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Froschblog

Once upon a time (2)

von am 13.09.2019 um 11:04 (95 Hits)
Die Jahre vergingen, eines nach dem anderen, und der kleine Junge, der nun erwachsen geworden war, bereiste die Welt und beobachtete die Menschen. Selten nahm er teil an ihren Aktivitäten, jedenfalls nicht mit seinem Herzen, denn er verstand ihre Handlungen wenig und ihre Kriege interessierten ihn kaum, auch wenn er es ihnen manchmal darin gleichtat. Nur war er kein Kämpfer, und alles was er vermochte war seine Grenzen zu sichern und sein Königreich vor Angriffen zu schützen. Oft fuhr er hinaus aufs Meer, denn liebte die Rufe der Möwen und das Geräusch der Wellen, wenn sie an den Klippen brachen, und er mochte die endlose Weite des Horizontes. Manchmal liebte er, doch nicht wie die anderen liebten, und manchmal war er traurig, aber das war mehr wie Regen an einem nebligen Tag. Und ohne es zu bemerken wurde er älter, und war doch niemals wirklich angekommen in dieser Welt, die den anderen zu gehören schien. Irgenwann stand er dann, auf einer seiner langen Wanderungen, vor einer alten Steinmauer, die, von Gras überwachsen, zu einem verrosteten Tor führte, das den Weg in das dahinterliegende Areal freigab. Und alles kam ihm so seltsam vertraut vor an diesem Ort, ohne dass er wusste weswegen, und so setzte er sich einen Augenblick auf die Mauer um auszuruhen, denn er war müde geworden, und ein wenig schläfrig von der Sonne. Er schloss die Augen, und fast wäre er eingeschlafen, als er auf einmal eine leise Musik vernahm, die er noch nie zuvor gehört hatte. Es war ein Thema, das leicht wie der Flügelschlag einer Libelle hinaufstieg in den Himmel, sich dort mit dem Brausen des Windes zu einer leisen Symphonie verband, um dann wieder hinabzusteigen wie ein Blatt, glühend wie Gold in den letzten Farben des Herbstes, und auch der Klang des Meeres war dort, und all seine Farben. Und als er aufsah bemerkte er einen silbernen Schleier, der hinter der Mauer dahinglitt, und dass etwas hindurchschimmerte, das seinen Augen verborgen blieb. Von dort also kam diese Musik, aus der leeren Weite, in der nichts mehr wuchs und Staub und Asche lag? Und doch war da etwas wie eine Erinnerung in ihm, an eine Zeit, in der alles anders war, an einen verwunschenen Park im Abendlicht, mit hohen Bäumen und Wegen, die an seltsame und nie gesehene Orte führten. Und obwohl er so müde war übten die Musik und der tanzende Schleier eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. Und so öffnete er das Tor und trat hindurch, und als er den Schleier durchschritt erhob sich Melodie noch einmal in einem allumfassenden Akkord in den Himmel hinauf, um dann leise zu verklingen.
Der alte Mann wurde fortan in der Welt nie wieder gesehen, aber jenseits des Schleiers läuft ein kleiner, glücklicher Junge durch seinen Park. Und ich sage euch, so einen Ort habt ihr bestimmt noch nie in eurem Leben gesehen. Bäume sind dort, die ihre Zweige hinauf bis in die Wolken strecken, und Blumen und merkwürdige Tiere leben hier, und das Glück endet niemals, und es gibt keine Tränen und keine Traurigkeit.
Fragt den kleinen Jungen wenn ihr mir nicht glaubt, aber er ist schwer zu finden und der Schleier beginnt bereits zu verblassen.
Stichworte: einsamkeit, freude, glück, märchen
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