Der Suizid meiner Mutter

Lady Scorpio

Mitglied
Hallo,

ich weiß nicht, was ich mir hiermit erhoffe. Ich will diese Worte einfach nur los werden, weil ich sonst nicht weiß, wie ich das hier durchstehen soll.

Meine Mutter und ich hatten eine Beziehung mit Höhen und Tiefen. Leider hatten wir in den letzten beiden Jahren viele Streits, welche teilweise arg ausgeartet sind und mich psychisch an den Rand der Verzweiflung gebracht hatten. Als sie sich dann besserte und wir beide immer mehr harmonierten, glaubte ich, dass ab diesem Zeitpunkt alles besser werden würde. Ich konnte ja nicht ahnen, wie sehr ich mich irrte.

Ich hatte mich am Abend zuvor noch gewundert, dass meine Mutter so geistig abwesend war, als ich ins Bett ging und ihr eine gute Nacht wünschte, dachte mir aber nichts weiter dabei, schließlich hatte sie nicht unglücklich gewirkt. Sie hatte auf Toilette gesessen, das Handy in der Hand mit einem seligen Lächeln auf dem Lippen. Als ich Gute Nacht sagte, fragte ich mich noch, ob sie das überhaupt registriert hatte. Aber wie bereits erwähnt, dachte ich mir nichts dabei.
Am Morgen darauf riss mein Bruder dann die Tür zu meinem Zimmer auf, leichenblass und schrie, dass Mutti aus dem Fenster gesprungen sei. Ich war hellwach, sprintete ins Schlafzimmer meiner Mutter, vorbei an ihrem Lebenspartner, der bereits den Notruf gewählt hatte und lehnte mich aus dem Fenster. Und da lag sie. Auf dem Bauch, in ihren Schlafsachen um ihren Kopf herum eine Blutlache.
Mein Bruder rief aus dem Flur, dass er eine Decke brauchte um sie zuzudecken und ich eilte zu ihm. Ich rannte in mein Zimmer, riss eine Decke wahllos von meinem Bett, warf mir eine Jogginghose über und stürmte nach unten. Ich weiß, dass es dumm klingt, aber zu diesem Zeitpunkt war ich fest davon überzeugt, dass wir sie zudeckten, damit ihr nicht kalt war. Ich hatte wirklich noch diesen Hoffnungsschimmer, dass sie am Leben war und dass alles wieder gut werden würde. Doch als ich unten ankam und sie aus nächster Nähe sah, war mir klar, dass sie tot war. Sie war schon blau und ich fragte mich, wie lang sie wohl auf dem Gehweg gelegen hatte ohne dass jemand etwas bemerkt hatte.
Ein Nachbar, mit dem wir gut bekannt waren, schickte mich und meinen Bruder wieder weg. Ich schaffte es gerade einmal bis zur Kellertreppe und begann zu hyperventilieren, presste die Decke an meine Brust und wünschte mir nichts mehr, als aus diesem Alptraum aufzuwachen. Mein Bruder drängte mich in unsere Wohnung, aber ich wollte nicht. Ich wollte bei meiner Mutter bleiben, wollte bei ihr sein, obwohl ich wusste, dass ich nichts mehr tun konnte.
Ich bekam nur am Rande mit, wie die Polizei ankam und ein Seelensorger sich um uns kümmerte. Später stieß unser Vater noch zu uns, leichenblass. Er nahm uns in den Arm und sagte uns, dass es nicht unsere Schuld sei, dass alles wieder gut werden würde.
Aber ich konnte nur daran denken, wie verzweifelt meine Mutter gewesen sein musste. Ich fragte mich die Tage darauf, was sie wohl dachte, als sie dort auf dem Fensterbrett saß. Ich fragte und frage mich noch immer, ob sie es im Fall nicht vielleicht schon bereut hatte, obwohl der Gedanke so unfassbar wehtut. Ich habe Angst, dass sie womöglich dachte, dass sie uns egal wäre, dass wir ohne sie besser dran wären. Ich fragte mich, wie lang sie dort schon gelegen hatte, wie einsam sie sich in ihren letzten Sekunden gefühlt haben muss und wie verzweifelt sie gewesen sein muss. Immer wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie dort liegen. Mein Bruder sagt mir, dass ich mir vorstellen soll, dass sie nur schläft oder dass es anders war, aber das kann ich nicht.
Ich war immer schon realistisch gewesen und habe selten Dinge verdreht oder vergessen.
Ich bin froh, dass er seine Methode gefunden hat, mache mir aber auch Sorgen, dass er alles nur in sich hineinfrisst.

Ständig habe ich das Gefühl, dass es weitergehen muss, dass ich damit abschließen muss. Aber auf der anderen Seite ist das immer so eine leise Stimme, die mir sagt, dass ich nicht das Recht habe, wieder in den Alltag reinzufinden. Wie denn auch? Wir stecken mitten im Umzug, die Kosten für die Bestattung überschlagen sich und es ist noch so viel mehr. Berufsschule, Arbeit, Ämter und so weiter.
Ich hatte immer ein massives Problem damit, die Rolle der typischen Hausfrau einzunehmen, aber jetzt schreit eine Hälfte in mir, dass ich das nun sein muss und die andere Hälfte wehrt sich immer noch dagegen, was vermutlich auch daran liegt, dass meine Mutter ein sehr veraltetes und sexistisches Frauenbild vertreten hatte. Frauen müssen die Männer bekochen und den Haushalt schmeißen. Ich war immer der Meinung, dass alle im Haushalt mithelfen konnten. Natürlich half ich gerne im Haushalt und kochte gerne, aber nicht unter der Begründung, dass ich eine Frau bin. Das war auch einer der Gründe, warum wir uns immer gestritten hatten.

Jetzt, wo sie fort ist, bemerke ich so viele Probleme und Ängste, die mich beschäftigen. Da ist dieses Gefühl, dass ich nicht das Recht habe, wieder weiterzumachen und einfach abzuschließen. Dann ist da noch dieses Bild meiner Mutter, das ich nicht vergessen kann. Außerdem habe ich immer das Gefühl, dass sie bei allem was ich mache, bei mir ist und mich stumm kritisiert oder prüft. Wenn ich etwas sauber mache, höre ich sie in meinem Kopf, wie sie mir sagt, was ich alles falsch mache. Ich sehe sie gedanklich mit dem Kopf schütteln, wenn mir ein Essen nicht so gelingt.
Ich möchte am liebsten alles so machen, wie sie es gemacht hatte obwohl ich weiß, dass ich das nie schaffen werde. Ich wünsche mir, dass ich mir mehr von ihr angenommen hätte oder dass wir endlich mal unsere ganzen Probleme ausgesprochen hätten. Dass wir uns wenigstens ein einziges Mal zusammengesetzt hätten und alle Streitereien aus der Welt geschafft hätten. Ich wünsche mir, mich entschuldigen zu können, für all die Dinge, die ich im Zorn zu ihr gesagt hatte.
Seitdem ich zurückdenken kann, habe ich alles in meinem Leben darauf ausgerichtet, dieser Frau zu gefallen, damit sie mir eines Tages mal gesagt hätte, dass sie stolz auf mich ist, mich lieb hat, schließlich war sie nie ein Mensch gewesen, der mit Empathie und Liebe um sich geworfen hatte. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass sie eine narzisstische Persönlichkeit hatte. Ich renne also der Liebe einer Person nach, die mir die wahrscheinlich nie wirklich geben konnte. Jeder sagt mir, dass sie mich und meinen Bruder geliebt hatte und stolz auf uns war. Aber ich kann das nicht glauben.
Verlange ich zu viel? Ich weiß, dass meine Fragen nie wirklich beantwortet werden können und mir ist klar, dass ich danach vermutlich nur noch mehr Fragen hätte.

Wie bereits gesagt, weiß ich nicht, was ich mir hiermit erhoffe. Vielleicht habt ihr ja ein paar Antworten...
 

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Regis

Namhaftes Mitglied
Hallo Lady Scorpio.

Ich habe meine Eltern verloren, als ich 14 war; sie sind in einem eingestürtzten Haus gestorben. Das, was Du hier schilderst, empfinde ich aber als noch viel schlimmer. Das ist einfach so brutal, es tut mir sehr leid.
Ich konnte mich damals mit dem Gedanken trösten, dass ihr Tod nunmal Schicksal sei (bin religiös). Was in Dir vorgehen mag, kann ich mir nicht mal vorstellen.
Du hast aber alles Recht der Welt, weiterzumachen! Das musst Du sogar. Bitte denke jetzt nicht, dass der Rest Deines Lebens wertlos sei und Du für nichts mehr leben müsstest.
Jeder sagt mir, dass sie mich und meinen Bruder geliebt hatte und stolz auf uns war. Aber ich kann das nicht glauben.
Glaub es ruhig, denn es wird sehr wahrscheinlich die Wahrheit sein, wenn Deine Mutter tatsächlich Probleme damit hatte, ihre Gefühle zu zeigen.
Anstelle des Dich kritisierenden Bildes, das Du von ihr im Kopf hast, stelle Dir lieber jemanden vor, der es mindestes ebenso wie Du bedauert, dass euer Verhältnis nicht besser war. Stell Dir jemanden vor, dem es leid tut, dass sie sich nicht richtig verabschieden konnte.

Ich wünsche Dir für die Zukunft alles nur erdenklich Gute.
 

tonytomate

Namhaftes Mitglied
Nun, Ursachen gibt es viele. Arbeitslosigkeit, das Gefühl gegenüber anderen, die besser gestellt sind, abgehangen zu sein, Probleme in der Ehe, Unzufriedenheit usw. Es ist ein langer Prozess, der über Jahre gelaufen ist. Gab es keinen Abschiedsbrief? Jedenfalls mein aufrichtiges Beileid.
 

Lady Scorpio

Mitglied
Nun, Ursachen gibt es viele. Arbeitslosigkeit, das Gefühl gegenüber anderen, die besser gestellt sind, abgehangen zu sein, Probleme in der Ehe, Unzufriedenheit usw. Es ist ein langer Prozess, der über Jahre gelaufen ist. Gab es keinen Abschiedsbrief? Jedenfalls mein aufrichtiges Beileid.
Danke für dein Beileid.
Nein, einen Brief gibt es nicht. Es war alles so plötzlich. Sie hatte am Tag zuvor noch Gartenmöbel gekauft und schon Pläne für die nächste Woche gemacht. Und eigentlich hatte sie keinen Grund. Ihr Freund ist gerade zu uns gezogen, zu meinem Vater hatte sie ein gutes freundschaftliches Verhältnis. In ihrer Arbeit hatte sie ein paar Probleme mit Kollegen. Aber das ist doch kein Grund aus dem Fenster zu springen.
 

momo28

Moderator
Teammitglied
Mein herzliches Beileid.

Was du und dein Bruder erlebt habt, das ist schlicht ein riesengroßer Alptraum, aus dem man hofft, wieder zu erwachen.
Und ganz sicher hat eure Mutter euch beide geliebt, auch wenn sie für sich keinen anderen (Aus-)Weg gesehen hat.

Lass die Trauer um deine Mutter zu.
Ich wünsche dir für die nächste Zeit ganz viel Kraft.
 

Schroti

Namhaftes Mitglied
Danke für dein Beileid.
Nein, einen Brief gibt es nicht. Es war alles so plötzlich. Sie hatte am Tag zuvor noch Gartenmöbel gekauft und schon Pläne für die nächste Woche gemacht. Und eigentlich hatte sie keinen Grund. Ihr Freund ist gerade zu uns gezogen, zu meinem Vater hatte sie ein gutes freundschaftliches Verhältnis. In ihrer Arbeit hatte sie ein paar Probleme mit Kollegen. Aber das ist doch kein Grund aus dem Fenster zu springen.
Liebe Lady Scorpio,

Zunächst möchte ich dir mein Mitgefühl ausdrücken.
Du kannst absolut NICHTS für die Selbsttötung; meiner Auffassung nach ist Lebensmüdigkeit eine Krankheit. Oft heilbar. Manchmal nicht.
Bitte denke immer daran, dass deine ma dich glücklich sehen und wissen will. Es ist normal, nun traurig und verwirrt zu sein. Aber es wird aufwärts gehen.
Gib dir Zeit.

Dir und deiner Familie alles Gute und viel Kraft und Unterstützung in dieser schweren Zeit.
 

Joergii

Aktives Mitglied
Nein, einen Brief gibt es nicht. Es war alles so plötzlich. Sie hatte am Tag zuvor noch Gartenmöbel gekauft und schon Pläne für die nächste Woche gemacht. Und eigentlich hatte sie keinen Grund. Ihr Freund ist gerade zu uns gezogen, zu meinem Vater hatte sie ein gutes freundschaftliches Verhältnis. In ihrer Arbeit hatte sie ein paar Probleme mit Kollegen. Aber das ist doch kein Grund aus dem Fenster zu springen.
Sehr oft leiden Menschen an Depressionen, die eigentlich von außen betrachtet keinen Grund dafür haben dürften, bei denen wir sogar denken würden, dass wir gerne das Leben mit denen tauschen würden. Depressionen sitzen leider tiefer als die realistische Ansicht... und das Schlimme bei dieser Krankheit ist, das man Vieles bekommen kann was man sich wünscht und es dennoch einem leider nicht hilft. Sollte dies bei deiner Mutti so gewesen sein, dann war sie sehr gut darin sich nicht in die Karten schauen zu lassen... denn sie hat wohlmöglich gewusst, dass ihr ihr nicht hättet helfen können und ihre Probleme euch nur mit Sorgen belastet hätten und ihr euch weniger auf eure Zukunft hättet konzentrieren können.

Und wenn dies so sein sollte, dann tust du in ihrem Sinne erst recht das Falsche, wenn du dir nicht das Recht zum Weitermachen gibst. Hätte sie dich nicht geliebt, dann hätte sie dich nicht kritisiert und Fehler aufgezeigt, damit du dich besserst. Das nennt sich leider Erziehung, weil Eltern es gerne für ihre Kinder möchten, dass sie später alles perfekt können um irgendwann mal selbst klar kommen und glücklich werden. Umso strenger man dies durchzieht, umso weniger Liebe kann man leider dabei zeigen.. je nach Person und eigenen Erfahrungen und gelehrtem - Wissen und Erfahrungen weiter zu geben. Wenn man jemanden nicht liebt, dann ist man demjenigen gegenüber eher gleichgültig und somit einem auch seine Entwicklung egal. Man überlässt denjenigen sich selbst und macht sich keine Mühe seine Fehler zu korrigieren... ist ja einem dann egal was aus ihm wird.

Du solltest auch nicht das Gefühl haben von nun alles so zu machen wie es deine Mutti gemacht hat. Das würde sie sicher auch nicht wollen, dass du nicht du bleibst. Vor allem, weil sie garantiert nicht das gleiche Schicksal für dich wollen würde, dass es dir auch mal irgendwann so geht wie ihr und dich innerliche schwarze Schmerzen im Kopf quälen - was ein Resultat werden könnte, wenn man zu einer Kopie wird.

Es ist leider das normalste der Welt, dass man gerne nach einem Verlust vorher die Streitereien geklärt hätte und somit mit einem guten Gefühl den Abschied annehmen könnte. Aber deine Mutti wird erfahren genug gewesen sein, warum sich Mütter mit ihren Kinder zanken.. sie wird ganz anders darüber gedacht haben als du und das kleinste Übel in ihrem Leben gewesen sein, auch wenn Harmonie natürlich immer besser ist. Ihr wird wahrscheinlich nicht mal so sehr bewusst gewesen sein, dass du diese Streitereien als so schlimm für eure Beziehung angesehen hast und dich jetzt das zerfressen könnte.

Bei einem Suizidversuch von meiner Mutti kam ich noch rechtzeitig nach Hause von der Nachtschicht. Bei ihr war der Grund eine Psychose aufgrund eines Schlaganfalls. Sie hatte in ihrer Wahnvorstellung die Welt auf einmal so wahr genommen, dass mir etwas passiert wäre und ich tot sei. Weil sie mit den Gedanken nicht leben konnte, wollte sie sich das Leben nehmen. Als ich dann vor der Tür stand, konnte sie es kaum glauben und hat ihren Versuch noch gerade so abbrechen können und Notarzt rufen können. Hätte ich sie so aufgefunden, wäre es mir von den Gedanken her genau so ergangen wie dir. Denn unsere Streitereien war am Ende mehr als ausgeartet.. ich habe auch immer Beweise vermisst für die angebliche Liebe zu mir - weil es diesbezüglich nur manchmal Worte gab, aber weniger Taten in meinem Interesse. Aber dass sie sich das Leben genommen hätte, weil sie ohne micht nicht weiter hätte Leben wollen spricht andere Bände. Und ich vermute stark, dass du genau so wenig hinter die Augen von deiner Mutti schauen konntest. Du solltest lernen ihr jetzt im Nachhinein zu vertrauen.... denn das ist das einzige was du jetzt noch kannst, weil die Fragen nicht beantwortet werden können. Vertraue ihr, dass sie es mit dir immer gut meinte... vielleicht nur selbst diese Probleme hatte, um das was sie sein wollte nicht selbst ausleben konnte... sie selbst Fehler machen musste, die sie nicht machen wollte. Vertraue ihrem Herzen.

Ich gehe stark davon aus, dass sie gefangen von ihren Depressionen war.. sie nicht sein, machen und leben konnte wie sie wollte. Daher lasse nicht zu, dass du als weitere Person davon gefangen wirst und deswegen nicht sein, machen leben kannst wie du es möchtest... und vor allem, wie es deine Mutti mit großer Bestimmtheit ohne die Depressionen mit dir gerne zusammen gewesen, getan und gelebt hätte.
 
Zuletzt bearbeitet:

Daoga

Urgestein
Ich hatte mich am Abend zuvor noch gewundert, dass meine Mutter so geistig abwesend war, als ich ins Bett ging und ihr eine gute Nacht wünschte, dachte mir aber nichts weiter dabei, schließlich hatte sie nicht unglücklich gewirkt. Sie hatte auf Toilette gesessen, das Handy in der Hand mit einem seligen Lächeln auf dem Lippen.
...Der Kommissar im Film oder Roman wäre jetzt hochinteressiert zu wissen, was da so seligmachendes auf dem Handy zu finden war. Vielleicht war da irgendwas, was ihr den letzten, ausschlaggebenden Knacks beschert hat, wenn der Selbstmord so aus heiterem Himmel kam? Hat das jemand nachgeprüft? Das Handy wird sich wohl nicht in Luft aufgelöst haben, oder?
 

Lady Scorpio

Mitglied
...Der Kommissar im Film oder Roman wäre jetzt hochinteressiert zu wissen, was da so seligmachendes auf dem Handy zu finden war. Vielleicht war da irgendwas, was ihr den letzten, ausschlaggebenden Knacks beschert hat, wenn der Selbstmord so aus heiterem Himmel kam? Hat das jemand nachgeprüft? Das Handy wird sich wohl nicht in Luft aufgelöst haben, oder?
Auf dem Handy hat die Polizei nichts gefunden. Keine Hinweise auf Selbstmordpläne oder dergleichen. Es ist, als ob sie nachts aufgestanden war und einen Blackout hatte
 

Daoga

Urgestein
Danke für dein Beileid.
Nein, einen Brief gibt es nicht. Es war alles so plötzlich. Sie hatte am Tag zuvor noch Gartenmöbel gekauft und schon Pläne für die nächste Woche gemacht. Und eigentlich hatte sie keinen Grund. Ihr Freund ist gerade zu uns gezogen, zu meinem Vater hatte sie ein gutes freundschaftliches Verhältnis. In ihrer Arbeit hatte sie ein paar Probleme mit Kollegen. Aber das ist doch kein Grund aus dem Fenster zu springen.
Oh-oh. Komplizierte Familienverhältnisse. Du mußt verzeihen, ich lese gerne Krimis, und da ist nicht jeder Selbstmord tatsächlich einer, und so eine Konstellation (neuer Freund, gerade eingezogen) wäre zumindest im Krimi hochgradig verdächtig. Vor allem wenn die Diagnose "Depression" vorher gar nicht im Raum stand, sondern erst hinterher "vorausgesetzt" wurde. Probleme hat jeder mal, wenn da jeder automatisch depressiv werden würde, wäre die ganze Menschheit depressiv.
Ich schätze aber mal, daß die Polizei abgeklärt hat, daß keine verdächtigen Machenschaften Dritter vorhanden waren, und man tatsächlich von Selbstmord und nichts anderem ausgehen kann. Das ist soviel ich weiß Standard in solchen Fällen.

Dann besteht aber für die Hinterbliebenen die Gefahr, ein sogenanntes https://de.wikipedia.org/wiki/Überlebensschuld-Syndrom zu entwickeln. Das auch bei privatem Suizid schon eintreten kann, da braucht es keine Großkatastrophe oder einen Krieg dafür. Das ist, wenn einem ein Todesfall so nahe geht, daß man lieber sein eigenes Leben opfern würde, wenn man den Todesfall dadurch ungeschehen machen könnte. Oder wenn man bereit ist, sein eigenes Leben total umzukrempeln - in Richtungen, in die man freiwillig nie gehen würde, weil sie einem nicht liegen - nur um dem Verstorbenen "nachträglich" noch zu gefallen, oder seine (vermeintlichen) Wünsche zu erfüllen. Du schriebst:
Ständig habe ich das Gefühl, dass es weitergehen muss, dass ich damit abschließen muss. Aber auf der anderen Seite ist das immer so eine leise Stimme, die mir sagt, dass ich nicht das Recht habe, wieder in den Alltag reinzufinden.
Ich hatte immer ein massives Problem damit, die Rolle der typischen Hausfrau einzunehmen, aber jetzt schreit eine Hälfte in mir, dass ich das nun sein muss und die andere Hälfte wehrt sich immer noch dagegen, was vermutlich auch daran liegt, dass meine Mutter ein sehr veraltetes und sexistisches Frauenbild vertreten hatte. Frauen müssen die Männer bekochen und den Haushalt schmeißen. Ich war immer der Meinung, dass alle im Haushalt mithelfen konnten. Natürlich half ich gerne im Haushalt und kochte gerne, aber nicht unter der Begründung, dass ich eine Frau bin. Das war auch einer der Gründe, warum wir uns immer gestritten hatten.

Jetzt, wo sie fort ist, bemerke ich so viele Probleme und Ängste, die mich beschäftigen. Da ist dieses Gefühl, dass ich nicht das Recht habe, wieder weiterzumachen und einfach abzuschließen. Dann ist da noch dieses Bild meiner Mutter, das ich nicht vergessen kann. Außerdem habe ich immer das Gefühl, dass sie bei allem was ich mache, bei mir ist und mich stumm kritisiert oder prüft. Wenn ich etwas sauber mache, höre ich sie in meinem Kopf, wie sie mir sagt, was ich alles falsch mache. Ich sehe sie gedanklich mit dem Kopf schütteln, wenn mir ein Essen nicht so gelingt.
Ich möchte am liebsten alles so machen, wie sie es gemacht hatte obwohl ich weiß, dass ich das nie schaffen werde. Ich wünsche mir, dass ich mir mehr von ihr angenommen hätte oder dass wir endlich mal unsere ganzen Probleme ausgesprochen hätten. Dass wir uns wenigstens ein einziges Mal zusammengesetzt hätten und alle Streitereien aus der Welt geschafft hätten. Ich wünsche mir, mich entschuldigen zu können, für all die Dinge, die ich im Zorn zu ihr gesagt hatte.
Seitdem ich zurückdenken kann, habe ich alles in meinem Leben darauf ausgerichtet, dieser Frau zu gefallen, damit sie mir eines Tages mal gesagt hätte, dass sie stolz auf mich ist, mich lieb hat, schließlich war sie nie ein Mensch gewesen, der mit Empathie und Liebe um sich geworfen hatte. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass sie eine narzisstische Persönlichkeit hatte. Ich renne also der Liebe einer Person nach, die mir die wahrscheinlich nie wirklich geben konnte. Jeder sagt mir, dass sie mich und meinen Bruder geliebt hatte und stolz auf uns war. Aber ich kann das nicht glauben.
Merkst Du was? Bei Dir besteht ein ziemliches Risiko, daß Du aufgrund dieses Verlustes, so tragisch er ist, in ungesunde Strukturen (sexistisch, veraltet, narzisstisch, Deine Worte...) hineinrutschen könntest, die Du selbst zwar ablehnst aber jetzt plötzlich irgendwie für nötig oder erstrebenswert hältst, um irgendwelche bewußten (oder noch gefährlicher: unbewußten) Schuldgefühle wegen des Todesfalls zu kompensieren.
Du hast nichts geschrieben, ob Ihr, Du und Dein Bruder, wahrscheinlich auch Dein Vater, psychologische Hilfe erhalten habt. Wenn nicht, wäre es zu empfehlen. Mein Rat in solchen Fällen, wenn jemand zuerst hier um Rat gefragt hat: Ausdruck dieses Threads machen und mitnehmen. Dann hat der Psychologe schon mal alles schwarz auf weiß und kann gezielt Rat geben oder Fragen stellen.
 

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