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Ich kann nicht über meine Mutter nicht trauern

Alex S

Neues Mitglied
Hallo zusammen,
ich muss einfach mal meine Geschichte loswerden.

Ich habe mit meiner Frau aus Taiwan zwei wundervolle Kinder (6 und 2), ich liebe Sie über alles und würde meine Ehe als glücklich bezeichnen.
Vor zwei Jahren, nach der Geburt meiner Tochter, beschlossen wir, für ein halbes Jahr nach Taiwan zu gehen. Eigentlich wollten wir unsere Wohnung in München untervermieten (das ging das letzte Mal problemlos), jedoch sagte der Vermieter bei diesem Mal nicht zu, und so musste ich die Wohnung kündigen.

Meine Mutter bewohnte ein eigenes Haus und besitzt noch ein weiteres, beide sehr alt, aber in guter Wohnlage. Diese Immobilien waren sehr wichtig für sie. Da die ehemalige Raucherin an COPD erkrankt war, wollte sie sich ein Bleibe suchen und uns das Haus überlassen, wir sollten mit der Miete ihre Unterkunft mitbezahlen.

Natürlich haben wir dann beschlossen, dass wir für diese Zeit mit ihr zusammenziehen, das Haus ist eigentlich groß genug.

Die zwei Jahre mit ihr waren nicht einfach, aber auch nicht unterträglich. Ich dachte erst, dass sie dem Haus lebewohl sagen sollte, und langsam suchten wir uns ein betreutes Wohnen in der Nähe (ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich weiter, ein eigenes Wohnen war nicht mehr möglich). Die Einrichtungen für betreutes Wohnen sind in unserer Gegend aber auch sehr rar, es gab sehr lange Wartezeiten.
Ich bin einige Male mit ihr zusammengeraten, und sie hatte Probleme mit meinem Sohn, der ihr zu quierlich war. Meistens hatten wir Streit, wenn ich was ausmisten wollte oder meine Frau zu "stinkend" gekocht hat. Ansonsten aber war sie ziemlich umgänglich.

Ich habe meine Frau immer gefragt, ob sie mit der Situation zufrieden ist, und sie meinte, dass sie ganz gut mit meiner Mutter zurecht käme, und sie sich eher sorgen um mich machte.
Ich wollte einige Mal ausziehen, meine Frau aber meinte, dass wir in der Nähe sein sollten, damit sie weiter auf sie aufpassen konnte. Da entschied ich mich auch dagegen.
Im Grunde tat sie mir auch sehr leid, wenn sie schläfrig und völlig kraftlos den ganzen Tag in ihrem Stuhl saß. Außerdem war sie schon für ein betreutes Wohnen angemeldet, es sollte also nur eine Frage der Zeit sein.

Dezember diesen Jahres kam meine Mutter nach mehreren Aufhalten das letzte Mal in das Krankenhaus, sie verstarb dort in der Palliativ-Station. Vorher wollte ich sie in ein Pflegeheim bringen, das hing aber vom Pflegegrad ab, und sie erholte sich immer so schnell, dass sie keinen Grad mehr erhielt.

Ich musste sie nicht pflegen, nach dem Tod fühlte ich aber erst einmal eine Erleichterung.
Danach kamen mehrere Monate der Nachlassverwaltung, die Pandemie kam mir sehr gelegen. Ich konnte auch einige schöne Erinnerungen an meine Mutter pflegen, die als Alleinerziehende uns drei Kinder großgezogen hatte.

Gestern waren meine Schwestern hier und erzählten mir die schockierende Wahrheit: Meine Mutter hat sich sehr oft mit ekelhaft rassistischen Äußerungen bei ihnen über meine Frau beschwert, mir blieb einfach die Spucke weg. Meinen Sohn konnte sie nicht akzeptieren, da er ein Mischlingskind war und asiatische Augen hatte. Bei meiner Tochter hatte sie jedoch keine Probleme.
Ich vertraue meinen Schwestern sehr, dass sie da die Wahrheit sagen, und habe ein gutes Verhältnis zu ihnen.

Zum Glück scheint mein Sohn davon sehr unberührt zu sein, er ist wie immer ein kleiner Springinsfeld und erzählt, wenn ich ihn über seine Oma frage, nur Gutes.

Meine Mutter ist ein Nachkriegskind und selbst bei Alt-Nazis groß geworden. Sie hatte aber ihr Leben lang ein großes Interesse an Asien und dem Buddhismus, sie war sogar in Indien. Ihre Wohnung war voll mit buddhistischen Erinnerungsstücken und Literatur. Ich kann das absolut nicht verstehen und fühle mich sehr betrogen. Das ist eine Situation, in der ich eigentlich nur verlieren konnte: Ich bin bei ihr geblieben, und habe nun rausgefunden, dass sie eine üble Rassistin war, die diese Zuwendung gar nicht verdient hatte. Hätte ich sie alleine gelassen, hätte ich mir vorgeworfen, dass ich mich nicht um sie gekümmert hätte. Sie war einfach keine liebenswerte Person.

Seit dem Tod fühlte ich eigentlich nie so etwas wie Trauer. Es war einfach alles nur absurd: meine Mutter hat kein Testament hinterlassen, ihr ganzer Besitz war unorganisiert und verschlampt, mein Bruder wirft ihr vor, dass sie sein Leben vernichtet hat (aber aus meiner Sicht sind seine „Traumata“ nur Lappalien)… Sie hat selbst keine Anweisungen für ihre Beerdigung hinterlassen, wir wussten sogar nicht einmal, wo wir sie beerdigen sollten. Ihre letzte Mail war, dass wir uns bei Internet-Einkäufen vor Trickbetrügern in Acht nehmen sollten, zwei Tage vor ihrem Tod...

Das ist alles unfassbar, ich bin so froh, dass sie unter der Erde liegt. Ihre heißgeliebten Häuser werden wir verkaufen und uns den Erlös aufteilen.
 

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Hase C.

Sehr aktives Mitglied
War sie denn geistig völlig klar?
Also könnte es nicht sein, dass sie manchmal demente Züge hatte
und dann Sachen sagte, die sie eigentlich gar nicht meinte?
 

Baffy

Aktives Mitglied
Deine innere Reaktion ist mir verständlich... Bei mir ist es auch so ähnlich. Mutter erzkonservativ, "die Leute, die Leute". Sie hätte wirklich alles unter den Teppich gekehrt, nur um nach außen gut dazustehen. Selbst das ihr Mann ein Säufer war, konnte sie nicht akzeptieren. "NEIN, das stimmt doch garnicht".

Ich denke mal, das ich deshalb kein so inniges Verhältnis zu ihr habe und ob ihr Tod mir mal was ausmachen wird, weis ich echt bis heute nicht. Bei meinem Vater wollte ich nichtmal auf die Beerdigung. Den Grund dafür erfuhr ich viel später...
 

Schroti

Sehr aktives Mitglied
Deine Schwestern haben eventuell eigene Interessen im Hinterkopf, wenn sie postmortem schlecht über eure Mutter reden.
Ich würde mir die Beziehung zu meiner Ma nicht wegen so einer Bemerkung kaputtmachen lassen - es ist eine andere Generation und sie hat euch ihre Vorbehalte nie spüren lassen. Letzteres zählt.
 

grisou

Sehr aktives Mitglied
Ich bin bei ihr geblieben, und habe nun rausgefunden, dass sie eine üble Rassistin war, die diese Zuwendung gar nicht verdient hatte. Hätte ich sie alleine gelassen, hätte ich mir vorgeworfen, dass ich mich nicht um sie gekümmert hätte. Sie war einfach keine liebenswerte Person.
mein vater ist ein psychopath, der mich in meiner kindheit sehr gequält hat. jetzt ist er im gefängnis, hat schweren lungenkrebs.

viele sagen, nach dem was er mir angetan hat, darf ich kein mitleid mit ihm haben. er hat mich mal unter wasser gedrückt, bis ich fast erstickt bin, nur weil er sehen wollte, wie viel kraft ich habe. ich weiß also, wie das ist, wenn man keine luft bekommt. und er tut mir unglaublich leid. ein elender zusstand. und dann ganz allein, fühlt sich von mir verraten. der sitzt so in hass. armer kerl.

ich weiß schon, was er mir angetan hat. aber ich will eben genau darum nicht in den gleichen hass gehen, der ihn geleitet hat. und ich denke mir immer, mit mir muss die gewalt enden.

hat deine mutter die fürsorge verdient? keine ahnung, aber es zeigt mehr, was für ein mensch du bist.

das problem ist mehr, du hast das erst im später erfahren und das fühlt sich an wie ein betrug. und es ist vielleicht eher dieses gefühl, das so gerade die gedanken beeinflusst.

ohne deine schwestern zu nahe treten zu wollen, du weißt nicht, was sie genau gesagt hat, in welchem zusammenhang. vielleicht in einem moment von großem ärger, vielleicht war sie auch verwirrt. weil du ja schreibst, es passt nicht so gut zusammen mit dem, wie du sie erlebt hast.

sie hat ihre geschichte. verletzungen und kränkungen erlebt. ängste durchlebt.

für dich ist doch entscheidend, du hast den rassismus in deinem leben keinen raum gegeben. er endet mit ihr in deiner familie. und es ist so schade, wenn du jetzt den hass und schmerz auf deine mutter projezierst und dich doch noch mal hineinziehen lässt.

Es wäre schön, wenn deine Kinder in einer Welt aufwachsen dürfen, in der Rassismus keine Rolle spielt. Und in deiner Familie kannst du ihnen das Geschenk machen. Lass das Thema gehen. Lebe so wie deine Kinder im Hier und Jetzt.

Das würde ich dir wünschen.
 

tonytomate

Aktives Mitglied
meine Schwestern

Vielleicht sind die auch die Rassisten und labern dummes Zeug!

Mein Bruder z.B. erzählt bei anderen Leuten irgendeinen Müll über meine verstorbene Mutter, der nicht stimmt, um gut dazustehen und andere um den Finger zu wickeln. Ich kann mir gut vorstellen, daß Deine Mutter nie oder selten schlecht über Deine Frau geredet hat, zumal Korea nicht China, Thailand oder Vietnam ist
 

Knirsch

Aktives Mitglied
Ich kann deine Reaktionen grundsätzlich verstehen, aber ich gebe Folgendes zu bedenken:

Ich beobachte bei meinen eigenen Großeltern, dass das, was sie sagen und denken und tun nicht immer dasselbe ist, ganz besonders wenn es um altes Gedankengut geht. Das kam bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder durch, aber meist, wenn man sie dann darauf angesprochen hat, nicht, weil sie das tatsächlich dachten, sondern weil er ein Automatismus war, weil sie wütend oder sonst irgendwie überfordert waren. Genausogut hätten sie einfach querbeet fluchen können, die Bedeutung wäre dieselbe gewesen. Halt dir vor Augen, was man so manchmal, wenn man richtig wütend ist bei Vertrauenspersonen teilweise über andere auslässt. Rassismus ist da bei unserer Generation hoffentlich weniger dabei, aber nett ist es meist auch nicht. Da werden Persönlichkeitsstörungen vermutet, Leuten Therapien empfohlen, man spricht über Scheidung, richtet seine Eltern aus und und und. Vielleicht du nicht, aber viele Menschen schon. Das heißt aber nicht, dass sie diese Personen wirklich so verachten und hassen. Meist ist es ein temporärer Ausbruch, weil sie von irgendwas genervt sind und die Tatsache, dass sie euch in ihr Haus gelassen hat und es euch auch überlassen wollte, spricht für mich dafür, dass sie euch schon auch Gutes wollte und deine Frau akzeptiert hat. Und das mit dem Sohn hat sie vielleicht auch nur gesagt, weil sie eben mit der lebhaften Art zu kämpfen hatte und nicht so sehr, weil er ein Mischlingskind war, denn die Enkeltochter mochte sie ja.
Außerdem würde ich hinterfragen, wieso man dir das überhaupt erzählen musste und das jetzt, wo sie sich nicht mehr wehren kann und auch nicht den Kontext erzählen. Vielleicht hätte sie sogar gesagt, dass es nicht so gemeint war, dass sie das mal gesagt hat, aber mittlerweile anders sieht. Das weiß man alles nicht. Nach dem Tod einem Hinterbliebenen eine solche Last aufzuerlegen finde ich ganz schön egoistisch. Deine Schwestern haben vielleicht nicht nachgedacht, waren selbst sauer wegen irgendwas, man weiß es nicht. Außerdem erzählt man solche Dinge auch nicht Leuten, die sowas nicht hören wollen. Deine Schwester hätten die Möglichkeit gehabt, euch zu verteidigen und die Situation zu Lebzeiten zu klären. Haben sie aber nicht.

Ich hatte mal so eine Geschichte mit meiner Großmutter, wo sie etwas häßliches über meinen damaligen Partner gesagt haben soll. Letztendlich stellte sich heraus, dass die Person, die mir das erzählte, das Gespräch überhaupt erst angestoßen hatte und meiner Großmutter Dinge erzählte über die Bisexualität dieses Mannes, die sie so überhaupt nicht hätte wissen müssen und noch dazu so deutete, dass er während der Beziehung zu mir mit Männern fremdging, was nicht stimmte. Sie entschuldigte sich dann sogar für das Missverständnis. Wäre sie aber bereits tot gewesen, würde ich für den Rest meines Lebens denken, dass sie ihn aufgrund seiner Orientierung verachtete. Das wäre schon heftig gewesen. Das nur als Beispiel.
Der Kontext ist einfach wichtig.
 

Eva

Aktives Mitglied
Das ist alles unfassbar, ich bin so froh, dass sie unter der Erde liegt.
Deine Mutter tut mir echt leid. Sie hat 3 Kinder alleine groß gezogen, zu einer Zeit, wo es noch nicht so "einfach" war wie heute. Spreche da aus eigener Erfahrung. Trotzdem hat sie 2 Häuser. Wenn du froh bist, dass sie gestorben ist, solltest du das Erbe ausschlagen.

Die 2 Jahre des zusammen lebens war soweit ok. Klar, Streit gibt es überall. Und trotz des angeblichen Rassismus ist deiner Frau doch gut mit deiner Mutter ausgekommen.

Wenn das tatsächlich stimmen sollte, was deine Schwestern erzählen, dann finde ich es trotzdem eine Frechheit, dass sie dir das jetzt, nach dem Tod deiner Mutter, unter die Nase reiben. Deine Mutter kann sich nun nicht mehr dazu äußern.

Wenn deine Mutter angeblich eine Rassistin war, warum hat sie dann zugelassen, dass ihr zu ihr zieht? Kann ich mir nicht vorstellen.

Wenn man krank und schwach ist gehen einem quirlige Kinder leider auf den Nerv.

Sorry, wenn das keine positive Antwort für dich ist, aber ich finde dich wirklich ziemlich undankbar deiner Mutter gegenüber. 1 grober Fehler (wenn es überhaupt stimmt) und deine Mutter ist praktisch Geschichte.
 

momo28

Moderator
Teammitglied
Wie hast du denn selbst die Zeit mit deiner Mutter erlebt?
Hast du dich unwohl gefühlt, weil es von ihrer Seite entsprechende Äußerungen gab?

War sie im Umgang mit deiner Frau und deinen Kindern wirklich so rassistisch, wie es nun deine Schwestern gesagt haben?

Versuche bei dem zu bleiben, wie die zwei Jahre für dich waren und lasse sie nicht durch die Bemerkungen deiner Schwestern vergiften. Deine Schwestern haben dir Dinge aus der Vergangenheit erzählt, die sie selbst so wahrgenommen haben. Ob deine Mutter diese Bemerkungen wirklich so gemacht und gemeint hat wie deine Schwestern sie nun wiedergeben, weißt du nicht.

Du musst nicht um deine Mutter trauern, dazu besteht keine Pflicht. Ich bin sicher, es werden schon noch Tage kommen, an denen du trauern wirst, egal in welcher Form das geschehen wird.
 

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