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Thema: 'das andere Rotkäppchen'

  1. #1
    RoNa
    Gast

    Standard 'das andere Rotkäppchen'

    Ich habe die Märchen der Brüder Grimm meinen Kindern - als sie noch klein waren - vorenthalten, weil ich sie als zu grausam empfinde, und ihnen lieber eigene, heitere Geschichten erzählt.
    In diesem Zusammenhang schrieb ich einmal das Märchen vom ‚Rotkäppchen‘ so um, daß es sensible Kinder lesen können.


    Es war einmal ein kleines Mädchen, das sich aufmachte, die Großmutter
    zu besuchen. Unterwegs pflückte es Blumen, um sie der Großmutter zu
    schenken. Kuchen und Wein hatte es nicht. Der Wein blieb dem Vater,
    und der Kuchen war eingefroren. Aber die Blumen dufteten und würden
    die Großmutter erfreuen.

    Als das kleine Mädchen ankam, war die Großmutter tot. Sie lag still und
    weiß und ganz klein in ihrem Bett.

    Das kleine Mädchen weinte sehr. Nun gab es niemanden mehr, der es
    lieb hatte.

    "Warum ist sie nur so klein?"

    "Weil sie jetzt ein Engel ist, und alle Engel sind Kinder!" sagte eine
    Stimme neben dem kleinen Mädchen.

    Das Mädchen erkannte den Wolf.

    "Du hast sie nicht gefressen?" fragte es.

    "Nein," sagte der Wolf traurig. "Wir fressen Menschen nicht. Sie sagen es
    uns nur nach."

    "Das ist schade," bedauerte das kleine Mädchen den Wolf. "Ich würde
    gern bei Wölfen leben."

    "Dann nimm dein rotes Käppchen und komm mit mir."

    "Ich habe kein rotes Käppchen."

    "Nun, wenn du schon kein Käppchen in der Farbe der Liebe hast, dann
    doch sicher einen anderen Schutz."

    "Ich glaube, sie haben mich nicht beschützt. Der Wein war im Vater, und
    der Kuchen war eisig. Ich habe nur diese Blumen."

    "Sie sind sehr schön. Wir werden dir einen Kranz flechten. Nimm sie und
    komm zu uns."

    Da ging das kleine Mädchen mit dem Wolf zu den Wölfen.

    *
    Unterwegs fragte es: "Warum freßt ihr die Menschen nicht?"

    "Weil wir sie fürchten. Wir leiden unter einer angeborenen Beiß-
    Hemmung. Sie legt uns den Zwang auf, uns fernzuhalten. Daher kennen
    wir die Menschen nicht, und oftmals fürchtet man sich vor dem
    Unbekannten."

    "Eigentlich bin ich da anders," meinte das kleine Mädchen. "Ich fürchte
    mich vor Dingen, die ich kenne."

    "Dann sind es böse Dinge," sagte der Wolf.

    "Vater ist nur böse, wenn er den Wein trinkt."

    "Er ist böse, w e i l er den Wein trinkt."

    "Hast du auch Kinder?" fragte das kleine Mädchen den Wolf.

    "O ja," antwortete der Wolf stolz. "Ich habe acht Kinder."

    "Und sind die alle immer bei Pflegemüttern?"

    "Natürlich nicht. Sie leben mit ihrer Mutter und mir in derselben
    Wohnung."

    "Muß die Mutter nicht arbeiten gehen?"

    "Erst, wenn die Kleinen größer sind. Dann geht sie aber nur einkaufen,
    damit alle genügend zum Essen haben."

    "Sind die Kinder dann allein?"

    "Niemals. Wir haben Babysitter. Das sind die Mütter, deren Kinder noch
    ganz klein sind. Bei denen halten sich unsere Kinder einstweilen auf."

    "Trinkt ihr Väter auch Wein?"

    "Nein. Denn das würde uns daran hindern, unseren Frauen Nahrung zu
    beschaffen, wenn sie sich mit den Kindern befassen -, und ihnen bei der
    Erziehung der Kinder zu helfen."

    "Bekommt bei euch auch immer zuerst der Vater das größte und beste
    Stück Fleisch?"

    "O nein. Wir kennen keinen Futterneid. Bei uns bekommt jeder, auch
    wenn er nicht zur Familie gehört, den gleichen Anteil.

    "Ist es bei euch auch nicht so, daß nur das gilt, was der Vater sagt?"

    "Nein. Wir haben keine Leit-Tiere. Wir sind glücklich darüber, irgendwie
    einsehen zu können, welche Handlung nötig ist."

    "Jeder kann das?"

    "Jeder."

    "Auch die Kinder? Werden die nicht ständig bestraft?"

    "Nein. Sie können tun und lassen, was sie wollen. Wird es mal zu
    aggressiv, entscheiden unsere Alpha-Tiere, ob die Kinder vielleicht zu
    wenig spielen."

    "Was sind Alpha-Tiere?"

    "Sie sind keine Beherrschenden. Es sind die Weisesten. Die am besten
    wissen, wie wir uns schützen können."

    "Habt ihr auch Hunde?"

    "Nein. Denn Hunde sind unsere früh gestorbenen Kinder. Ewig jung
    gebliebene Wolfskinder. Sie könnten den Menschen sonst nicht ertragen."

    "Und warum manchmal dieses Geheul?"

    "Es ist sozusagen unser Telefon oder eine Art Rauchzeichen. Damit
    niemand verloren geht."

    "Reißwolf, Fleischwolf, Wolfshunger ...," murmelte das kleine Mädchen.

    "Alles Irrtümer," beschwichtigte der Wolf. "Einer der Philosophen unter den Menschen
    soll
    gesagt haben, wir Wölfe verkörpern die egoistische Natur des Menschen.
    - Sie kennen uns eben nicht."

    "Und Werwolf?"

    "Die Verwandlung könnte einen unbewußten Wunsch ausdrücken, zu sein
    wie wir. Das Böse, das dabei herauskommt, ist vielleicht der Teufel, der
    sie davon abhalten will, allen Mitmenschen rote Käppchen aufzusetzen."

    "Es muß schön sein bei euch," seufzte das kleine Mädchen. "Hoffentlich
    kann ich nur recht lange bei euch bleiben."

    "Und wenn ich groß bin," fuhr es tapfer fort, "werde ich meinen Kindern
    diese roten Käppchen nähen - und ihnen meine wahre Geschichte vom guten Wolf erzählen."


    © RoNa



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  3. #2
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    Standard AW: 'das andere Rotkäppchen'



    Das hast du sehr sehr LIEB ausgeführt..und es ist Traumhaft schön verwandelt, mit Happy End..

    Wobei in den Märchen auch meistens Happy End ist,nur das es da nicht die große weise Hand gibt,die einen führt und Schützt,wie bei dir.
    Die echte Welt und ihr erleben,sieht leider oft anders aus. Wenn so genannte Lexionen/Geschichten/Märchen in den Vorstellungen kleiner Kinder gar nicht geben würde,wären Sie wohl zu Wenig auf das Leben vorbereitet.

    Dann wären wir im Papradies,wo es nur Gutes gibt ,ohne Enttäuschungen und Erwartungen.Schreck und Angst.
    Ohne Kampf und Wille..und in der Realen Welt ist es eben nicht so..Es gibt nun mal Gut und Böse.Das ist eine Priorität.


    Ich steuer mal in dem Sinne auf "alten Märchen"zu ,die oft ..wie du erkannt hast, auch Grausam erscheinen,dennoch nicht im Detail.
    Ich hab mich damals auch damit ein wenig Beschäftigt und fand das es "Rüpdiger Dahlke" Gut auf den Punkt brachte,warum diese Märchen so unglaublich Wertvoll sind und hoffe ,das Sie immer weiter Erzählt werden.

    https://blog.dahlke.at/maerchen-und-schicksalsgesetze/

    Märchenbücher lehren,wie z.B Gebrüder Grimm die der Psychologie beschreiben, und deren verschiedenen Entwicklungs*stufen der Psyche*, auf ein und demselben Weg.
    Da sie dabei immer "die Schicksalsgesetze" zugrunde legen und den Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten nie fehlt, aber auch das Ziel immer im Spirituellen liegt, ergibt sich hier eine im besten Sinne esoterische Psychologie. Märchen lehren – könnte man sagen – das Leben, seine Gesetze, den Weg und seine Stationen und das Ziel, die Einheit.


    Vielleicht magst da ein bisschen rein Schnuppern^^ .Ich selbst fand es sehr Interssant ,die."alte Geschichten" die schon so laaange Kinder begleiten .

    Vielen lieben Dank für dein schönes Märchen,auch wenn du damit jegliche Lebens-Fragen und Ängste,die eine Geschichte schreiben kann, so schön abgefangen hast.^^

    lieben Gruß
    Schokoschnute*

    *** "Die Welt ist keine Welt des Seins,sondern des ständigen Werdens " ***

    ***Hoffnung ist ein Feuer um das man sich kümmern muss***

  4. #3
    RoNa
    Gast

    Standard AW: 'das andere Rotkäppchen'

    Hallo - Schokoschnute

    Vielen Dank für Deine so ausführlichen und hochinteressanten Ausführungen.
    Ich komme später noch einmal darauf zurück!

  5. #4
    Registriert Avatar von Schokoschnute
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    Standard AW: 'das andere Rotkäppchen'

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  6. #5
    RoNa
    Gast

    Standard AW: 'das andere Rotkäppchen'


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