Hallo ameth,

Du bist ok und reagierst ganz logisch und nachvollziehbar auf die extreme Ausnahmesituation, die Du erlebt hast.

Wenn der Körper ums Leben kämpft, dann spaltet er viele Gefühle ab, die er in dem Moment nicht bewältigen kann. Vor allem Angst und Trauer. Es ist dann so, wie Du es genau richtig beschreibst, nichts besonders gefühlt, einfach weitergelebt, nur eben im Krankenhaus.

Später, wenn die akute Bedrohung vorbei ist, dann entsteht der Raum für das Nichtgefühlte. Dann holt der Körper das quasi nach und überträgt es auf andere gerade anstehende Situationen, die objektiv betrachtet viel weniger bedrohlich erscheinen. Aber die Gefühle von Angst und Trauer sind da und sie sind echt. Du nimmst das sehr gut wahr.

Deine Todesangst und Dein Traurigsein sind, wenn man das so sieht, vollkommen berechtigt. Du spürst ja wie heftig das ist. Das war sehr vernünftig von Deinem Körper, das in der akuten Krankheits- und Heilungsphase zunächst zur Seite zu schieben und abzuspalten.

So wie Schroti schon geschrieben hat, es gibt Beratung und auch Gesprächs- und Selbsthilfegruppen. Die verstehen das. Sprich mit denen in der Onkologie, ob sie Dir weiterhelfen können. Bitte Deine Eltern mit Dir zusammen eine Unterstützung zu suchen. Einen neutralen Profi, der Dich da durch begleitet und vielleicht ergänzend andere ehemalig lebensbedrohlich Erkrankte, die das vielleicht auch erleben

Mit Deinen Eltern, Freunden etc. wird es schwer werden, darüber offen zu sprechen. Denn auch das beobachtest Du ganz gut. Die wollen davon scheinbar nichts mehr hören. Das ist deren Schutzmechanismus.

Vor allem Deine Eltern, Deine Familie werden während deiner Krankheit unendliche Angst gehabt haben. Die haben sie vielleicht versucht, Dir nicht zu zeigen. Aber das wird grauenvoll für sie gewesen sein. Die spüren jetzt nur Erleichterung und wollen daß alles wieder ist wie früher. Die haben auch Angst, daß ihre Angst noch mal zum Leben erweckt wird, wenn sie sich mit Deiner jetzigen Angst konfrontieren. Die sind durch ihr Sorge um Dich befangen und wollen so sehr wieder vermeintliche Normalität. Die sind einfach in einer anderen Situation als Du gerade. Daß Du das nicht einfach hinter Dich lassen kannst, als wäre es nie passiert und nachts wach liegst, finde ich logisch.

Ich glaube nicht, daß Du gehasst wirst, sondern die anderen überfordert sind mit ihren Gefühlen von Angst und Trauer, die sie nicht mehr spüren wollen. Sie wollen unbedingt spüren, daß jetzt alles wieder gut ist, als hätte es die Krankheit nie gegeben.

Aber Du bist eben noch nicht komplett durch mit der Heilung. Das ist noch nicht fertig. Da sind noch Gefühle, die auch noch heilen müssen. Das braucht noch etwas Zeit. Nimm Dir diese Zeit. Und bezieh die Reaktion der anderen nicht so sehr auf Dich. Es hat vor allem mit ihrer Angst und ihren Prozessen zu tun.

Ich wünsche Dir Geduld und gute neutrale Leute an Deine Seite. Das wird vielleicht ein bißchen Mühe kosten, aber gib nicht auf, Du hast ein Anrecht auf eine gute Unterstützung, denn das gehört zum Heilungsprozeß dazu.