar recht pflegeleicht, da ich ein eher ruhiges und intelligentes Kind war, allerdings auch sehr ich-fixiert: Ich war sehr stur und konnte auch genauso trotzig sein: Wenn ich etwas nicht tun wollte, dann hab ichs auch ums Verrecken nicht getan. Ich war damals auch gern eine Art Anführer, habe also z.B. die Initiative ergriffen, wenn ich Mittags mit Freunden spielen wollte. Ich war allerdings auch der Meinung, jeder (von dem ich es wollte) müsse mein Freund sein, und konnte gar nicht verstehen, warum man das nicht hätte wollen sollen; so stand schließlich sogar in einem Zeugnis der dritten Klasse, ich habe hin und wieder versucht, Freundschaft zu erzwingen. Ich habe mich z.B. auch mal zur Klassensprecherwahl aufstellen lassen und wurde nicht gewählt. Dazu sei allerdings gesagt: Freunde hatte ich tatsächlich immer, auch wenn ich aus heutiger Sicht manches Mal nicht verstehe, warum.
Das ist sozial weniger kompetent, aber trotzdem, so wie du es schilderst, völlig normal. Du warst eben stur und gern der Anführer. Du wolltest, dass die Leute machen, was du willst. Du wolltest bestimmen - auch dahingehend, wer dein Freund sein soll. So sind viele Kinder. Das ist nichts Aussergewöhnliches.

Auch, was meine Hobbys angeht, war ich eher sonderbar. Ich liebte in erster Linie die Spielekonsole und den Fernseher, während ich Sport gehasst habe. Ich war entsprechend wahnsinnig unsportlich und mein erstes Zeugnis ohne Sport-4 war das Abi. Dadurch hat sich aber nur noch mehr verstärkt, dass ich hier nicht mit anderen in meinem Alter mithalten konnte. Ich war immer der Schwächste, bin nichtmal mit dem Fahrrad den Berg hochgekommen.
Das ist nicht sonderbar, das sehr verbreitet. Ich habe in meinem Leben - auch als Jugendlicher, wobei es damals noch keine Spielkonsolen gab - ganz viele Menschen kennengelernt, die so sind. Es ist doch nichts Sonderbares, unsportlich zu sein und Videospiele/Fernsehen zu bevorzugen. Es ist auch nichts Sonderbares, nicht mit dem Fahrrad den Berg hochzukommen, wenn man keinen Sport macht. Dann hat man logischerweise wenig Kondition und weniger Kraft, als man haben könnte.

Hervorzuheben wäre hier höchstens, dass sich da eine besondere Abneigung gegen Fußball entwickelt hat. Jeder hat es geliebt, nur ich nicht, und ich regaiere sehr schnell mit Trotz, wenn ich das Gefühl habe, jemand will mir etwas aufdrängen. So kam es dann schließlich, dass ich mich irgendwann einfach geweigert habe, beim Fußball mitzuspielen, dabei sowohl Sportlehrer als auch Mitschüler in den Wahnsinn getrieben habe und lieber 6en in Kauf genommen habe.
Ja, in der Vorpubertät macht man so einige trotzige Dinge. Würde ich auch nicht als abnormal bezeichnen. Ich mag Fussball übrigens auch nicht besonders und es hat mich im Sportunterricht ebenfalls immer angekotzt.

Viele Dinge, die ich vorher nie mitgemacht hätte (z.B. Freizeiten im Sommer), waren hier nun "Arbeit", sodass ich mehr oder weniger gezwungen war, da mitzugehen. Und anfangs hat es mir auch tatsächlich nicht gefallen. Ich ließ mich dann aber nochmal breitschlagen und bin dann schließlich in den Dunstkreis dieser Leute geraten, die allerdings auch 7 bis 8 Jahre jünger waren als ich. Sie waren mir wahnsinnig sympathisch, ich bin gut mit ihnen klargekommen, habe auf den Freizeiten oder anderen Aktivitäten durch die Jugendgruppe sehr gerne Sachen mit ihnen unternommen. Es war für mich wie eine Art Chance, meine Jugend zumindest ein bisschen nachzuholen.
Mit 18 Jahren giltst du vor Gericht noch als "Heranwachsender" und deine Jugend ist noch lange nicht vorbei. Die Gehirnentwicklung ist erst Mitte 20 abgeschlossen. Mit 18 Jahren von "Jugend nachholen" zu sprechen, hat eine gewisse Komik. ;)

Wie man vielleicht erahnen kann, war ich sehr gefestigt in meinen Meinungen und es war schier unmöglich, mich von Gegenteil zu überzeugen. Schließlich begann so die Jugendzeit und Leute um mich herum begannen, mit dem Leben zu experimentieren. Meine Freunde betraf das zunächst noch nicht, da wir nicht sonderlich frühreif waren. Für mich stand jedoch fest: Wer auf sein Äußeres achtete, war eingebildet und arrogant, wer sich (ernstzunehmend) für Mädchen interessierte, hat nur versucht, künstlich erwachsen zu sein, und Alkohol, Zigaretten und alle anderen Drogen waren das absolute Böse. Ich selbst habe mich selbstredend von all diesen Dingen ferngehalten und andere verurteilt, die so waren. Das ging sogar soweit, dass ich sie als Feinde bezeichnet habe (natürlich nicht in deren Gesicht, sondern höchstens im Freundeskreis), ohne je die Dimension dieses Begriffes richtig erfasst zu haben. Allerdings war es für mich jedes Mal ein Schock, wenn ich z.B. hörte, dass jemand aus meiner Klasse geraucht oder getrunken hatte.
Das ist Ausdruck der absolut normalen Identitätssuche im Jugendalter - starke Abgrenzung von anderen Jugendlichen, die anders ticken, das Verharren in starren Meinungen, die man als unumstösslich richtig betrachtet (denn man wüsste es eben am besten), etc.. Wer bin ich und wer kann ich sein? Die anderen haben sich von Leuten wie dir sicherlich dadurch abgegrenzt, indem sie geradezu "erwachsen", äusserlich gestyled und damit cool sein wollten. Für dich war cool, wer gerade so nicht ist. Ein völlig normaler Entwicklungsschritt. Besonders sichtbar wird so etwas durch Jugendkulturen: Emo, Gothic, Punk, jetzt auf TikTok gibt's ja so "e-Girls" und all so Zeug. Das ist alles so ähnlich. Experimentieren, Abgrenzen, Identitätsfindung - normale Verhaltensweisen in dem Alter. Das war eben deine Art, mit dem Leben zu experimentieren. Man muss dazu nicht unbedingt Party machen, Alkohol trinken und Sex haben, auch, wenn das für viele Jugendliche natürlich eine Rolle spielt. Das muss es aber nicht immer. Gibt genügend, die sind, wie du warst. Ich habe viele Jugendliche kennengelernt, die so waren, wie du beschreibst.

Siehe auch all die Filme und Bücher, insbesondere mit Zielgruppe Kinder/Jugendliche, die sich des Themas annehmen, bspw. "Hanni und Nanni" (da gibt's immer mal wieder ne gemeinem Mädchengruppe meines Wissens, gegen die Hanni und Nanni und die lieben/guten Freundinnen irgendwie vorgehen müssen) oder "Die wilden Kerle" (Mädchen gegen Jungs und dann gibt's ja noch irgendwelche "Bösen").
 

Santino

Namhaftes Mitglied
Dazu kamen hin und wieder Versuche anderer, mir z.B. eine andere Frisur anzutragen. Ich habe mich strikt dagegen ausgesprochen, wollte ich mir selbst doch um jeden Preis treu bleiben. Aber irgendwann kommt man halt mit so einer Haltung nicht mehr weiter und mehr und mehr wirkte ich auf andere ziemlich komisch, man machte sich über mich lustig und über meine kindischen Haltungen, Hobbies und Verhaltensweisen, die ich stets wie eine Monstranz vor mir hertrug, denn schließlich habe ich mich ja für ein Vorbild gehalten. Ich war nicht mehr glücklich in meiner Haut, konnte aber nicht verstehen, warum.
Normaler Entwicklungskonflikt. Wo gehöre ich hin? Was ist die richtige Haltung? Welche Werte will ich vertreten? Was passt zu mir? Wie definiere ich mich?

Schließlich kam für mich mit dann mit 16 Jahren ein Tag, an dem schließlich alles zusammenbrach. Ich kann ihn sogar noch datieren.
Nach der Schule hat mir mein bester Freund erzählt, dass er mit seiner Freundin geschlafen hat. Das war für mich ein absoluter Schock. Es war aber etwas anderes als sonst, denn Sex war für mich im Kopf nie etwas schlimmes gewesen, viel mehr glaubte ich, das käme irgendwann im Leben eh automatisch auf jeden zu und sei normal. Dieser Schock ließ sich nicht in meine gewöhlichen Argumentationsmuster pressen, denn meine sonst übliche Geringschätzung gegenüber Altersgenossen, die Sex hatten, habe ich immer damit begründet, dass die ja sonst eh asoziales Verhalten gezeigt haben (also rauchten, tranken, auf Parties gingen...). Das ging hier aber nicht, schließlich war es mein bester Freund, den ich mochte und von dem ich wusste, dass er ein toller Typ war.
Für mich blieb also nur eine Möglichkeit übrig, die dann schließlich mein komplettes, engstirniges Weltbild zum Einsturz brachte: Das Problem sind nicht die anderen, sondern das Problem bin ich.
Ebenfalls normale Folge des normalen Entwicklungskonflikts. So geht es vielen Jugendlichen: Bin ich vielleicht falsch? Bin ich das Problem? Warum bin ich nicht normal? Wie ist man normal? usw.

Aber nur weil ich das erkannt hatte, war kein einziges Problem weg. Mir ging es in der Folgephase unglaublich schlecht, ich denke, ich kann das recht sicher auch als Depression bezeichnen. Mir sind nach und nach all die Dinge wie Schuppen von den Augen gefallen, die mit meinem Leben nicht stimmten, insbesondere die Differenz in der Lebenserfahrung zwischen Gleichaltrigen und mir. Gleichzeitig hatte ich mich immer auf ein so hohes Ross begeben, dass ich da jetzt nicht mehr runterkam. Ich konnte nicht sagen: "Gestern hab ich mich zwar noch mit Händen und Füßen gewehrt, in den Tanzkurs zu gehen, aber heut' komm ich mal mit." Allerdings muss ich hier auch sagen, dass mein Bild von der Realität in dieser Zeit sehr diffus war und ich gar nicht wirklich sagen konnte, was richtig war und was falsch.
Eine Depression zu haben, heisst nicht: niedergeschlagen sein. Bitte lies dir hier Threads durch von Menschen, die depressiv sind. Was du beschreibst, ist eine vorübergehend belastende Lebensphase, wie sie Millionen Jugendliche jeden Tag auch erleben und wie sie im Jugendalter oft vorkommt. Auch ist es normal, dass man als Jugendlicher oder junger Erwachsener irgendwann an den Punkt kommt, an dem man sich reflektiert und feststellt, dass man ja eigentlich gar nicht so genau weiss, was richtig ist. Auch das in der Folge des obigen Zitats beschriebene ambivalente Denken und Handeln ist normal.

Ich habe aufgehört, andere für ihr Leben zu verurteilen und meine Sichtweisen anderen aufzudrängen, auch wenn meine Positionen inhaltlich die gleichen blieben wie vorher. Dafür habe ich häufig meine Gefühle versteckt und bin seitdem wesentlich introvertierter.
Das nennt man Persönlichkeitsentwicklung und muss keine pathologische Komponente haben. Interovertiertheit und Zurückhaltung müssen nicht schlecht sein.

Zwei Klassenkameraden von der "coolen Fraktion" unterhielten sich und ich habe von ihnen unbeabsichtigt mitgehört, dass sie mich für cooler hielten als meine Freunde. Das hat mich damals wahnsinnig stolz gemacht.
Normal.

Was von mir unbemerkt stattfand, war jedoch die Auflösung meines Freundeskreises. Es hat sich dabei allerdings keine meiner Freundschaften aufgelöst, vielmehr waren meine Freunde allesamt jeder für sich Teil einer jeweils anderen Gruppe. Wir haben nachwie vor ab und zu Dinge nach der Schule oder in den Ferien unternommen und verstanden uns gut, aber z.B. abends weg war ich nie mit jemandem.
Ja, normal, gerade im Jugendalter gibt's eben viel Persönlichkeitsentwicklung (die du ja auch durchgemacht hast) und die Leute entfernen sich ggf. wieder voneinander, v.a. bei Übergängen findet das statt (Schule -> Studium/Beruf), kann aber auch schon vorher stattfinden.

Die Abende meiner Jugend sahen grundsätzlich so aus, dass ich alleine vorm PC saß. Es lief weiter so, dass ich keinerlei neue Erfahrung zuließ. So hätte man das vielleicht noch irgendwie nachvollziehen können, wenn ich es einfach nur abgelehnt hätte, mit Leuten saufen zu gehen. Aber ich war auch nie mit jemandem im Kino, beim Bowlen oder sonst irgendwas in der Richtung.
Ja, muss man ja auch nicht. Du scheinst es nicht gewollt zu haben. Dann mach's eben nicht. Das ist doch nicht schlimm. Gibt viele Menschen, die nicht so aktiv sind. Wenn du keinen Spass daran hast (bzw. zumindest damals keinen Spass daran hattest), sehe ich keinen Grund, warum du das zwanghaft tun solltest. Wenn du es dufte fandest, allein vor dem PC zu sitzen, why not? Geht ja in deiner Freizeit darum, wie du dich gern beschäftigst und nicht, wie du denkst, dass du dich beschäftigen solltest, damit es scheinbar normal ist. Nochmal: deine Vorlieben sind für mich völlig normal. Sie sind eben nicht extrovertiert. Bist du halt nicht. Ist so. Ist aber nicht anders oder besonders.

Dazu sei vielleicht noch erwähnt, dass ich zu dieser Zeit glaubte, ich leide an einer Sozialen Phobie (Danke, Dr. Google :)). Das war meine Erklärung dafür, dass ich keine neuen Leute kennenlernen wollte und mich unwohl gefühlt habe in den klassischen sozialen Situationen, in die man als Jugendlicher halt so hineingerät. Heute weiß ich, dass das falsch war.
Ja, das war falsch. Lies dir bitte hier Threads von Menschen durch, die eine soziale Phobie haben. Du hattest völlig normale Pubertätskonflikte. Richtig ist, dass man gerade dann vulnerabel für die Entstehung psychischer Erkrankungen ist - der Grundstein dafür wird aber zumeist schon früher und in wenig förderlichen Lebensbedingungen gelegt, die bei dir ja nicht gegeben waren, wie du schreibst.

So ging meine Schulzeit schließlich zuende. Auf meinem eigenen Abi-Ball war ich nicht, auf einem derartigen Ereingnis konnte ich mich mir einfach nicht vorstellen. Heute bereue ich es auf der einen Seite, allerdings fehlt mir auch jede Fantasie dafür, wie es hätte anders sein können. Es erscheint mir weiterhin wie zwangsläufig.
Ja, dann ist es doch okay, dass du nicht dort warst. Ich war bei mir auch nicht dort, allerdings aus anderen Gründen. Ich habe auch mehrere Menschen kennengelernt, die da auch nicht gerne hingehen wollten (!), ähnlich wie du. Das ist doch in Ordnung.

Nun ging es jedoch rapide mit meinem Leben bergab. Ich habe ein Studium begonnen, habe mich aber sofort unwohl gefühlt. Ich kann das aber bis heute nicht logisch begründen. Ich wollte dort einfach nicht sein: Ich habe mit niemandem dort Kontakt gesucht, konnte mich nicht an wissenschaftliche Arbeitsweisen gewöhnen, wollte nicht mal in der Mensa essen, Wohnen dort schon gar nicht. Dieser diffuse Hass sorgte auch dafür, dass ich prokrastiniert habe, was das Zeug hält, dabei haben mich meine Fächer sogar interessiert. Zugegeben fand ich es aber schon zu Schulzeiten furchtbar, meine Nase zum Lernen stundenlang in Bücher zu stecken. Nur ging das da halt gut, wenn ich einen Abend vorher mit dem Lernen für Klausuren begonnen habe, meine Noten waren trotzdem gut. Bei Hausarbeiten wird das hingegen schwierig. So habe ich mein Studium schließlich abgebrochen. Das ist nun 6 Jahre her, seitdem hänge ich weiterhin bei meinen Eltern.
Ein Studium ist ganz offensichtlich nicht dein Ding und deine Identitätsfindungsphase noch nicht abgeschlossen. Bzgl. Ausbildungsplatz und Vorstellungsgespräche: du könntest dich hier mal beraten lassen, vllt. ein bisschen Geld in die Hand nehmen mithilfe deiner Eltern, um herauszufinden, woran das liegt. Vielleicht ist deine Bewerbung kacke, vielleicht ist dein Auftreten doof.

Ich finde das auch nicht unbedingt unnormal, was du beschreibst. Dass du so langsam was machen solltest, merkst du ja selbst: denn mit Mitte 20 wird's so langsam Zeit, sich dann mal zu finden und zu wissen, wohin man will. Du bist allerdings bei Weitem nicht der einzige junge Mensch mit Problemen der Orientierungslosigkeit dieser Art. Das Forum ist voll davon. Und diese Menschen sind nicht alle anders und/oder psychisch krank.

Wie ist es nun heute? Mein Grundproblem liegt wohl darin, dass ich Angst habe vor neuen Situationen.
Auch das ist bis zu einem gewissen Grad normal in dieser Phase, in der du dich schon seit längerem befindest. Du solltest hier ein bisschen aufpassen, dass sich das nicht verfängt. Wenn du dabei Hilfe brauchst, scheu dich nicht, eine Beratungsstelle aufzusuchen - man muss nicht psychisch krank sein, um das zu tun. Man kann auch einfach nur Alltagsprobleme haben.

Fortsetzung folgt...
 
Zuletzt bearbeitet:

Santino

Namhaftes Mitglied
- angefangen, mich zu rasieren hab ich mit 20, weil die Angst größer war, dass auf einer Freizeit jemand bemerkt, dass ich das bisher heimlich mit einer gelben Kinderschere gemacht habe, mit der das erstaunlich gut funktioniert hat...
Du würdest dich wundern, was für seltsame Dinge andere Menschen so machen. ;) Ich finde das gar nicht so seltsam.

- Deo nehme ich bis heute keins.
Könnte ein Grund sein, warum du in Vorstellungsgesprächen durchfällst: Du stinkst.

- seit ca. 6 Jahren achte ich mehr auf mein Äußeres, kaufe mir Klamotten, die "cool sind" und mir gefallen, anstatt bloß zweckdienlich zu sein und den Eindruck zu erwecken, mir sei mein Aussehen egal. Hemden zu tragen, ist mir weiterhin unangenehm, Anzüge gehen gar nicht.
Geh vielen Männern so. Ich trag auch ungern Anzüge. Massanzüge gehen gut, aber von der Stange sind sie doch sehr unbequem.

- vor ca. 4 Jahren habe ich das erste Mal Haargel benutzt. Zeit zwischen dem Zeitpunkt, dass ich mir das das erste Mal wirklich gewünscht habe, und ich mich schließlich zum Kauf überwunden hatte: 2 Jahre.
- das Kennenlernen von neuen Leuten
- Sport
Normal, s.o..

Das geht sogar soweit, dass der Gedanke von mir auf einer Party für mich derart abwegig ist, dass mir bereits der Gedanke daran regelrecht peinlich ist. Es geht dabei übrigens auch nicht darum, dass ich gern auf Parties ginge. Ich glaube sogar, dass mir das gar nicht gefiele. Aber ich weiß mittlerweile, dass man für sein Leben Erfahrungen machen und sich auch mit anderen messen und vergleichen muss, um zu erkennen, was man will.
Nochmal: nein, man muss nicht auf Partys gehen, um ein erfülltes Leben zu haben. Es gefällt dir nicht, der Gestanke allein stösst dich ab. Dann lass es. Ich kenne viele Menschen, die nicht auf Partys gehen. Damit bist du bei bestem Willen nicht allein. Ich selbst bin übrigens auch kein Fan davon - ich kann dem nichts abgewinnen. Mache ich nur sehr, sehr selten. Okay, inzwischen bin ich auch eher alt (ü40). Aber habe ich auch früher eher selten gemacht.

So stehe ich nun da mit fast 30 und habe quasi nichts an Lebenserfahung. Ich habe nur mit 2 Freunden noch wirklich Kontakt, ansonsten verbringe ich meine Zeit mit der Arbeit für die Kirchengemeinde oder mit Gaming und Anime.
Du brauchst insbesondere eine berufliche Perspektive. Daran solltest du arbeiten. Was heisst "fast 30"? 26? 27? 28? 29? Hier wäre der Besuch einer Beratungsstelle wirklich empfehlenswert, wie gesagt - insbesondere um die berufliche Perspektive für dich zu klären. Könntest du dich nicht im Schoss deiner Eltern ausruhen, hätte die sich vermutlich auch schon geklärt. So musst du aber selbst in die Pötte kommen und dahingehend endlich was organisieren.

Der Rest hört sich einfach nach normaler Introvertiertheit an.

Vermutlich enttäuscht dich das ein bisschen: aber du bist nichts Besonderes, denn alles, was du schilderst, sind völlig normale Entwicklungskonflikte und -probleme sowie völlig normale Charakterzüge, die nur weniger laut sind als die der eher extrovertierten Menschen und dir wahrscheinlich deshalb in deiner Umgebung nicht so auffallen. Es gibt aber viele Menschen wie dich. Ich habe viele solche Menschen kennengelernt und ich selbst bin auch nicht der typisch extrovertierte Partygänger (nie gewesen, bis heute nicht).

Es gibt daneben auch viele junge Menschen wie dich, die mit Mitte 20 ihren Weg noch nicht gefunden haben. Auch hier bist du keine grosse Ausnahme. Manche, die eben müssen und sich nicht im elterlichen Schoss mit Gaming und Anime ausruhen können, machen dann eben "irgendwas", tingeln dann von Job zu Job oder von Studiengang zu Studiengang. Du sitzt halt daheim mit Gaming und Anime, weil du nicht musst. Das ist nicht unbedingt anders - das zugrunde liegende Problem ist letztlich das Gleiche.

Das einzige, das meiner Ansicht nach in gewisser Weise heraussticht, ist, dass du unglaublich viel um dich selbst kreist. Alleine, dass du so einen verdammt langem Text zu völlig normalen Entwicklungskonflikten geschrieben hast und dabei immer wieder betonst, wie anders und besonders du dich entwickelt hast, zeugt meiner Ansicht nach davon.

Aber auch das ist nichts, das nur dich betreffen würde. Gibt's sehr häufig.

Viele Grüsse
Santino
 
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dr.superman

Aktives Mitglied
Du klingst wie ein ganz normaler Mensch.
Aber wie einer der krampfhaft versucht zu zeigen, dass er das nicht ist -vielleicht um Dein Versagen auf dem Bildungsweg zu erklären oder Dein Unvermögen, Dich selbst zu ernähren?
So nach dem Motto:
ich bin halt noch nicht so weit, deswegen kann ich ja gar nicht und die "30" ist halt für mich eigentlich nicht gültig.
Ach ja:
benutz´ ein Deo. Bitte!
 
G

Garfield

Gast
Was machst du nach Abbruch des Studiums beruflich?
Gar nichts. Ich habe mich jetzt mit meiner Berufsberaterin entschieden, sofern es dieses Jahr wieder nicht klappt, eine geförderte Ausbildung zu machen, da alles andere nach so vielen Versuchen wohl unrealistisch ist.
Auch ein Coaching hatte ich schon und es lief dann dahingehend besser, dass ich zumindest mal auf Wartelisten kam und nicht mehr sofort abgelehnt wurde.
Mir ist auch bewusst, dass das zwar kein Allheilmittel ist, aber wohl die Grundvoraussetzung für eine Veränderung.

-vielleicht um Dein Versagen auf dem Bildungsweg zu erklären oder Dein Unvermögen, Dich selbst zu ernähren?
Das Problem hatte ich schon vorher. Bis zum Ende meiner Schulzeit kann man von Versagen absolut nicht reden, die Schule fiel mir leicht, mein Abi ist gut.
Dass ich mit meinem Leben unzufrieden bin, fing aber nicht erst nach der Schule an, sondern hatte seinen Anfang so um die 9./10. Klasse herum.


Hallo


Gut - hier meine Gesamteinschätzung: du hast offenbar noch nicht sonderlich viel gelesen, gehört und erlebt. Denn:


Das ist sozial weniger kompetent, aber trotzdem, so wie du es schilderst, völlig normal. Du warst eben stur und gern der Anführer. Du wolltest, dass die Leute machen, was du willst. Du wolltest bestimmen - auch dahingehend, wer dein Freund sein soll. So sind viele Kinder. Das ist nichts Aussergewöhnliches.


Das ist nicht sonderbar, das sehr verbreitet. Ich habe in meinem Leben - auch als Jugendlicher, wobei es damals noch keine Spielkonsolen gab - ganz viele Menschen kennengelernt, die so sind. Es ist doch nichts Sonderbares, unsportlich zu sein und Videospiele/Fernsehen zu bevorzugen. Es ist auch nichts Sonderbares, nicht mit dem Fahrrad den Berg hochzukommen, wenn man keinen Sport macht. Dann hat man logischerweise wenig Kondition und weniger Kraft, als man haben könnte.


Ja, in der Vorpubertät macht man so einige trotzige Dinge. Würde ich auch nicht als abnormal bezeichnen. Ich mag Fussball übrigens auch nicht besonders und es hat mich im Sportunterricht ebenfalls immer angekotzt.
Das sehe ich ähnlich, ich habe es aber mit reingenommen, weil ich dachte, dass es als Hinführung wichtig ist. Mir wäre es zwar im Rückblick auch lieber gewesen, ich hätte als Kind andere Eigenschaften an den Tag gelegt, aber es war noch im Rahmen dessen, was man normal nennen kann. Nur, dass mir mein Verhalten von damals z.T. echt peinlich ist...

Mit 18 Jahren giltst du vor Gericht noch als "Heranwachsender" und deine Jugend ist noch lange nicht vorbei. Die Gehirnentwicklung ist erst Mitte 20 abgeschlossen. Mit 18 Jahren von "Jugend nachholen" zu sprechen, hat eine gewisse Komik. ;)
Das "Jugend nachholen" bezog sich auf einen Lebensabschnitt als ich etwa 23 bis 27 war.

Für dich war cool, wer gerade so nicht ist. Ein völlig normaler Entwicklungsschritt. Besonders sichtbar wird so etwas durch Jugendkulturen: Emo, Gothic, Punk, jetzt auf TikTok gibt's ja so "e-Girls" und all so Zeug. Das ist alles so ähnlich. Experimentieren, Abgrenzen, Identitätsfindung - normale Verhaltensweisen in dem Alter. Das war eben deine Art, mit dem Leben zu experimentieren. Man muss dazu nicht unbedingt Party machen, Alkohol trinken und Sex haben, auch, wenn das für viele Jugendliche natürlich eine Rolle spielt. Das muss es aber nicht immer. Gibt genügend, die sind, wie du warst. Ich habe viele Jugendliche kennengelernt, die so waren, wie du beschreibst.
Ich fand mich selbst ja gar nicht cool, oder andere, die so waren. Ich war nicht so, weil ich mein eigenes Verhalten gut, sondern weil ich das andere Verhalten schlecht fand. Ich konnte die Veränderung anderer in diese Richtung nicht ertragen, weil ich das als Distanzierung von mir wahrgenommen habe.

Eine Depression zu haben, heisst nicht: niedergeschlagen sein. Bitte lies dir hier Threads durch von Menschen, die depressiv sind. Was du beschreibst, ist eine vorübergehend belastende Lebensphase, wie sie Millionen Jugendliche jeden Tag auch erleben und wie sie im Jugendalter oft vorkommt. Auch ist es normal, dass man als Jugendlicher oder junger Erwachsener irgendwann an den Punkt kommt, an dem man sich reflektiert und feststellt, dass man ja eigentlich gar nicht so genau weiss, was richtig ist. Auch das in der Folge des obigen Zitats beschriebene ambivalente Denken und Handeln ist normal.
Ja, das war falsch. Lies dir bitte hier Threads von Menschen durch, die eine soziale Phobie haben. Du hattest völlig normale Pubertätskonflikte. Richtig ist, dass man gerade dann vulnerabel für die Entstehung psychischer Erkrankungen ist - der Grundstein dafür wird aber zumeist schon früher und in wenig förderlichen Lebensbedingungen gelegt, die bei dir ja nicht gegeben waren, wie du schreibst.
In der Zeit, in der ich glaubte, eine Sozialphobie zu haben, habe ich sehr viel schon in Foren darüber gelesen und glaube daher auch, einigermaßen für solche Themen sensibilisiert zu sein.

Ja, muss man ja auch nicht. Du scheinst es nicht gewollt zu haben. Dann mach's eben nicht. Das ist doch nicht schlimm. Gibt viele Menschen, die nicht so aktiv sind. Wenn du keinen Spass daran hast (bzw. zumindest damals keinen Spass daran hattest), sehe ich keinen Grund, warum du das zwanghaft tun solltest. Wenn du es dufte fandest, allein vor dem PC zu sitzen, why not? Geht ja in deiner Freizeit darum, wie du dich gern beschäftigst und nicht, wie du denkst, dass du dich beschäftigen solltest, damit es scheinbar normal ist. Nochmal: deine Vorlieben sind für mich völlig normal. Sie sind eben nicht extrovertiert. Bist du halt nicht. Ist so. Ist aber nicht anders oder besonders.
Das Problem war/ist ja nicht, was ich getan habe, sondern, was ich nicht getan habe. Mit meinen Hobbies habe ich kein Problem. Aber zu meinen damaligen Wochenendabenden vorm PC gehörte eben zu einem nicht unerheblichen Teil das genervte Warten, bis mal ein Freund von mir wieder im ICQ erschien. Ich wollte ja gar nicht allein sein. Das Zwanghafte war ja gerade diese massive Gegenwehr von mir gegen neue Erfahrungen. Ich rede ja gar nicht davon, krampfhaft Dinge zu tun, die mir nicht gefallen. Sondern überhaupt erstmal rauszufinden, ob mir Dinge gefallen. Wär ich mal irgendwohin mitgegangen, hätte ich besser darüber urteilen können, ob es mir gefällt oder nicht. Und wenns Kacke gewesen wäre, hätt ichs halt bleiben lassen.
Anderes Beispiel: Irgendwann fingen plötzlich alle an, Poker zu spielen. Ich habe das aber nie gelernt, lieber bin ich daneben gesessen und habe nichts getan. Warum, weiß ich nicht. Ich spiele eigentlich gern Karten und kann mir das einfach nicht erklären.

Geh vielen Männern so. Ich trag auch ungern Anzüge. Massanzüge gehen gut, aber von der Stange sind sie doch sehr unbequem.
Keine Ahnung, ob die bequem sind. Das letzte mal hab ich einen vor 20 Jahre zu meiner Erstkommunion getragen. Mir ist aber der Gedanke an mich selbst in einem Anzug wahnsinnig unangenehm, als wäre das was, was man eigentlich nicht tut. Dass ich keinen Anzug tragen wollte, war auch einer der Gründe, warum ich nicht auf meinem Abi-Ball war. Das war eine Welt, von der ich keine Ahnung hatte, und weil ich sie nicht kannte, glaubte ich auch, dass ich da nicht hingehöre.

Könnte ein Grund sein, warum du in Vorstellungsgesprächen durchfällst: Du stinkst.
Ach ja:
benutz´ ein Deo. Bitte!
Was Körperhygiene ist, hab ich trotzdem irgendwann mal gelernt...
 

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