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Gender Studies - Ideologie oder Wissenschaft?

Dredd

Aktives Mitglied
Hallo liebes Forum,

ich beginne mal ein Thema, welches u.U. stark polarisiert. Es geht mir um die permanente Betonung der Wichtigkeit von Gender-Studies. Diese stellen m.M.n. keine vollwertige Wissenschaft dar, sondern verkörpern eine Ideologie, nach der "geforscht" wird. Ich lese mir von Zeit zu Zeit die "Ergebnisse" der Forschung durch - nicht weil ich mich für das Resultat interessiere - und stelle für mich regelmäßig fest, dass die Methodik höchst unwissenschaftlich ist.

Ich vertrete i.A. die Ansicht, dass jede Wissenschaft ihre Daseinsberechtigung hat - auch wenn hier ebenfalls mit einer gewissen Erwartungshaltung an ein Experiment herangegangen wird, so kann das Resultat dennoch diese widerlegen. Bei Gender-Studies ist dies jedoch nicht der Fall - die "These" wird von Anfang an als "wahr" angenommen und es wird auch gezielt in diese Richtung gearbeitet. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema ist kaum möglich, geschweige denn gegeben. Es darf nur sein, was auch in das Gesamtbild der Ideologie - einer Abart des eigentlichen Feminismus - passt.

Wie seht ihr das?

lg

Dredd

PS: in Übereinstimmung mit meinem anderen Thread im Bereich "Feedback" möchte ich an eine sachliche Diskussion appellieren. Just in case...
 

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Despina

Mitglied
Zuweilen bin ich mir nicht sicher, ob die "Gender-Studies" nicht nur eine Erfindung von Lobbyisten ist.
Ein Thema, welches nur erschaffen wurde, um zu polarisieren.

Irgendwie fing das ganze ein wenig an mit der Frauenquote, über deren Sinn oder Unsinn man streiten kann, aber eigentlich doch erst richtig mit der Öffnung des Sexualkundeunterrichts an Schulen, wo nicht mehr ausschließlich das heterosexuelle Bild vermittelt werden soll.

Seitdem wird das Thema "Gender-Studies" ohne Ende propagiert und polemisiert.
Für mich ist es nichts anderes als Propaganda. Ich bin nur unsicher, welches Ziel verfolgt wird.
 

Ostergesetz

Aktives Mitglied
Nun ja, gender studies bezieht sich ja erstmal nur auf einen Teilbereich der Sozialwissenschaften, welcher sich mit den sozialen Beziehungen der Geschlechter untereinander und zueinander innerhalb einer Gesellschaft beschäftigt.
Zum Beispiel die Frage nach Dynamiken in der Familie oder in der Erziehung oder (in meinem Feld) die Frage nach der Rolle der Frau in politischen Konflikten.
Das hat erstmal wenig mit Ideologie zu tun, sondern ist mehr eine normale soziologische Fragestellung. Als solche haben gender studies meiner Meinung nach durchaus ihre Berechtigung, sie sind ein normales Teilgebiet der soziologischen Welt.

Manche der Wissenschaftler haben auch eine normative Komponente in ihren Studien, wenn sie z.B. Feministen sind und die Rolle der Frau verändern wollen. Man darf darüber streiten, ob das sein sollte, dass Wissenschaftler auch normativ arbeiten. Das ist aber eine Diskussion in allen social sciences, ob es jetzt Soziologie oder Psychologie ist.

Übrigens, Experimente macht man auch in 'normaler' Soziologie nur relativ selten und in international relations schonmal garnicht. Beobachtungen, ethnographische Studien, Anwendung von Theorien auf Praxis usw sind viel häufiger zu finden als Experimente. Daran würde ich nicht die Daseinsberechtigung eines wissenschaftlichen Teilbereichs festmachen, Dredd.
 

Dredd

Aktives Mitglied
Hallo Ostergesetz!

[...]
Übrigens, Experimente macht man auch in 'normaler' Soziologie nur relativ selten und in international relations schonmal garnicht. Beobachtungen, ethnographische Studien, Anwendung von Theorien auf Praxis usw sind viel häufiger zu finden als Experimente. Daran würde ich nicht die Daseinsberechtigung eines wissenschaftlichen Teilbereichs festmachen, Dredd.
Ich habe mich da vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt - für mich sollten mit Experimenten auch sämtliche Studien gemeint sein. Natürlich mache ich es nicht daran fest, ob eine Wissenschaft ihre Daseinberechtigung hat - da könnte man ja sonst einen Großteil der Geisteswissenschaften streichen.

Da du vom Fach bist: mich würde interessieren, was genau du in deinem Tätigkeitsfeld untersuchst; ich lese gerne auch ein Paper darüber wenn du sowas zur Verfügung stellen würdest.

Was ich zum Beispiel nicht verstehen kann ist die "Neudefinition des Geschlechterbegriffs" und "feministische Wissenschaftstheorie" (letzte schließt sich durch ihre eigenen Kriterien selbst aus - kein Scherz). Ebenso dieses skurile Beispiel:

https://www.gender.hu-berlin.de/de/zentrum/personen/ma/1682130

Wenn Sie mit Profx. NAME Kontakt aufnehmen wollen, bitte verwenden Sie nicht-geschlechts-binäre Anreden Ihrer Wahl.

Also nicht "Herr" oder "Frau", "sehr geehrte" oder "sehr geehrter"... ein Beispiel für eine mögliche Anrede ist auf der Homepage zu finden.

Aber Ostergesetz, ich würde gerne weiter mit dir diskutieren, da du ja wirklich in diesem Gebiet arbeitest. Würde mich freuen!

lg

Dredd
 

bd83

Mitglied
Der Genderbegriff leidet vor allem darunter, dass er von Gegnern UND Anhängern permanent falsch eingeordnet wird. Sieht man an diesem Thread auch sehr schön. Ich meine, wenn man drei einfach Dinge darüber weiss, wird einem dieses Dilemma schnell klar:

1. Geschlecht als Basis für bestimmte Erziehung, bestimmtes Verhalten, bestimmte Erwartungen und Selbstbilder sowie jeweils Abweichungen hiervon existiert als soziologisches Phänomen natürlich schon. Wenn das alles reine Biologie wäre würden z.B. in Afrika nicht die schwächeren Frauen die 50 kg Wasserkrüge herumschleppen und westliche Männer dürften eigentlich nicht unterernährte Frauen aussergewöhnlich schön finden. Halten wir also fest: kann man durchaus erforschen, das Gebiet, da es Fragen aufwirft.
2. Die Gender Studies als Unterkategorie der soziologischen Geschlechterforschung sind an sich ein Randgebiet, das in philosophische und identitätspsychologische Fragestellungen hinüberlappt. Daher ist es richtig dass man hier den beweisführenden Bereich der Wissenschaft teilweise verlässt. Das ist allerdings kein Alleinmerkmal sondern findet sich auch in anderen Fächern. Sogar Naturwissenschaften haben Randgebiete die sich in beweisarmen Hypothesen vorantasten.

3. Gerade weil es hier eher hochakademisch und gedanklich experimentell wird, hat das Thema im Grunde in der breiten Masse gar nichts zu suchen.

Viele Leute schimpfen gerne über das Thema und andere himmeln es an, aber ich wage mal zu behaupten dass es nur wenig Leute gibt die in der Lage sind, entsprechende Theoreme in ihrem akademischen Kontext überhaupt zu lesen, zu begreifen und AKADEMISCH zu diskutieren, was das Gegenteil von ideologischer Verbalkeile ist. Es ist z.B. ein weit verbreitetes Missverständnis, es würde dort behauptet dass es keine Männer und Frauen gäbe. Man wird aber auf beiden Seiten Leute finden die genau das lesen WOLLEN. Die einen, weil ihnen das althergebrachte Verständnis so am Herzen liegt dass sie auf alle Infragestellungen eindreschen müssen obwohl sie streng genommen gar nicht die Adressaten der ursprünglichen Gendertheoretiker sind. Die anderen, weil sie eine Idee der totalen Auflösung irgendwie spannend finden und eine fast schon schmerzhaft verkürzte Version des ganzen in die Welt posaunen müssen. Ideologisch sind diese Leute genauso wie die Gegner, weil sie ebenfalls das Thema auf eine praktische Alltagsebene zerren wollen wo es NICHT HINGEHÖRT. Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie nicht akademisch genug sind um das Thema auf seiner angestammten Ebene zu behandeln. Und das ist überhaupt nicht abwertend gemeint. So etwas war schon immer eine Nische. Oder würdet Ihr auch mit einem Byzantinistikprofessor oder einem Experimentalphysiker (die sich ebenfalls in teils hypothetischen Bereichen bewegen) diskutieren wollen, bzw. lest Ihr Texte von solchen Leuten? Nein? Ach so. Doch so besorgt über die Wissenschaft, was?


Ein Drittes Thema ist, dass sich das ganze tatsächlich auch instrumentalisieren lässt im Sinne einer neuen Gesellschaft die möglichst fragmentiert ist. Mein Fazit ist also, lasst die eigentlichen Schreiber dieser Schule mal in Ruhe, das sind promovierte und habilitierte Geisteswissenschaftler die halt sehr stark sezierende Akademia betreiben und ich denke dass DIE auch wissen wo diese Diskussionen einzuordnen sind. Der Konflikt zeichnet sich ab beim Mittelmass, bei ganz normalen Leuten die das ganze meinen ANWENDEN zu müssen bzw. denen die denken, diese ANWENDER seien mit „DEN Genderstudien“ gleichzusetzen.


Es ist einfach wie ein Fisch der ins falsche Aquarium gesetzt wurde. Funktioniert nicht für die Masse, funktioniert nicht für den Alltag. Wird wie alle Geisteswissenschaften von viel zu vielen mittelmässigen Leuten studiert.

Ist als akademische Fragestellung trotzdem berechtigt. Aber gut, manche würde klassische Universitätsmilieus ja gerne ganz abschaffen und nur noch Ingenieursfachschulen betreiben…



 

Burbacher

Aktives Mitglied
bd83, ich lese:

"3. Gerade weil es hier eher hochakademisch und gedanklich experimentell wird, hat das Thema im Grunde in der breiten Masse gar nichts zu suchen."

Dafür, dass das Thema "deiner Meinung nach in der breiten Maße nichts zu suchen hat", lässt Du dich aber schon beinah in epischer Breite dazu aus. Ich sehe es zudem anders als Du, sind die Auswirkungen dieser Diskussion im Alltag vieler Menschen schon längst angekommen, werden doch Selbstverständnis und Selbstbildnis von Männern und Frauen in Zweifel gezogen und Verunsicherungen erzeugt, die Auswirkungen in die Paarbeziehungen, die familiären Strukturen haben.

Eheberater, Paartherapeuten und Lebensberater können davon sicher ein Lied singen.

Ganz banal frage ich mich außerdem, wie wir seit Generationen ohne solcherlei Überlegungen ausgekommen sind und dabei noch überlebt haben.

Burbacher
 

bd83

Mitglied
Du schreibst doch quasi selber dass es im praktischen Alltag nix verloren hat und dort zu Verkomplizierung führt. siehst Du schon überall Gegner?

Lasst es da wo es hingehört - und lasst es dort in Ruhe. Gilt für beide Seiten.
 

weltenwanderin

Aktives Mitglied
Ja, das gilt für beide Seiten! Wenn ich ein fachfremdes Buch in die Hand nehme und die Verfasser gleich mal kundtun, dass sie als Anhänger der Genderstudies die geschlechtsspezifischen Wörter und Formulierungen absichtlich umständlich gestalten, damit der Leser mal darüber nachdenkt, dann halte ich das ehrlich gesagt für einen schlechten Witz. Alleine schon aus Protest habe ich dieses Buch nie mehr zur Hand genommen. Wenn sich das alles wissenschaftlich hochtrabende Untersuchung schimpft, dann kann ich mir eine Auseinandersetzung ja ebenso sparen. Wissenschaftlich ist was anderes.
Bestimmt sind die grundsätzlichen Fragen der Gender Studies nicht uninteressant und berechtigt. Aber wahrscheinlich gibt es eben auch kein Forschungsgebiet, das so sehr von Ideologien verdorben wird. Auch Professoren der Gender Studies fallen darunter. Mag sein, dass sie auch ein paar sinnvolle und tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen anstellen, aber eben auch viel Blödsinn, wie es aussieht.
Das einzig wirklich sinnvolle Gebiet aus den Gender Studies scheint mir die Gendermedizin zu sein. Die war längst überfällig. Aber da kann man eben auch ganz simpel empirisch forschen und hat recht klare Ergebnisse, die man nur noch auswerten muss. Keine nur mehr oder weniger wissenschaftlichen Theorien, die immer nur theoretisch bleiben können.
 

Ostergesetz

Aktives Mitglied
Hallo Dredd,

da habe ich mich nicht ganz sauber ausgedrückt. Mein Feld sind internationale Beziehungen, ich habe mich aber in einigen Kursen auch mit der 'gender' Komponente dieses Feldes beschäftigt. Auch hatte ich einige Kurse in Soziologie, die das Thema behandelten.
Wenn dich interessiert, was darüber geschrieben wird empfehle ich:

The Reproduction of Motherhood von Chodorow (Soziologie)
die Studien von Laura Shepherd zu Feminist Security Studies (Internationale Beziehungen)

Ich stimme ausdrücklich mit keinem der beiden überein, aber sie sind Prominente in dem Feld und vielleicht wäre es interessant für dich, falls du dein Wissen in dem Bereich erweitern möchtest :)
Es gibt aber natürlich noch viel, viel mehr mit verschiedenen Graden von Ideologie drin.

Was genau dort untersucht wird?

Ein Beispiel wäre z.B. die Stellung der Frau im Israel-Palästina Konflikt. Man könnte natürlich behaupten, dass es alle Palästinenser gleich trifft, wenn sie belagert werden und gebombt wird. Es gibt aber Unterschiede. Während sich die Männer starkem ideologischen Druck ausgesetzt sehen sich dem Widerstand anzuschließen und Gewalt auszuüben haben die Frauen die Rolle der 'Nahrungsbeschaffer' und 'Zusammenhalter' der Familie. Dem können sie kaum nachkommen, weil es z.B. Lebensmittelknappheit gibt. Das führt dann dazu, dass immer zuerst die Männer essen und die Frauen (einschließlich Mädchen) das bekommen, was übrig bleibt. Frauen sterben in dieser Region überproportional an indirekten Folgen (Hunger/Kälte etc) des Konfliktes, während Männer überproportional im direkten Konflikt (direkte Gewaltausübung) zu Tode kommen. Das z.B. wäre ein Feld für gender Studien. A) das Aufdecken der Unterschiede, b) herausfinden woher diese Unterschiede kommen und c) z.B. Politiker oder NGOs beraten was sie dem entgegensetzen können und worauf sie in der Region besonders achten müssen.

Ein anderes Beispiel ist Sudan. Auch dort hat die besondere traditionelle Stellung einiger Frauen einen starken Einfluss auf den Konflikt. Hier aber nicht als Opfer, sondern als 'Täter', denn sie ermutigen junge Männer zur Ehrenrettung des Familienverbandes in den Krieg zu ziehen.

Sowas muss man wissen, wenn man z.B. ein Land nach einem Bürgerkrieg wieder aufbauen möchte. Man muss wissen wer wo welche Macht ausübt und wie die Traditionen sind. Ein 'one size fits all' funktioniert nicht und man kann auch nicht einfach die westliche Stellung der Frau zur Blaupause nutzen.
Das ist also ein kleiner Teil der gender studies. Ich bin übrigens weiß Gott kein Experte. Ich würde mich auch nicht als Feministin bezeichnen, es gibt viele Dinge, die mir an solchen Theorien nicht gefallen. Z.B. kann ich absolut nichts damit anfangen, dass manche feministischen Wissenschaftler meinen, dass Krieg ein rein männliches Problem sei. Männliche Aggression als treibende Kraft in der Welt und wenn nur mehr Frauen an der Macht wären, wäre alles besser. Bullshit, wenn man mich fragt. Trotzdem muss man anerkennen, dass gender eine fundamentale Trennlinie in allen Gesellschaften darstellt und daher in Überlegungen mit einbezogen werden muss.

Es ist etwas, was noch zu wenig erforscht wurde und daher ist es momentan so präsent im akademischen Diskurs. Frauen haben ja noch nicht so lange den gleichen Zugang zur Bildung und daher kommt es erst langsam auf über gender differences zu sprechen.
 

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