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Thema: Lebensbuch.

  1. #1
    Registriert Avatar von malou.
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    Standard Lebensbuch.

    Runterbrechen. Ab und zu, da muss man etwas runterbrechen. Ist damit ein Gewaltakt gemeint? Runterbrechen, wie Zweige vom Baum? Ja, es ist ein enormer Gewaltakt. Gemeint ist damit die Gewalt, die ich über mein Leben habe. Wie aufgeplatzte Lippen. Kennt ihr das, wenn Körperteile anschwellen, wenn sie verletzt sind? Das ist zum Schutz. Das Anschwellen. Lust ist eine Gewalt. Der Schwellkörper des Mannes. Aber alles was schwillt, klingt ab. Sexualität ist wie ein Decrescendo der Lust. Ich wollte gar nichts Sexuelles schreiben. Und da haben wir es schon in der fünften Zeile. Das Gute ist: Wenn ich jetzt schon beim Sex bin, dann bin ich zwei Zeilen weiter bestimmt bei der Zigarette danach, die ich ohnehin nicht rauche und vier Zeilen weiter hat man sich getrennt. Und zwei Zeilen danach sind ohnehin alle Beteiligten gestorben. Man kann es wenigstens aufbauend betrachten, dass nach zwei weiteren Zeilen dann wieder ordentlich geboren wird, was erneut Sex voraussetzt. Dieser Moment, wenn man etwas schreiben will und alles nur im Sex endet.
    Ich war beim Runterbrechen. Und damit meine ich nicht mein Essen. Ich liebe ein Runterbrechen. Ein Reduzieren. Der Kommunikation. Des Charakters. Mit wie wenig Worten kann man kommunizieren? Mit wie wenig Worten kann man dichten, etwas verdichten? Kunst ist das, was man nicht sieht. Gedichte sind das, was man nicht lesen kann. In Filmen sind die wesentlichen Szenen nicht zu sehen. Zumindest sobald etwas einen gewissen Anspruch erreichen will. Das Wesentliche ist das, was keiner je gesehen hat. Das, was bleibt. Der Rest.
    Manchmal bin ich gern einfach. Ich bin gern naiv und infantil. Das gibt mir eine Sicherheit und ich fühle mich dabei wohl. Das Gute ist, dass ich daran Spaß habe. Das Schlechte ist, dass viele diese "Rolle", die ich gern spiele nicht verstehen. Die sehen gar nicht mein "dahinter". Ich habe doch ein "dahinter", so wie es jedes vernünftige Haus hat. Innerlich schmunzel ich, wie ich den Mangel an empathischer Fähigkeit und psychologischen Verständnisses der Menschen schon wieder so lustig-kindlich mit: "Die sehen gar nicht mein Dahinter!" formuliert habe. Nicht, weil ich es nicht anders könnte oder verstünde. Ich finde es besser so.
    Das ist aber eines meiner vielen Probleme. Ich finde kaum Menschen, die ein gewisses Verständnis der Dinge haben, die mich interessieren. Ich kenne viele nette Menschen und Menschen, die ich mag. Aber sie reizen mich nicht. Sie fesseln mich nicht und das meine ich sowohl wörtlich als auch metaphorisch.
    In Filmen sehen Menschen, wenn sie sterben, ihr Leben wie einen Zeitraffer an sich vorbeirennen. Das habe ich ständig einmal wieder in gewissen Situationen. Ich sehe Momente meines Lebens. Und es wird auf vielen Dimensionen immer verzwickter. Ich erinnere mich an die Vergangenheit, in der ich mich an die Zukunft erinnerte. Ich erinnere als ich jünger war und dachte: "Oh nein, das passiert hoffentlich nicht!" oder wenn ich träumte und dachte: "Oh, was für ein fürchterlicher Traum! Nun, glücklicherweise ist es ja nur ein Traum".
    Ich erinnere z.B als ich mit ca. 13 Pommes aß mit viel Pommesgewürz. Und ich hatte Visionen: "Mit fast 30 verbringst du noch die meiste Zeit bei deinen Eltern! Übernachtest bei deiner Oma und wirst erst dann langsam wegziehen! Und du arbeitest in einem Call-Center. Ja, richtig. Obwohl deine großen Hobbys das Lesen und das Schreiben und das Erdenken von Theaterstücken, Filmen und Lieder ist, wirst du mit fast 30 in keinem der diversen Bereiche, die dich interessieren, etwas machen. Und einen Freund wirst du auch nicht haben."
    Es ist wie Messerstiche. Und leider ist all dieses wahr. Ich hasse diese Momente. Wer das nicht hat, der kann es nicht nachvollziehen. Teile meines Lebens und meiner Kindheit voll von grausiger Zukunftsvisionen.
    Ja, man kann es von der guten Seite sehen: Jetzt werde ich ja ausziehen. Bald ist der Umzug. Mit dem Abstand meiner Eltern wird vielleicht von allein einiges anders. Wäre mein Leben eine Serie, dann würde eine neue Staffel beginnen.
    Ich habe nur viele Ängste. Ich nehme Zeit eben anders wahr als andere.
    Es gibt diesen Witz:
    Ein Mann öffnet die Tür und findet eine Schnecke. Er nimmt die Schnecke und wirft sie über den Zaun ins Gebüsch. Zehn Jahre später: Der Mann sitzt auf seinem Sessel und liest. Es klopft. Er öffnet die Tür. Davor sitzt die Schnecke völlig erbost und fragt: "Was war das denn eben?"
    Ich bin diese Schnecke. Ich bin auch langsam und verkrieche mich gern in mein Häuschen. Gut, ich bin kein Hermaphrodit und habe nicht mehrere Stunden Sex (Obwohl? Hihi, hat mal einer von euch etwas über das Paarungsverhalten von Schnecken gelesen? Die sind pervers, no shit. Wenn jemand Lust auf ein krankes Schneckensex-Roleplay hat: I'm in!).
    Ich wohnte jetzt 7 Jahre in der Wohnung neben meinen Eltern. Die Zeit kommt mir nicht vor wie 7 Jahre. Die Jahre zwischen 2010 und 2017 waren für mich irgendwie so extrem schnell und ich habe jetzt einmal blöd gesagt nichts in diesen Jahren gemacht. Nichts Relevantes. In 7 Jahren kann man seinen Bachelor und Master machen. Wer in der 5. Klasse ist, der hat in 7 Jahren sein Abi. Es gibt Beziehungen, die halten 7 Jahre. Und ich habe fast nichts gemacht in diesen 7 Jahren. Manchmal versuche ich mir das schönzureden. Als wäre das ein Exil, welches ich kurz benötigte. Ein Hiatus von meinem Leben. Vielleicht bin ich aber auch einfach eine Versagerin, die 7 Jahre ihres Lebens verschwendet hat. Oder ich bin die Schnecke. Oder wenigstens eine Schildkröte. Die sind auch langsam. Warum haben langsame Tiere eigentlich immer einen Panzer zum Verkriechen? Ich glaube wer langsam ist, der muss sich vor Feinden schützen.
    Ich bin fast 30. Ich werde irgendwie alt. Ich bekomme langsam so Falten unten den Augen und auf der Stirn. Und meine Augen sind irgendwie schlechter geworden. Ich muss mal zum Augenarzt. Ich bin ein bisschen kurzsichtig. Ja. Ein bisschen kurzsichtig, ein bisschen hellsichtig, ein bisschen schwachsinnig und sehr eigensinnig. (Ich bin beim Schreiben von "sichtig" auf "sinnig" gesprungen. Ja, irgendwann läuft alles aus dem Ruder).
    Es gibt so viele Dinge, die ich noch nie in meinem Leben gemacht habe. Ich möchte gern Fahrrad fahren lernen. Und ich möchte noch eine Arbeit, die mir Spaß bringt. Und ich bin etwas traurig. Ich war noch nie auf einem Festival. Gibt so viele Bands, die ich nie gesehen habe. Das tut mir fast noch am meisten weh. Egal. Die Liebe zwischen mir und meiner Musik ist serious shit. It's always music before fuckboys.
    Ich bin halt komisch was Nähe betrifft. Man kann von mir nicht behaupten, dass ich grundsätzlich Probleme damit hätte soziale Kontakte zu knüpfen. Dem ist nicht so. Aber ich finde es schwer soetwas zu intensivieren und zu halten und näher an mich ranzulassen. Und ich habe nun einmal einen etwas spezielleren Geschmack. Ich würde gern öfters ins Theater oder ins Museum gehen. Das macht mich wirklich glücklich. Aber allein bringt es keinen Spaß.
    Es ist eben...ich habe halt Niemanden. Und ich bin in einem Alter in dem Menschen soetwas mit ihrem Partner machen. Aber ich habe Niemanden.
    Ich habe mir eben viel aufgespart. Ich habe meine Jungfräulichkeit aufgespart für meinen ersten Freund. (Naja, das, was ich für meine Jungfräulichkeit hielt. Egal).
    Ich habe ganze Themen und Dinge aufgespart, weil ich dachte: "Irgendwann wirst du einen Freund haben und dann machst du das mit dem!". Das wird keiner verstehen hier. Egal.
    Ich weiß das klingt blöd, aber es gibt auch viele alberne, dumme Dinge, die ich noch machen möchte. Ich möchte alle möglichen Drogen einmal ausprobieren (Gut, die ganz Schlimmen kann man meinetwegen weglassen), ich will alle perversen Dinge tun, die Welt bereisen, modeln etc etc...ich habe mir ganze Pläne und Szenarien vorgestellt. Aber zunächst muss man jemanden finden, der auf all dieses Lust hat und der mich überhaupt genug mag und vor allem muss das ja auch auf Gegenseitigkeit beruhen.
    Ich habe mir auch inzwischen längst vorgenommen alles, was ich immer mit einem Partner zusammen machen wollte, einfach allein zu machen. Vieles davon werde ich auch allein machen. Aber ich komme mir dabei etwas armselig vor.
    Ich bin oft allein unterwegs. Ich glaube, dass ich dann merkwürdig auf Leute wirke. Das Witzige ist ja: Es ist irgendwie grundlos, denn ich bin ja eigentlich ein umgänglicher Mensch. Es ist nicht der Grund, dass mich keiner mögen würde. Es liegt schon an mir, aber auch nicht an meinem Verhalten. Ich ziehe mich einfach zurück und mache dann einfach allein Sachen.
    Ich weiß auch gar nicht wie Leute vor den Zeiten des Internets gleichgesinnte Menschen kennengelernt haben.
    Ich mag das Internet auch nicht mehr so. Es macht mich irgendwie süchtig. Seit ich arbeite bin ich ohnehin weniger online. Soll mir recht sein.
    Ich habe übrigens, als ich diesen Text schrieb nicht ein einziges Mal geweint. Schneckenehrenwort! (Oder Schildkrötenehrenwort. Ich glaube, dass Schildkröten besser sind. Die haben nicht so eine Schleimspur. Aber dafür sind sie alt und faltig. Man kann nicht alles haben).

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  3. #2
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    Standard AW: Lebensbuch.

    Guter Text. Literarisches Talent ist auf jeden Fall vorhanden. In der Mitte wird's irgendwo zu "normal", zu problembehaftet, so wie ein normaler Forumsbeitrag hier im Forum, am Ende wird's dann wieder besser. Würde sich m.E. als Beitrag zu einem Poetry Slam eignen.

  4. #3
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    Avatar von malou.
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    Standard AW: Lebensbuch.

    Zitat Zitat von HalliGalliSuperstar Beitrag anzeigen
    Guter Text. Literarisches Talent ist auf jeden Fall vorhanden. In der Mitte wird's irgendwo zu "normal", zu problembehaftet, so wie ein normaler Forumsbeitrag hier im Forum, am Ende wird's dann wieder besser. Würde sich m.E. als Beitrag zu einem Poetry Slam eignen.
    Das sollte ein Foreneintrag bzw Tagebucheintrag sein ohne literarischen Anspruch.
    Ja, ich schreibe gern und privat. Ist ja eines meiner Hobbys/Leidenschaften.
    Aber das ist nun ganz bestimmt keines meiner "Werke".
    Ich wollte Gefühle von mir nur etwas illustrieren. Habe hier also an einigen Stellen,
    an denen es mir wichtig war, etwas illlustriert. Aber auf einfachem Niveau.

    Das hier ist ein Hilfeforum. Du wunderst dich, dass es "problembehaftet" ist?

    Nein. Würde es sich nicht eignen. Es gibt Diary Slams. Aber selbst da würde ich soetwas nicht präsentieren (wollen).
    Wenn ich auf einen Slam gehe, dann schreibe ich schon anderes und das würde ich garantiert nicht öffentlich in einem Forum schreiben und erst recht nicht in ein Hilfeforum
    Aber es gibt inzwischen ja auch kaum noch offenes Slams für normale Leute, sondern nur noch die großen Meisterschaften, wo die "Stars" sind, die dorthin eingeladen werden. Zumindest in meiner Stadt.
    Aber wie gesagt: Solchen Anspruch hat's ja auch gar nicht.
    Sonst würde ich das nicht öffentlich ins Internet kotzen.
    Manchmal haben einige Dinge nur eine gewisse Form oder sind hier und da etwas illustriert, weil ich mich so gern ausdrücke oder es grad passt. Das ist alles.

    Aber nachdem du dich schon über die Form geäußert hast ist es interessant, dass nichts über das Eigentliche, den Inhalt, kommt.

  5. #4
    Rosner
    Gast

    Standard AW: Lebensbuch.

    Liest sich ein bißchen wie stream of consciousness... Bei dem Pommesgewürz und den Schnecken wurde es mir etwas zu wirr, aber wenn dir das Spaß macht, sowas zu verfassen...

    Ich würde ja gerne mal Ernsthaftes von dir lesen, was du verfasst hast. Aber ich denke mal, du meidest unser feedback.

    Von literarischem Niveau würde ich hier jetzt nicht sprechen.

    Inhaltlich drehst du dich im Kreis und kommst nicht weiter. Lässt dir aber auch nicht helfen.

    Ich hoffe, du kriegst deinen Umzug langsam gebacken. Es kann nur besser werden!

  6. #5
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    Standard AW: Lebensbuch.

    Lassen wir mal dahingestellt, ob das jetzt literarisch ist oder literarisches Niveau hat. (Ich bin in der Verwendung von solchen Begriffen nicht hundert Prozent sicher.) Auf jeden Fall hat es deutlich mehr Sprachwitz und Unterhaltungswert als die üblichen Problembeschreibungen hier im Forum, auch als deine. Man merkt, dass du Lust an der Sprache und Talent dafür hast.

    Man kann Probleme auf eine witzige Art beschreiben, damit nimmt man ihnen die Schärfe. Auch wenn es um negative Dinge geht, kann man als Leser darüber lachen und fühlt sich gut unterhalten, durch den Sprachwitz und die lustigen Bilder. Aber dann gibt es in deinem Text eine Passage, wo es wenig davon gibt, wenig Pointen, skurrile Vergleiche oder interessante Bilder. Da wird der Text wieder so wie ein ganz normaler Forumstext, wo jemand über sein Leben jammert. Und dadurch wirken die darin geschilderten Probleme gleich viel ernster, schwerer, drängender. Das meinte ich mit "problembehaftet". An der Stelle ist es nicht mehr unterhaltsam, künstlerisch oder wie auch immer man das nennen mag.

    Mag sein, dass du für einen Poetry Slam was Besseres schreiben würdest, aber ich denke dennoch, dass sich aus diesem Text eine Nummer für einen Poetry Slam basteln ließe. Ein paar der langweiligeren Sätze streichen, die interessanteren noch prägnanter formulieren, hier und da noch eine Pointe einbauen oder Vergleiche / Bilder ins Absurde steigern. War nicht dieser Youtube-Hit von Julia Engelmann auch so ein Text, wo sie beklagte, dass in ihrem Leben zu wenig passiert (ist)?

    Warum ich nur über die Form und nicht den Inhalt schreibe? Reicht es nicht, wenn ich das in deinen Problem-Threads tue? Kann ich dir überhaupt so viel sagen, was dir weiterhilft (was du nicht schon von selber weißt oder dir noch hundert andere schreiben)? Ist diese Tagebuch-Abteilung des Forums (in die ich zum ersten Mal geschaut hab) überhaupt dafür gedacht, die Probleme auszuwalzen wie in den anderen Abteilungen? Ich dachte, dass die Form deines Textes und der gewählte Ort signalisieren, dass nicht das übliche Beraten, Kritisieren und Breittreten erwünscht ist. Und mir hat der Text als Literatur/Unterhaltung/whatever so gut gefallen, dass ich das nicht damit kaputtmachen wollte, gleich wieder mit "schlauen" Ratschlägen anzufangen. Größtenteils ist dieser Text ja auch nur eine Konkretisierung von Sachen, die du auch woanders schon geschrieben hast. Ich finde übrigens, dass deine Selbstbeschreibungen in letzter Zeit viel besser geworden sind. Nicht mehr so unrealistische Sachen wie "wenn ich mit 30 nicht berühmt bin, will ich möglichst grausam sterben" und so pampige Antworten wie "ihr seid bloß alle zu dumm, mich zu verstehen", sondern Sachen, die man nachvollziehen kann. Damit kann man dich viel besser verstehen.

    Ich würde auch gern mal eins von deinen "Werken" lesen.

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