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Habe ich überhaupt noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt ?

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Advice

Gast
Hi lyrafrost,

mir ging es während des Studiums recht ähnlich. Ich habe bis vor kurzem auch Informatik studiert und dafür ganze 17 Semester gebraucht. Allerdings für Bachelor und Master zusammen (trotzdem fast die doppelte Regelstudienzeit). Mit den Inhalten hatte ich weniger Probleme, mehr dafür mit Prüfungsängsten, Krankheit, finanziellen Sorgen (viel nebenher arbeiten müssen) und zunehmender psychischer Belastung. Ich habe mir selbst oft die Frage gestellt, ob ich das Studium abbrechen und ein anderes beginnen bzw. eine Ausbildung suchen soll. Ich habe mich für die Fortsetzung entschieden, rückblickend denke ich aber, dass ich damals die Alternativen in meinen Betrachtungen vernachlässigt habe wie in einer Art Tunnelblick.

Ich würde dir zu einer Ausbildung raten. Damals kam es für mich nicht in Frage, weil ich unbedingt einen akademischen Abschluss haben wollte und der Auffassung war, dass man damit später im Berufsleben weiterkommt. Im Bereich Informatik kommt es mittlerweile aber mehr auf Berufserfahrung / erworbene praktische Kenntnisse als auf einen Uniabschluss an. Mit einer Ausbildung würdest du dies schon sammeln. Eine Ausbildung ist auch "verschulter", d. h. du würdest mehr an die Hand genommen werden. Gerade in den letzten Semester kam ich mir an der Uni doch sehr verloren vor. Mit 24 bist du definitiv nicht zu alt für eine Ausbildung. Viele Unternehmen freuen sich über Studienabbrecher und eventuell kannst du dir etwas vom Studium anrechnen lassen, sodass du die Ausbildungszeit verkürzen kannst. Während der Ausbildung hast du schon Einkommen und mit etwas Glück wirst du danach vom Unternehmen übernommen, sodass dein bisheriger Lebenslauf keine Rolle mehr spielt.

Falls du dich doch für das Studieren entscheidest, möchte ich auch hier ein paar Sachen anmerken. Je mehr Zeit man in etwas investiert, desto schwerer ist es loszulassen (siehe Sunken Cost Fallacy). Der Druck auf einen selbst steigt (den man sich auch selbst macht), je mehr Semester man anhäuft. Man möchte es unbedingt durchziehen, damit die letzten Jahre nicht verschwendet waren und ist noch weniger bereit für eine Umorientierung. Ich weiß nicht, wie es bei dir mit sozialen Kontakten aussieht. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass der Freundes- und Bekanntenkreis mit zunehmender Studiendauer kleiner wird (ich bin für das Studium aber auch in eine weiter entfernte Stadt gezogen). Obwohl ich auch in höheren Semestern noch den Kontakt zu anderen Kommilitonen gesucht habe, hatte ich doch feststellen müssen, dass diese immer schon ihre Gruppen hatten, in die man nur noch schwer reinkam. Ich war an einer Massenuni ohne Präsenzpflicht, vielleicht ist das an anderen Hochschulen etwas anders. Die Berufsaussichten für Informatiker sind vergleichsweise gut. Jedoch sollte dir klar sein, dass ein Personaler bei langer Studiendauer nicht sieht, "da ist eine Kämpfernatur, die sich durchgebissen hat", sondern bei gleicher Qualifikation einen Bewerber mit der kürzeren Studiendauer bevorzugt. Daher solltest du versuchen nebenher viel Praxiserfahrung in deinem Bereich zu sammeln. Werkstudentenjobs bieten sich hier an, weil man mehr verdient als in einem Praktikum und auch flexibler ist. Ich würde dir auch empfehlen, die Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben. Falls du dich dort beweisen kannst, ist es möglich, dass du übernommen wirst. Sobald du ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt hast, interessiert sich kaum noch jemand für deine Studiendauer. Freelancer ist aber natürlich auch eine Option, gerade im Bereich Webentwicklung.

Wie in den Kommentaren über mir schon angeraten, solltest du dir unbedingt Hilfe für deine psychischen Probleme suchen. Das sind keine Probleme die man schnell wieder los wird, sondern ihre Zeit brauchen. Da Plätze für ambulante Therapien meist mit langer Wartezeit verbunden sind, würde ich dir raten, dich parallel auch an die psychologische Beratungstelle an deiner Hochschule zu wenden, um die Wartezeit zu überbrücken. Auch dort gibt es kompetente Psychologen. Hinsichtlich meiner Prüfungsängste habe ich verschiedene Strategien entwickelt. Ich habe versucht, meine Vorlesungen so zu wählen, dass die Prüfungen möglichst weit auseinander liegen. Dadurch hatte ich zwar einen sehr langen Prüfungszeitraum (teilweise auch mitten in der Vorlesungszeit), aber nicht den Stress und Druck auf viele Prüfungen parallel lernen zu müssen. Zudem habe ich mir mit der Zeit auch eine "Scheißegal"-Mentalität zugelegt. D. h. ich habe mir einen Plan B überlegt, falls es mit dem Informatikstudium nichts wird (der Plan B sollte für dich aber auch ernsthaft in Frage, sich selbst belügen funktioniert meistens nicht gut). Die Noten haben für mich irgendwann auch keine Rolle mehr gepielt, hauptsache bestanden. Schau, dass du dich nicht zu sehr auf das Studium fokussierst und dich nicht nur darüber definierst, sondern auch neben dem Studium Sachen nachgehst, die deinem Leben Sinn geben. Prüfungsängste sind meist Symptome anderer Probleme und treten auf, wenn der Basisstresslevel erhöht ist. Mir hat es geholfen, selbst in Lernzeiten mal einen Tag Pause einzulegen und dem nachzugehen, was mir Spaß macht und mich entspannt. Auch soziale Kontakte (selbst wenn es sich nicht um Freunde, sondern Fremde handelte) haben mir geholfen, da ich dann z. B. erfahren habe, dass diese das Thema X auch nicht verstehen oder sie ebenfalls Zeitprobleme während der Klausur hatten. Das Wissen, dass andere ebenfalls Probleme hatten und die Klausur notfalls daher weniger streng korrigiert wird, hat mir ebenfalls Druck genommen.
 

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