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Mein Partner hat sich durch seine Behinderung sehr verändert

Elisabeth

Mitglied
Hallo! Ich wollte schon viel früher antworten, aber diese Woche war leider stressig.

Mein Mann ist seit Montag im Krankenhaus. Er hatte in der Nacht plötzlich extreme Schmerzen bekommen und der Freund, bei dem er ja nun wohnt, hat gleich den Krankenwagen gerufen. Dort im KH wurde dann eine Kolik wegen Nierensteinen festgestellt, und er hatte noch am selben Tag einen Eingriff deshalb.

Das war alles eine ziemliche Aufregung und hat unsere weiteren vagen Pläne für die Woche natürlich zu Nichte gemacht, also, was den Besuch beim Therapeuten angeht usw.

Das glaube ich Dir. Konntest Du Dich in der Zwischenzeit etwas sortieren?

Und...ganz wichtig...es geht hier nicht um Schuld. Weder Du noch er habt Schuld an der momentanen Situation.
Irgendwie habe ich es am Donnerstag nochmal zu meiner Therapie geschafft und obwohl ich nach der letzten Stunde irgendwie Zweifel hatte, ob es das Richtige ist, war es eine für mich sehr aufschlussreiche Stunde. Mein Therapeut hat eine Symbol-Arbeit mit mir gemacht und seitdem habe ich wieder über vieles nachdenken können.

Ich habe den Tod meiner Freundin noch gar nicht verarbeitet. Sie ist ja auch erst ein halbes Jahr fort, das kann wohl nicht anders sein. Aber ich habe auch gemerkt, wie ich das verdränge, gar nicht richtig zulasse, was auch irgendwie mit meinem Mann zu tun hat. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber mir war auch gleich klar, dass ihm das zusetzen würde. Ich wusste damals (ihre Diagnose kam im Februar) gar nicht, was ich tun sollte. Ich habe mit ihm nur darüber geredet, als die Diagnose, dass sie nur noch drei bis sechs Monate zu leben hatte, zum dritten Mal bestätigt wurde.

Ironischerweise war es meine Freundin, die uns durch die schweren Zeiten hindurch geholfen hat. Sie war älter als ich und hatte eine Menge Lebenserfahrung, gerade auch, was schwere Krankheiten, Psychologie und sogar Behinderungen anging. Gestern erinnerte ich mich wieder daran, wie sie noch in ihren letzten Tagen zu mir sagte, dass ich das alles schaffen und glücklich werden würde - mit meinem Mann. Sie kannte als einziger Mensch neben uns all unsere Sorgen und Probleme und hat trotzdem an uns geglaubt. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum ich auch daran glauben will.

Es sah zuletzt so aus, als ob es mit ihr wieder bergauf ginge und doch noch ein Wunder passieren könnte. Zwei Tage später war sie ganz plötzlich tot, die Organe hatten einfach versagt.

Das hat mir irgendwie meinen Glauben genommen und da kann ich mir nicht ausmalen, was das dann mit meinem Mann gemacht haben muss. Und ich bemerke an mir selbst gerade, dass auch ich seitdem etwas in mir verschlossen habe, langsam aber sicher. Weil es einfach zu weh tut. Ihm geht es da bestimmt genauso, aus ähnlichen und wieder ganz anderen Gründen.

Die letzten zwei Wochen, die sie noch Zuhause war, habe ich auch allein bei ihr verbracht. Später meinte er dann mal, er wäre mitgekommen, wenn ich es ihm gesagt hätte.

Weißt du, das mag komisch klingen, aber es gab Momente, in denen ich mich schuldig gefühlt habe, dass meine zwei wichtigsten Menschen, die so viel für mich da waren in der Vergangenheit und die für mich immer die Starken waren, so krank waren, so viel durchmachen mussten, ihnen so viel kaputt gemacht wurde und ich stand nur dumm daneben, außer Worten, Geduld und Hoffnung haben konnte ich ja eigentlich nichts geben.

Ich kann mir nicht vorstellen, daß es Ablenkung war, die er gesucht. Es ist immer schwierig, mit Nichtbetroffenen zu reden, Elisabeth, mich hat mein Mann damals ab und zu an den Rand des Wahnsinns gebracht. Ich konnte mich oft aus diesen Situationen herausziehen
Ja, und das macht er von sich aus auch nie. Sich rausziehen, meine ich. Am Anfang im Krankenhaus, da hatte er wirklich hunderte SMS und zig Anrufe am Tag von allen möglichen Freunden und Bekannten. Er hatte nie Ruhe und hat sich die auch nie eingefordert. Das kam erst Monate nach der Reha, dass er sich nach und nach zurück gezogen und vor Leuten zugemacht hat.

Er konnte früher immer schlecht nein sagen, hat auch nie gezeigt, geschweige denn gesagt, wenn ihm etwas zu viel wurde oder er etwas nicht wollte.

Das war mir meiner Freundin "einfacher". Wir hatten vereinbart, dass, egal, was kommt, wir ehrlich miteinander sein würden und dann kam der Tag, an dem sie mir sagte "sei mir nicht böse, ich kann das ganze Gerede nicht mehr hören. Ich könnte jeden erschlagen und ich will nicht mehr wach werden". Ich habe das mehr als verstanden und sie daraufhin in Ruhe gelassen, bis sie wieder konnte/wollte.

Hast Du das ernst genommen? Ich hoffe schon. Schlimmer geht immer. In welcher Reha-Einrichtung war er denn? Ging es da hauptsächlich um Amputationen oder geschah das im Rahmen der Post-Chemo-Sorge?
Ja, das habe ich ernst genommen. Leider gab es noch am selben Tag Ärger wegen seiner Mutter und unser Gespräch wurde gestört. Als ich das am nächsten Tag nochmal ansprechen wollte und ihm versichern wollte, dass er bei mir gern diesbezüglich sein Herz ausschütten könne, war es kein Thema mehr, da hat er leider wieder zugemacht und wollte lieber über "Schöneres" reden.

Das war in einer Reha wegen der Amputation, ja. Da waren zum Teil viele schwer Verunfallte und ich weiß, dass ihn das noch lange sehr beschäftigt hat, sicher auch heute noch. Wie gesagt, mit einigen Leuten aus dieser Reha hatte er noch eine Weile zu tun, die hatten auch eine eigene WhatsApp-Gruppe, aber er meinte dann, dass die sich nur selbst bedauern würden.

Das hat nichts mit Opferhaltung zu tun. Er hat versucht, damit klar zu kommen, auf seine Weise...die aber nicht die ganz richtige ist.
Ja, Opferhaltung finde ich auch immer so ein Begriff. Man hört ihn oft und ich kann nicht verleugnen, dass ich manchmal auch dachte "man, jetzt ist mal gut, du lebst ja, nun mach auch wieder was draus", aber das ist selten. Eher denke ich oft, warum soll man sich eigentlich nicht als Opfer fühlen, wenn man es doch ist? Klar, es muss einen Weg da raus geben - so denn hoffentlich, wovor ich ja auch Angst habe, der Krebs nie mehr wieder kommt -, aber es war kein Schnupfen und es hat viele, viele eklatante Spuren in seinem Leben hinterlassen und es einfach verändert.

Ich glaube, er kriegt den Widerspruch selbst nicht hin, denn einerseits will er manchmal dann doch der alte Optimist sein, vielleicht eher noch für die Außenwelt als für sich? Aber dann kommen immer wieder Probleme, die ihn wieder runterziehen.

Die Sache jetzt ist für ihn auch wieder dramatisch gewesen. Er muss sich jetzt erstmal im Rollstuhl fortbewegen (er bleibt auch noch die nächste Woche im Krankenhaus) und das kotzt ihn an, es ist wieder ein Rückschritt, wenn auch nur für kurze Zeit, aber er fühlt sich wieder wie am Anfang.

Er hat übrigens, als der Krankenwagen kam, eine richtige Panikattacke bekommen und hat sich trotz seiner Beschwerden erstmal geweigert, da reinzugehen und mitzufahren. Einer der Sanitäter musste länger mit ihm reden und ihn überzeugen. Als er dann einige Minuten im Krankenwagen war, ging es wieder von vorn los und er wollte während der Fahrt wieder raus. Die haben das dann den Ärzten bei der Aufnahme auch mitgeteilt, so dass die meinem Mann später nahe legten, sich auch noch, sobald es ihm wieder gut geht, bei der Psychiatrie vorzustellen.

Was die Nebenwirkungen angeht. Ich wollte mich da immer mehr mit beschäftigen und habe mich auch schon informiert, wollte, dass er da mal mit einem Fachmann redet, aber von mir will er das nicht mehr hören.

Die Psychoonkologie, die in dem KH sitzt, in dem er behandelt und operiert wurde (*flüster* in unserem hiesigem KH würde ich mir nur Notfallsachen behandeln lassen *psst*).

Bei mir ist alles roger in Kambodscha.
Ja, das Beste wäre, wenn er sich da mit der uns nächsten Uni-Klinik in Verbindung setzen würde, mit der er ja eigentlich auch ganz zufrieden war. Ist leider auch viel Fahrerei, worauf er keine Lust mehr hatte. Aber das ist hier das einzige, was einem Krebszentrum nahe kommt.

Vielleicht kommt jetzt aber wiederum mehr in Gang, weil manche der Probleme und Themen jetzt auch durch den Krankenhausaufenthalt wieder aktueller sind und er sich wohl mit einem Arzt auch mal näher unterhalten hat.

Es freut mich sehr, dass bei dir alles okay ist soweit!
 

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Elisabeth

Mitglied
Mist, das ist wirklich eine hohe Amputation. Das macht einiges schwieriger, ABER.... nicht hoffnungslos! Im Gegensatz zu deinem Mann war ich jahrelang in Selbsthilfegruppen und habe da ganz unterschiedliche Verläufe gesehen. Ich kenne welche, die sogar mit Hüftexartikulation gut klar kommen. Das Positive ist, dass wir in einer Zeit leben, in der sich so vieles dank Hightech schnell weiter entwickelt. Er sollte nie den Mut verlieren und einfach alles ausprobieren, was sich ihm bietet. Falls er aber ohne Prothese besser klar kommt, ist das auch okay. Wichtig ist auch die Physio, da muss man in den ersten Jahren beharrlich dran bleiben. Seid ihr bei einem guten Orthopäden?

Falls du und dein Mann das wollt, kann ich euch vielleicht mit ein paar Adressen weiter helfen. Ich hoffe, dass es dir inzwischen etwas besser geht und sich die Dinge positiv weiter entwickelt haben.
Danke dir, ich mag es wie du das siehst, denn so versuche ich es auch zu sehen. Ich kann ihm da natürlich nicht reinreden, aber ich denke schon wirklich auch, dass eine gute Prothese für ihn, auch psychisch, eine große Erleichterung wäre. Er könnte mehr tun und er wäre in der Öffentlichkeit nicht immer so exponiert (das geht ihm schon manchmal wirklich auf die Nerven, gerade in großen Geschäften oder bei Großveranstaltungen).

Mein Mann "hasst" seinen Physiotherapeuten und Orthopäden. :D Er war aber immer schon sehr sportlich und hat sich auch jetzt sein eigenes Programm zusammen gestellt. Da bleibt er schon dran.

Das wäre ganz toll! Er hat zwar schon ein bisschen was durch, aber ich denke, es gibt immer noch viel Neues zu entdecken. Er hat auch vor zwei Tagen nochmal gesagt, dass er das jetzt doch noch mal angehen will, auch mit der Korrektur-OP und der eventuellen Implantation bzw. Verlängerung. Wir sind früher immer viel Rad gefahren und das würde er gern wieder mitmachen.
 

Elisabeth

Mitglied
Danke dir sehr für die Zeit, die du dir für diese ausführliche Antwort genommen hast! Ich bin wirklich froh über alle Sichtweisen, weil es mich dann ja auch wieder auf neue bringt.

Das nagt am Selbstwert, am allgemeinen Wohlbefinden und es kommt die Angst auf, nicht mehr attraktiv zu sein und nicht mehr zu genügen.
Ja, das spielt wohl mehr eine Rolle als ich dachte bzw. dachte ich wohl, dass er damit inzwischen besser zurecht kommt.

Umso größer ist dann das Bedürfnis, sich seiner eigenen Männlichkeit und Attraktivität zu versichern. Was eignet sich dazu besser als positivr Resonanz von anderen Frauen und v.a. Sex mit der Partnerin? Das ist die Bestätigung für den Mann, dass er „gewollt“ und „angenommen“ ist. Ich glaube, Männer ticken da häufig anders als Frauen und brauchen nicht viele schöne Worte, sondern direkte Bestätigung.
Ja, auch das wird sicher so sein. Dass es mit Worten allein nicht getan ist. Aber das war bei uns ja auch gar nicht so, bis er dann so abgedriftet ist, dass ich dann wirklich dieses Jahr Abstand genommen habe aufgrund seines teils schon groben Verhaltens. Es ist schwierig für mich, wie ich ihm das noch klarer machen soll, denn ich muss mir ja nicht mal Mühe geben, für mich ist er wirklich noch genauso anziehend wie früher, rein körperlich.

Zur Therapie: Ich finde es gut, dass er nun mitkommen will und vielleicht hilft ihm das auch. Ich möchte aber 2 Aspekte zu bedenken geben:

1. Menschen sind verschieden und verarbeiten Dinge unterschiedlich. Ich kann ihn da schon verstehen. Ich ticke da ähnlich und würde mir denken: „Was soll ein Therapeut mir Neues sagen, was ich nicht selbst schon weiß? Fakt ist: Das Bein ist weg, das Leben ist vergänglich und ich muss damit klarkommen. Was soll all das Blabla bringen, außer dass man sich selbst noch mehr reinsteigert und in Selbstmitleid suhlt und sich überlegt, wie man weiterleben könnte, anstatt zuhause damit zu beginnen? Ein Therapeut ist auch nur ein Mensch mit seinen eigenen Lebenseinstellungen und Wertungen, die genauso subjektiv sind wie meine und nicht richtiger. In der Zeit gehe ich lieber aus oder nehme ein heißes Bad, anstatt mein Leben durch nervige Termine noch unangenehmer zu machen.“ Ich sage nicht, dass diese Sichtweise allgemeingültig richtig ist. Aber ich halte es für ebenso verfehlt, eine Therapie als Patentrezept für jeden Menschen zu verkaufen. Manche Menschen verarbeiten, indem sie viel mit anderen Menschen reden und nachdenken. Andere verarbeiten, indem sie sich gerade nicht stundenlang im Unglück suhlen, sondern versuchen, das Leben „zu leben“. Nachdem meine langjährige Beziehung in die Brüche ging, wollte ich nicht ewig nachdenken und reden, sondern ich schob das Thema beiseite, machte schöne Dinge und auch ich bin nun darüber hinweg, einfach weil ich gesehen habe, dass das Leben weitergeht und trotzdem noch schön ist.
Da er aber ohnehin anscheinend nur in seiner Trauer versinkt, kann eine Therapie helfen, zurück zu einer positiveren Lebenseinstellung zu finden.
Das kann ich gut nachvollziehen, es war für mich selbst auch eine große Überwindung und ich habe jetzt fast ein Jahr überlegt, ob ich mir eine Therapie nochmal "antun" soll. Es kann schon ein schmaler Grad sein zwischen guter Verarbeitung und die Negativ-Situation noch mehr am Leben zu halten.

Nur ist es so, dass ich beispielsweise keinen wirklich mehr zum Reden habe. Meine beste Freundin ist gestorben und mit meinem Mann rede ich darüber ja eben auch nur selten. Und er wiederum hatte zwar immer viele Freunde, aber nie einen wirklichen Freund. Jemanden, mit dem er wirklich mal offen reden und alles rauslassen kann, den hat er einfach nicht wirklich. Früher haben wir immer über alles geredet, aber vor mir zieht er sich in der Hinsicht ja auch zurück.

Und dann sagte er er bei unserem Gespräch neulich ja auch noch, dass er das nicht so gut verdrängen kann wie andere Probleme, weil er ja schon, wenn er wach wird, merkt, dass sein Körper nicht mehr ist, was er war und warum das so ist, sprich, da kommt der Gedanke an den Krebs dann auch wieder. Ich befürchte leider, er hängt da gedanklich fest und je nachdem, was der Therapeut für ein Typ ist (ich habe leider wirklich auch nicht so tolle schon erlebt) könnte es ihm vielleicht wenigstens etwas bringen, diese Gedanken mal irgendwo "abzuladen".


2. Das hängt mit obigen Ausführungen zusammen. Man sollte die Therapie und auch die Gespräche unter Euch nicht als alleine ausreichendes Heilmittel betrachten. Zentral ist doch, dass er zurück zu Lebensfreude finden muss. Er selbst ist depressiv. Du bist depressiv und machst Dir Gedanken über die Beziehung, die Stimmung ist angespannt, Du konfrontierst ihn. Dann geht Ihr ggf. noch zur Therapie, die auch nicht spaßig, sondern anstrengend wird. Dann weiterhin Gespräche, Gespräche, Gespräche über die Beziehung. Das mag Dir helfen. Menschen wie mich (und vielleicht auch ihn) stresst das nur noch mehr. Da frage ich mich: Wo bleiben denn die positiven Aspekte des Lebens? Im Endeffekt findet man doch nur über sie wieder zu Lebensfreude. Also vielleicht mal weniger Krisensitzungen, weniger Reflexion. Zusammen Cocktails machen und trinken (vielleicht auch alkoholfrei, falls er ein Alkoholproblem haben sollte). Gemeinsam ausgehen. Zu zweit laut Musik hören. Ein Bad nehmen. Massagen. Alte Fotos ansehen. Gute Bücher lesen, Filme ansehen...Was auch immer Euch Spaß macht. Woran hattet Ihr denn früher Freude? Wie stellt Ihr Euch ein erfülltes Leben vor? Gerade weil das Leben kurz ist, muss man es doch genießen. Eine angenehme Atmosphäre schaffen. Keine Vorwürfe, nicht immer der besorgte oder sogar mitleidige Blick. Ihn Mann sein lassen. Ihn um Hilfe bitten bei verschiedenen Aufgaben, die er noch machen kann. Er soll merken, dass er gebraucht wird und noch „etwas taugt“. Auch wert auf Paaraktivitäten legen, das kommt den Kindern im Endeffekt auch zugute. Als Trennungskind weiß ich, dass die schlechte Grundstimmung schlimmer ist als eine Abwesenheit der Eltern und sogar als die Trennung. Das Problem ist, dass anscheinend auch Du Päckchen mit Dir herum trägst, weswegen Du ihn nicht mit Deiner Lebensfreude anstecken kannst. Deshalb auch darauf konzentrieren, was Du dafür brauchst, abgesehen von der Beziehung. Hobbies? Freunde? Wenn es auch nur Glühwein bei Kerzenlicht ist. Das macht Dich glücklicher und nicht zuletzt auch interessanter für ihn. Dann sieht er vielleicht auch wieder die lebensfrohe Frau, in die er sich verliebt hat und nicht mehr nur Mutter, gebeutelte Frau und Therapeutin. Und wird vielleicht aufgeweckt und mitgerissen.

Das sind nur meine Gedanken dazu. Ein Patentrezept wird es nicht geben. Ich wünsche Euch beiden von Herzen alles Gute!
Das habe ich mir auch schon so überlegt und hat mich lange davor zurück schrecken lassen, sowas wie Therapie anzugehen.

Ich habe das lange probiert mit den positiven Aspekten zurück zu gewinnen, aber wenn ich ehrlich bin, das meiste macht ihm keinen Spaß mehr. Er geht zur Arbeit, kommt heim, trifft sich hin und wieder leidlich mit Freunden (die ihn aber, wenn man ihn hört, überwiegend "nerven") und guckt Netflix. Das macht ihm glaube ich als einziges Spaß, mit seinem Sport noch (wobei er da auch recht verbissen sein kann wie bei seiner Arbeit). Er ist unter anderem Musiker und hat Klavier gespielt, aber das hat Pedale. Die braucht man nicht zwingend und er könnte das auch mit einem Fuß heutzutage, aber er hat jetzt keine Lust mehr darauf. Letztes Jahr sind wir mal verreist, ans Meer, das er so liebte. Für ihn war es nur Stress und den Ort, für den er jahrzehntelang geschwärmt hat, war nur noch doof, weil zu viele Menschen.

Ich kann mich da schon in ihn reinversetzen und verstehe, warum er manches meidet und manches gar nicht mehr will, aber mir fallen nur noch wenige Alternativen sein.

Und, dass ich ihm keine Freude sein kann, das tut mir am meisten leid/weh. Ich habe schon oft, wenn ich allein war, darüber nachgedacht, wie traurig es ist, dass ich ihm wohl kein Halt sein kann, etwas, auf das er sich freut.

Mit geht es in den letzten Monaten ähnlich. Es gab Phasen, da wusste ich wirklich nicht mehr "wofür das alles?" In den ganz schlechten Momenten wurde ich da immer von den Kindern "gerettet". Wenn mein Sohn mich einfach unvermittelt umarmt hat oder unsere Tochter wieder etwas Originelles gesagt hat. Das ist überhaupt ein Rätsel für mich, wie die Kinder trotz allem immer wieder so unbeschwert und froh sein können und das muss ich ihnen einfach erhalten.

Ich frage mich schon manchmal, ob mein Mann wenigstens noch durch die Kinder Freude und Hoffnung empfinden kann.

Vielen Dank nochmal, ich wünsche dir auch alles Liebe!
 
Zuletzt bearbeitet:

Elisabeth

Mitglied
Leider keine guten Neuigkeiten. Mein Mann hat mich heute Morgen angerufen, dass er mit mir reden müsse. Ich war natürlich letzte Woche auch einige Male kurz bei ihm im Krankenhaus, aber wir waren trotzdem auf Distanz.

Ich bin also heute Mittag zu ihm hin gefahren und es sieht jetzt so aus, dass mein Mann diese Woche noch im Krankenhaus bleibt und anschließend nächste Woche vollstationär in der Psychiatrie aufgenommen wird.

Ich hatte auch ein verhältnismäßig langes Gespräch mit einem Stationsarzt (mit Einwilligung meines Mannes), der mir sagte, dass mein Mann suizidgefährdet ist.

Das hat mich umgehauen. Ich wusste, dass etwas nicht stimmt und ich dachte mir, dass es schlimmer ist, als er zeigt, aber das so zu hören, war ganz hart.

Er selbst meinte, er könne einfach nicht mehr, deshalb hat er zugesagt, als ihm das vorgeschlagen wurde. Es geht ihm wirklich nicht gut, auch körperlich. Er hat einen hohen Blutdruck, obwohl organisch alles okay ist, und er war heute auch ganz zittrig. Seit seiner Einlieferung bekommt er abends auch eine Infusion mit Beruhigungsmitteln (Antidepressiva?).

Ich habe Angst um ihn. Ich habe ihm natürlich Mut gemacht, aber ich hoffe, dass ihm da auch wirklich geholfen werden kann. Ich mache mir auch Gedanken, ob ich ihm mit meinem Gespräch noch mehr zugesetzt habe.

Das ist alles ein ziemlicher Alptraum. Seitdem die Kinder im Bett sind, könnte ich nur noch heulen.
 
G

Gelöscht 54649

Gast
Liebe Elisabeth,

er hat Dir nicht gesagt und gezeigt, was wirklich in ihm los ist. Du konntest es nicht wissen - mach Dir bitte keine Vorwürfe!
Und auch wenn Psychiatrie fürchterlich klingt, ist das für ihn ein sicherer Ort, er ist erstmal aus allem rausgenommen und kann sich um sich selbst und seine ganz ureigenen Probleme kümmern. Mit Unterstützung.

Und Du weißt ihn auch sicher und kannst Dich sortieren und für Dich sorgen.

Und da ich da selber schon war, kann ich Dir erzählen, wie das da üblicherweise läuft. Und ich nehm da jetzt mal kein Blatt vor den Mund, damit ihr wisst, was da kommt und kommen könnte.
Vorneweg: es wird unterschieden zwischen Suizidgedanken und Suizidabsicht.
Beides ist für den Betroffenen schlimm, aber erst der Zustand "Suizidabsicht" ist richtig akut gefährlich. Da plant man dann schon ganz konkret oder die Behandler müssten befürchten, dass einer auf einer offenen oder halboffenen Station weggeht und sich vor den nächsten Laster schmeißt.
Dann würde er erstmal in einer geschlossenen Station untergebracht werden und dort landet man auch sehr häufig, wenn man von jetzt auf gleich notfallmäßig in der Psychiatrie landet.
War bei mir nicht so, ich habe aber zwei Mitpatienten nach Suizidversuchen dort besucht.
Diese Stationen sind meist echt nicht so schön und am Ehesten das, was sich Otto Normalverbraucher so vorstellt, wenn er an Psychiatrie denkt: dort sind die Menschen, die akut selbst- und fremdgefährdend sind oder eben notfallmäßig eingeliefert wurden und erstmal auf die Weiterverteilung auf andere Stationen warten.

Dein Mann hat aber eine Woche Vorlauf, da kann dann schon ganz anders organisiert werden und wenn sie ihm jetzt im Krankenhaus schon beruhigende Medikamente geben, kommt er mit einer ganz guten Wahrscheinlichkeit so weit runter, dass er vielleicht immer noch "kann nicht, will nicht mehr" unterwegs ist, aber keine konkreten Selbsttötungspläne mehr schmiedet.
Und dann kann man mit dem Arzt einen Vertrag machen, in dem man zusichert, sich sofort an die Ärzte, Therapeuten oder die Pfleger zu wenden, wenn diese Gedanken wieder stärker werden.
Dann kann man sofort oder sehr schnell auf die offeneren Akutstationen. Und wenn die Klinik entsprechend groß ist, gibt es da dann eine Station für Depressionen.
Und die sind, dem Naturell der Krankheit entsprechend, meist die ruhigste Ecke der Klinik.
Nicht in dem Sinne, dass da alle nur weinend in den Ecken sitzen, sondern es gibt weniger Stress unter den Patienten als auf anderen Stationen.
Da kann er zur Ruhe kommen, es ist immer jemand zum Reden da, die ersten Tage wird man bis auf Therapeutengespräche in Ruhe gelassen, wenn man will und irgendwann kommen dann nach und nach verschiedene Therapien dazu.
Bei uns wurde das teils zugewiesen oder Vorschläge gemacht, teils konnte man frei wählen.
Und je nach Klinik sind da dann auch mal Sachen dabei, an die man sonst nicht so leicht rankommt oder auf die man nie gekommen wäre.
Da tut es echt gut, sich zwischen Sachen, die einem erfahrungsgemäß liegen und guttun, auch was rauszupicken, was man noch nie gemacht hat. Etwas Neues lernen. Wenns doof ist, zügig wechseln.

Und sein Aufenthalt wird wahrscheinlich nicht so kurz sein, da darf man nicht ungeduldig sein und ihr solltet Euch jetzt schon um eine ambulante Anschlusstherapie für ihn kümmern.
Denn in der Akutklinik wird erstmal nur stabilisiert.

Ich hoffe, er kann die Behandlung dort annehmen und für sich nutzen.
Ich wünsche Euch Beiden alles Gute
 

weidebirke

Sehr aktives Mitglied
Menschen mit psychischen Problemen wenden sich oft viel zu spät an einen Fachmann. Der Leidensdruck muss erst ein gewisses Level erreichen, bevor man sich tatsächlich helfen lässt.

Menschen in Beziehungen haben es da gut, man bekommt schnell einen Spiegel vorgehalten und merkt durch die Ansprüche des Umfelds auch schneller, wenn man an seine Grenzen kommt, außerdem muss man viel mehr kompensieren, was irgendwann nicht mehr gelingt. Allein lebende Menschen haben all das nicht und das macht es für sie viel gefährlicher.

Insofern denke ich schon, dass ihm die Auseinandersetzung mit Dir zwar zugesetzt hat, aber in der Form, dass er sich endlich tatkräftige Hilfe sucht. Du musst Dir keine Vorwürfe machen. Erstens waren Deine Ansprüche legitim und zweitens hat es ihm geholfen.
 
E

Elisabeth1

Gast
Ich habe alles durchgelesen, dabei ist mir etwas klargeworden. Ich fasse mich kurz:

Genau genommen haben alle Konflikte ihren Ursprung in der Vergangenheit. Bei deinem Mann ist es die lebenslange Ablehnung durch den Vater, den er als Kind und Jugendlicher so sehr gebraucht hätte. Solche Kinder bemühen sich sehr, die Liebe des Vaters zu bekommen, es ist aber zwecklos. Das hinterlässt extreme seelische Verletzungen, die meist ein Leben lang nicht verschwinden, weshalb diese Bemühungen in der Regel auch als Erwachsener noch fortgesetzt werden. Eine gesunde Selbstsicherheit kann der Betroffene nicht entwickeln.

Durch seine Krankheit/Behinderung ist deinem Mann ein mühsam aufgebautes Gerüst zusammengefallen, das ihm einigermaßen Halt gegeben hatte. Die Fassade, die ihm gleichzeitig als unsichtbare Schutzmauer diente und ihm zumindest nach außen hin ein "normales" Leben ermöglichte, ist zerbrochen.

Er hat riesige Angst, dass du ihn auch ablehnst.

Fatalerweise neigen traumatisierte Menschen dazu, sich so zu verhalten, dass ihre anerzogene "Überzeugung" bestätigt wird.
 
T

Torgeist

Gast
z
Und auch wenn Psychiatrie fürchterlich klingt, ist das für ihn ein sicherer Ort, er ist erstmal aus allem rausgenommen und kann sich um sich selbst und seine ganz ureigenen Probleme kümmern. Mit Unterstützung.
Kann ich bestätigen, war 2 mal drinnen und es war wirklich angenehm, endlich mal komplett abzuschalten und wieder Kraft zu tanken.
 

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