Hallo Kathze,
ich kann dich sehr gut verstehen, ich habe ein ähnliches Problem mit meinem Vater, der allerdings 20 Jahre älter als deine Mutter ist. Über 40 Jahre keinen Kontakt, ich war ihm scheißegal, er hat sein Leben gelebt und ist nun alt, krank und einsam und fokussiert sich voll und ganz alleine auf mich, das einzig übrigggebliebene Kind. Hat die Familie verlassen, da war ich noch keine 10 Jahre alt, war jähzornig, brutal, hat seine Kinder und unsere Mutter geschlagen usw.
Nur durch den Tod eines seiner Kinder musste ich Kontakt zu ihm aufnehmen, wusste nicht einmal, wo er lebt. Das ist knapp 2 Jahre her, seitdem hat sich das verselbständigt. Ich habe ihn besucht (anderes Bundesland), lebt im ambulant betreuten Wohnen. Danach waren Anrufe Tag und Nacht die Regel, ich hatte zu der Zeit noch eine 60-Stunden-Woche. Es waren viele unerledigte Dinge und der ganze Mist, den er so gebaut hat, zu klären. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um soweit vieles zu regeln, musste mehrmals zu ihm fahren und mir Urlaub dafür nehmen. Ich ging auf dem Zahnfleisch und das Ganze ging mir gewaltig auf meine Psyche. Ich war da und er meinte, ich habe mich jetzt vollumfänglich um ihn zu kümmern, nehme ihn zu mir oder ziehe zu ihm. Wohlgemerkt für einen Vater, der sich nie um seine Kinder (3 Geschwister, alle früh verstorben) geschert hat und jetzt seine Ansprüche an mich stellt. Jeder Besuch bei ihm hat mich getriggert und mich in die Vergangenheit katapultiert, mit der Folge, dass ich wieder Panikattacken, Ohnmachtsanfälle und andere Begleiterscheinungen bekam.
Aber: Er ist mein Vater! Ich klärte und regele alles aus der Ferne für ihn, bin Ansprechpartner für alle (Krankenkasse, Pflegedienst ect. pp). Ich besuche ihn weiterhin (jedesmal 6 Stunden Fahrt) und habe dafür gesorgt, dass er bestmöglich versorgt wird. Die täglichen Telefonate habe ich abgestellt. Ich habe ihm deutlich gemacht, dass ich zwar für ihn da bin, aber auf keinen Fall mein Leben jetzt komplett auf ihn und seine Wünsche ausrichte. Er hat zuerst auch niemanden in die Wohnung gelassen, hat sich nicht duschen lassen, war mehr als unfreundlich zu allen, die ihn unterstützt haben. Sein Charakter ist geblieben und oft hat er mich auch beschimpft und angeschrieen, so wie ich ihn als Kind erlebt habe.
Aber es geht hier nicht um mich, wollte dir nur erklären, dass ich dich verstehen kann.
Meine Frage an dich: Haben deine Eltern einen Pflegegrad (sorry, falls ich das überlesen habe), wenn nicht, würde ich das sofort in die Wege leiten. Damit hätten sie Unterstützung und du wärest entlastet. Außerdem bekämen deine Eltern alle möglichen Hilfsmittel bis hin zu einem Treppenlift, wenn erforderlich, Hilfe bei der Körperpflege usw. Es gibt mtl. Entlastungsbeiträge, dafür habe ich meinem Vater z.B. eine Reinigungskraft besorgt. Es gibt Verhinderungspflege u.v.m., was auch geldwerte Vorteile hat. Deine Eltern werden akzeptieren müsssen, dass du nicht 24/7 für sie da sein kannst und sie, auch weil sie älter und nicht gesünder werden, auf Hilfe von außen angewiesen sind und du das nicht leisten kannst.
Ich denke, wir haben das Recht, Grenzen zu ziehen und auf uns zu achten, damit wir gesund und stabil bleiben. Ich wünsche dir viel Kraft und passe auf dich auf!