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Ratlos, hilflos, traurig und auch wütend....

Micha300672

Mitglied
Guten Tag alle zusammen,
tja – wo fange ich jetzt an… Vor ca. sieben Wochen habe ich mich an Euch gewandt, weil ich meinen Job verloren habe. Zum 31.08. wird meine Arbeitsstelle eingespart. Ich hatte zum 24.08. eine lange geplante OP vornehmen lassen müssen, die ich durch die Kündigung etwa über einen Monat vorgezogen habe. Somit war ich seit dem Tag meiner Kündigung nicht mehr arbeiten – mit dem morgigen Tag ist meine Zeit in dieser Firma vorbei.
Durch den Eingriff und seine Folgen (am Fuß) war ich nicht sonderlich mobil. Ich habe hier daheim rumgehangen und versucht, eine neue Arbeit zu finden ab übermorgen. Wirklich was Gescheites war nicht dabei. Ein Job mit 240 Std./Monat – unterm Strich wären mir 5 Euro/Std. geblieben…. Oder einen im Krankenfahrdienst, 220 Std./Monat – Verdienst dito.
Da ich schon seit meiner Jugend an Depressionen leide, die in den letzten Monaten kontinuierlich schlimmer wurden, habe ich mir nun überlegt, erstmal – wie schon vor 18 Jahren einmal – in eine Klinik für psychogene Erkrankungen zu gehen. Raus aus allem hier. Es war schon sehr viel in den letzten Jahren. Tochter mit 17 schwanger, dann nochmal – während der Ausbildung – mit 21. Sie wohnt seit einigen Monaten nicht mehr mit meinem Sohn, meiner Frau – ich bin lesbisch – und mir in einem Haus. Das kam zum Einen dadurch, dass wir mein Elternhaus übernommen haben und der Platz nicht gereicht hätte. Zum Anderen dadurch, dass sie mit ihrem Partner und den Kindern verständlicherweise auf eigenen Beinen stehen möchte. Jetzt wohnt sie ein paar Häuser weiter – wir mit meiner Mutter (in eigener Whg.) in meinem Elternhaus. Um das Haus hier bewohnen zu können, musste wir diverse Umbau- und Renovierungsmaßnahmen durchführen – dafür mussten wir um die 100.000 Euro bei der Bank aufnehmen. Die Hauptbelastung finanziell liegt bei meiner Frau. Sie verdient sehr gut, ich gerade mal 800 Euro (ab morgen ja auch nicht mehr) und ein bisschen was nebenbei durch einen Nebenjob.
Mein Vater ist vor drei Jahren verstorben, meine Schwester wohnt mit ihrer Familie gut 40 km. weit weg. Eigentlich wollte ich nicht wieder hierher. Ein Dorf, 1000 Einwohner, jeder kennt so ziemlich jeden. Und mich kennen alle, weil ich mit einer Frau zusammen lebe.
Nun sind wir wieder hier, ich bin ab morgen arbeitslos. Zum Nachdenken hatte ich viel Zeit die letzten Wochen. Und auch Zeit, mich im sozialen Netzwerk Facebook rumzutreiben. Die vielen Beiträge zum Thema Flüchtlinge zu lesen. Ich positioniere mich ganz klar links, sehe es als Pflicht aller Europäischen Ländern an, den Flüchtlingen aus den Bürgerkriegsländern zu helfen. Und das sage und schreibe ich auch. Ich engagiere mich im Tierschutz, spreche – gerade hier für den ländlichen Raum kritische – Kommentare aus zum Thema Jagd. Und unterstreiche meine Meinung auch mit Fotos.
So, wie schon gesagt – alles sehr ländlich hier. Da ich durch meine psychischen Handicaps sozial nicht sonderlich engagiert bin (bin ich keinen Vereinen, gehe zu keinen Festivitäten, in keine Kneipen), bin ich auch nicht hier im Dorf unterwegs. Einkäufe erledige ich außerhalb, in den letzten Wochen war ich ja auch nicht gut zu Fuß. Vergangene Woche kam mir dann zu Ohren, dass Gerüchte über mich und meine Tochter verbreitet werden. Und zwar solche, die meiner Tochter Schwierigkeiten machen könnten (Kindesvernachlässigung, Überforderung mit den Kindern) und die auch andere Menschen in „Verlegenheit“ bringen könnte (Ich hätte eine Familie hier im Dorf schlecht gemacht). Ich war entsetzt, wütend und traurig. Weil nichts, aber auch garnichts davon stimmt. Und so habe ich – ohne Namen zu nennen – meinen Ärger bei Facebook Luft gemacht. Und ab da gings los….
Einige haben gut gefunden, dass ich den Mund aufgemacht habe. Andere haben gemeint, das wäre halt so mit dem Getratsche der Leute im Dorf – einfach reden lassen sollte ich sie. Und wieder Andere fühlten sich wohl angegriffen. Und überhaupt – ich solle doch aufhören, immer irgendwas bei Facebook zu schreiben. Das würde nerven und ich bekäme deswegen garantiert auch mal irgendwann richtig Ärger. Ich würde mich unbeliebt machen und man müsse – vor Allem auch was die Flüchtlingsthematik angeht – hier im Dorf mal die Schnauze halten. Richtig umgehauen hat mich dann gestern eine Nachricht eines (bekanntermaßen sehr braun denkenden) Nebenjobkollegen. Ich hatte Fotos geteilt von den toten Kindern, die am Mittelmeerstrand in Lybien angeschwemmt worden sind. Und er schrieb, ich solle „doch am besten 10 – 15 Flüchtlinge aufnehmen, wenn ich so ein großes Herz hätte. Aber bitte nicht mehr jeden Dreck bei Facebook teilen“. Das hat mich wirklich sprachlos gemacht. Ich habe dann lange dagesessen und überlegt, wie ich damit umgehe. Diese Kinder als Dreck zu bezeichnen – das hat schon eine besondere Perversion. Habe ihm dann geschrieben, dass mich seine Nachricht sehr traurig gemacht habt und ich hoffe, dass er nicht wirklich die Fotos der toten Kinder gemeint hat, als er von „Dreck“ geschrieben hat. Dass wir wohl in Sachen Flüchtlinge sehr unterschiedlicher Meinung seien und ich seine Meinung selten bis garnicht teilen kann. Dass wir wohl unsere Konversation diesbezüglich beenden sollten und lieber über Themen reden sollten, wo wir gemeinsame Ansichten hätten….
Auch von Anderen „Freunden“ bei Facebook wurde ich schon angemahnt, doch diese Themen zu lassen und ob ich nicht merken würde, dass ich nerve.
Letzte Nacht dann ein neuer „Höhepunkt“ . Meine Tochter war seit ewigen Zeiten mal wieder mit Freundinnen bei einer Party. Der Bruder einer dieser Freundinnen ist mit mit jemandem aneinander geraten. Es gab eine Schlägerei, er hat dann schlussendlich seinem „Gegner“, als dieser am Boden lag, nochmal so richtig gegen den Kopf getreten. Dann ist der Bruder mit seiner Schwester (der Freundin meiner Tochter) und einem anderen Freund abgehauen. Meine Tochter und zwei, drei andere Mädels haben sich um den am Boden liegenden gekümmert, Polizei und Krankenwagen gerufen. Außer Platzwunden und Prellungen ist wohl nichts passiert – was aber schon an ein Wunder grenzt. Die Freundin, dessen Bruder so ausgeflippt ist, hat sich ihrerseits ins KH begeben - angeblich weil sie von dem, der den Tritt kassiert hat geschlagen wurde. Interessant nur, dass das niemand gesehen hat. Der Treter dreht die Sache jetzt als Notwehr hin – er habe seine Schwester schützen wollen. Und die Bierflasche, die meine Tochter von ihm an den Kopf bekommen hat, als er versucht hat, seinen Gegner damit zu treffen , war ein Versehen – jemand hat ihm den Arm weggeschlagen und dabei ist die Flasche weggeflogen (auch viel Glück gehabt, „nur“ eine Prellung und Kopfschmerzen). Ich habe meine Tochter und die verbleibenden Freundinnen dann von der Party abgeholt und als ich wieder daheim war, war ich auf 180. Auf einen am Boden liegenden treten und dann noch gegen den Kopf – geht gar nicht. Auch das habe ich – ohne Namen oder Orte zu nennen – bei Facebook geschrieben. Dauerte nicht lange und die Schwester des Treters ging mich an, ich solle mal ganz vorsichtig sein mit meinen dummen Behauptungen und ich würde mich total lächerlich machen…
Wieder wurde mir vorgeworfen , mich lächerlich zu machen. Und wenn ich diesen Beitrag hier Revue passieren lasse, ist es lächerlich. Nicht unbedingt das, was ich bei Facebook teile. Sondern die Tatsache, dass mein soziales Leben sich auf dieses social network beschränkt. Aber ich will ja mit Hilfe der Klinik, in die ich hoffentlich bald gehe wieder im richtigen Leben ankommen.

Nur – was mich so richtig erschreckt und dazu führt, dass ich hier schreibe: Sind wir in Deutschland wieder so weit, dass wir den Mund halten sollen/müssen, wenn wir Unrecht sehen? Ist es wieder verpönt, sich für Schwächere einzusetzen, weil die ja Schuld an der politischen und gesellschaftlichen Misere sind? Ist es richtig, seinen Mund zu halten, weil man damit der Mehrheit auf den Wecker fällt und ihnen den Tag versaut? Ist es richtig, in einem 1000-Seelen-Dorf seine nicht dem mainstream entsprechende Meinung für sich zu behalten? Ich bin eh schon anders, weil ich eben homo bin. Das trage ich nicht vor mir her, darauf bilde ich mir nichts ein. Ist aber hier exotisch. Hat mich nie jemand direkt drauf angesprochen oder beleidigt deswegen. Aber hintenrum ist und war es seit 16 Jahren Thema.
Und kann es sein, dass ich den Mund zu halt habe, weil die Familie des Kopftreters zwar von allen lieber von hinten gesehen wird, aber sie trotzdem alle fröhlich miteinander Feste feiern und saufen gehen, weil die Familie hat überall mitmischt?
Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie ich mich verhalten soll. Ich möchte meine Meinung sagen dürfen, auch wenn sie nicht genehm ist. Ich möchte konstuktiv diskutieren, möchte helfen (da ich ja in die Klinik gehen werde, habe ich die Jobsuche erstmal auf Eis gelegt. Also weiterhin viel Zeit) und werde morgen mal mit der nächsten Flüchtlingshilfe Kontakt aufnehmen, ob ich dort helfen kann. Dann habe ich noch eine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Diakonie, die ich wohl stärker ausfüllen werde die nächste Zeit. Damit wird die Zeit, bei Facebook rumzuhängen weniger. Soziale Kontakte im Sinne von Freundschaften habe ich dann zwar immer noch nicht und Festivitäten besuche ich dann immer noch keine. Aber ich komme wieder näher an reale Menschen.
Was mich richtig traurig stimmt, selbst meine Schwester, die politisch denkt wie ich und meine Partnerin, die eher keine politische Meinung haben, raten mir, mich nicht mehr zu äußern. Das könne man heutzutage nicht machen, und wenn ich doch einen neuen Job finden will….
Ach ja, jetzt habe ich so viel geschrieben…. Hoffentlich ist es nicht zu konfus und einigermaßen verständlich. Vielleicht teilt Ihr mir ja mal Eure Eindrücke mit. Darüber würde ich mich sehr freuen.

Liebe Grüße und allen noch einen schönen Sonntag

Micha
 

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Dess

Aktives Mitglied
Liebe Micha,

sicherlich schadet es Dir nicht, wenn Du Dich für eine Weile in einer Klinik von all den Ereignissen der letzten Zeit erholen und vor allem Distanz zum Dorf sowie Face Book bekommen kannst. Das Problem ist nur, was danach...

Am liebsten würde ich schreiben, nimm Deine Familie ( inklusive Tochter und Familie) und zieht alle irgendwohin,
wo Ihr anonym seid, wo Ihr Euer Leben ohne Stigmatisierung leben könnt. Dort wo Ihr jetzt seid, ist das nicht
mehr möglich. Doch ich nehme an, dass Ihr das frisch umgebaute Haus nicht verlassen wollt und/oder nicht
gewinnbringend genug ( oder wenigstens das Geld nicht verliert, dass Deine Frau investierte) verkaufen könnt ?


Ich rate Dir, es gar nicht mehr zu versuchen, mit dieser Dorfgemeinschaft warm zu werden, sondern Dich ( und auch Deiner Tochter und ihrer Familie rate ich das, so gut es geht..mit Kindern ist es leider schwieriger...) möglichst abzugrenzen. Du scheinst in Sachen Denken und Fühlen definitiv in der Minderheit zu sein, weshalb Du Gefahr läufst ein weiteres Opfer der allgemeinen Aggression zu werden. Mit gewissen Menschen lohnt sich keine Diskussion, denn Du läufst wirklich nur in den "Hammer" wie wir in der Schweiz sagen. Und wenn sich Deine Bemühungen dann nicht "nur" als verpuffte Energie, sondern eben noch als Mobbing/Aechtung gegen Dich entpuppen, dann ist Deine Situation doppelt schlimm.

Nun weiss ich zu wenig, was für (Kontakt)alternativen sich Dir generell bieten neben der Dorf- und Face-Book-Gemeinschaft. Möglicherweise kann Dir die Klinik weiterhelfen. Viele sorgen ja auch für Nachbetreuung. Zum Beispiel in einer Tagesklinik, wo man jeden Tag für ein paar Stunden ( so lange man das will) hingehen kann, um unter
seinesgleichen in einem Klima der Toleranz zu diskutieren...da bin ich zu wenig informiert, doch schau doch mal nach was es da so gibt. Was das Arbeiten betrifft, denke ich, hat es jetzt keinen Sinn Dir den Kopf zu zerbrechen. Zuerst muss Deine Seele und auch Dein Fuss wieder stärker werden. Auch das sollte in einer guten Klinik Thema sein,
man sollte Dir Hilfe anbieten.

Viel Glück wünsche ich Dir und gute Lösungen für die schwierige Situation..liebe Grüsse, Desdemonaschall
 

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