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Thema: Alleine und Anschluss verloren

  1. #1
    Gast
    Gast

    Standard Alleine und Anschluss verloren

    Hallo,

    zunächst einmal "Danke!", dass es dieses Angebot gibt. Denn mein Problem ist eigentlich das schlimmste, was man im sozialen Leben haben kann: Ich habe keine Freunde. Wenn man über jemanden sagt "Der hat keine Freunde.", ist das wohl eine der schlimmsten Beleidigungen. Bei mir ist es aber leider so. Und damit meine ich nicht "echte, wahre Freundschaften", das ist wohl wirklich schwer zu finden, sondern "einfache" Bekanntschaften, mit denen man mal etwas unternimmt, von denen man eingeladen wird, die man mal einladen kann etc. Das hat wirklich jeder, nur ich nicht. Auch wenn es einfach blöd klingt: Ich weiß nicht, wie man Freunde findet.

    Ich habe schon einige Threads diesbezüglich gelesen, mich selbst konnte ich aber irgendwie nirgends ganz wiederfinden, deshalb entschuldigt bitte, dass ich hier den gefühlten Millionsten Thread zum Thema aufmache.

    Ich denke, ich muss an dieser Stelle etwas mehr über mich erzählen: Ich bin 19 Jahre alt, männlich und studiere jetzt seit diesem Wintersemester Volkswirtschaftslehre. Schon in der Schule hatte ich eigentlich nicht wirklich Freunde, aber es war besser als jetzt. Ich hatte feste Nebensitzer, mit denen ich in der Schule geredet habe. Über die Schule hinaus ging eigentlich nie etwas. Ich habe in meiner Freizeit Volleyball gespielt, aber auch hier: Im Training mit anderen geredet, darüberhinaus nichts. Ich habe Klavier in der Schul-Big-Band gespielt: Das gleiche. Meine letzte Geburtstagseinladung war ein Kindergeburtstag, mein letztes Telefonat mit jemandem im gleichen Alter: Ich weiß es nicht mehr, Ewigkeiten her. Zwar hat mich das auch damals schon etwas traurig gemacht, aber meistens habe ich es verdrängt. Ich hatte ja auch immer täglich Ansprache, habe mich mit Leuten in der Schule unterhalten, hatte immer etwas zu tun, nur die Ferien waren schrecklich.

    Ich habe nun größte Hoffnungen in das Studium gesetzt, alles neu, alles von vorn. Ganz neue Leute. Ganz neue Stadt. Ich wollte ganz neu anfangen. Ab jetzt wird alles besser. Es wurde alles schlechter. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe, wie man Freundschaften findet. Nun habe ich wirklich niemanden mehr, der mich kennt. Es ist ein schlimmes Gefühl niemanden mal um Hilfe fragen zu können, fast noch schlimmer ist es aber, dass niemand nach Hilfe fragt. Wenn ich von heute auf morgen beschließen würde, einfach im Bett zu bleiben, es würde niemanden interessieren. Vielleicht würde mir die Uni noch einen automatisierten Brief schreiben, dass ich nun exmatrikuliert wurde. Immerhin hätte dann ein Sachbearbeiter mal meinen Namen gelesen. Ich versuche jede Gelegenheit zu nutzen mit irgendjemand in Kontakt zu kommen. Wenn ich in der Vorlesung neben jemandem sitze, fange ich ein Gespräch an. In der Hälfte der Fälle entsteht ein kurzes Smalltalk-Gespräch über die und jene Prüfung, die und jene Vorlesung. Nach fünf bis zehn Minuten ist das Gespräch dann zu Ende, dann geht man auseinander. Ich habe einfach keine Ahnung, wie man daraus mehr machen könnte. Bei allen anderen scheint das praktisch von alleine zu gehen. Ich muss kämpfen und es klappt nicht. Die ganzen Gruppen haben sich teilweise schon in der ersten Woche gefunden (ist mir ein Rätsel, wie das ging), und in solche Gruppen "einzudringen" ist für mich irrsinning schwer, eigentlich unmöglich. Wahrscheinlich habe ich schon das (wahrscheinlich unbewusste) Image des eigenbrötlerischen Freaks. Die Leute, die schon Freunde haben, finden immerwieder neue. Für mich ist es ein Teufelskreis. Gleiches Bild auch beim Unisport: Ich spiele dort wie schon früher Volleyball. Doch die meisten kennen sich schon viel länger. Ich rede ab und zu mit dem, der in der Umkleide neben mir sitzt, kurzer Smalltalk. Ich glaube, inzwischen wissen sogar drei Leute wie ich heiße. Aber sonst klappt es einfach nicht.

    Am schlimmsten sind die Wochenenden. Sie sind todlangweilig. Dabei bin ich doch jung! Ich bin sportlich und kerngesund! Ich muss doch was erleben! Obwohl ich durch die ganze Sache schon komplett die Motivation für das Studium verloren habe, lerne ich am Wochenende aus Langeweile, sodass ich immer noch gut mitkomme und die Prüfungen wahrscheinlich recht gut bestehen werde. Aber nach ein paar Stunden lernen kann ich nicht mehr. Ich setze mich an den Computer. Nach ein oder zwei Stunden ödet mich das Internet an, die Decke fällt mir auf den Kopf. Dann gehe ich meistens ein bis zwei Stunden Joggen und denke über die Dinge nach, die ich hier schreibe, werde aber meist noch trauriger. Ich mache dann meist noch, abstruse, verzweifelt wirkende Sachen. Abends laufe ich durch das Ausgehviertel meiner Studentenstadt und schaue zu wie sich andere amüsieren, gehe allein ins Kino oder fahre ohne Ziel mit der Straßenbahn herum. Aber das macht mich alles noch trauriger. Ich bin froh, wenn die neue Woche losgeht. Dann habe ich immerhin ein Ziel und auch auf meine Lebenshighlights, so armselig es klingt, die fünfminütigen Smalltalk-Gespräche mit anderen, kann ich mich freuen.

    Eine Freundin hatte ich natürlich auch noch nie. Ich denke, es ist verständlich, dass es toll für mich wäre, wenn ich einmal für irgendjemand sozusagen "Nr. 1" wäre, aber ich bin realistisch: Im Moment ist das nicht möglich. Und es ist auch bei weitem nicht mein größtes Problem. Ich denke mir nur: Wenn ich vom Freundefinden 100 Kilometer entfernt bin, dann bin ich von einer Freundin von hier bis zum Mars entfernt. Bei 100 Kilometern habe ich die Hoffnung noch nicht ganz verloren vielleicht einmal vier oder fünf Leute zu finden, für die ich nicht komplett egal bin. Ich bewundere zwar immer Leute, die eine solche Ausstrahlung haben, dass sie hunderte Bekanntschaften haben, aber mir würden ein paar ganz wenige wirklich reichen. Für solche Freundschaften muss aber ja eigentlich nicht wirklich viel passen, für eine Freundin aber muss alles stimmen. Ich rede vielleicht ziemlich unromantisch und wie der Blinde von der Farbe, aber letztendlich ist das Finden von Partnerschaften ja ein Markt, wo sozusagen über das menschliche Gesamtpaket abgestimmt wird und mit dem eigenen und den eigenen Ansprüchen verglichen wird. Hier habe ich, wenn ich nicht einmal Freunde finde, wohl denkbar wenig zu bieten. Wenn ich dann auch noch oft lese, dass selbst Menschen, die voll ich Leben stehen, Probleme haben eine Freundin zu finden, weil sie für "zu nett" empfunden werden, denke ich mir: Wenn mich überhaupt mal jemand als "nett" empfinden würde! Bitte diesen Abschnitt nicht falsch verstehen: Ich will nicht unbedingt sofort oder im nächsten Jahr eine Freundin. Ich habe nur Angst, wenn ich nun selbst mit der einfachsten aller sozialen Interaktionen größte Probleme habe, die schwierigste aller sozialen Interaktionen niemals bewältigen kann und noch mit 35 niemals eine Freundin gehabt haben werde.

    Ich hoffe, ich habe euch irgendwie verständlich machen können, was mein Problem ist. Bitte entschuldigt die Unstrukturiertheit des Textes, ich habe einfach so drauflosgeschrieben. Ich denke, es ist für die meisten hier unverständlich, da Freundschaften finden so selbstverständlich ist. Aber ich "kann" es einfach nicht. Ich habe mich schon so oft selbst analysiert. Ich habe einfach nicht herausfinden können, warum ich bei anderen nicht ankomme, warum ich so unsympathisch wirke. Irgendetwas muss es mit meiner Art zu tun haben, wie ich mit anderen rede. Äußerlich kann ich nichts feststellen, was dazu führen könnte, dass ich keine Freunde habe. Ich kleide mich modisch, lege viel Wert auf mein Äußeres, hauptsächlich um mir selbst etwas Selbstwertgefühl zu verleihen. In der Fußgängerzone würde mir wohl niemand anmerken, dass ich keine Freunde habe. Aber leider ist es so.

    Ich danke euch schonmal, wenn ihr euch bis hierher durch meinen Text gequält habt. Vielleicht hat ja jemand auch noch die ein oder andere Hilfestellung. Wie gesagt, ich habe die Hoffnung noch nicht ganz verloren, aber überall lese ich, dass lose Freundschaften zu finden doch "einfach" ist. Aber für mich ist es nicht "einfach".

    Vielen Dank für eure Antworten!

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  3. #2
    primavera7
    Gast

    Standard AW: Alleine und Anschluss verloren

    Ich empfinde deinen Text überhaupt nicht als unstrukturiert. Ganz im Gegenteil: Du scheinst ein sehr intelligenter junger Mann zu sein, der sich gut artikulieren kann. Könnte mir allerdings vorstellen, dass du ein eher introvertierter Mensch bist. Da tut man sich schwerer, Freunde oder auch nur Bekanntschaften zu finden. Ging mir im Studium vor fast 30 Jahren genauso wie dir.

    Es haben sich ab und zu Bekanntschaften ergeben, die aber alle nicht länger als höchstens ein paar Jahre gehalten haben. Ich habe heute zu niemandem mehr Kontakt, den ich im Studium kennen gelernt habe.

    Heute gibt es aber wohl mehr Möglichkeiten, sich Beratung und Hilfe zu suchen, wenn man im Studium keinen richtigen Anschluss zu Kommilitonen findet. Hast du schon mal daran gedacht, eine psychologische Beratungsstelle aufzusuchen? Soweit ich weiß, wird das heute an jeder Uni angeboten. Die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

    Vielleicht verhältst du dich im Umgang mit Studienkollegen irgendwie ungeschickt und kannst daran noch arbeiten. Wenn man es im Umgang mit anderen zu "richtig" machen will, ist das oft kontraproduktiv, weil man dann auf die meisten Leute überkontrolliert und zu gehemmt wirkt. Leute mit schäbigem Charakter nutzen das auch skrupellos aus, um sich auf deine Kosten ins rechte Licht zu setzen. Wirst du später im Beruf auch noch erleben. Daher sollte man schon im eigenen Interesse daran arbeiten, etwas selbstsicherer auftreten zu können.

    Allerdings hat alles seine Grenzen. Ich führe auch lieber ernsthafte Unterhaltungen als mich permanent unter Druck zu fühlen, mich in gekonnt in Szene setzen und ständig einen ach so coolen Spruch drauf haben zu müssen. Leute, die das können, mögen viele Freunde und Bekannte haben, waren mir aber noch nie sympathisch.

    Dir würden aber einige wenige gute Bekannte ja schon genügen, und da dürfte in deinem Alter eine professionelle Beratung sicher noch was bringen. Ich würde es zumindest mal versuchen, schaden kann es ja nicht.

  4. #3
    Gast
    Gast

    Standard AW: Alleine und Anschluss verloren

    Hallo primavera7,

    ja, ich denke, Introvertiertheit und Schüchternheit trifft mein Inneres ziemlich gut. Jedoch habe ich mir wohl irgendwie eine "Hülle aus Selbstsicherheit" angelegt. Ich merke, wie mir die Meinung anderer über mich sehr wichtig ist und sozusagen ständig das Programm "Was denkt er/sie über mich?" läuft. Nach außen merkt man mir das, obwohl es natürlich schwer ist sich selbst und insbesondere die Wirkung auf andere einzuschätzen, nach meiner Einschätzung nicht unbedingt an. Komischerweise ist es so, je klarer die Situation ist (sprich, ich sicher weiß: Hier gehöre ich jetzt hin und das muss ich machen) und desto mehr Zuhörer ich habe, desto selbstsicherer bin ich. Was so gar nicht zu Introvertiertheit passt: Präsentationen waren immer mein Ding. In der Abitur-Präsentationsprüfung wurde von den Prüfern sogar mein "selbstsicheres Auftreten" gelobt.

    Das macht es mir auch überhaupt erst möglich einfach so Gespräche mit anderen anzufangen. Es kostet mich zwar immer Überwindung, aber je öfter ich es mache, desto einfacher ist es. Danach habe ich aber mit dem schmalen Grat zwischen zu wenig reden und aufdringlich zu werden. Das wäre so ziemlich das schlimmste für mein schüchternes Inneres, jemandem auf die Nerven zu gehen.

    Ich habe mir deshalb schon oft gedacht, ob ich nicht vielleicht sogar zu arrogant, unnahbar und daher unsympathisch rüberkomme. Manch anderes Mal denke ich mir aber auch, dass das auch nur Teil meiner Schüchternheit ist, und ich eigentlich immer noch viel zu schüchtern bin, denn ich versuche eigentlich immer sehr freundlich zu sein. Du liegst sicher richtig, wenn du sagst, dass ich alles "zu richtig" machen will. Leider weiß ich durch das viele Nachdenken (und was sicher ist, dass ich wohl ein typischer "Kopfmensch" bin) selber nicht mehr richtig, wie ich jetzt eigentlich wirklich bin. Ich glaube, es würde mir wirklich helfen, wenn ich einen guten Bekannten über mein Verhalten befragen könnte und er oder sie mir einfach ganz offen und ehrlich sagt, wie ich rüberkomme.

    Wie man auf jeden Fall sieht: Ich mache mir sehr viele Gedanken über mich, genug Zeit habe ich ja ;-). Es ist jetzt wohl ein klassisches Henne-Ei-Problem, was zuerst da war: Keine Freunde und deshalb das viele Nachdenken oder durch das viele Nachdenken keine sympathische Erscheinung und deshalb keine Freunde. Ich tippe auf ersteres, da ich das erst in letzter Zeit so betreibe, aber eigentlich ist es ja auch nicht wichtig.

    Über eine psychologische Beratung habe ich auch schon nachgedacht, aber irgendetwas hindert mich noch daran. Ich weiß leider überhaupt nicht, was mich dort erwartet, ob mein Problem nicht vielleicht zu klein (Stichwort: Luxusproblem der modernen Welt, denn manchmal schäme ich mich selbst dafür, dass ich unglücklich bin, obwohl ich gesund bin, studieren darf, viele (ich nenne es mal) formale Talente geschenkt bekommen habe etc.) oder zu unspezifisch ist. Aber im Extremfall werde ich das wohl in Anspruch nehmen müssen, um evtl. dort eine Meinung über mein Auftreten einzuholen.

  5. #4
    Registriert Avatar von dynamic82
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    Standard AW: Alleine und Anschluss verloren

    Hallo Gast,

    ich bin erschrocken, als ich den Beitrag von dir gelesen habe. Mir geht es genauso, kann mich voll und ganz mit Dir identifizieren, deshalb habe ich mich auch hier angemeldet. Lese einfách den Hilferuf von mir, ich bin 10 Jahre älter als Du, es ist wirklich schlimm.

  6. #5
    Registriert Avatar von BadBunny
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    Standard AW: Alleine und Anschluss verloren

    Hallo

    Ich kann mich nur anschließen. Mal eben Bekannte zu finden ist nicht einfach. Ich schwanke immer zwischen nicht zu viel preisgeben und nicht aufdringlich sein. Ich habe mehrere Monate auf der Arbeit mit niemandem Privat geredet. Jetzt auf meiner neuen Stelle versuch ich es aber irgend wie will das auch nicht so richtig klappen. Ich weiß auch nicht worüber ich reden soll, irgend wie passiert bei mir ja auch nichts.

    Aber ich glaube es ist einfacher einen Patner zu finden als bekannte. Ich habe übers Internet ehr einen Partner gefunden als ne Bekanntschaft. Ich übernehme dann immer den Freundeskreis von meinem Freund. Das ist zwar nicht das dollste aber besser als nichts. Und ich glaube das ich so meine Sozialkompetenzen weiter entwickeln kann.

    LG BadBunny
    "Komm wirf dir ein paar Tabletten ein und alles ist wieder gut. Märkst du nicht wie du uns langweilst mit deiner Depression.

    Komm wirf dir ein paar Tabletten ein damit du wieder funktionierst. Hör auf mit deinem Hilfeschrei der die anderen hier nur stört."

    Die toten Hosen 1000 Nadeln

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