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Thema: aus dem Tagebuch eines Psychiatrie-Patienten

  1. #1
    RoNa
    Gast

    Standard aus dem Tagebuch eines Psychiatrie-Patienten

    Violett ist keine Farbe

    Nicht alles war ja violett. Manchmal erinnerte er sich. Das heißt: das Erinnern gelang ihm. An Dinge, die schon weit zurücklagen. Und dabei rück-sah er, dass alles eher schwarz, jedenfalls dunkelgrau gewesen sein musste. Wie er da an der Tür stand und zitterte und jegliches Ansinnen mit unsteter Stimme ablehnte und fragte, was sie wohl denken würden, wenn sie ihn so sähen. Zu diesem Zeitpunkt schien nur ein mattes Licht durch das milchige Fensterglas der geschlossenen Küchentür, das die Schwärze der Diele grau erscheinen ließ. Lila war das nicht. Nichts war lila. Seine Farben hatten sich zurückgezogen, und er irrte hilflos in den Räumen umher, um sie zu suchen. Das Fernseh-Bild blieb immer zehn mal zehn Zentimeter groß, und wenngleich er niemals am nächsten Tage wußte, ob er dort etwas gesehen hatte, brauchte er es doch. Der Hund wimmerte. Später klarte es auf, dass der Bauchschmerzen hatte, die er dann im Busch vor der Haustür verlor. Zwei Uhr nachts wachte man sowieso auf, da war es egal, ob der Hund Bauchschmerzen hatte. Und dunkel war es sowieso immer. Und es gab nur einen einzigen Gedanken: den an den Tod, - an dessen Wann, dessen Wie. Durch die Starre, diese totale Antriebshemmung, blieb er an seiner harten Unterlage kleben. Was ist schon ein Balkon-Stuhl. Etwas anderes passte nicht in die Ecke neben dem kleinen Heizkörper, der aus Kostengründen die Verantwortung für Wärme-Erzeugung übernehmen sollte Leider schaffte er das nicht. Und so zog man viele Kleidungsstücke übereinander, denn es war Winter.
    Die hiesige Thematik hätte eher ‚Angst’ heißen müssen. Angst davor, Entscheidungen treffen zu müssen, mit Leuten zu reden, den Hund zu versorgen – und vor allem, nichts über die Krankheit zu erfahren, die seine Seele, vielleicht auch seinen Geist, zerstört hatte. Er rief dann den Notarzt und hatte wiederum Angst, dass sie die Sirene anstellen würden und alle erführen, dass er noch lebe, wenn auch gefährdet. Der Notarzt schrieb etwas auf einen Zettel, das er erst Tage später las, weil sie außer einem zu hohen Puls („der ist zu hoch“) nichts gefunden hatten. Und sie wollten ihm Valium nicht spritzen; er solle sich Tabletten holen, was er nicht tat. Solche Drogen lösten den Kleber an seinem Balkonstuhl nicht. Auf dem Zettel stand: Patient hat Angst zu sterben. Und das stimmte natürlich nur vielleicht, aber wahrscheinlich nicht. Na ja - sie hätten auch den Hund mitnehmen müssen, daher verlegten sie alles in die Verantwortung anderer.

    Weil er geschworen hatte, alles aufzuschreiben und dabei sich und vor allem die Beteiligten nicht zu schonen, musste er den ganzen Leidensweg noch einmal gehen. Wie sie ihm keine klar definierte Diagnose sagten und auch keine auf die Rechnung schrieben, aus der man hätte etwas entnehmen können. Es war eine undefinierbare lange, lange Diagnose, in die sie Wörter der Symptome stopften, um sich wieder einmal zu brüsten mit „einem Fall von“. Draußen sagten Ärzte, sie hätten das alles auch oder jedenfalls viele Menschen in diesem Alter, und er versuchte zu ergründen, ob sie derart blödsinnig redeten, weil sie tatsächlich in dieser Art krank waren oder weil sie sich aus der Angelegenheit heraushalten wollten. Er kaufte sich Bücher, die ihn aber auch nicht aufklärten. Dann zwang er sich, den Eintritt ins Internet zu schaffen. Ein Jahr später wusste er, woran er litt und wurde nun ruhiger. Die Kräuterfrau hatte sich seine Handfläche angesehen und gesagt, dass er – im Gegensatz zu allen anderen ringsherum – nicht sehr alt werden würde. Jetzt bestätigte sich diese Voraussage. Was ihn dabei beruhigte: er musste nur noch sein Feld bestellen – und konnte dann die letzten Tage, Wochen, Jahre genießen.

    So erfuhr er von den kleinen Löchern in der Hirnsubstanz, - von Verschmälerungen, kalkweißen Veränderungen und abzuklärenden „Pünktchen“, die es in der Medizin gar nicht gibt. Sie versuchten, ihre Fachausdrücke für ihn Hirn-Hälftigen einzudeutschen und scheiterten dabei an ihrer Unfähigkeit zu verbaler Vielfalt. Sie malten kleine Pfeile in das, was sie meinten, und trafen dabei sein linkes Auge, das er sich nach seiner Flucht operieren lassen musste. Die Krankenkasse bezahlte diese Unachtsamkeit, warnte aber vor dem dritten Auge. Damit meinten sie wohl die ‚innere Einsicht’. Ihm war das alles gleichgültig. Er würde sich schriftlich rächen und fortan mit einem jeden einen anti-psychologischen Krieg führen.

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  3. #2
    Mariyella
    Gast

    Daumen hoch AW: aus dem Tagebuch eines Psychiatrie-Patienten

    "Violett ist keine Farbe"


    Ein schöner Titel.
    Dennoch möchte ich widersprechen.
    Nachbarn schenkten mir eine Pflanze, eine "Mauretanische Malve".
    Bei ihr IST violett eine Farbe.

  4. #3
    Yelina
    Gast

    Standard AW: aus dem Tagebuch eines Psychiatrie-Patienten

    Welch ein Leiden

  5. #4
    Sylva
    Gast

    Standard AW: aus dem Tagebuch eines Psychiatrie-Patienten

    Schade, daß man mit RoNa nicht mehr kontaktieren kann über diesen interessanten Text.

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