Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 5 von 10

Thema: Gewalt in Kindheit

  1. #1
    Registriert
    Registriert seit
    30.12.2017
    Beiträge
    7
    Danke gesagt
    10
    Dank erhalten:   4

    Standard Gewalt in Kindheit

    Hallo!

    Ich bin neu hier (w, 27).

    Ich habe mir gerade einen Film angeschaut - "Das Glashaus". Dieser hat mich sehr berührt. Nun kommen hier auch Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit hoch. Ich möchte gern einige Gedankengänge los werden.

    Ich bin auf einem Berg in einem Haus neben einem Wald aufgewachsen. Wir lebten zu 9. in diesem Haus. Vater, Mutter und 7 Kinder (5 Mädchen, 2 Jungen).

    In Meiner Kindheit erlebte ich Gewalt und Erniedrigungen. Ich leide auch heute noch an meiner Kindheit. Ich kenne nichts "normales". Ich wünschte mir immer, eine "normale" Familie zu haben. Mein Selbstwertgefühl ist wegen meiner Kindheit nicht das Beste. Ich fühlte mich nie normal - auch heute noch nicht so richtig. Ich habe auch heute noch das Gefühl "anders" zu sein. Ich bekomme dies einfach nicht aus mir heraus. Das ist tief verankert.

    Meine Mutter war psychisch krank und mein Vater hielt sich großteils von allem heraus, damit er keinen Stress mit meiner Mutter hat. Aber sie waren sich beide einig, uns Kinder zu schlagen. Meine Eltern waren mit uns Kindern überfordert und schlugen uns deshalb. Teppichklopfer und Kochlöffel wurden verwendet. Diese 2 Geräte mussten sehr oft erneuert werden, weil sie immer kaputt gingen..
    Auch wurden wir an den Haaren gezogen und bekamen Ohrfeigen. Das ging jahrelang so. Wenn man nach Hause kam, wusste man schon, dass es Ärger gibt. Mein Zuhause war kein Ort, wo man sich wohl fühlen durfte. Das Zuhause fühlte sich nicht wie Zuhause an. Stundenlange Diskussionen - ohne Ende - wegen Kleinigkeiten. Meine Mutter schrie fast jeden Tag. Es flogen Teller und Mehlsäcke. Wir mussten Holz hacken und im Dunkeln allein zum Bauern Milch holen. Meine älteste Schwester (jetzt 32) wurde deshalb psychisch schwer krank und versuchte sich mehrmals umzubringen.

    Wir wurden zu fünft in ein Zimmer gesperrt, wo es oft kalt war. Wir mussten da spielen, während Mutter und Vater im warmen Wohnzimmer saßen und Filme schauten, oder Besuch hatten.

    Das Haus, indem ich aufwuchs war/ist eine Bruchbude. Kein "normales" Zuhause halt. Sehr alt und wenig renoviert. Bei den Fenstern ziehte es kalt herein, der Boden war nicht geschliffen, sodass wir uns immer verletzt haben. Wände teilweise ohne Farbe. Die Stufen waren nur aus Ziegelsteinen. Überall Spinnen, Käfer und Ungeziefer. Man traute sich nicht, jemanden einzuladen. Man schämte sich extrem. Dieses Haus war/ist eine Müllhalde.

    Auch kommt noch dazu, dass meine Eltern bei den "Zeugen Jehovas" dabei waren/sind. So wurden wir in unserem Dorf ausgegrenzt. Unser Name war bekannt. Fast niemand wollte mit uns etwas zu tun haben. Kein Weihnachten, kein Ostern, kein Geburtstag. Ich fühlte mich immer anders, auch heute noch. Durch die Gewalt und die "nicht normale" Kindheit ist es tief in mir verankert, dass ich glaube, weniger wert zu sein. Ich bin Gott sei Dank nie gemobbt worden, aber meine Schwester sehr. Ich habe mich immer zurück gezogen und sie nie verteidigt, in der Angst, dass sie mich auch mobben könnten.

    Auch gab es bei uns in unserer Familie keinen Zusammenhalt, den es bei vielen andern Familien schon gibt. Ich fühlte mich meiner Familie nicht dazugehörig - immer fremd. Ich fragte mich schon sehr früh, warum ich ich bin und warum ich nicht eine andere Familie haben kann. Ich stellte meine Existenz oft in Frage und suchte den Sinn in meinem Leben.

    Jetzt bin ich 27 und habe in den letzten Jahren sehr hart an mir gearbeitet. Viele Bücher über Persönlichkeitsentwicklung usw. gelesen. Ich habe auch viele Erfahrungen bei anderen Familien gesammtelt. Ich musste viel nachholen und mir mein Wissen selbst holen. Ich habe in meiner Familie fast nichts gelernt. Kein Kochen, keinen Haushalt, keinen Umgang mit Geld usw.

    Ich bin dann mit 19 ausgezogen, weil ich unbedingt von Zuhause weg wollte. Ich wollte meinen eigenen Haushalt haben, wo ich mich selbst entfalten kann, denn das konnte man bei den Eltern nicht. Man wurde unterdrückt und die Bedürfnisse wurden nicht wahr genommen. Unser Leben war ein Chaos. Keine Ordnung, keine Struktur. Mit Geld konnte auch niemand umgehen. Meine Mutter machte sogar Kredite auf die Namen ihrer Kinder. Heute bin ich ein Perfektionist und habe mein ganzes Leben geordnet und strukturiert.

    Trotzdem hat unsere Mutter geschaut, dass wir gesund sind und das nötigste zum Leben haben. Sie war krank und mit allem überfordert. Wenn man Geld brauchte, gab sie es einem. Sie hatte halt keinen Hausverstand und diesen konnte sie uns Kindern dann auch nicht weiter geben.

    Vor 6 Jahren starb meine Mutter an einem Autounfall, zusammen mit meiner jüngsten Schwester.

    Auch wenn die eigene Mutter einen nicht gut behandelt hat, bleibt sie die Mutter. Und wenn die eigene Mutter stirbt, dann fällt ein Fundament im Leben weg. Wenn man diese Erfahrung nicht selbst erlebt hat, kann man dies nicht nach empfinden. Mutterliebe ist einzigartig, und ohne sie verliert man einen Halt.

    Meine Seele schützte sich zuerst vor diesem Schock, indem ich ein halbes Jahr unnatürlich euphorisch war. Glücksgefühle und gute Laune waren in dieser Zeit meine Begleiter. Aber danach stürzte ich in ein Loch. Einsam und orientierungslos ging ich ca. 1 Jahr durchs Leben.

    Jetzt bin ich 27 und wohne mit meinem Freund (29) zusammen. Er hat 2 Kinder aus einer alten Beziehung, die wir jedes zweite Wochenende bei uns haben. Wir möchten später heiraten und auch gemeinsame Kinder haben. Auch habe ich meine Ausbildung nachgeholt. Ich hatte vorher keine Ausbildung gemacht, weil ich damals von meinen Eltern nicht die nötige Motivation und Unterstützung erhalten habe, die ich brauchte. Wir Kinder wurden zu wenig gefördert. Ich habe mir einfach irgend eine Arbeit gesucht um Geld zu sparen, um dann schnellst möglich auszuziehen.

    Ich habe mir jetzt meine eigene kleine Welt zusammen gewürfelt. Zu den engsten Leuten gehört leider keiner aus meiner Familie. Weder mein Vater, noch meine Geschwister. Ich habe zu allen einen guten Kontakt und wir verstehen uns auch alle sehr gut, aber ich habe keine richtige Bindung zu ihnen. Wichtig sind mir meine zwei Katzen, mein Freund und seine Familie und seine Kinder, meine Arbeitskollegen und meine Freunde.

    Durch meine Kindheit bin ich ein sehr dankbarer Mensch. Da ich weiß, wie es ist, wenig/nichts zu haben/bekommen, schätzt man es dann später umso mehr, wenn man es dann plötzlich doch hat.

    Vom Charakter her bin ich eher introvertiert. Ich bin gern für mich und beschäftige mich gern selbst mit einem Buch, oder einem Puzzle oder einem Film. Ich fühle mich in Gruppen nicht sehr wohl, wenn mir diese Personen nicht vertraut sind. Ich brauche länger, bis ich mit anderen Personen warm werde. Auch gehe ich nicht gerne von mir aus auf Menschen zu, sondern hoffe, dass diese auf mich zugehen. Mittlerweile bin ich aber schon offener und selbstbewusster geworden. In vielen Situation kann ich mich schon selbst behaupten und auch mal NEIN sagen.
    Ich bin ein gutmütiger Mensch und versuche es vielen Recht zu machen. Zuerst schaue ich auf andere und dann auf mich. Aber da habe ich mittlerweile auch schon Grenzen gefunden. Wenn ein sehr lautes Geräusch kommt oder jemand schreit, dann bin ich kurz davor los zu heulen.. Ich bin harmoniebedürftig, aber wenn etwas gar nicht passt, dann sage ich es mittlerweile schon. Ich suche das Gespräch mit der betroffenen Person. Ich bin ein großzügiger Mensch und gebe gerne. Wenn ich etwas bekomme, oder mir jemand hilft, dann habe ich ein schlechtes Gewissen und gebe es dann doppelt zurück. Ich kann von mir behaupten, dass ich innerlich sehr gewachsen und auch stark geworden bin. Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden mit mir, so wie ich mich selbst geschaffen habe. Wäre ich heute noch so, wie damals wo ich das Elternhaus verlassen habe, dann wäre ich unglücklich und unzufrieden. Da war ich innerlich sehr schwach und kannte mich selbst überhaupt nicht. Ich traute mich nicht einmal vor fremden Menschen zu essen. Ich war sehr sehr unsicher und unbeholfen. Erst der Umgang mit fremden Menschen und mit mir selbst, hat mir die Chance gegeben mich weiter entwickeln zu können.

    Hat jemand ähnliche Erfahrungen in der Kindheit gemacht?
    Wie geht es euch heute damit?

    Ich würde mich sehr über ein paar Kommentare freuen!

    Vielen Dank!
    Geändert von 639381 (31.12.2017 um 18:34 Uhr)

  2. Für den Beitrag dankt: pecky-sue

  3. #2
    Registriert
    Registriert seit
    13.07.2015
    Beiträge
    16
    Danke gesagt
    1
    Dank erhalten:   7

    Standard AW: Gewalt in Kindheit

    Hallo,

    Deine Erfahrungen in der Kindheit haben mich sehr betroffen gemacht. Viele Menschen und auch ich haben sehr negative Erfahrungen als Kinder und als Jugendliche gemacht, daher ist es mir umso mehr aufgefallen wie groß Deine Leistung ist, das hinter Dir zu lassen und deinem eigenen Leben eine eigene Richtung zu geben.

    Eltern sind und bleiben die Eltern - man wird sie immer lieben, egal wie negativ diese zu uns gestanden haben. Das Du deine Mutter und deine Schwester vermisst kann ich gut verstehen.

    Gruß

  4. Für den Beitrag dankt: 639381

  5. #3
    Registriert Avatar von Mr. Pinguin
    Registriert seit
    02.06.2009
    Beiträge
    7.238
    Danke gesagt
    3.000
    Dank erhalten:   3.043

    Standard AW: Gewalt in Kindheit

    Zitat Zitat von 639381 Beitrag anzeigen
    Hat jemand ähnliche Erfahrungen in der Kindheit gemacht?
    Wie geht es euch heute damit?
    Ja hier. Ebenfalls schwieriges Elternhaus, vor allem der Vater. Dieser war sehr herrisch + gewalttätig + sehr fordernd, was die Mitarbeit auf dem Gehöft usw. anbelangt hat...
    In deiner Charakterbeschreibung finde ich mich fast genauso wieder. Bin ebenfalls sehr gutmütig, fühle mich unter Menschen unwohl, bin introvertiert, harmoniestrebend, ...
    Leider kann ich nicht von mir behaupten, die Kurve bekommen zu haben. Zwar wohne ich schon lange (17 Jahre) selbstständig und kann meinen Lebensunterhalt selber bestreiten. Jedoch lebe ich völlig isoliert, ohne soziale Kontakte (Freunde etc.), geschweige denn Partner. Außerhalb der Arbeit führe ich fast keine Konversation.
    Mir hat die robuste Art gefehlt. Ich bin ein sogenanntes "Sensibelchen".
    Ich denke ich kann auch von mir behaupten, eine beträchtliche Entwicklung durchgemacht zu haben: von absolutem Selbstunwertgefühl, bis zu einem Verständnis, was die Leute antreibt, warum sie so sind. Was überhaupt meine gesamte Sicht zu mir und der Welt insgesamt verändert hat.
    Trotzdem bin ich nach wie vor fast unfähig, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Was aber auch daran liegt, dass ich auch außerhalb des Elternhauses leider sehr häufig nicht die besten Erfahrungen mit Menschen gemacht habe.

    Ich möchte auch meinen Respekt aussprechen zu deiner Leistung. Dass du eine Ausbildung nachgeholt hast und eine Beziehung führen kannst.
    Warte nicht, wo kein Bus hält.

  6. Für den Beitrag dankt: 639381

  7. #4
    Registriert
    Registriert seit
    26.01.2014
    Beiträge
    52
    Danke gesagt
    61
    Dank erhalten:   26

    Standard AW: Gewalt in Kindheit

    Ich sehe mich vereinzelt in den Zeilen wieder, gerade auch was das Selbstbild anbetrifft. Ja, das Elternhaus war grausig, ich bin ein nicht gewolltes "Kind", dementsprechend wurde ich fürs Leben - täglich - bestraft. Einzelheiten kann ich hier nicht niederschreiben, das möchte auch niemand lesen, es würde den Leser nur in trübe Stimmung versetzen. Davon mal ganz abgesehen, schaffe ich es bis heute nicht, mich mit meiner Biographie mitzuteilen, selbst nicht im anonymen Bereich.

    Berufliche Wege konnte ich nie gehen, da mein Inneres komplett zerstört wurde, bis heute zerstört ist. Was Bildung im Elternhaus anbetraf, so durfte ich nie für die Schule lernen, es wurde mir strengstens verboten. Somit galt ich unter den Mitschülern als gestört, um es nur milde zu formulieren, was natürlich weitere Kreise der fortlaufenden Beleidigungen mit sich zog.

    Ja, mein Leben -
    eine stetige, tägliche neue Herausforderung.

    LG

  8. Für den Beitrag dankt: 639381

  9. #5
    Registriert
    Registriert seit
    25.12.2017
    Beiträge
    30
    Danke gesagt
    0
    Dank erhalten:   11

    Standard AW: Gewalt in Kindheit

    Hallo, bin 45 Jahre


    Gewalt in der Kindheit haben hier wohl die meisten erfahren müssen und schlimmeres, da kann ich mich leider einreihen. Ja, man hat kaum Selbstvertrauen, woher soll das auch kommen wenn einem kein Fundament mitgegeben wird? Ich bin der Sexsucht und dem Alkohol verfallen, beides mit bösen Folgen. Mit der Alkoholsucht kämpfe ich immer noch, bin erst etwas über 1 Jahr trocken, also noch weit am Anfang, von den psychischen Folgen (ich ritze mich wieder, und andere Sachen die mein Leben beeinträchtigen ) ganz zu schweigen. Durch die Suchtberatung und meinen neuen Freund habe ich erst Selbstvertrauen aufbauen können, von alleine wäre da bei mir nichts gekommen. Und was dieses "Elternliebe" und "es wird immer die Mutter bleiben, egal was war" angeht, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Aus der Erinnerung gehören sie und man sollte nicht einen Gedanken an sie verschwenden, nur leider sieht die Realität anders aus und sie machen einem immer noch das Leben zur Hölle!

  10. Für den Beitrag danken: 639381, Salis

Ähnliche Themen

  1. Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 04.01.2015, 16:15
  2. körperliche gewalt in der kindheit
    Von Psyche im Forum Gewalt
    Antworten: 10
    Letzter Beitrag: 21.09.2010, 21:47
  3. körperliche Gewalt in der Kindheit
    Von Gast im Forum Gewalt
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 29.04.2009, 10:57
  4. Gewalt in der Kindheit
    Von Ragnarok im Forum Gewalt
    Antworten: 26
    Letzter Beitrag: 19.02.2009, 17:09

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer

Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)

Stichworte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •