Schuldgefühle nach dem Tod meiner Mutter

Bobbele

Mitglied
Meine Mutter ist vor knapp zwei Wochen nach langem Kampf an Krebs gestorben.
Leider haben wir uns nicht mehr richtig gut verstanden (als Kind habe ich sie sehr geliebt) und durch viele Streitereien ist der Kontakt eher selten geworden, vor allem im letzten Jahr.
Ich glaube, ich hab sie nur einmal gesehen - im Krankenhaus als wiederholt der Krebs ausgebrochen ist. Der Grund für den wenigen Kontakt war aber auch ein heftiger, sinnloser Streit mit meinem Vater.
Dadurch war der Kontakt auch nach Ausbruch der Krankheit auf wenige Telefonate beschränkt. Als ich dann erfuhr, dass sie diesmal den Krebs nicht besiegen, sondern sterben wird, konnte ich sie nur zweimal im Krankenhaus besuchen. Ich wollte meinem Vater nicht begegnen und war durch einen Beinbruch eingeschränkt, war nicht in der Lage alleine Auto zu fahren oder an Krücken die Treppen zu steigen. Aus Angst vor den Vorwürfen meines Vaters habe ich auch meinen Mann nicht gebeten mich zu meinen Eltern zu fahren - mein Vater hat meine Mutter zuhause gepflegt.
Bei der Trauerfeier haben wir uns verbunden gefühlt, nachdem mein Bruder mich genötigt hat ihn anzurufen - hab auf den AB gesprochen - rief er mich heute zurück und hat mich gleich wieder mit seinen Vorwürfen in ein tiefes Loch geworfen.
Dazu muss ich noch sagen, dass er bei meinem letzten Anruf - als meine Mutter noch lebte - aufgelegt hat, weil ich die "Form" nicht gewahrt habe. Begrüßung und dann erst der Grund meines Anrufes, hatte eine schlechte Handyverbindung und mußte husten, was er in seinem Zorn aber anscheinend nicht mitbekommen hat.
Ich weiß nicht, wie ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben soll.
 

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whitewine

Aktives Mitglied
Du sprichst mir sowas von aus dem Herzen!!!! Mein Vater starb vor 8 Jahren und seit 8 Jahren kämpfe ich mit Schuldgefühlen.. Bei mir war's noch ein wenig anders als bei dir: Ich habe ihn kaum im Krankenhaus besucht - nicht weil ich körperlich dazu nicht in der Lage war, sondern weil ich mit meiner Trauer nicht umgehen konnte (ich war 16 und hatte kein "Ventil" für meine Trauer) und es einfach kaum ertragen habe, ihn so krank und kaputt zu sehen. Heute (nach vielen vielen Therapiesitzungen) weiss ich zwar im Kopf, dass mein Verhalten damals ein Schutzmechanismus war, weil ich sonst wahrscheinlich an meiner Trauer zerbrochen wäre, dass ich mir also eigentlich nichts vorzuwerfen habe, aber trotzdem sind die Schuldgefühle im Herzen noch da! Ich würde alles geben, um die Zeit zurückzudrehen und alles anders zu machen. Es ist 8 Jahre her, davon habe ich 2 Jahre mit Antidepressiva und 3 Jahre in Therapien verbracht, aber trotzdem laufen mir die Tränen nur so runter wenn ich darüber schreibe...

Leider kann ich dir also keinen Rat geben, wie du mit deinen Schuldgefühlen weiterleben sollst, da ich es selbst noch nicht herausgefunden habe! Ich kann dir nur empfehlen, eine Therapie zu machen - und zwar möglichst bald (ich habe leider viel zu spät damit angefangen - erst 5 Jahre nach seinem Tod als diese Gefühle schon sehr tief in meiner Seele verankert waren). Eine Therapie kann helfen Schuldgefühle zu verarbeiten... Bitte lass dir irgendwie helfen und lass dir von deiner Familie nicht noch mehr Schuld einreden als du dir schon selbst einredest! Notfalls, musst du den Kontakt abbrechen um dich selbst zu schützen.

Ich wünsche dir alles Gute!
 
T

Truth

Gast
Ihr habt beide nicht die Chance gehabt, euch zu verabschieden. Dass ihr dann so fühlt, wie ihr fühlt, ist doch all zu selbstverständlich. Für uns ist es wichtig, uns verabschieden zu können, denn dann können wir loslassen. Wir können all das loslassen, was in der Vergangenheit und der Gegenwart lag. Es ist ein beklemmendes und ein einschränkendes Gefühl, aus diesem Grund Schuld zu verspüren. Es lähmt einfach. Es lähmt sogar den Trauerprozess - weil auch der Trauerprozess mit Loslassen zu tun. Sich verabschieden zu können, ist ein Geschenk. Es hat nichts damit zu tun, dass der eine es besser und der andere es schlechter macht. Natürlich hattet ihr eine Wahl. Auch wenn ihr diese Wahl getroffen hättet und jeden Tag am Krankenbett gestanden hättet, ist noch nicht gesagt, dass ihr auch die Möglichkeit gehabt hättet, euch zu verabschieden. Manchmal geht das einfach nicht, nur weil uns eine Krankheit die Zeit vorschreibt, etwas zu tun - manchmal ist die Zeit einfach noch nicht reif genug - und das ist auch OK so.

Deine Mutter / Dein Vater lebt weiter in deinem Herzen. Dort könnt ihr sie, wann immer IHR wollt, verabschieden. Denn nur IHR allein DÜRFT den Zeitpunkt bestimmen, wann ihr sie wirklich verabschieden wollt - KEINE Krankheit und KEINE Situation (wenn jemand von heute auf morgen z.B. aus dem Leben gerissen wird) kann der bestimmende und entscheidende Faktor sein. WIR VERABSCHIEDEN UNS IMMER IM HERZEN UND NUR DANN, WENN WIR ES WOLLEN. Und das ist mehr als OK!

Liebe Grüße
Truth
 
Zuletzt bearbeitet:

Bobbele

Mitglied
Ich danke euch vielmals für eure Antworten, es ist schön sich mit jemanden auszutauschen, der sich in meine Lage versetzen kann und mich versteht. Mein Mann ist emotional beneidenswert einfach gestrickt, er tröstet mich zwar schon und steht mir zu Seite, aber viele Dinge kann er einfach nicht nachvollziehen. Darum beneide ich ihn.
Whitewine: Über deinen Ratschlag habe ich tatsächlich schon nachgedacht, vielleicht hätte ich auch früher schon eine Therapie gebraucht, jetzt brodelt es ganz schön.

Es kommt erschwerend hinzu, dass ich auch noch gleichzeitig Schuldgefühle meinem Vater gegenüber habe.
Wie ich schon geschrieben habe hat er sie zuhause bis zum Schluß gepflegt.
Das Verhältnis zu ihm war immer schon schwer, auch für meine drei anderen Geschwister. Er ist ein Lebemann gewesen und es gab in der Ehe meiner Eltern viele Höhen und Tiefen, wir Kinder wurden immer mit reingezogen und manipuliert. Da mein Vater ein starker Mensch ist, der anderen immer seine Meinung aufdringt und sie fertig macht, wenn die nicht so tun, wie er will - gehen alle irgendwie auf Abstand - ausser meiner Mutter - sie muß ihn sehr geliebt haben.
Wir hatten jetzt ja schon über ein Jahr Krach und nicht mehr miteinander geredet. Das erste Mal, nach der Trauerfeier.
Aber gleich beim ersten Telefonat hat er mich gleich wieder fertig gemacht, meine Schuldgefühle für meine Mutter nach oben gezerrt und mich nieder gemacht, weil ich in der Erziehung u. der Schule nicht die Umgangsformen gelernt habe, die er erwartet. Ich kionnte mich wie immer kaum verteidigen und er ließ mich hilflos und verdattert zurück, worauf ich ihm eine e-mail schrieb und ihn bat mich nicht mehr anzurufen, weil ich keine Kraft für ihn habe.
Seitdem fühle ich mich noch schlechter, weil er ja seine Frau bis ans Ende seiner Kräfte gepflegt hat und er jetzt eigentlich auch Hilfe und Trost brauchen würde. Aber er macht mich krank!!!!!!!!!!!
 
T

Truth

Gast
Ich kionnte mich wie immer kaum verteidigen und er ließ mich hilflos und verdattert zurück, worauf ich ihm eine e-mail schrieb und ihn bat mich nicht mehr anzurufen, weil ich keine Kraft für ihn habe.
Seitdem fühle ich mich noch schlechter, weil er ja seine Frau bis ans Ende seiner Kräfte gepflegt hat und er jetzt eigentlich auch Hilfe und Trost brauchen würde. Aber er macht mich krank!!!!!!!!!!!
Hallo Bobbele,

er hat seine Frau allein bis ans Ende seiner Kräfte gepflegt, weil er sich wahrscheinlich auch selbst in diese Situation gebracht hat. ER hätte es anders haben können, wenn er sich vielleicht auch mal bemüht hätte, mal die Dinge aus deiner Sicht zu sehen und nicht nur aus seiner? Er hätte wahrscheinlich nur sagen müssen: Helft mir bitte, ich kann nicht mehr. Hat er das gemacht? Nein, lieber verharrt er in seinen alten Muster, als diesen Schritt zu tun. Es ist das gleiche Muster, dass ihr alle schon aus eurer Kindheit kennt und euch noch immer verfolgt. Ich kann dir nicht sagen, ob du dich mit ihm versöhnen kannst und wie das gehen soll. Aber eins ist sicher: DU hast auf jeden Fall das Recht NEIN zu sagen! Stop! ER überschreitet eine Grenze, die er nicht zu überschreiten hat. Das ist SEIN MÜLL - nicht deiner.

Das in ener Gesprächstherapie aufzuarbeiten ist vielleicht keine schlechte Idee. Es kann dir helfen, dich selbst in all diesen Strukturen zu finden und aus diesen Verhaltensmustern auszubrechen, die dich derzeit in Ketten legen und dir die Kraft rauben.

Liebe Grüße
Truth
 

Bobbele

Mitglied
Danke, liebe Truth, du hast es genau auf den Punkt getroffen, wie ich mich fühle.
Zum einen habe ich Schuldgefühle, zum einen eine Sauwut, weil er sich sogar beim Sterben meiner Mutter und in unserer Trauer um sie in den Vordergrund stellt. Er hat uns keinen Raum gelassen, selbst wenn ich nicht körperlich behindert gewesen wäre - ich darf mein Bein erst seit dieser Woche wieder belasten u. bin am Donnerstag das erste Mal wieder Auto gefahren - hätte ich keinen Raum mit meiner Mutter gehabt - hatten meine Geschwister auch nicht, weil er sich immer in den Mittelpunkt stellt. Dies war auch immer bei Krankenbesuchen im Krankenhaus so. Kaum war er da, ging es nur noch um ihn und wir konnten keine Gespräche mit ihr führen.
Bei dem vorletzten Krankenbesuch äußerte meine Mutter meiner Schwester gegenüber den Wunsch in einem Hospiz zu sterben, da sie ihn nicht überfordern wollte und eigentlich auch naus Schamgründen nicht von ihm gepflegt werden wollte. Er hatte z.B. bis Dato die OP Narbe der Brustamputation noch nie gesehen.
Aber er hat ihr wieder das Gegenteil eingeredet und sich jegliche Einmischung verbeten.
Und jetzt hat er es wieder geschafft, meine Wut auf ihn ist stärker wie meine Trauer - ich suche sie in Gedanken und finde ihn.:confused:
 

Werner

Sehr aktives Mitglied
Ich weiß nicht, wie ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben soll.
Hallo Bobbele,
ich glaube es wäre besser, du würdest ohne die Schuldgefühle weiterleben, also einen Weg suchen, sie gegen etwas anderes einzutauschen (z.B. gegen das Gefühl, dein Bestes gegeben zu haben, das dir unter den Umständen möglich war).
Gruß, Werner
 

Bobbele

Mitglied
Ich danke dir für deinen Ratschlag, ich werde es versuchen. Wenn ich an meine Mutter denke, tröstet mich der Gedanke, dass ihr keiner mehr weh tun kann.
Bleibt da Problem mit meinem Vater: Tu ich ihm nicht weh - tut er mir weh, und er hat mir schon oft sehr weh getan.
Aber er versteht das nicht und hält mich für eine blöde Ziege.
 

Bobbele

Mitglied
Was ist denn dein Ziel wegen dem Problem mit deinem Vater?
Genau darin liegt für mich ein weiteres Problem, ich will ihn nicht mehr in mein Leben lassen - er sucht mich aber - er macht mich klein und verletzt mich.
Mein Ziel ist eigentlich, endlich frei - ohne seine ständigen Vorhaltungen, mein Leben zu leben.
Ich möchte ihm keinen Raum geben, aber ich möchte ihn jetzt auch nicht sterben lassen (für mich!). Aber mich frei von ihm machen und einen Weg finden, mich innerlich von meiner Mutter zu verabschieden - ohne ihn.
 

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