Man muß NICHT studiert haben, bzw. es nutzt nix!
Bei uns in der Familie sind alle Frauen Hausfrauen, der höchste Schulabschluß, der in der gesamten Großverwandtschaft gemacht wurde (Tanten, Onkel, Eltern, Großeltern, deren Geschwister, Cousins, Enkel und so weiter) ist der Hauptschulabschluß. Die meisten Frauen in der Familie haben nichtmal einen Führerschein.
So und nun war irgendwann Familientreffen, ich dabei, habe Abi mit 1,7 gemacht, ein Diplom und derzeit arbeite ich am zweiten Diplom, da sagt Oma: "Ach, warum ist aus euch allen bloß nix geworden!" 🙄
Mit "uns allen" meint sie mich, meine Schwester und meine Mutter. Selbst wenn ich da schon nen Doktortitel gehabt hätt, dann hätt sie das genauso gesagt.
Wirklich widerlich, wie Verwandte miteinander konkurrieren.
Ich finde beides schlimm: Wenn man sich grundlos abfällig über Verwandte äußert, nur weil sie einen niedrigeren Bildungsabschluss bzw. einen schlechter bezahlten Beruf haben, aber auch umgekehrt, wenn man Verwandte permanent abwertet aus Neid, nur weil sie studiert und eine entsprechende berufliche Position erreicht haben und man selbst nicht.
Ich bin auch die erste Akademikerin in der Verwandtschaft, hatte einen Abiturdurchschnitt von 1,6, habe dann Jura studiert und habe seit Jahren einen guten Job im öffentlichen Dienst. Meine Eltern, vor allem mein Vater, konnten bei überdurchschnittlicher Intelligenz nur aus finanziellen Gründen kein Gymnasium besuchen, hatten Volksschulbildung und waren kaufmännische Angestellte. Sie und auch die im Elternhaus wohnende Oma und Tante waren aber stolz darauf, dass meine Schwester und ich gute Schülerinnen auf dem Gymnasium waren und studieren konnten. Dass meine Schwester dann später (vermutlich) psychisch erkrankte, ihr Studium nicht abschloss, nie berufstätig war, nie von zu Hause auszog und vom Einkommen meiner Eltern bzw. - nach dem Tod unseres Vaters - meiner Mutter lebte und nach deren Tod jetzt mir das Leben schwer macht (extreme Auseinandersetzung wegen des gemeinsam ererbten, von ihr allein bewohnten Elternhauses, weil sie nicht einsehen will, dass es verkauft werden muss, da sie sich nicht im Geringsten an den Kosten beteiligen kann), steht auf einem anderen Blatt.
In meiner weiteren Verwandtschaft hat in meiner Generation und in der Generation darüber außer meiner Schwester und mir niemand ein Gymnasium besucht oder gar studiert - überwiegend Hausfrauen oder Teilzeitbeschäftigte mit ihrem Schulabschluss entsprechenden Ausbildungsberufen oder inzwischen in Rente bzw. Altersteilzeit Befindliche. Erst in der nachfolgenden Generation hat der Sohn einer Cousine an einer Hochschule studiert, der Sohn einer anderen ein Fachhochschulstudium absolviert. Der Sohn der dritten Cousine ist auf der Realschule zweimal hängengeblieben, hat letztlich nur den Hauptschulabschluss geschafft und macht jetzt eine Gartenbaulehre. Diese Cousine ist aber sogar noch die vernünftigste und umgänglichste von den dreien, wenngleich man auch bei ihr in mancher Hinsicht Abstriche in Kauf nehmen muss.
Schon als ich Teenie war, kamen häufig spitze Bemerkungen aus der Verwandtschaft. Akademiker wurden z.B. als "Kakademiker" bezeichnet und lächerlich gemacht. Heute wird damit aufgetrumpft, dass man - im Gegensatz zu mir - einen Ehemann, Kinder, teils schon Enkelkinder und ein eigenes Haus mit Garten hat und es sich leisten kann, dank des Vorhandenseins eines "Versorgers" vor Erreichen der Altersgrenze in Rente zu gehen. Der Beruf einer Frau wird nur als Zuverdienstmöglichkeit betrachtet, den man "als Familienmutter" nicht allzu ernst zu nehmen habe. Es wird in arroganter, selbstgefälliger Manier so getan, als ob dies für Frauen der einzig für voll zu nehmende Lebensentwurf sei, und mir wird auf subtile Weise gespiegelt, dass ich doch trotz des beruflichen Erfolgs und meiner finanziellen Unabhängigkeit nur ein erbärmliches, defizitäres, bemitleidenswertes Dasein führen kann und gar nicht weiß, was die wahren Werte im Leben sind. Das alles, obwohl die besagten Damen die Umstände kennen, denen ich es zu "verdanken" habe, dass meine Familiengründungschancen von vornherein deutlich geringer waren als ihre. Und wenn ich eine Familie gegründet hätte, dann hätte ich meinen Beruf dennoch nach wie vor ernst genommen, wie viele meiner gleich qualifizierten Kolleginnen, die Mütter sind, es mir Tag für Tag auch vorleben.
Klischeehafte Vorstellungen einer Karrierefrau werden mir aber bezeichnenderweise nur von diesen Verwandten übergestülpt, nicht jedoch von Kollegen oder Schulfreundinnen, zu denen ich bis heute Kontakt habe. Letztere sehen komischerweise auch gute charakterliche Eigenschaften bei mir, gerade was die sog. "Sozialkompetenz" inklusive Geduld und Einfühlungsvermögen betrifft. Eigenschaften, die meine Verwandten gut qualifizierten kinderlosen - und noch dazu unverheirateten!
😱 - Frauen, die stärker berufsorientiert sind als sie, von vornherein absprechen, für sich selbst aber in hohem Maße in Anspruch nehmen. Ebenso, wie sich nur sich und Frauen mit ähnlicher Biografie für "starke" Frauen halten. Über Frauen, die studiert haben und noch dazu allein leben, wid dagegen hergezogen - beileibe nicht nur über mich.
Die Folge ist, dass ich mich von diesen Verwandten so weit wie möglich zurückgezogen habe. Versuche, sie zu einer differenzierteren Sichtweise zu "bekehren", sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich habe aber auch keine Lust, nur immer einseitig ihre Geschichten anzuhören und ihnen für ihre Lebensleistung Anerkennung zu zollen, während von mir erwartet wird, dass ich mich zurücknehme und möglichst tief staple.
Ich frage mich sowieso, was das soll. Besteht der Sinn von verwandtschaftlicher Kontaktpflege eigentlich nur darin, sich gegenseitig missgünstig zu belauern, wer es am weitesten gebracht hat, neidische Vergleiche anzustellen, mit eigenen Erfolgen zu prahlen, die eigenen Statussymbole (wie Bildungsgrad, Beruf, "eigene" Familie, Häuser, Autos, Reiseziele etc.) vorzuführen und sich verbal gegenseitig "einen zu verpassen"? Taugen Verwandte nur als Auditorium für die eigenen selbstdarstellerischen Angebergeschichten? Was hat das noch mit einem netten, für alle Seiten bereichernden Gedankenaustausch zu tun? Es ist doch pure Heuchelei, sich mit Menschen abzugeben, deren Leben einen nicht im geringsten interessiert bzw. deren Lebensentwurf man sogar ablehnt bzw. abwertet. Wenn man kein ehrliches Interesse am anderen aufbringen kann und keine Wertschätzung oder wenigstens Toleranz auch für Lebensumstände übrig hat, die von den eigenen abweichen, sollte man besser so konsequent sein, dass man sich gegenseitig aus dem Weg geht. Vielleicht findet man im Friseur ja einen dankbareren Zuhörer für seine Protzgeschichten...