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Thema: Trauer einer "fremden" Person, wie damit umgehen?

  1. #1
    Gast
    Gast

    Standard Trauer einer "fremden" Person, wie damit umgehen?

    Hallo,
    ich habe vielleicht ein ungewöhnliches Problem aber ich denke, dass mir in diesem Forum trotzdem geholfen werden kann. Ich bin 40 Jahre, verheiratet und von Beruf Fahrlehrer. Ich mache meinen Beruf mit all seinen Höhen und Tiefen gerne, jedoch stehe ich zur Zeit vor einem größeren Problem:

    Anfang des Jahres hat sich ein 18jähriges Mädchen in der Fahrschule angemeldet, um seinen Auto-führerschein zu machen. Bis hierhin nichts Ungewöhnliches. Im Theorieunterricht und in den ersten Fahrstunden habe ich sie etwas näher kennengelernt und mich gut mit ihr verstanden. Letzten Samstag hatten wir einen Termin für ihre nächste Fahrstunde vereinbart. Ich fuhr also zu ihr nach Hause, um sie abzuholen. Doch weder sie war Zuhause anzutreffen, noch ihre Eltern öffneten mir die Tür. Etwas verärgert, dass sie den Termin nicht abgesagt hatte fuhr ich also wieder nach Hause und konnte nichts weiter machen, als dort 90 Minuten auf die nächste Fahrstunde mit einem anderen Fahrschüler zu warten.

    Nachmittags erfuhr ich jedoch in einem Gespräch mit meinem Chef, dass etwas Schreckliches pas-siert war. Die Eltern des Mädchens sind bei einem Autounfall im Ausland ums Leben gekommen. Die beiden wollten von Mittwoch bis Samstag gemeinsam einen Urlaub verbringen und waren schon wieder auf dem Rückweg, als sie tödlich verunglückten - wohlbemerkt traf sie selbst keine Schuld. Mir war natürlich sofort klar, warum das Mädchen morgens den Termin nicht wahr genommen hatte und warum niemand bei ihr Zuhause war. Im weiteren Gespräch mit meinem Chef erfuhr ich noch, dass das Mädchen zwar einen Bruder hat, dieser aber mit seinen 22 Jahren am anderen Ende Deutschlands wohnt und kaum noch Kontakt zu seiner Familie hat. Die anderen Verwandten des Mädchens wohnen ebenfalls weiter weg, jedoch ist sie wohl zunächst bei ihrer Tante, die etwa 100km entfernt wohnt, untergekommen.

    Den restlichen Tag kreisten meine Gedanken nur um dieses Ereignis, was sich im Übrigen ziemlich schnell in der Umgebung rumgesprochen hat und somit schnell überall Gesprächsthema wurde. Beim Einkaufen wurde ich angesprochen, wie es dem Mädchen ginge, ich würde es ja schließlich kennen. Eine Antwort konnte ich natürlich nicht geben, da ich ja selbst noch nichts genaueres wusste. Abends unterhielt ich mich mit meiner Frau darüber und sagte ihr auch ganz offen, dass mich das ganze irgendwie "belastet". Sie konnte es verstehen und machte den Vorschlag, dass ich mich in zwei Tagen (Montag) ja mal bei dem Mädchen telefonisch melden könnte. Ihre Handynummer hatte ich ja. Gestern Nachmittag tat ich das dann - trotz großer Überwindung - auch. Ich sagte ihr, was ich gehört hatte und fragte sie, wie es ihr jetzt ginge. Wir redeten nicht lange miteinander, sie wirkte auch gestresst, jedoch sagte sie mir, dass sie gegen Abend von ihrer Tante wieder nach Hause gebracht werden würde und wir dann vielleicht nochmal kurz reden könnten, wenn ich Zeit und Lust hätte. Ich sagte ihr, dass dies klar ginge und ich abends dann mal bei ihr vorbei schauen würde. Sie wirkte zwar nicht besonders erfreut, aber immerhin hatte sie mir ja Angeboten nochmal miteinander zu reden. Also fuhr ihr abends zu ihr.

    Als ich an der Haustür klingelte, machte sie mir offen und ließ mich herein. Auf die Frage hin, ob ihre Tante gerade nicht da wäre, antwortete sie nur knapp, dass diese wieder nach Hause gefahren sei. Mich wunderte das natürlich und ich fragte, wer denn jetzt bei ihr übernachten würde. Ihre Antwort: Niemand. So kamen wir dann auch relativ schnell ins Gespräch. Mir fiel das ganze ziemlich schwer. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber ich hatte den Eindruck, dass es ihr nicht anders ging. Da sie ja 18 und somit volljährig ist, konnte ihr natürlich keiner verbieten alleine zu bleiben, auch wenn das meiner Meinung nach nicht der richtige Weg nach so einem Ereignis ist. Von etwas anderem konnte ich sie allerdings auch nicht überzeugen. Wir redeten weiter, ich sagte ihr, dass sie sich um den Führerschein erstmals keine Gedanken machen soll und, dass sie das erst mal hinten anstellen soll. Schwierig war für mich vor allem, dass sie während des ganzen Gesprächs zunächst überhaupt nicht aus sich raus kam, was natürlich auch verständlich ist. Ich bin ja nur ihr Fahrlehrer und so lange kennen wir uns ja noch nicht. Außerdem weiß ich, dass sie eher schüchtern ist und kein Mensch, der viel redet. Da konnte ich es verstehen, dass sie in so einer Situation noch ruhiger ist als sonst.

    Nur irgendwann kam dann das, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte und was mich noch mehr überfordert hat. Sie fing ganz plötzlich an zu weinen, was ja nichts Ungewöhnliches ist. Jedoch redete sie auf einmal auch viel mehr. Sie erzählte mir so viel, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Von ihrer Familie, die alles andere als harmonisch war; von ihren Verwandten, die alle weiter weg wohnen und zu denen der Kontakt nicht gerade gut ist; und auch von ihrer Angst, weil sie nicht weiß, wie es jetzt weiter gehen soll. In so einem Moment erwartet man von einem "Lehrer", der auch pädagogisch ausgebildet wurde ja eigentlich, dass er weiß, wie man sich am besten verhält. Doch ich war wirklich überfordert. Ich hab sie in den Arm genommen und versucht sie zu beruhigen - so wie man halt normalerweise jemanden tröstet. Aber irgendwie kam ich mir komisch dabei vor. Vielleicht lag das ja auch nur daran, dass sie für mich ja doch eher "fremd" ist und ich mich mit so einer Situation nicht auskenne, da ich es so noch nie erlebt habe. Nachdem wir dann noch weiter geredet haben bzw. einfach nur "rumsaßen", bin ich dann irgendwann, als es schon recht spät war, nach Hause.

    Die ganze Situation hat mich nicht ruhig schlafen lassen.
    1. weil ich immer dachte, ich hätte mich irgendwie falsch verhalten.
    2. weil ich kein gutes Gefühl dabei hatte, sie alleine zu lassen.
    3. weil ich weiß, dass das ganze jetzt nicht einfach vorbei und erledigt ist, sondern, dass ich sie noch öfter treffen werde und irgendwie mit ihr umgehen muss.

    Ich habe ihr gesagt, dass ich mich in den nächsten Tagen nochmal melden werde. Sie wirkte darauf-hin ganz froh und ich hatte das Gefühl, dass sie glücklich war, dass sie nicht alleine gelassen wird. Auch wenn ich selbst gar nicht weiß, wie ich mit ihr umgehen soll und was ich machen soll.
    Ich glaube ich hab mich in meinem ganzen Leben noch nie so überfordert gefühlt. Meine Fragen an euch wären nun, wie ich weiter handeln soll? Soll ich sie überreden, zu ihren Verwandten zu ziehen? Auch wenn sie das gar nicht wirklich will? Oder soll ich sie einfach machen lassen? Wann soll sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen? Erst dann, wenn sie selbst will, oder muss das sofort sein?
    Ich glaube nicht, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen will, aber natürlich weiß ich, dass sie das muss. Alleine kann man so etwas nicht schaffen.

    Und eine - eigentlich sogar die aller erste - Frage wäre noch, ob ich ihr überhaupt meine Hilfe anbie-ten soll, oder mich das alles gar nichts angeht? Sie tut mir leid, aber eigentlich bin ich ja auch nicht für sie verantwortlich. Sollte ich lieber nur das Nötigste mit ihr reden und mich ansonsten lieber von ihr distanzieren?

    Fragen über Fragen, aber vielleicht könnt ihr mir ja eure Meinung dazu mitteilen. Ich denke, dass würde mir schon sehr helfen. ;-)

  2. #2
    Kena
    Gast

    Standard AW: Trauer einer "fremden" Person, wie damit umgehen?

    also ich finde es ganz toll von dir dass du dir solche gedanken machst. und ich fand deine reaktion auf den tränenausbruch auch sehr gut! mehr kann man da auch garnicht machen als jdn tröstend in den arm zunehmen

    es ist natürlich nicht deine pflicht, aber wenn du ihr helfen möchtest, würde ich auf jeden fall ein auge auf sie behalten!

    schau ab und zu bei ihr vorbei und versuche den kontakt zuhalten. du kannst sie ja auch mal zu euch einladen zum essen oder so...damit sie nicht 24 stunden am tag alleine rumsitzt!

    ich würde mich jedenfalls vorerst "langsam" rantasten und nicht böse sein wenn sie manchmal ablehnt oder abweisend ist!

    frag sie vorallem mal ob sie freunde hat die sich um sie kümmern oder ob sie jetzt ganz auf sich gestellt ist? ich halte es für bedenklich ein so junges mädchen in so einer situation allein zulassen (von seiten der tante zum beispiel)!

    aber mach dir auch keinen allzu großen kopf. sei einfach geduldig und liebevoll und signalisiere ihr dass sie jederzeit anrufen kann.... das gibt ihr sicher schon mal ein besseres gefühl!

    lg, kena

  3. #3
    Registriert Avatar von sapphyr
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    Standard AW: Trauer einer "fremden" Person, wie damit umgehen?

    Hallo,

    ich bin nicht mehr ganz so jung wie deine Fahrschülerin, aber als letztes Jahr mein Vater gestorben ist, da habe ich sehr viel mit meinem Vorgesetzten geredet, zu dem ich auch ein freundschaftliches Verhältnis habe.

    Er ist ein wichtige Autoritätsperson, jemand den ich respektiere, dennoch besteht ein gewisses Vetrauensverhältnis. Vielleicht ist das bei deiner Schülerin ähnlich. Sie braucht jemand, der ihr etwas Halt gibt, aber auch etwas Abstand zu der ganzen Sache hat.
    Ich finde, du hast dich sehr gut verhalten.

    LG
    Sapphyr
    ----------------------------------------------

    Manche Menschen haben einen Gesichtskreis vom Radius Null und nennen ihn ihren Standpunkt.

    (David Hilbert)

  4. Für den Beitrag dankt:

  5. #4
    Gast
    Gast

    Standard AW: Trauer einer "fremden" Person, wie damit umgehen?

    Hallo,
    erstmal vielen Dank für eure Antworten. Auch, wenn ich bis jetzt noch nicht geantwortet hatte, fand ich eure Antworten doch sehr hilfreich.
    Seit dem Vorfall habe ich nun regelmäßigen Kontakt zu dem Mädchen. Sie ist schon nicht mehr ganz so "verstört" wie am Anfang, jedoch habe ich nicht das Gefühl, dass es ihr schon besser geht. Morgen hat sie ihren ersten Termin bei einem Psychologen. Es hat lange gedauert, bis man sie davon überzeugen konnte dorthin zu gehen und es gab deshalb auch eine Auseinandersetzung zwischen uns beiden, wo ich wirklich kurz davor war den Kontakt abzubrechen. Ich hab mir dann allerdings klar gemacht, dass sie nichts für ihr Verhalten kann und ich sie vielleicht auch etwas unfair behandelt hatte. Das ganze hat sich dann zum Glück alles wieder geklärt.

    Zur Zeit wohnt sie bei der Familie ihrer besten Freundin. Ich habe die Eltern ihrer Freundin zwar nur kurz kennengelernt, aber ich bin mir sicher, dass sie dort gut aufgehoben ist. Zu ihren anderen Freunden und Freundinnen sowie deren Eltern hat sie auch ein gutes Verhältnis und wird von diesen auch gut Unterstützt soweit ich das mitbekomme. Den Kontakt zu ihrer Tante hat sie allerdings so gut wie abgebrochen, was meiner Meinung aber auch nicht unbedingt falsch ist. Die Frau hat anscheinend sowieso kein Verantwortungsgefühl und kommt mit ihrem eigenen Leben schon nicht klar.

    Letztlich bin ich froh, so gehandelt zu haben. Unser Verhältnis zueinander ist freundschaftlich und ich versuche sie so gut es geht zu unterstützen. Wir sehen uns zwar nicht täglich, aber ich glaube das ist auch nicht nötig. Ich denke, manchmal reicht auch schon eine kurze SMS, um ihr zu zeigen, dass sie sich immer bei mir melden kann, wenn sie Hilfe benötigt. Wenn wir etwas zusammen unternehmen habe ich immer das Gefühl, dass sie manchmal wirklich gut abgelenkt ist und trotz ihrer Trauer auch Spaß haben kann. Manchmal kommt sie auch zur Fahrschule und hilft mir da ein wenig. Ich denke, sie braucht einfach Aufgaben und Ablenkung.

    Ich werde mich nochmal melden und berichten, wie es ihr geht und ob der Psychologe ihr helfen kann. Und nochmals vielen Dank für eure Antworten. ;-)

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