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Thema: Langzeitstudent - alles verloren?

  1. #6
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    Standard AW: Langzeitstudent - alles verloren?

    Zitat Zitat von Wildkatz Beitrag anzeigen
    obwohl prinzipiell jeder die gleichen Chancen hat, macht der Habitus doch ein entscheidenden Unterschied. Wo andere von klein auf einen Vorsprung haben, müssen andere vieles erst nacharbeiten und ich habe lange gebraucht um das zu begreifen.
    Nach meiner Wahrnehmung spielt der Habitus erst später im Berufsleben die entscheidende Rolle. Allerdings gibt es auch Ausnahmen wie Alt-Bundeskanzler Schröder, der trotz Herkunft aus dem Prekariat in die gesellschaftliche Oberschicht aufgestiegen ist. Auch kenne ich etliche Leute aus einfacheren Verhältnissen, die nicht überdurchschnittlich lange studiert haben.

    Richtig ist allerdings, dass Studierende aus gehobenen Kreisen von Anfang an besser informiert sind bzw. schon im Elternhaus bessere Tipps bekommen, wie man sich in Eigeninitiative Informationen zum Studium verschafft. Schon ihre Eltern sind gebildeter und können sich gewählter ausdrücken, treten gewandter und selbstsicherer auf und werden gesellschaftlich auch mehr geachtet. Das färbt natürlich auf den Nachwuchs ab. Solche Typen bringen es trotz nur mittelmäßiger Schul- und Abiturnoten später häufig weiter als bienenfleißige gute Schüler, deren Eltern nur einfache Schulbildung hatten. Davon kann ich ein trauriges Lied singen. Ich hatte im Grunde keine Wahl als brav zu lernen, was es auf dem Gymnasium zu lernen gab. Meine Eltern hatten nur Volksschulbildung und konnten mir nicht helfen. Nachhilfeunterricht hätten sich meine Eltern für mich nicht leisten können. Schüler aus Akademikerfamilien können das alles viel lockerer sehen, außerschulische Interessen pflegen, werden von klein auf mehr gefördert, weil das nötige Kleingeld vorhanden ist. Ich denke, sie sind dadurch auch entspannter und weniger verbissen und sparen sich ihre Kräfte für das Studium auf. Außerdem bekommen sie im Elternhaus viel stärker vermittelt, wie wichtig der Blick über den Tellerrand ist. Einfachere Leute neigten, jedenfalls in den 1970er Jahren, ja eher zu einem autoritären Erziehungsstil, nach dem die Kinder vor allem fleißig ihre Hausaufgaben machen und für Klassenarbeiten bzw. Klausuren lernen, aber sich nicht durch anderen Aktivitäten und Interessen ablenken lassen sollten.

    Auch Vitamin B und Geld spielen in vielen Lebensbereichen eine Rolle. Beileibe nicht nur beruflich, sondern auch privat. Leute aus "besseren" Kreisen haben in der Regel auch bessere Heiratschancen, sowohl was die soziale Herkunft als auch die berufliche Qualifikation und das Einkommen des Partners angeht.

    Irgendwann erkennt man das alles, aber leider meist zu spät, um den Vorsprung der privilegierten Altersgenossen noch wettmachen zu können. Entweder man findet sich dann damit ab oder man hadert zeitlebens damit.

    Dennoch macht man es sich zu einfach, wenn man bei Misserfolgen im Studium bzw. zu langer Studiendauer die Schuld nur bei den anderen sucht. Das wäre ja ein Freibrief dafür, jedwede Eigenverantwortung abzugeben. Ist man der erste Studierende in der Familie, ist allerdings das Risiko, das Studium falsch anzupacken, signifikant höher als bei der Herkunft aus einer Akademikerfamilie.
    Geändert von Sarnade (09.11.2019 um 00:16 Uhr)

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  3. #7
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    Standard AW: Langzeitstudent - alles verloren?

    Zitat Zitat von Sarnade Beitrag anzeigen
    Nach meiner Wahrnehmung spielt der Habitus erst später im Berufsleben die entscheidende Rolle.
    Der Habitus ist allgegenwärtig und bei jedem einzelnen Menschen höchst individuell. Er formt das Leben von Anfang an. Insofern kann man als Außenstehender nicht beurteilen, was das Umfeld einer anderen Person zulässt. Das Konzept zeichnet sich durch die feine Nuancen aus und nicht durch grob eingeteilte Schichten. Ich für meinen Teil bin jedoch froh, in den Genuss dieses Wissens gekommen sein zu dürfen, denn in meiner Familie gleicht meine Erkenntnis dem eines blinden Huhns.
    Leave it, love it or change it.

  4. #8
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    Standard AW: Langzeitstudent - alles verloren?

    Zitat Zitat von Wildkatz Beitrag anzeigen
    Ich für meinen Teil bin jedoch froh, in den Genuss dieses Wissens gekommen sein zu dürfen, denn in meiner Familie gleicht meine Erkenntnis dem eines blinden Huhns.
    Wie darf ich das verstehen? In dem Sinne, dass deiner Familie der Einfluss des Habitus in keiner Weise bewusst ist? Oder in dem Sinne, dass der dir in deiner Herkunftsfamilie vermittelte Habitus dir unzureichend erscheint (so wie mir der meine)?

    Meinst du, dass ausschließlich Habitus-Probleme dazu geführt haben, dass elliMAx schon so lange studiert? Meine These ist eher, dass der Habitus zwar dazu beitragen kann, jedoch nicht allein ausschlaggebend dafür ist. Ich kenne auch "höhere" Söhne und Töchter, die lange studiert haben (eine Cousine meiner früheren Freundin, deren Vater Jurist war, ist trotz ihres Juristen-Papis nach langer Studiendauer z.B. durchs 1. juristische Staatsexamen gefallen und war dann so geschockt davon, dass sie keinen Wiederholungsversuch gemacht hat, sondern heute bei einer Versicherung als Sachbearbeiterin arbeitet). Umgekehrt hat jemand wie Gerhard Schröder, Sohn einer ungelernten Putzfrau, erst seinen Realschulabschluss, anschließend sein Abitur auf dem 2. Bildungsweg nachgemacht und dann sogar erfolgreich und in völlig "unauffälliger" Zeit Jura studiert und das Referendariat abgeschlossen. Danach hat er sich als Rechtsanwalt niedergelassen und war politisch aktiv. Ich denke, dass die persönliche Veranlagung dabei auch eine große Rolle spielt. Schiebt man alles ausschließlich auf den Habitus, redet man sich selbst ein, man habe nicht die allergeringsten Einflussmöglichkeiten auf sein eigenes Schicksal. Dann hätte ich als Tochter von Eltern mit Volksschulbildung ja von vornherein nur auf die Hauptschule gehen dürfen. Und dann wäre aus mir noch deutlich weniger geworden als jetzt. Immerhin habe ich es zur Volljuristin gebracht, die nahezu ebenso viel verdient wie ein Vorsitzender Richter am Land- oder Verwaltungsgericht, wenngleich ich mich nicht mit Spitzenmanagern oder -politikern vergleichen kann. Hätte es eine nächste Generation gegeben (Kinder habe ich leider nicht), wäre diese bei vergleichbarer Intelligenz wahrscheinlich beruflich und gesellschaftlich noch weiter gekommen als ich, da ich den Kindern als Akademikerin schon einen "gehobeneren" Habitus hätte vermitteln können, als es meinen Eltern in Bezug auf mich möglich war.

    Ganz so extrem, dass der Habitus alles bestimmt, ist es meines Erachtens nicht, auch wenn es Leute gibt, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft größere Erfolgschancen haben. Es lohnt sich immer, an sich zu arbeiten, selbst wenn man wie Schröder aus prekären Verhältnissen stammt. Man kann sich allerdings nur in den seltensten Fällen - so wie er - innerhalb einer einzigen Generation als Bildungsaufsteiger gesellschaftlich von 0 auf 100 hochkatapultieren.

    Selbst so vom Ehrgeiz zerfressene Typen wie die Weizsäckers haben dafür mehrere Generationen gebraucht. Ich habe in einer Biografie gelesen, dass sie ursprünglich - wie der Name schon anklingen lässt - schlichte, Weizensäcke schleppende Müller waren, sich von Generation zu Generation durch "geschmeidige Anpassungsfähigkeit" an die jeweiligen Machthaber weiter hochgedient haben und erst 1916 - kurz vor Toresschluss - geadelt wurden. Aber Richard von Weizsäcker konnte vor Vornehmheit und Dünkelhaftigkeit zeitlebens kaum noch geradeaus gucken. Er war total von sich eingenommen und hatte sich einen adligen Habitus zugelegt, obwohl sein Vater bei den Nazis Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen war und in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher vor Gericht stand (übrigens mit Richie, der damals noch Student war, als Hilfsverteidiger). Da hätte ich mich als Sohn geschämt und wesentlich kleinere Brötchen gebacken. Ich kann mich nicht erinnern, dass Weizsäcker jemals öffentlich Kritik an seinem Vater geübt oder sich von ihm distanziert hätte. Aber salbungsvolle Reden halten, das konnte er.

    Leider haben die Leute ein viel zu kurzes Gedächtnis. Nur Johannes Fürst von Thurn und Taxis, der Mann von Fürstin Gloria, hatte mal den Mumm und konnte es sich als Angehöriger des Hochadels leisten, ihm die Leviten zu lesen. Bei einem Empfang in Bonn sagte er mal beiläufig zu ihm:

    "Während Sie auf die Eliteschule gegangen sind, Herr Bundespräsident, saß mein Vater als politischer Häftling im Regensburger Gefängnis."

    Klasse! Und die Tochter Marianne Beatrice von Weizsäcker hält sich auch für was ganz Besonderes, mischt kräftig in der Evangelischen Kirche mit, obwohl sie nicht mal an Gott glaubt, bekennt sich auch nicht offen zu ihrer homosexuellen Veranlagung. Sie ist ebenso arrogant wie ihr Vater. Wie man sieht: Wenn man's einmal geschafft hat, wird der Rest für die nachfolgenden Generationen zum Selbstläufer.

    Nichtsdestotrotz: Zum Erfolg gibt es keinen Lift. Man muss die Treppe benutzen. Und für Bildungsaufsteiger hat diese Treppe nun mal die meisten Stufen. Aber bleibt man dessen ganz unten stehen? Ist doch wohl kaum die bessere Alternative.
    Geändert von Sarnade (09.11.2019 um 12:11 Uhr)

  5. #9
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    Standard AW: Langzeitstudent - alles verloren?

    Danke an alle Antworten und für den Zuspruch!
    Ja, ich komme aus sehr einfachen und eher ärmlichen Verhältnissen, bin die erste in der Familie, die überhaupt Abitur hatte. Besonders viel Ansporn habe ich auch nicht bekommen, meine Mutter sagt immer sie würde lieber mit dem Lappen rumwischen, als lernen, deswegen sagte sie mir immer "Mach schon irgendwie, das wird schon". Viel mehr könnte sie mir nicht helfen, weder mit Rat noch mit Tat, aber ich versuche hier keinem die Schuld in die Schuhe zu schieben, als Student muss man selbst schlau genug sein und sich informieren und nachdenken. Nun war ich von diesem Blickpunkt aus wohl nicht schlau genug fürs Studieren..
    Ich versuche, den Kopf nicht hängen zu lassen und zu retten, was zu retten geht. Im glücklichsten Fall eine Werkstudentenstelle finden, aus der ich übernommen werde, wird aber wohl n Brocken sein.
    Rumheulen bringt ja eh nichts mehr, sondern was etwas bringt, ist sich aufzuraffen und alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
    Das mit dem Einzelhandel ist die einzige Option, bei der ich wenigstens Erfahrung habe und etwas vorweisen kann. Mein Chef sagte, er fragt in der Niederlassung wegen Praktikum an, eine 100 Prozent sichere Option ist das aber nicht.
    Alles hinschmeißen werde ich auch nicht, zumal der Abschluss an sich nicht in Gefahr ist.
    Ich danke euch nochmal

  6. #10
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    Standard AW: Langzeitstudent - alles verloren?

    Du schaffst das! Mit BWL kriegst du ziemlich sicher einen guten Job. Versuch es durchzuziehen. Und wenn es nicht geht, leg ein Urlaubssemester ein und lass es dir wirklich mal ein Semester lang gut gehen. Dann kannst du gut erholt die BA-Arbeit schreiben und ein Praktikum machen. Derweil musst du dann aber unbedingt schon Bewerbungen schreiben und wirklich alles geben, damit du vielleicht auch übernommen wirst!

    @elliMax: Schau auch gerne mal in meinen Thread rein. Vielleicht kannst du mir hier auch einen Tipp geben. Sitzen ja ungefähr im selben Boot. Danke!
    Geändert von Rennard (10.11.2019 um 16:17 Uhr)

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