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Thema: xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

  1. #1
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    Standard xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

    Eine harte Gnade


    Ich hatte einen Bruder namens Ranbir. Er war einige Jahre älter als ich. Er wurde sinnlos ermordet. Heute ist mein Trauertag für ihn.

    Ich ging zum Arzt und traf ihn dort. Neugierig wie ich auf Menschen bin, sprach ich ihn an und fragte, wo er denn herkomme. Mit seinem fürchterlichen Englisch erzählte er mir von seiner Heimat Punjab in Indien. Dabei wollte er mir die Fotos seiner Frau und seinen Kindern zeigen. Dabei vielen ihm alle Fotos auf den Boden, weil er keine vernünftige Foto- und Brieftasche hatte. Ich sagte ihm, er solle nach dem Arztbesuch auf mich warten. Das tat er.

    Ich fuhr mit ihm zum Kaufhof, wo ich ihn erstmal mit einer vernünftigen Foto- und Brieftasche versorgte. Dann fuhr ich ihn zu seinem Zuhause, einem Asylheim. Er wollte nicht, dass ich mit reinkomme. Aber er lud mich ein, am Sonntag zu ihm zum Essen zu kommen. Ich kam. Die Türen des Asylheims, Flure und Boden waren dreckig und beschmiert. Als ich an seiner Türe klopfte und er öffnete, lachte er mich an und meinte „welcome“. Mir war, als ob ich durch seine Augen in sein Herz sehen konnte. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so offene, tiefblickende und ehrliche Augen hatte. Mit seinem Lachen ging die Sonne auf.

    Er erzählte mir, dass er aus Glaubensgründen aus Indien geflohen sei. Durch einen Missionar wäre er ins Nachdenken gekommen und hätte sich entschieden, an Jesus Christus zu glauben und dem Hinduismus den Rücken zu kehren. Damals arbeitete er als Schweißer bei der indischen Armee.
    Man fragte ihn, wenn er doch Christ sei, warum er dann nicht in christlichem Land wohne? Und dann strich man ihm die Zulage für das Schuldgeld seiner Kinder. Er protestierte öffentlich. Er wurde daraufhin von der Polizei verhaftet und im Gefängnis verprügelt. Dann wurde er entlassen mit der Auflage, nie wieder zu protestieren. Aber er ging wieder auf die Straße und protestierte gegen die ungleiche Behandlung. Und wieder wurde er verhaftet. Und wieder wurde er von der Polizei verprügelt. Als er entlassen wurde, drohte man ihm, dass nächste Mal würde man ihn totschlagen. Und auch jetzt ging er wieder auf die Straße zum Protest. Seine Freunde fingen ihn ab, als er abends nach Hause wollte. Die Polizei würde bei ihm zuhause schonauf ihn warten. Er musste über die Grenze nach Pakistan fliehen. So kam er nach Deutschland.

    Ranbir nahm ich mit zu meiner Familie. Meine Oma wurde seine Oma. Meine Mutter wurde seine Mutter. Meine Geschwister und ich wurden seine Geschwister. Er ging mit in meine Gemeinde. Noch heute sehe ich ihn, wie er unter dem Weihnachtsbaum sitzt und seine Bibel liest. Da kam mein kleiner Sohn und fragte ihn, ob er die eingewickelte Schokolade nehmen dürfe, die an einem Zweig hing. Ranbir hatte nichts verstanden und sagte nur ganz gütig „ja, ja“ und lächelt den Vierjährigen an. Da zog mein Sohn an der eingewickelten Schokolade und der ganze Baum fiel auf Ranbir. Ranbir kochte bei uns indisch und so scharf, dass er das Essen wegen der Gewürze aufteilen musste. Einmal scharf für ihn und mich, einmal milde für die Familie.

    Er bewarb sich als Schweißer bei einer deutschen Firma. Er bekam den Job. Da er nicht Kunststoffschweissen gelernt hatte, wurde er zu einer Fortbildung geschickt. Mangels ausreichender Deutschkenntnisse konnte er dem Unterricht nicht ganz folgen. Trotzdem erhielt er eine Abschlußnote von 95%, während die besten Kollegen über 80% nicht hinauskamen. Die deutsche Firma besorgte ihm ein Appartement. Da erhielt er ein Angebot einer anderen deutschen Firma. Das lehnte er ab, trotz höherem Lohn, weil, wie er sagte: Die erste deutsche Firma hat für mich gesorgt und deshalb bleibe ich bei ihr.

    Er hatte immer Probleme mit Heimweh nach seiner eigenen Familie. Einmal bestellte er für uns alle indische Seide und wir mußten uns wie Inder im Punjab kleiden. Wir sahen verboten aus. Dann kam der Tag, an dem er mich anrief: Er wollte unbedingt zurück zu seiner Familie. Ich sagte ihm, dass er seine Familie nicht sehen würde, denn er müsse damit rechnen, beim Aussstieg aus dem Flugzeug verhaftet zu werden und er wisse ja, was ihm angedroht wurde. Aber er meinte, es sei ihm egal. Er wollte es versuchen, weil er seine Frau und seine Kinder vermisst. Ich solle für ihn beten. Damit Gott ihm hilft und ihm einen guten Weg zeigt. Wir weinten beide am Telefon. Ich sollte ihm helfen, aber ich wusste ausser beten nicht, was ich hätte tun können. Und er weinte, weil ihn die Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern zerriss.

    Eine Woche später war er tot. Er hatte sein Heimweh mit einem indischen Freund in seinem Appartement mit einer Flasche Rotwein zu mildern versucht. Da hörte er Hilfe-Schreie aus dem Hausflur. Er lief in den Hausflur und sah, dass ein junger Türke (ca. 18 Jahre) unbedingt in das Appartement einer dort wohnenden deutschen Frau wollte. Diese rief um Hilfe. Als Ranbir in den Hausflur trat, lief der junge Türke weg, genau auf Ranbir zu. Er hatte ein Messer in der Hand. Ranbir hat es wohl nicht gesehen, keine Ahnung. Der junge Türke stach zu. Der Stich ging sofort ins Herz von Ranbir.


    Ich dachte damals: Das war Gottes Lösung. Ich hätte mir eine andere Lösung für Ranbir gewünscht. Ranbir war zerrissen. Hier in Deutschland war er unglücklich und in Indien hätte man ihn wohl tot geprügelt. Ich nenne diesen Ausgang „eine harte Gnade“. Ich bin schon davon überzeugt, dass es ihm im Himmel gut geht. Aber ich hätte mir eine für mich bessere Lösung gewünscht, denn ich blieb traurig zurück und bin froh, dass mich und meine Tränen jetzt niemand sieht. Indianer weinen nicht. Blöder Spruch! Aber mir fällt nichts Kluges ein. Ich bin nur unendlich traurig.


    Nordrheiner



  2. #2
    kasiopaja
    Gast

    Standard AW: xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

    ----------
    Geändert von kasiopaja (08.06.2016 um 09:38 Uhr)

  3. #3
    Registriert Avatar von kraeiouss
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    Standard AW: xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

    Traurige Geschichte, Nordrheiner. Mein herzliches Beileid für deinen verstorbenen Freund, der wie ein Bruder für dich war.
    "Don´t judge me. You could be me in another life." ~ Sting

  4. Für den Beitrag danken: Fadeaway, Nordrheiner

  5. #4
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    Standard AW: xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

    Das ist sehr traurig und tut mir für Dich, Deine Familie aber vorallen für Ranbir und deren Frau und Kinder sehr leid. Er wollte doch nur ein besseres Leben, wollte einer deutschen Frau helfen und verliert dadurch sein Leben. Das tut wirklich sehr Leid, mein aufrichtiges Beileid.

    @
    kasiopaja
    Lies bitte den Beitrag von Nordheiner nochmal genau. Da war kein Türke in Indien, das ganze hat hier in Deutschland stattgefunden. Und zwar weil ein Inder einer deutsche Frau helfen wollte. Glaubst Du nicht, das Dein Beitrag hier in diesem Thread bei so einem traurigen Thema ganz falsch am Platz ist.
    *********************************************************
    Die Zeit heilt keine Wunden, man gewöhnt sich nur an den Schmerz ....

    ************
    Ihr könnt mich ruhig hassen, denn der Mensch, der mich am meisten hasst, bin immer noch ich selbst.

    ************
    Kennst Du das Gefühl, wenn Du schreien willst, doch es geht nicht?
    Kennst Du das Gefühl, wenn Du weinen willst, doch es geht nicht?
    Kennst Du das Gefühl, wenn Du sterben willst, doch es geht nicht?

  6. Für den Beitrag danken: Fadeaway, Metallworker, Nordrheiner, pecky-sue

  7. #5
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    Standard AW: xx Trigger Gewalt xx Eine harte Gnade

    Huhu Nordrheiner,

    es tut mir wirklich leid, was Ranbir passiert ist. Es ist so...ungerecht und sein Tod sinnlos.
    Ranbir hat alles für ein gutes Leben getan und wurde so sinnlos aus dem Leben gerissen.

    Ich hoffe das Ranbir, aber auch ihr alle, Frieden gefunden habt und der Mörder seine Strafe erhalten hat.

    Liebe Grüße
    SchwarzeSeele
    ★☆★☆★☆★☆★☆★☆★☆★☆

    Ich fühle mich tot, tief in mir drin,
    nur der Schmerz lässt mich wissen,
    dass ich noch am Leben bin.

    ★☆★☆★☆★☆★☆★☆★☆★☆

  8. Für den Beitrag danken: Fadeaway, Nordrheiner, Shorn

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