Plötzlicher Tod der Mutter nach jahrelangem schlechten Verhältnis

Anonymer Gast

Neues Mitglied
Hallo,

ich weiß nicht, ob ich mir von diesem Posting etwas konkret erhoffe. Wahrscheinlich möchte ich gerade einfach nur irgendwo niederschreiben, wie es mir geht.

Für mich war bis vor knapp 3 Stunden alles normal. Ich war dann kurz wach und habe auf den Messenger vom Smartphone geschaut. Dort war eine Nachricht von meinem Vater, dass meine Mutter "nach kurzer schwerer Krankheit" verstorben ist. Da sie gerademal 50 und bisher körperlich gesund war, war dieses absolut unerwartet.

Ich hatte selber nie ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter (was auch der Grund ist, warum ich dieses Forum nehme, und nicht eines der vielen Kondolenz-Foren, etc.) und weiß auch, dass es dafür gute Gründe gab. Um genau zu sein, habe ich sie seit 2010 (da bin ich zu Hause im Schlechten ausgezogen) nur noch dreimal gesehen. Das erste Mal war Weihnachten 2010 und dieses Treffen hat zu einem nachhaltigen Kontaktabbruch geführt, das zweite Mal war durch Zufall auf einer Veranstaltung und das dritte Mal als ich bei anderen Verwandten zu Besuch war und meine Mutter unangekündigt einen Besuch durchgeführt hat.

Ich füge hier mal kurz hinzu, dass das schlechte Verhältnis daher rührt, dass sie mir auf dem Weg zum erwachsen werden, sehr viele Hürden in den Weg gestellt hat und es mir damit sehr schwer gemacht hat in der Gesellschaft anzukommen, einen guten Job zu finden, etc. All dieses habe danach allerdings heute (und gerade auch durch den eingeschränkten Kontakt) geschafft und bin mittlerweile mit 30 sogar selber Familienvater.

Trotzdem trifft mich diese Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel und scheint meine Welt (zumindest kurzfristig) komplett auf dem Kopf zu stellen. Trotz des schlechten Verhältnisses, empfinde ich plötzlich auch extreme Trauer. Vor wenigen Jahren hätte ich ihr noch alles schlechte der Welt gewünscht, aber derartige Gedanken sind mit der Zeit weggegangen.

An dieser Stelle angekommen, stelle ich fest, dass ich gerade echte Probleme haben, einen ordentlich strukturierten Text zu verfassen, wieso ich jetzt dazu übergehen werde, in Stichpunkten zusammenzufassen, was mich gerade beschäftigt.

- Trotz dessen, dass ich sehr vieles was sie getan hat absolut ablehne, war sie von der Grundpersönlichkeit glaube ich die Person, die mir selber am Ähnlichsten ist. Sie war definitiv intellektuell hochbegabt, ehrgeizig (leider auch stark narzisstisch), hat sich oft in der Welt fehl am Platz gefühlt, hatte Schwierigkeiten gesellschaftliche Konventionen zu verstehen (Ich denke, darin bin ich besser als sie, aber ganz leicht fällt mir so etwas auch nicht). Im Grunde ist sie eine der wenigen Personen, die ich kenne, die immer gegen alle Widerstände ihren eigenen Weg gegangen ist ohne sich viel von jemandem hereinreden zu lassen, und in vielen Bereichen (vielleicht nicht in der Kindererziehung, aber gut) damit auch bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erfolgreich war.

- Obwohl sie nicht wusste, was für ihre Kinder (habe noch einen Bruder, der aber erst 16 ist) gut ist, glaube ich, dass sie selbst als wir keinen Kontakt hatten, gehofft hat, dass es mir gut geht. Unabhängig davon, ob das Motiv hier tatsächlich altruistisch war (ich vermute weniger), oder ob es darum ging, dass ich halt IHR Kind und damit die Zukunft ihrer Familie war. Ich denke aber, sie wäre froh gewesen, wenn es mir gut geht. Daher hatte ich immer gehofft, dass ich ihr irgendwann in der Zukunft (ich weiß nicht genau an welchen Zeitpunkt ich da gedacht hatte, aber ich wollte möglichst viel vorweisen können) würde zeigen können, wie ich die selben Probleme die sie hatte, anders und besser und mit weniger Kollateralschaden (z.B. an den eigenen Kindern) lösen konnte. Tatsächlich hatte ich mir vorgenommen, dass ich meine Eltern das nächste Mal, wenn ich die Verwandten in meiner Heimat besuche, bewusst Abends mit einlade. Dafür ist es aber nun zu spät. Ich konnte ihr nie zeigen, was ich ihr eigentlich zeigen wollte und sie hat auch nie ihren 1,5 Jahr alten Enkel gesehen (und ich weiß, dass sie sich immer Enkelkinder gewünscht hatte). Bevor ihr mich jetzt für naiv haltet, ich weiß, dass das Treffen mit meiner Mutter mich auch hätte enttäuschen können. Unabhängig davon, dass sie tot ist und ich gerade emotional aufgewühlt bin, habe ich soviel Realitätssinn beibehalten.

- Ich frage mich, wie sie ihr Leben in den letzten Jahren empfunden hat. Hat sie sich glücklich und erfüllt gefühlt? Oder war sie eher einfach nur einsam? Sie war zwar verheiratet und hatte am Ende glaube ich ein gutes Verhältnis zu ihrem Mann/meinem Vater, aber wie vorher schon beschrieben, hat sie eigentlich nirgends wirklich in diese Welt gepasst. Ich hoffe zumindest, dass sie nicht zu unglücklich war in den letzten Jahren ihres Lebens.

- Ich frage mich, was sie über mich in den letzten Jahren gedacht hat. Wie bereits beschrieben, bin ich ihr in vielen Dingen sehr ähnlich. Hat sie daher meine Abgrenzung auch rational verstanden. Oder hat sie das am Ende doch überfordert. Die Frage meiner Mitschuld (dadurch, dass ihr ihre Psyche zusätzlich belastet habe) hieran zu stellen, wäre zwar verkehrt, aber ich frage mich, ob sie hier genug Reflexion besessen hat, meine Entscheidung zu verstehen, oder ob sie meine Entscheidung einfach immer nur als "Verrat" empfunden hat. Ich hoffe auf Ersteres, da sie eine sehr rational denkende Person war, aber ich befürchte das Zweite, da sie ein sehr narzisstisches Weltbild hatte.

- Ich frage mich, ob sie an mich gedacht hat, als ihr klar wurde, dass sie stirbt (falls es ihr vor dem Tod noch bewusst werden konnte - bisher weiß ich nicht, woran sie gestorben ist). Hätte sie vielleicht noch gerne irgendetwas gesagt? Hätte sie gehofft, dass wir uns noch aussprechen können? Hat sie Reue empfunden? Oder doch nur Trauer und Einsamkeit? (Ich persönlich glaube, dass Reue das angenehmere Gefühl als Trauer und Einsamkeit ist, also würde ich ihr dieses persönlich wünschen).

Das wird jetzt alles ganz schön viel. Ich muss morgen erstmal Kontakt zu meinem Vater aufnehmen. Ich hatte zu ihm in den letzten Jahren auch kaum Kontakt. Der Kontaktabbruch zu meinen Eltern ist aber ihm kaum geschuldet. Ich frage mich aber auch hier, wie er dieses aktuell empfindet und was er über mich denkt. Aber das wird sich wohl dann zeigen.

Viele Grüße,
Ein Gast
 

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G

Gelöscht

Gast
Mein Beileid.

Der Tod der eigenen Mutter wirft viele Gefühle und Fragen auf, gerade wenn man keinen Kontakt mehr hatte.
All diese Gefühle und Fragen sind völlig in Ordnung. Wichtig ist, sie anzunehmen und nicht zu verdrängen. Die meisten Gefühle gehen von ganz allein, wenn sie wahrgenommen wurden.

Das Ganze zu verarbeiten kann, gerade wenn man Kinder hat, sehr lange dauern. Ich hadere auch nach elf Jahren noch manchmal damit.

Was mir enorm geholfen hat, war ein Notizbuch, dass ich mit meinen Gedanken und Gefühlen füllen konnte. So ging nichts verloren, und ich konnte mich kurz richtig darauf konzentrieren und es dann wieder loslassen.


Alles Gute
 

Bodenschatz

Aktives Mitglied
Ich kann Dich verstehen, dass Du jetzt mit der Situation nicht zufrieden bist.
Ich würde es an Deiner Stelle aber nicht verinnerlichen, dass Du einen Fehler gemacht haben sollst, weil es Deine Absicht war, den Kontakt wieder herzustellen, nachdem Du "etwas vorweisen" konntest.
Dass der Zeitablauf dazwischen getreten ist, kannst Du nun nicht mehr ändern.

Damit Du seelisch gesund bleibst, könntest Du Dir folgende Ansicht zu eigen machen:
Ein Mensch ist nur Mensch, wenn er aus Körper und Seele besteht, da es zu einer Konversation Gedanken braucht, die durch den Körper geäußert werden können.
Der Tod eines Menschen trennt Körper und Geist, eine Kontaktaufnahme ist daher nicht mehr möglich.
Der bloße Körper, der auf der Welt verbleibt, ist daher in Bezug auf die frühere Person nur ein Rest, der sie nur mangelhaft widerspiegelt. Worte und Einstellung sind ebenfalls vergangen und leben nur noch in der Erinnerung fort.
Da man die Vergangenheit nicht mehr rückgängig machen kann und es keine Zukunft mehr gibt, muss man sich für die eigene Zukunft, mit den verbliebenen Menschen, entscheiden und schafft es so, die Trauer zu überwinden.
LG!
 
Zuletzt bearbeitet:

weidebirke

Sehr aktives Mitglied
oh ja ....

Erst einmal mein Beileid zu Deinem Verlust. Du hast Deine Mutter verloren, auch wenn das Verhältnis nicht gut war. Die Mutter ist so eine mächtige Figur im Leben, mit ihr ist man in der Regel emotional so tief verwoben, dass ihr Tod einen von den Füßen reißen kann.

Deine Gedanken in ihre Richtung, Deine Wünsche, es ihr eigentlich auch zeigen/ beweisen zu wollen, Dein Wunsch oder zumindest die Frage, ob Du in ihren Gedanken warst und ob sie Dich liebt, all das ist nun unwiederbringlich verloren und nicht mehr aufholbar. Auch das kann einen von den Füßen reißen. Bis hierhin konnte man das Thema immer verdrängen, nun ist eine Tatsache entstanden, der man sich schlecht entziehen kann.

Im weiteren Reife- und Verarbeitungsprozess wirst Du sicher erkennen, dass die Anerkennung und die Liebe der Mutter sowieso nicht aufholbar sind, selbst wenn sie noch lebte. Dein eigentliches Leben und Deine eigentliche Person ist erst dann erwachsen und frei, wenn Du Dich von solchen Wünschen und Erwartungen frei machen konntest. Und dafür ist es völlig unerheblich, ob Deine Mutter lebt oder nicht.

Ich schlage mich mit dem gleichen Problem herum (meine Mutter lebt noch) und habe das auch noch nicht geschafft.

Wie ist es mit Vater und Bruder? Hattest Du mit beiden auch keinen Kontakt?
 
G

Gelöscht 114478

Gast
Das ist bei allen Streitigkeiten immer das Problem: Es gibt ein "zu spät"....
Nicht umsonst sagt Gott: "Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn".....
Es tut mir sehr Leid, dass du deine Mutter so verloren hast, ohne Versöhnung.
Aber es ist irgendwie auch ihr Vermächtnis: Wiederhole das in deinem Leben so nie wieder.
 

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