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Behindertenhilfe - jeden Feierabend total kaputt und genervt von den Leuten

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Gast

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Hallo,

ich arbeite als Arbeitserzieherin in der Behindertenhilfe. Die Einrichtung ist dafür gedacht, Menschen mit Handicap einen sinnvollen Alltag zu ermöglichen. Jedoch bin ich in einer Einrichtung gelandet, in der sehr viel schief läuft, angefangen bei dem nicht durchsetzungsfähigen Chef und den fehlenden Strukturen bis hin zu der Tatsache, dass viele Menschen, die dort arbeiten, eigentlich viel zu "krank" sind für derartige Aufgaben.

Der Arbeitsort ist eine große Produktionshalle, in der es schon häufig zu Unfällen kam, weil die behinderten Menschen oftmals so vollgepumpt sind mit Tabletten wegen ihren Depressionen, Schizophrenie etc. und daher gar nicht merken, dass sie direkt vor eine Hubameise oder einen Gabelstapler rennen.

Mir wurde ein Team aus Behinderten zugeteilt, die teilweise sehr aggressiv reagieren, wenn man sie bloß anspricht und die dann auch handgreiflich werden und eine derartige Kraft entwickeln, dass ich als Frau mit 1,55 und 49 kg da natürlich nicht gegen ankomme. Das Arbeitsumfeld beinhaltet auch Gegenstände, mit denen man sich leicht verletzen kann (Hammer, Zangen, selbst Europaletten wurden schon hochgehoben und nach anderen Leuten geworfen!).

Ich bin der Meinung, dass solche Leute eine intensive Betreuung brauchen, aber die ist in dieser Einrichtung nicht gegeben. Die Arbeitserzieher, die dort arbeiten, sind fast alle ehemalige Hartz IV-Bezieher, die diese Ausbildung absolviert haben, um überhaupt eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Empathie und Feingefühl gegenüber den behinderten Menschen geht daher gen Null, da die meisten keinen Bock auf die Arbeit haben.

Es war eigentlich immer mein Traumjob, mit Menschen zu arbeiten (komme ursprünglich aus dem Bürobereich) und ich habe diese Zweitausbildung freiwillig absolviert, weil ich so viel Gutes darüber gehört habe und mir das Büro auf Dauer zu langweilig und eintönig wurde.

Im Grunde ist es aber so, dass dieser Beruf tatsächlich sehr überlaufen ist und es weit mehr Bewerber gibt als freie Stellen. Ich bewerbe mich ständig in anderen Einrichtungen wegen den katastrophalen Zuständen hier, aber überall heißt es, dass man schon feste Arbeitserzieher hat und keinen weiteren brauchen kann.

Das für mich größte Problem ist, dass ich täglich schon total angespannt zur Arbeit komme und es natürlich nicht besser wird, wenn ich sehe, dass ich mein Team nicht zum Arbeiten bewegen kann. Da wir aber eine bestimmte Stückzahl produzieren müssen, muss ich selber das aufarbeiten, was die behinderten Menschen in meinem Team nicht machen wollen und so stehe ich täglich fast 8 Stunden am Band oder erledige sonstige Aufgaben, die oftmals mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind.

Die Behinderten sind da nur eine weitere Belastung, da sie nicht arbeiten wollen, indem sie sich einfach komplett verweigern und auch beleidigend und aggressiv werden, oder sie helfen maximal 5 Minuten mit und laufen dann weg. Egal wie sehr ich versuche, die Arbeit interessant zu gestalten oder die Leute zu motivieren, sie haben einfach keinen Bock und zeigen das auch sehr deutlich.

Seit ich dort arbeite, bin ich jeden Abend nur noch genervt, frustriert und könnte einfach nur noch losheulen. Mein privates Umfeld leidet darunter natürlich auch, weil ich ständig meine Ruhe will und schnell gereizt bin.

Bitte gebt mir einen Rat, was ich tun kann. Klar könnte ich kündigen, aber dann stehe ich ohne Job da.
 

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spamburger

Sehr aktives Mitglied
Ich sehe solche Einrichtungen sehr kritisch. Es scheint ja offenbar so, dass die Leute dort nicht freiwillig sind und die Sinnhaftigkeit ihrer Aufgabe dort nicht sehen (falls es eine solche Sinnhaftigkeit gibt, was ich eher bezweifle). Einige sind offenbar auch gar nicht in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen. Kein guter Weg, wie ich finde. Leider hilft dir das nicht, denn du kannst das ja leider nicht entscheiden. Glücklich wirst du da aber sicher nicht. Ich könnte es nicht mit mir selbst vereinbaren, andere zu einer Sache anzuleiten, von der ich nicht überzeugt bin. Daher könnte ich auch so einen Job nicht machen.

Ich habe als selbst psychiatrieerfahrener Mitarbeiter in einem Verein mit anderen Psychiatrieerfahrenen zu tun, sowohl als Kollegen wie auch Besucher. Ich erkenne dort den Sinn und die Wichtigkeit der Arbeit, die wir machen. Denn wir bieten den Leuten was an, sie kommen gerne zu uns. Da freuen die sich und wir freuen uns. Tagesstruktur, soziale Kontakte, Vermeidung von Isolation etc. sind auf unserer Seite nur ein positiver Nebeneffekt. Ein Mensch, der dafür bekannt ist, dass er mit dem Messer auf andere los geht, dürfte bei uns gar nicht arbeiten, schon gar nicht auf "Positionen" mit Publikumsverkehr. Und, wir bekommen etwas Geld dafür und müssen das nicht an den Sozialhilfeträger abführen, dass er davon unseren Platz in der Außenwohngruppe oder gar im Heim bezahlt. Mal ein paar Zahlen aus dem vergangenen Jahr aus Sachsen: Ein Bewohner einer AWG bekam 240 Euro monatlich Eingliederungshilfe und durfte 90 Euro dazuverdienen. Und da gibt es wirklich Leute, die gehen dafür 8 Stunden am Tag in der WfbM arbeiten. Ein ALGII-Empfänger hat mehr Geld, selbst wenn er den ganzen Tag vor Rewe Bierchen trinkt. Da würde ich mich als Behinderter aber mal richtig verarscht fühlen. Da verstehe ich, dass die Menschen da keine Lust auf die Arbeit haben. Dafür kannst du natürlich nichts, verstehe mich bitte nicht falsch.

Vielleicht kannst du mir ja den Sinn der Einrichtung erklären. Wenn du es schaffst, mich zu überzeugen, dann schaffst du es vielleicht, zumindest einige deiner "Untergebenen" (Pfleglinge, Zöglinge, Patienten, wie heissen die eigentlich bei euch?) auch vom Sinn zu überzeugen. Und dann werden sie vielleicht mitziehn. Wenn du aber sagst, naja, eigentlich hat der spami schon recht, es ist wirklich so, dann würde ich ernsthaft ans Aufhören denken. Vielleicht nicht selber kündigen, aber intensiv was neues suchen oder auch mal beim Onkel Doktor nen gelben Schein holen.
 

Adria78

Aktives Mitglied
Ich halte weg bewerben für das einzig richtige. Vielleicht solltest Du auch in Dich gehen und überlegen, was Dir noch Spaß machen würde. Vielleicht als Erzieherin arbeiten? O.K., das hast Du nicht direkt gelernt. Aber es ist doch ein Beruf, der auch in diese Richtung geht und viel gesucht wird. Ich denke, man würde Dich da auch mit Deiner Ausbildung sehr gerne nehmen als Quereinsteiger. Oder andere Bereiche. Einfach um das auszuweiten für Dich.

Ich finde es auch sehr erschreckend, was Du da schreibst. Besonders da ich weiß, das viele Leute in diesem Beruf umgeschult werden. Ich hatte mal eine depressive Freundin die unter Mobbing litt. Die haben ihr das als Umschulung vermittelt. Jetzt habe ich keinen Kontakt mehr, aber wenn ich Deinen Beitrag lese, ist das ja wirklich komplett der falsche Job für Menschen die selbst mit sich kämpfen müssen.
 

Hephaistos

Mitglied
Melde diese Arbeitssituation und die dortigen Verhältnisse bei deinem Arbeitgeber unbedingt an die dafür zuständigen Stellen in der Gemeinde und beim Bundesland. Es herrschen dort offensichtlich unmenschliche Verhältnisse, bei denen ALLE - auch du - auf der Strecke bleibst.
 

Bierdeckel111

Aktives Mitglied
Wenn ich schon lese. Behinderte müssen einen bestimmten Tagessoll erfüllen. Da frag ich mich arbeitest du in einer Behindertenwerkstatt oder in einem KZ? Die Behinderten sollen dort freiwillig arbeiten und weil sie unter Leute kommen sollen und nicht zur Zwangsarbeit verdonnert werden. Wie mein Vorposter schon geschrieben hat würde ich diesen Laden den Behörden melden und vielleicht auch die Presse einschalten. Sowas darf es in der heutigen Zeit nicht mehr geben!
 
L

Leopardin

Gast
Das ist wieder mal ein grandioses Beispiel dafür, wie viele Missstände es in den sozialen Berufen - und auch anderswo - gibt. :/ - ich kann ja auch mal ein Beispiel anführen: ich bin selbst Beifahrerin/Betreuerin bei der Behinderten-Personenbeförderung gewesen (darf hier ja aber keine Unternehmensnamen nennen) und was die dort auch teilweise für ein Personal hatten, in Bezug auf die Fahrer: das sind oft die letzten Idioten.
Ich habe das ja damals als Übergangsjob gemacht und mir hat das echt Spaß gemacht ansonsten. Gerade bei mir haben die es auch alle sehr bedauert, dass ich damals aufhören musste: ich bin meine Ausbildung im anderen Bundesland dann angegangen.

Diese Fahrer teilweise sind die letzten Vollhorste: Nazis, Behindertenfeindliche, Schlägertypen, Typen die Frauen belästigen usw.
Ich hatte damals arge Probleme mit einem der Fahrer, habe mich aber zur Wehr gesetzt und unter Tränen meinen Chef angerufen und den unter Druck gesetzt, dass ich mich dazu gezwungen sehe zu kündigen, wenn den Behinderten und mir weiterhin dieser eine Fahrer zugemutet wird.
Da sich schon andere Leute beschwert hatten - auch die aus den Behinderten-Einrichtungen - haben die den gefeuert...

Also wenn man wirklich solche Zustände vorfindet - einerlei ob nun im Behindertenbereich oder auch in anderen Jobs - dann würde ich immer dazu raten, sich krank schreiben zu lassen - so wie Spamburger ja oben auch schreibt - und damit die Kündigung provozieren oder eben sich parallel in der Krankheitsphase schon was Anderes suchen und fristgerecht kündigen.
Manche Arbeitgeber verdienen es nicht anders.
 
L

Leopardin

Gast
Ich kann noch ein weiteres Beispiel geben:

ich war bis vor kurzem auch in einer Einrichtung beschäftigt, die sich um Menschen mit sozialen/kognitiven Benachteiligungen beschäftigt - ich kann/darf hier aber nichts Näheres dazu nennen.

Die Mitarbeiter und auch die Führungspersönlichkeit (ich nenne das mit Absicht so... ironisch :D ) sind die reine Katastrophe gewesen.
Wen man bedenkt, dass die Menschen helfen sollen/wollen. Solche A********* auf ganzer Linie.
Nur Getratsche, schlechtes Reden über die Patienten/Klienten...

Ich habe dafür gesorgt, dass ich ohne spätere Sanktion vom Amt, dort raus komme. ;)

Ganz ehrlich, ich unterstütze so was nicht...

werde dann irgendwann mein eigenes Ding aufziehen.
 
G

Gast

Gast
Hallo nochmal (ich bin die TE). Die Einrichtung ist eine Art Lager mit Produktionshalle, die eigens zu dem Zweck von einem bekannten Automobilzulieferer gebaut wurde, um billige Arbeitskräfte (die behinderten als auch die Nicht-behinderten Menschen) für sie arbeiten zu lassen.

Die Haupttätigkeit besteht darin, in einer Waschhalle in eine riesige extrem laute Maschine diverse Kisten zu schieben, die gesäubert werden müssen und am Ende vom Band muss man sie runternehmen, auf Europaletten stapeln und auf den Hof fahren mit dem Hubwagen. Allein die Arbeitsbedingungen in dieser Halle sind unter aller Kanone. Im Sommer wird es in der Halle bis zu 45 Grad heiß und auch generell ist es eine kaum auszuhaltende Schwüle, dazu noch die körperliche Arbeit unter Zeitdruck.

Da die behinderten Menschen diese Aufgaben nicht korrekt erfüllen können, weil die verschiedenfarbigen Kisten unterschiedlich hoch gestapelt und sortiert werden müssen, muss ich das immer machen, zusammen mit anderen Arbeitserziehern. Im Grunde also ein stupider Produktionsjob.

Weitere Aufgaben sind das be- und entnageln dieser Kisten.

Die behinderten Menschen heißen bei uns "Kunden", was ich auch gewissermaßen lieblos finde. Verdienen tut man hier generell sehr wenig. Ich komme brutto auf 1.300 Euro, die behinderten Menschen erhalten grade mal 175 Euro brutto.
 

Adria78

Aktives Mitglied
Wenn ich schon lese. Behinderte müssen einen bestimmten Tagessoll erfüllen. Da frag ich mich arbeitest du in einer Behindertenwerkstatt oder in einem KZ? Die Behinderten sollen dort freiwillig arbeiten und weil sie unter Leute kommen sollen und nicht zur Zwangsarbeit verdonnert werden. Wie mein Vorposter schon geschrieben hat würde ich diesen Laden den Behörden melden und vielleicht auch die Presse einschalten. Sowas darf es in der heutigen Zeit nicht mehr geben!
Soetwas gibt es einfach viel zu oft in der heutigen Zeit. Und es wird leider auch viel zu oft darüber geschwiegen.

Ich drücke aber unseren Gast beide Daumen, das sie bald da raus ist!
 

spamburger

Sehr aktives Mitglied
Es ist also so, wie ich es mir gedacht habe. Ein schöner Weg, um den Mindestlohn zu umgehen, denn es wird sicher kein normales Arbeitsverhältnis sein, es sind ja Behinderte, also heissts anders und da gehts wieder (heisst dann bestimmt Arbeitstherapie o.ä.). Das ist an Frechheit kaum noch zu unterbieten. Blöderweise wirds erlaubt sein und die Behörde wird die Leute dahin zuweisen. Da müsste man ganz woanders ansetzen, eine Beschwerde über den Betrieb wird da nicht reichen, es wird den Behörden bekannt sein. Die wollen die Kranken aber auch nicht um sich haben, also sind sie froh, wenn sie diese dorthin abschieben können. Das ganze System ist ne Frechheit. Wenns wenigstens gemeinnützig wäre, zum Beispiel dass die Behinderten ein Sozialcafe für andere Behinderte (und auch Nichtbehinderte) führen. Aber hier verdient sich ein Automobilzulieferer ne goldene Nase. Da find ich es fast wieder gut, dass die Leute da abdrehen und alles zerkloppen, damit der Herr Vorstandschef mal spürt, was er falsch macht. Dummerweise werden dann aber wahrscheinlich die Arbeitserzieher (schon dieses Wort) zur Rechenschaft gezogen. Das würde ich niemals freiwillig machen.
 

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