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Narzisstische Persönlichkeitsstörung

_Alpha_

Aktives Mitglied
Mir ist schon länger aufgefallen, dass der Begriff "Narzisst" hier (aber auch im RL) sehr inflationär verwendet wird. Üblicherweise wird der betroffenen Person eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestiert, wofür die Bezeichnung "Narzisst" in diesem Kontext stellvertretend verwendet wird.

Da psychische Störungen generell, aber beliebterweise die Persönlichkeitsstörungen bzw. Persönlichkeiten, in der Laien-Literatur (damit meine ich z.B. Zeitschriften mit ominösen Ankreuztests um herauszufinden, welche Persönlichkeitseigenschaften man hat oder vielleicht sogar schon gestört ist, nicht selten angehaucht mit einem kleinen Touch Esoterik) sehr stereotyp, wissenschaftlich nicht fundiert und teilweise auch einfach völlig falsch dargestellt werden, möchte ich diesen Beitrag erstellen, um einfach mal ein bisschen aufzuklären. Wem das zu viel Besserwisserei ist, der sollte sich die Zeit nicht nehmen.


1. Zunächst klären wir: Was macht eine Persönlichkeit eigentlich aus?
Das lässt sich eigentlich sehr kurz erklären: Persönlichkeit kann als Persönlichkeitsprofil in vielen Merkmalen operationalisiert werden, welches bei zweimaliger Messung mit zeitlichem Abstand sehr ähnlich bleibt. Persönlichkeitseigenschaften sind also langfristig stabil. Zudem sind sie transsituativ konsistent. Es lässt sich also zwischen "State" (situativer Zustand) und "Trait" (Eigenschaft) unterscheiden. Trait beschreibt eine situationsübergreifende Persönlichkeitseigenschaft, State einen Zustand situativer Natur.


2. Hauptfaktoren der Persönlichkeit
Das wohl bekannteste Modell sind die Big-Five-Faktoren der Persönlichkeit, zu welchem zahlreiche Fragebögen/Inventare existieren.
Die Big-Five sind:

Offenheit (gegenüber neuen Erfahrungen) - Korreliert positiv mit Intelligenz und Bildung
Gewissenhaftigkeit - bezieht sich auf Ordentlichkeit, Beharrlichkeit und Zuverlässigkeit
Extraversion - bezieht sich auf Geselligkeit, Ungehemmtheit und Aktivität
Verträglichkeit - bezieht sich auf Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Wärme
Neurotizismus - Bezieht sich auf Nervosität, Ängstlichkeit und Gefühlsschwankungen

Die unterschiedlichen Inventare sind mehr oder weniger umfangreich, differenziert und reliabel. Online-Tests erfüllen i.d.R. keine wissenschaftlichen Gütekriterien, es sei denn es ist eine online-Version eines anerkannten Inventars (das ist dann aber i.d.R. nicht kostenlos). Persönlichkeitstests, die von der untersuchten Person in Form eines Fragebogens selbst ausgefüllt werden, sind zudem leicht zu verzerren und bilden daher nicht immer die Realität ab. Man spricht von der selbstwertdienlichen Verzerrung oder Verzerrung im Sinne sozialer Erwünschtheit.


3. Das Kontinuum zwischen Persönlichkeitsstil und Persönlichkeitsstörung
Wie bereits erläutert, sind Persönlichkeitsmerkmale zeitlich und situationsübergreifend stabil. Die Abgrenzung zwischen auffälligen Persönlichkeitsmerkmalen und pathologisch auffälligen ist hierbei fließend.

So kann ein Persönlichkeitsstil als "selbstbewusst" bezeichnet werden, die zugehörige Störung wäre demnach "narzisstisch". Auffällige Persönlichkeitszüge reichen nicht aus, um von einer Persönlichkeitsstörung zu sprechen. Es muss beachtet werden,

a) wie stark das Verhalten von den sozio-kulturellen Erwartungen abweicht und in wie vielen Bereichen es einschneidet

b) ob das überdauernde Muster zu Leid oder Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führt

c) ob das Verhalten stabil und langandauernd ist

Hier können wir den ersten beispielhaften Praxistipp ableiten: Eine Person, welche sich in verschiedenen Situation ab und zu egoistisch, selbstverliebt oder manipulativ verhält, ist nicht automatisch ein Narzisst bzw. leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.


4. Cluster der Persönlichkeitsstörungen
Es lassen sich drei Cluster der Persönlichkeitsstörung (ab hier: PS) unterscheiden:

Cluster A (sonderbar/exzentrisch)
Paranoide PS
Schizoide PS
Schizotypische PS

Cluster B (dramatisch/emotional)
Antisoziale PS (nicht mit Psychopathie gleichzusetzen)
Borderline PS
Histrionische PS
Narzisstische PS

Cluster C (ängstlich/furchtsam)
Vermeidend-selbstunsichere PS
Dependente (abhängige) PS
Zwanghafte PS

Anmerkung zum Thema Narzissmus: Zur Diagnostik wird i.d.R: ein strukturiertes klinisches Interview geführt. Die reine Beurteilung einer spezifischen Situation (wie es ja hier im Forum bei Hilferufen oft der Fall ist) reicht nicht aus, um direkt von einem Narzissten bzw. einer Störung zu sprechen. Diagnosen sind so oder so qualifizierten Fachpersonen zu überlassen, und als Ferndiagnose sowieso nicht.
Natürlich ist es aber legitim, einer Person narzisstische Verhaltensweisen zu unterstellen. Ein Persönlichkeitsstil kann narzisstische Züge vorweisen, ohne pathologisch zu sein. Genauso kann eine Person in bestimmten Situationen narzisstisch handeln, ohne eine narzisstische Persönlichkeit zu haben.
Worauf ich hinaus will ist eigentlich nur: Etwas mehr Differenzierung bevor man eine Person als (pathologischen) Narzissten betitelt.


5. Beschreibung der narzisstischen PS nach ICD-10 (F60.81) und DSM-V (301.81)
Es zeigt sich ein Muster von Großartigkeitsgefühlen, mangelnder Empathie und das Bedürfnis nach Bewunderung.
Hinzu kommt ein übertriebene Wahrnehmung der eigenen Wichtigkeit, Übertreibungen eigener Erfolge, Fantasien mit unendlichen Ressourcen, Macht, Schönheit und Brillianz, der Glaube, etwas besonderes zu sein und nur in „gleichen“ Kreisen verkehren zu wollen, übertriebenes Anspruchsdenken, manipulatives Verhalten um eigene Ziele zu erreichen, extremer Neid auf andere oder die Ansicht, andere sind neidisch auf einen selbst, arrogante Verhaltensweisen und Attitüden, vermindertes Selbstbewusstsein und dadurch extreme Anfälligkeit für Kritik oder Niederlagen.


Okay, genug klugscheißerei für heute Nacht. Vielleicht war das ja für irgendwen interessant.

————————————————————————————————
Paraphrasierte Quellen:

Asendorpf, J. B. (2019), Persönlichkeitspsychologie für Bachelor, 4. Auflage, Berlin, S.16-22 & S.70-71

Barnow, S., Miano, A. (2020), Persönlichkeitsstörungen, In: Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie, 3. Auflage, Berlin, S.1299-1318

American Psychiatric Association (2013), Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM), Fifth Edition, Washington, DC, S.669-671
(Paraphrasierte Absätze von mir in die deutsche Sprache übersetzt)

Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information (2019), ICD-10-GM, Köln, S.186-188
 
Zuletzt bearbeitet:

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Gelöscht 87320

Gast
Narzisst ist jeder Mensch, mehr oder weniger, denn jeder hat ein Selbstwert, schätzt sich also wert, was Selbstliebe ist. Und jeder Mensch mag es auch gelobt zu werden oder gar geliebt von anderen Menschen, was dann Selbstwertschübe gibt oder gar Selbstwert stabil hält. Ich würde sagen, das ist normaler, gesunder Narzissmus. Alles was übertrieben ist, sich selbst schadet oder andere / die Gesellschaft, ist dann als anormal und pathologisch klassifiziert.
 

_Alpha_

Aktives Mitglied
Narzisst ist jeder Mensch, mehr oder weniger, denn jeder hat ein Selbstwert, schätzt sich also wert, was Selbstliebe ist.
Das muss nicht sein, es gibt Menschen deren Selbstwert gestört ist. Diese Menschen lieben sich i.d.R. nicht selbst.

Aber ja, jeder Mensch wird sich vermutlich irgendwann mal narzisstisch verhalten, das ist dann aber eher als State und nicht als Trait einzustufen. Auch eine Person, die sich auf dem Spektrum eher Richtung Introversion und Neurotizismus bewegt kann zuweilen narzisstisch handeln. Es ist dann aber keine überdauernde Persönlichkeitseigenschaft.
 
G

Gelöscht 87320

Gast
Das muss nicht sein, es gibt Menschen deren Selbstwert gestört ist. Diese Menschen lieben sich i.d.R. nicht selbst.
Ohne einigermaßen positives Selbstwert, also sich dauerhaft und komplett unwert fühlen, wie zum Beispiel einem Depressiven führt dann zum Tod. Auch bei Schizophrenen sollen Selbstwertprobleme, vor allem "so sein wie man ist-Probleme" eine große Rolle spielen, dass sie wahnhaft werden und den Bezug zur Realität verlieren.

Der Selbstwert ist meiner Meinung nach auch nie stabil oder unabhängig zu bekommen. Da alles Mögliche von Menschen nun mal durch das Bewusstsein bewertet wird, also einen subjektiven Wert beigemessen wird, und das dann noch abhängig ist von Selbstbild/Weltbild/Erwartungen anderer.


Aber ja, jeder Mensch wird sich vermutlich irgendwann mal narzisstisch verhalten, das ist dann aber eher als State und nicht als Trait einzustufen. Auch eine Person, die sich auf dem Spektrum eher Richtung Introversion und Neurotizismus bewegt kann zuweilen narzisstisch handeln. Es ist dann aber keine überdauernde Persönlichkeitseigenschaft.
Der "Trait" also die Eigenschaft muss ja da sein, damit das "State" überhaupt passiert. Jeder Mensch hat, ich nehme mal an, alle "Persönlichkeitseigenschaften". Bei den einen mehr präsent als bei den anderen.

Ich bin z.B. auf Grund meiner schwierigen Kindheit oft paranoid. Aber auch oft auch zwanghaft, oder auch histrionisch, habe auch schon Borderlineideen gehabt, oder einfach Richtung depressive.

Ich glaube, wenn dann kann man eher eine Tendenz der Häufigkeit bei Menschen feststellen, sie jedoch nie auf eine Sache reduzieren.
 

_Alpha_

Aktives Mitglied
Der "Trait" also die Eigenschaft muss ja da sein, damit das "State" überhaupt passiert. Jeder Mensch hat, ich nehme mal an, alle "Persönlichkeitseigenschaften". Bei den einen mehr präsent als bei den anderen
Ja, das ist fliessend. Aber es gibt auch zusammenhänge zwischen verschiedenen Persönlichkeitsausprägungen.

Der State Trait Unterschied soll eigentlich nur folgendes differenzieren (z.B.): auch wenn ich keine ängstliche Persönlichkeit habe, kann ich durchaus mal ängstlich reagieren.

State-Trait ist hier


gut definiert, ist jetzt nichts bahnbrechendes. Die Begriffe sprechen eigentlich für sich
 
Zuletzt bearbeitet:
G

Gelöscht 87320

Gast
Persönlichkeit ist für mich fest, ein lebenlang, falls überhaupt, denn es heißt ja auch oft, das der Mensch sich verändert.

So kann von den "Clustern" der "Persönlichkeitsstörungen" jeder meißt durch z.B. Therapie weitestgehend wieder normalisiert werden.

Dann ist man nicht mehr der oft/meist ängstliche, paranoide, depressive etc.

Letzlich denke ich, hat jeder Mensch das gleiche Bewusstsein, die gleiche Psyche, die aber halt psychosozial beeinflusst dann Tendenzen/Ausprägungen zeigt.

Es gibt kein einzigartige Unikums und Persönlichkeiten.

Alles austauschbar :D (theoretisch)
 

cafard

Aktives Mitglied
Charakteristisch für Narzissten ist, dass sie tatsächlich ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben und dieses durch Aufschneidereien, sich in Szene setzen und das Abwerten anderer kompensieren. Narzissten fehlt es an Empathie, sie können sich nicht in ihr Gegenüber einfühlen und betreiben Manipulationen und emotionale Erpressungen. Sie sehen ihr Gegenüber nicht als eigenständigen anderen Menschen, sondern als Mittel zum Zweck für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse.

Man gerät im Leben immer wieder an Narzissten. Es ist wichtig, diese Muster rechtzeitig zu erkennen und die Reißleine zu ziehen. Narzissten fügen anderen Menschen gewaltigen emotionalen Schaden zu. Das Heranwachsen in einem narzisstischen Elternhaus hinterlässt tiefe Spuren und Folgen für das Leben. Die Betroffenen haben einiges an Aufarbeitungsarbeit zu leisten.
 
M

Miezie

Gast
Hatte mal eine Freundin, bei der ich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vermute.
Sie hat sehr oft gelogen. Diese Art wo sie einen Sachverhalt erst einmal nach Sachverhalt A darstellt, z.b. nur ich hätte mit einer Sache als einzige ein Problem, als nächstes dann komplett anders, alle hätten damit ein Problem. Und schlussendlich ja manche hätten damit ein Problem und andere nicht.
Sehr viele solcher Lügen.

Dann war sie sehr auf ihr Äußeres bedacht.
Auch sehe auf Leistung. Sie musste immer mehr arbeiten als die anderen und mehr Leistung bringen.

Komisch fand ich mal ihre Aussage die manipuliere Beziehungen. Also Partnerschaften. Die würden sie stets verlassen mit der Begründung sie sei ja zu gut für ihre Ex Partner.

Auf diese Aussage schien sie sehr stolz zu sein.

Dann war es auch oft komisch, dass sie manchmal 2 oder 3 Tage brauchte um auf WhatsApp Nachrichten zu antworten.
Manchmal hatte ich das Gefühl, sie machte das absichtlich einen auf der langen Leine zu halten, dann zwischendurch wieder rege zu antworten.
So wusste man nie woran man bei ihr war.
Es konnte auch sein, dass sie mal 2 Wochen gar nicht antwortete.
Dann meinte sie als Begründung es sei ihr gar nicht aufgefallen. Dann wieder total entgegen gesetzt sie hätte sie gelesen die Nachricht, aber es sei in über 2 Wochen immer wieder was dazwischen gekommen wenn sie antworten wollte.
Und sowas mehrfach.

Sie hatte dazu noch Depressionen und erzählte mal, dass sie bei einem Therapeuten war, der sie gleich in die Psychiatrie brachte.
Der dortige Arzt sei ausgerastet und hätte einen Stuhl mit dem Fuß durch die Gegend getreten, weil sie eine Tablette nicht nehmen wollte.
Sie wollte raus, weil sie sich selbst eingewiesen hatte. Und das wollte der Arzt scheinbar nicht zulassen.

Weiß nicht ob es sowas wirklich gibt oder ob sie das nur erfunden hatte.

Denn nach ihrer letzten Trennung hatte sie einen neuen. Den habe ich nie gesehen und Fotos von dem gab es auch nicht.
Ein Spanier, der Medizin studiertre und nebenbei noch sein eigenes Geschäft hatte. Mit dem wollte sie zusammen ziehen und der sei sehr reich gewesen. Und soll eine jüngere Schwester aus Amerika haben, die mal eben für 60000 Euro über seine Karte einkaufen ging.
Kam mir sehr suspekt vor.
Auch weil ihre vorherige Trennung komisch war.

Ihr Ex hatte nach 3 Jahren scheinbar per WhatsApp mit ihr Schluss gemacht mit der Begründung er wolle zurück in seine Heimat.
Bei mir war sie dann voll traurig.
Doch dann mehrere Monate später von ihr die Aussage mit einem Grinsen auf den Lippen, als sei sie total stolz darauf, sie manipuliere Beziehungen und die würden immer sagen sie wäre ja viel zu gut für sie, wenn eine Partnerschaft zu Ende geht.

Für mich klang da im Nachhinein vieles nach verdecktem Narzissmus bei ihr.
Denn in dieser Freundschaft hatte ich auch immer so ein komisches Gefühl. Kann es nicht erklären, aber auch immer das Gefühl, gerade mit dem anderen langen Leine halten, man darf ihr ja nicht zu nahe kommen.

Wenn Sie mal Hilfe brauchte oder so, dann hat sie einen immer auf Abstand gehalten und Angebote ihr zu helfen nie wahrgenommen.

Es war immer irgendwie komisch.

Alpha, was denkst du darüber?
 

BlueShepherd

Aktives Mitglied
@miezie

Klingt für mich eher nicht nach NPS schon gar nicht nach verdecktem narzissmus.

Eher noch nach etwas anderem. Aber besonders dem verdeckten merkt man das als Außenstehender eher nicht an.
 
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